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Fussball offline - 18.02.2018

Frank Mill - Das schwarzgelbe Schlitzohr aus Essen. Eine Buchrezension

Frank Mill gehört zu den Spielern, die man nicht so schnell vergisst, wenn man sie hat spielen sehen. Als Junge aus dem Ruhrpott, gebürtig in Essen, hat er es weit gebracht, wenn auch nicht unbedingt im geographischen Sinne: Rot-Weiß Essen, Borussia Mönchengladbach, Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf lauteten seine Profistationen. Doch bei der Frage, was er in seiner Karriere am meisten bedauert, verweist Mill seit Jahren auf ein Angebot vom AC Mailand, das er 1983 oder 1984 ausgeschlagen hatte – die Angaben schwanken in dieser Hinsicht. Wäre der Angreifer damals nach Italien gegangen, wäre er wohl nie in Dortmund gelandet. So aber erzielte Mill für die Borussia zwischen 1986 und 1994 in 187 Bundesligaspielen 47 Tore und es hätte gerne eines mehr sein können, wenn er gegen die Bayern nicht einen der berühmtesten Pfostentreffer der Bundesligageschichte erzielt hätte – wer nicht weiß, worum es geht, wird auf YouTube schnell fündig. Überhaupt lohnt es sich auf der Plattform nach Spielen von Mill zu suchen. Seine einzigartige Spielweise, dieses scheinbar nicht immer zielgerichtete Dribbling, dem dann doch häufig geniale Ideen folgten, der Torriecher, den man bis heute nicht erklären kann und der Ehrgeiz auf dem Platz bleiben beeindruckend.

Dies kann man auch bei seinem wichtigsten Spiel für die Borussia beobachten, das zugleich die Geburtsstunde des modernen BVB war: Das Pokalfinale von 1989 in Berlin gegen Werder Bremen. Mill machte ein starkes Spiel, wirbelte von der Seite, erzielte das wichtige 2:1 mit dem Kopf nach Vorlage von Michael Zorc, rettete einmal kurz vor der Linie und bereitete die beiden Treffer von Norbert Dickel vor, der als „Held von Berlin“ eine absolute Vereinsikone ist – sehr zum Verdruss von Frank Mill, der bis heute seine eigene Leistung nicht ausreichend gewürdigt sieht.

Schwierigkeiten hatte Mill jedoch nicht nur mit Dickel, dem er eine allzu geschickte Selbstvermarktung vorwarf, sondern auch mit seinen Dortmunder Trainern. Reinhard Saftig trat bereits vor der Saison 1988/89 zurück, weil er den von der Mannschaft gewählten Kapitän Frank Mill nicht akzeptierte und stattdessen Michael Zorc präferierte, aber von der Vereinsführung nicht unterstützt wurde. Saftigs Nachfolger Horst Köppel teilte allerdings die Zweifel an Mills Führungsqualitäten und machte Susi schon bald zum Kapitän – eine gute Wahl, wie die folgenden Jahre zeigten. Als in der Folge immer wieder Kabineninterna in den Zeitungen zu finden waren, machte Köppel Mill hierfür verantwortlich und setzte ihn auf die Bank. Auch wenn Mill im konkreten Fall die Verantwortung abstreitet – es sind wohl vor allem diese kleinen Eskapaden, die dem nicht immer als Musterprofi agierenden Mill in Dortmund den Status einer Legende versagt haben, den er sportlich sicherlich verdient hätte. Die Dortmunder Zeit Mills endete später unter Ottmar Hitzfeld, der auf junge dynamische Stürmer wie Stéphane Chapuisat oder Flemming Povlsen setzte, während sich bei dem 1958 geborenen Mill langsam Alterserscheinungen zeigten. 1994 wechselte er daher mit immerhin 36 Jahren nach Düsseldorf, wo er zwei weitere Jahre auf Torejagd ging.

Frank Lehmkuhl hat die autorisierte Biographie des langjährigen Bundesligaprofis aufgeschrieben und zu diesem Zweck zahlreiche Gespräche mit Mill geführt. Allzu kritisch ist die Lebensgeschichte nicht geworden, dafür bleibt der Autor zu nah an den Erzählungen seines Protagonisten. Zwar sind die zahlreichen Anekdoten durchaus unterhaltend, störend sind aber die etwas dick aufgetragenen boulevardesken Sprachbilder, die allgegenwärtige Ruhrpottromantik und die Verherrlichung als „Typen“, die angeblich der Bundesliga so sehr fehlen. Erst im Schlusskapitel macht Lehmkuhl deutlich, dass der Fußball zu Frank Mills Zeiten keineswegs perfekt war und berichtet unter anderem knapp, wie Mill einmal vor einem wichtigen Spiel eine Dopingpille genommen habe – angeblich nur ein einziges Mal, wie dies bei den meisten „geständigen“ Dopingsündern der Fall war. Schwerwiegender war aber wohl der ständige Missbrauch von Medikamenten, die offiziell legal waren. Mill führt seine wiederholten Magengeschwüre im Anschluss an seine Karriere auf diese Maßnahmen zurück, die auch bei der Nationalmannschaft üblich gewesen seien. Wie die Geschichte von Ivan Klasnic zeigt, besteht das Problem bis heute.

Hier deutet Lehmkuhl an, welches Potential in der Biographie Frank Mills liegt, einem Fußballer, der auf nationaler Ebene zu den Besten gehörte, sich aber auf internationaler Ebene letztlich nicht durchsetzen konnte – auch wenn er ohne Einsatz sogar zu den Weltmeistern von 1990 gehörte. Es hätte dem Buch gutgetan, wenn Lehmkuhl häufiger dorthin gegangen wäre, wo es weh tut. Der Büchermarkt ist voll von Fußballerbiographien aus der „guten alten Zeit“, in der es noch „echte Typen“ gegeben habe, die nicht alle durch Medientraining weichgespült gewesen seien – wobei gerne übersehen wird, dass diesen oftmals die letzte Professionalität fehlte, die heute auch von Seiten der Fans von den eigenen Spielern erwartet wird. Es wäre an der Zeit, diese Romantik zu überwinden und ein realistischeres Bild vom Fußball in den ersten Jahrzehnten der Bundesliga zu zeichnen.

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PatBorm, 18. 2. 2018


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