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Spielberichte Profis - 16.02.2018

Der erste Europapokal-Sieg der Saison - echt jetzt!

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Ja, der Spruch ist ein alter Hut und würde direkt massig Geld in alle Phrasenschweine dieser Welt spülen. Dennoch passt er ganz gut zur aktuellen Leistung von Borussia Dortmund. Nach den jüngsten Erfolgen in der Bundesliga gab es am Donnerstagabend nun den ersten Sieg in der laufenden Europapokal-Saison – ja, man hat durchaus verdrängt, dass man in der Champions League ohne einen dreifachen Punktgewinn die Segel streichen musste. Zwar wechselte man für diesen Schritt zwar den Wettbewerb, doch die Europa League hat zumindest ein wenig unter Beweis gestellt, dass auch der „kleine“ Europacup durchaus Spaß machen kann. Ein Gegner mit motiviertem Anhang, ein Abendspiel in schöner Atmosphäre und packende Spannung bis zum Schluss – das alles bot das 3:2 des BVB gegen Atalanta Bergamo.

Ein starker Gäste-Auftritt

Schon im Vorfeld des Spiels hatte sich angekündigt, dass der Gästeblock von Atalanta sich vermutlich nicht ausschließlich mit Italienern füllen würde. Der Fanzug von Bergamo nach Dortmund führte über Frankfurt und legte dort extra einen Halt ein, um auch die befreundeten Fans der SGE mit an Bord zu nehmen, weswegen unter den 5.000 bis 6.000 angereisten Gästen eben auch Deutsche zählten. Befürchtete die Polizei im Vorfeld schon einen eher angespannten Abend, stellte sich dieser insgesamt als recht ruhig heraus. Dies lag sicherlich auch an der gut organisierten Situation am Stadion. Vor dem Spiel wurde nämlich für unsere Gäste aus der Lombardei ein offizieller Fantreff am Stadion ausgerufen. Mit ausreichender Getränkeversorgung, lokalen Spezialitäten und gut geschützten Sitzgelegenheiten verwandelte sich der Parkplatz A7 so zur Anlaufstelle zahlreicher Tifosi. Langjährige und erfahrene Gastronomen bescheinigten im Nachgang über den Nachmittag gesehen eine sehr entspannte und gleichzeitig bierselige Stimmung. Einzig und ausgerechnet zwei Gäste-Gäste sollen etwas über die Stränge geschlagen sein. Im Laufe des Nachmittags mischten sich dann auch vereinzelte Dortmund-Anhänger unter die Masse und so stand einem weiteren Europapokalabend im Westfalenstadion erstmal nichts mehr im Weg. Zumal der Platz unweit der Nordtribüne und oberhalb der Strobelallee einen wunderbaren Blick auf die teilweise unentspannte Einlasssituation am Gästeeingang eröffnete um den richtigen Zeitpunkt abzupassen diese anzugehen.

Und auch auf Dortmunder Seite gestaltete sich die Zeit vor dem Anpfiff durchaus angenehm. Die Vorspielphase war noch geprägt vom Sicherheitsgedanken. Bereits um die Mittagszeit war die Polizei verstärkt im Stadtbild zu sehen und der bereits erwähnte Sonderzug der Italiener wurde ab Frankfurt von einem Helikopter begleitet.

Auch beim Treffpunkt der Dortmunder Ultras wurde von Polizeiseite nicht gekleckert, doch wie schon gegen Hamburg war die Fanbegleitung durch ein ungewohntes deeskalatives Verhalten geprägt. Während die Fans in den letzten Monaten von den immer gleichen Beamten begleitet wurden und mittlerweile zwischen beiden Seiten eine extrem persönliche Komponente reingekommen war, ist seit dem Heimspiel gegen den Hamburger SV die Lage durch die neuen Gesichter und das veränderte Auftreten deutlich entspannter. Der Effekt ist, dass die „Anmarschphase“ für beide Seiten sehr ereignisarm verläuft, ein Zustand der eigentlich wirklich wünschenswert ist und vielleicht sinnvoller ist als das verbale und materielle Aufrüsten der Vergangenheit.

Auch die Dortmunder Seite war gut aufgelegt

Dazu kam schließlich noch ein früher Anstoß um 19 Uhr (der auch eine frühere Abreise im Vergleich zu den gewohnten Champions League-Abenden bot), in dessen Vorfeld ebenso früh bereits spürbar war, dass der Abend zumindest stimmungstechnisch schon einmal Spannung versprach. Im Stadionumfeld hörte man bereits 90 Minuten vor dem Anstoß einige italienische Gesänge und auch beim Blick in den gut gefüllten Gästebereich unter dem Dach kam weitere Europapokal-Atmosphäre auf. Auch wenn der Stehplatzbereich auf der Nordtribüne eigentlich für BVB-Fans geöffnet war, so fanden sich auch dort noch einige Italiener, die vor dem Anpfiff einiges an Lautstärke von sich gaben, sodass nicht wenige Zuschauer im Westfalenstadion schon ein Auswärtsspiel im eigenen Stadion füchteten. Ganz so sollte es am Ende nicht kommen, insgesamt zählt der Auftritt der Gästefans aber sicherlich zu den besseren der aktuellen Spielzeit und vor allem auch der jüngeren Vergangenheit im Europapokal.

Bräuchte wohl mal eine Pause - Christian Pulisic

Zum Sportlichen: Mit der Aufstellung überraschte Peter Stöger vermutlich nur wenige. Wie schon gegen den HSV führte Marco Reus die Borussia wieder als Kapitän auf das Feld, Sokratis kehrte zurück in die Startelf, da Manuel Akanji im Gegensatz zu Michy Batshuayi nicht für die Europa League nachnominiert wurde und Christian Pulisic wirkt zwar seit mehreren Wochen überspielt und schreit förmlich nach einer Pause, hat aber kaum Alternativen. So dürfte Castros Berufung in die Startformation an der Seite von Julian Weigl vermutlich noch am Überraschendsten gewesen sein. Die Italiener auf der Gegenseite agierten mit einem breiten Mittelfeld und zunächst Defensiv-Power, weswegen Norbert Dickel die Fans bereits vor dem Spiel um Geduld bat. Zumindest am Donnerstagabend gab es auch keine Pfiffe gegen die eigene Mannschaft oder bei Rückpässen zu hören, was aber sicherlich auch an der spielerischen Leistung lag.

Schü Schü!

Diese machte nämlich einen weiteren Schritt nach vorne. Borussia legte eine gute erste Halbzeit auf das Parkett, wirkte defensiv stabil und offensiv mit mehr Zug zum Tor und dem stellenweisen Willen zu Kombinationen. Klar, auch lange Bälle wurden nach vorne geschlagen, mittlerweile drängt sich aber der Eindruck auf, dass dies durch die Verpflichtung von Michy Batshuayi ein durchaus gewolltes taktisches Mittel sein könnte. Anders als sein Vorgänger ist der Batsman nämlich sehr gut in der Lage, Bälle vorne fest zu machen und weiter zu leiten und auch durch seine Körperlichkeit den einen oder anderen Zweikampf erfolgreich zu bestreiten. Und auch dies sei bereits vorweg genommen: Batshuayi überzeugte auch in seinem dritten Spiel für den BVB auf ganzer Linie. So kombinierte sich der BVB häufig angetrieben vom deutlich mehr Selbstbewusstsein ausstrahlenden André Schürrle vor das italienische Tor, Reus verpasste nach einem Steilpass nur knapp die frühe Führung nach sechs Minuten, Schürrle selbst versuchte es häufiger sogar aus der Distanz und Batshuayi hätte nach 22 Minuten wohl besser auf den besser positionierten Pulisic abgelegt anstatt selbst abzuschließen. Auf der Gegenseite setzte Bergamo Nadelstiche, blieb aber zunächst eher ungefährlich. Wenn beim BVB etwas nach vorne ging, dann waren häufig die schon erwähnten Aktivposten Schürrle, Reus und Batshuayi beteiligt. Letzterer bewies nach 30 Zeigerumdrehungen, dass er sich die Bälle auch selbst in der Defensive holen kann, seine Balleroberung rund 30 Meter vor dem eigenen Tor leitete den Angriff ein, der schließlich durchaus artistisch von André Schürrle zum 1:0 vollendet wurde. Laute „Schü Schü Schü“-Rufe hallten über die Südtribüne und ich kam nicht drum herum, mich einfach weiter für den oft gescholtenen Schürrle zu freuen, der weiter Selbstvertrauen tankt und somit vielleicht ja sogar noch zum Publikumsliebling werden könnte… Die Führung für den BVB war zu diesem Zeitpunkt durchaus verdient, zog aber auch ein wenig den Stecker, weil bis zur Pause auf beiden Seiten gar nicht mehr viel passierte. Trotzdem war man geneigt zu sagen, dass es so doch eigentlich weiter gehen könnte: ein selbstsicherer BVB hat den Gegner aus Bergamo im Griff, kombiniert sich nach vorne und lässt kaum Chancen zu. Klingt doch eigentlich ganz gut, oder? Tja…

Jubeltraube nach dem späten 3:2

Da war nur leider noch die Anfangsphase der zweiten Hälfte. Denn der BVB 2017/2018 wäre nicht der BVB 2017/2018, wenn man den eigenen Anhang nicht noch überraschen könnte. So kam man vollkommen kopflos aus der Partie und nur elf Minuten nach dem Wiederanpfiff und zwei Treffern von Ilicic lag der BVB schon wieder mit 1:2 hinten. Wie konnte das passieren? Es wird schwer sein, dies genau zu erklären. Ausgangspunkt beider Treffer waren jedenfalls deutliche individuelle Fehler. Beim Ausgleich unterschätzte Jeremy Toljan eine Hereingabe von der linken Seite fast schon amateuerhaft und öffnete Ilicic somit den Weg zum 1:1, beim 1:2 nur wenige Minuten später sah Roman Bürki beim Abklatschen eines Schussversuches (erneut über die linke Seite) genauso unglücklich aus wie die zu spät agierenden Abwehrspieler des BVB, die Ilicic nicht vom Nachschuss abhalten konnten. Kollektives Kopfschütteln war angesagt, weil niemand so genau verstehen konnte, warum der BVB dieses Spiel in dieser Form und in dieser Geschwindigkeit wieder aus der Hand gegeben hatte. Schön anzusehen war zu diesem Zeitpunkt lediglich der italienische Support mit zwei amtlichen Torpogos und dann doch sehr lauten Gesängen. Insgesamt hatten die Italiener nach gutem Beginn zunächst ein wenig nachgelassen, in der Führungsphase dann zeigten sie aber ihr ganzes (großes Potential) und offenbarten einiges an Stimmung, was wohl auch bei dem einen oder anderen reisewilligen Borussen die Vorfreude auf das Rückspiel geschürt haben dürfte. Auf der anderen Seite schwieg die Südtribüne hingegen. Nicht aus Frust oder wegen des Spielverlaufs, sondern empathievoll, weil ein Sanitäreinsatz nötig war. Statt dies einfach zu übersingen und mit Support weiter zu machen als sei nichts passiert, verzichtete man auf die Organisation von Gesängen, was lobend hervorgehoben werden darf. Timing war dann aber alles, denn der Einsatz auf der Tribüne endete nur wenige Augenblicke bevor Batshuayi sich mit ein wenig Platz ausgestattet einfach mal ein Herz nahm und von der Strafraumgrenze abschloss – durchaus sehenswert, wuchtig und platziert zugleich – 2:2. Der organisierte Support kam genauso zurück in die Partie wie die Ballspielverein. Kurz nach dem 3:2 hatte Pulisic dann bereits die erneute Führung auf dem Fuß, schloss nach guter Vorarbeit vom Batsman allerdings zu schwach ab. In der Folge flachte die Partie wieder ein wenig ab, dem BVB war aber der Wille anzumerken, noch das dritte Tor zu erzielen, was Peter Stöger spätestens mit der Einwechslung von Isak als zweiten Stürmer für Pulisic nach 85 Minuten auch von außen signalisierte.Auch Norbert Dickel glaubte beim Durchsagen der vier Minuten Nachspielzeit noch an den möglichen Sieg und der Stadionsprecher musste nicht mal lange auf das Siegtor warten. 90% des Tores gehen auf die Kappe bzw. den feinen Fuß von Mario Götze zurück, der einen augenscheinlich geklärten Ball am Strafraum direkt wieder zurück in die Gefahrenzone spielte und somit Batshuayi in Szene setzte, der den Ball im Tor unterbrachte und genau wusste, bei wem er sich zu bedanken hatte. Eine ganz starke Szene von Götze, der im Anschluss an die Partie ein wenig Unmut darüber äußerte, nicht von Anfang an gespielt zu haben. Schön, dass die Borussia in der Offensivabteilung langsam wieder mehr Auswahlmöglichkeiten hat. Ebenso kurios, dass eine offensive Reihe mit Götze – Reus – Schürrle gar nicht mehr so verrückt klingt wie vielleicht noch vor wenigen Wochen.

Eine verdiente Abschlusswelle

Mit dem 3:2 bewies die Borussia vor allem Dingen eines: Moral. In der Hinrunde der Bundesliga sahen wir oft, wie der BVB mit Rückschlägen nicht umzugehen wusste, nach den letzten Erfolgserlebnissen scheint die Brust der Mannschaft mittlerweile wieder angeschwollen zu sein, was in diesem Fall positiv gemeint ist. Sie erarbeitete sich ein verdientes und für das Rückspiel selbstverständlich auch wichtiges Resultat. Zwar ist man sicherlich noch nicht im Achtelfinale angekommen, hat aber definitiv die Möglichkeit, in Bergamo ebenso Tore zu erzielen und dann eben die nächste Runde zu erreichen. Das eingangs erwähnte Eichhörnchen macht also kleine Schritte nach vorne – große Sprünge können wir in dieser Saison wohl auch nicht mehr erwarten. Aber wenn es so weiter geht wie am Donnerstagabend kann ich damit wohl auch leben. Schritt für Schritt, kleine Steigerungen und dann endgültig zurück in die Erfolgsspur. Weiter so, Borussia!

Statistik

Borussia Dortmund: Bürki – Toljan, Sokratis, Toprak, Piszczek – Weigl (81. Dahoud), Castro – Schürrle, Reus (62. Götze), Pulisic (85. Isak) – Batshuayi

Atalanta Bergamo: Berisha – Masiello, Caldara (85. Palomino), Tolói – Spinnazzola, Freuler, De Roon, Cristante, Hateboer – Gomez (76. Gosens), Ilicic (89. Petagna)

Tore: 1:0 Schürrle (30.), 1:1 Ilicic (51.), 1:2 Ilicic (56.), 2:2 Batshuayi (65.), 3:2 Batshuayi (90.)

Gelbe Karten: Weigl (im Rückspiel gesperrt), Piszczek, Schürrle, Batshuayi – Cristante, Hateboer

Schiedsrichter: Stefanski (Polen)

Zuschauer: 62.500

Vanni, 16.02.2018


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