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Eua Senf - 12.02.2015

„Keine Augenwischerei“

Es ist keine zwei Wochen her, da äußerte sich der Philosoph Wolfram Eilenberger zur „Anomalie der Liga“. Der Aufschrei unter uns Borussen war groß, die Ablehnung des Artikels kam schnell und deutlich. Ich habe den Artikel erst am 6. Februar gelesen, weil ich bisher dachte, nicht Teil einer Sekte zu sein. Nach dem Lesen bin ich allerdings verunsichert und irritiert, da ich Herrn Eilenberger in manchen Punkten sogar zustimmen muss.

Exemplarisch habe ich die nachfolgenden fünf ausgewählt.

Herr Eilenberger spricht u.a. an, dass:

  • eine offene Fehleranalyse durch die Ausklammerung des Trainers als mögliche Ursache verhindert wird;
  • es Denkverbote und einen „Erlöserglauben“ geben würde;
  • zu Unrecht Verletzte und der WM-Kater als Ursache der Krise genannt werden;
  • es an einer Weiterentwicklung der Spielidee mangelt;
  • Shinji Kagawa und Nuri Sahin die Mannschaft nicht weitergebracht haben.

Diese Kritik von außen betrifft alle Ebenen im und um unseren Ballspielverein. Neben den Verantwortlichen im Verein, dem Trainer, der Mannschaft ist dabei auch der Anhang zu betrachten. Also möchte ich die genannten Punkte als Ansatz dafür nehmen, die Arbeit und das Verhalten der bisherigen Saison auf den genannten Ebenen zu analysieren – soweit dies von „außen“ und aufgrund von Subjektivität überhaupt möglich ist – und schließlich mit den aufgestellten Thesen des Philosophen in Verbindung zu bringen.

Die Vereinsführung

Hans-Joachim Watzke hat kurz vor dem Beginn der Rückrunde der Süddeutschen Zeitung ein in meinen Augen bemerkenswertes Interview gegeben, indem zwei Absätze für mich herausstachen:
„Ich finde das manchmal unfassbar, wie wir es hinbekommen haben, uns gegen den Trend zu stellen, keine dieser Patentlösungen zugelassen haben, keine Spieler-Suspendierungen oder solche Aktionen. Alles ist seriös und ruhig geblieben. Wenn wir das alles hinter uns haben, werden wir in Zukunft von der Art, wie sich der gesamte BVB in dieser Krise gezeigt hat, noch ganz viel profitieren.“

Zum Zeitpunkt dieses Satzes steht der BVB auf Platz 17, also einem direkten Abstiegsplatz. Entsprechend realitätsfremd ist die Vergangenheitsform in seinen Äußerungen. Die Krise war genauso wenig vor der Rückrunde zu Ende wie sie jetzt nach der Heimniederlage gegen Augsburg ins Extreme gehoben wurde.

„Vielleicht bin ich stur oder dickschädlig, aber wenn etwas sechs Jahre so gut funktioniert wie bei uns, dann kann es doch nicht sein, dass das im siebten Jahr nicht mehr so sein soll.“
Nur weil etwas eine gewisse Zeit lang funktioniert, ist es keine universell gültige Konstante. Oder warum spielen heute kaum noch Spielertypen á la Horst Hrubesch eine tragende Rolle in der nationalen und internationalen Fußballwelt?

Die Aufgabe der Vereinsführung und sportlichen Leitung sollte es sein, alles jederzeit kritisch zu hinterfragen, um den Verein konsequent voranzutreiben. Eben diese Weiterentwicklung sehe ich aktuell nicht.
Zumindest, wenn man den Worten von Herrn Watzke Glauben schenkt, die seit jeher herausstellen, dass der BVB nicht Bayern München ist – vielmehr ein anders agierendes Gegengewicht. Leider habe ich in den letzten Jahren jedoch auch oft genug Gegenteiliges feststellen müssen. Eine Entwicklung des Vereins, die für mich eher Zäsur denn Fortschritt ist.

Die Kommerzialisierung des Fußballs macht – verständlicherweise – auch vor meiner Borussia nicht Halt. An sich kein Problem, wären da nicht die ständigen Äußerungen der Führungskräfte von Borussia Dortmund. Insbesondere Carsten Cramer besteht neben Herrn Watzke allzu oft darauf, dass wir so anders sind und der Verein von den grandiosen Fans lebt, die ihren Verein mehr und „echter“ lieben als irgendwo sonst in der Fußball-Republik. In diesem Zusammenhang verwundert es, dass die Dauerkartenpreise beim „Robin Hood der Liga“ in den letzten Jahren z.B. durch Kategorie- oder „inflationsbedingte“ Anpassungen – die selbstverständlich weit über der Inflationsrate lagen – sehr stark angewachsen sind, mittlerweile wirklich alles im Fanshop zu stark gestiegenen Preisen verkauft wird und die Dankbarkeit des Vereins gegenüber dem Fan – zumindest für mich – nicht spürbar ist.

Ich spüre es weder daran, dass mein Mitgliedsausweis einen Monat nach pünktlicher Abbuchung der Lastschrift ankommt, noch an der teuren Hotline, um Eintrittskarten kaufen zu können und – wie angesprochen – schon gar nicht an den extrem gestiegenen Preisen für Tickets, Dauerkarten und Merchandising. An dieser Stelle: Ja, Herr Cramer, das Trikot kostet auch dieses Jahr „nur“ 74,95 Euro. Allerdings kosten z.B. T-Shirts per se mehr als noch vor zwei Jahren.

Es ist nicht nur legitim, dass sich das Wirtschaftsunternehmen Borussia Dortmund die Ziele des Umsatz- und Gewinnwachstums setzt, sondern die Pflicht der Vereinsführung, im Sinne Ihrer Anteilseigner zu agieren. In den Zeiten des „modernen Fußballs“ ist dies absolut nachvollziehbar. Allerdings wünsche ich mir zumindest einen ehrlichen Umgang mit mir, dem Fan und nicht dem Kunden! Wenn wir im Vergleich zu den anderen Vereinen so anders sind, warum gibt es dann Ticketsysteme bei der „Konkurrenz“, die bspw. Faktoren wie Vereinszugehörigkeit belohnen? Sollte das nicht auch bei einem Verein, der sich über Treue und Liebe definiert, möglich sein? Warum gab es keine Aufmerksamkeit für die treuesten Fans, die trotz der Hinserie weiterhin das Aushängeschild des Vereins darstellen?
Gerade in den letzten Jahren wuchs die Zahl marketingorientierter Sprüche exorbitant an. Und auch als Tabellenletzter wird der Verein nicht müde, kundenorientiert zu kommunizieren. Vor dem Spiel gegen Freiburg soll „keine Augenwischerei“ betrieben werden und die Fans sollten doch bitte „fest und treu zusammen stehen“; schließlich sei es mit dem BVB wie in einer Ehe: „in guten wie in schlechten Zeiten“. Genau diese Kommunikation stört mich als Fan aber massiv! Heißt „Echte Liebe“ womöglich nicht, dass man ehrlich miteinander umgeht? Hat man als Fan nicht das Recht auf Missstände hinzuweisen?

Herr Watzke hat aber auch nicht völlig Unrecht, wenn es um die Andersartigkeit des BVB im Vergleich zur Konkurrenz geht. Wie er selbst angesprochen hat, sind wir im Umgang mit der Krise anders: Wir verklären sie!
Unser Trainer ist ja immer noch der Gleiche, wir haben immer noch tolle (und charakterlich unfassbar angenehme) Spieler, tolle Fans sowieso. Wird ein Spiel gewonnen, ist gleich alles wieder gut. Also genug mit dem Krisengerede, wir kommen da raus. Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf.

Entsprechend hat Herr Eilenberger dahingehend Recht, dass die Vereinsführung offenbar keine offene Fehleranalyse betreibt und dadurch die Abhängigkeit des Vereins vom Trainer erhöht. Offensichtlich sind Denkverbote an der Tagesordnung!

Der Trainer

Jürgen Klopp ist einer der besten Trainer, die aktuell in der Bundesliga arbeiten. Diese Saison hat allerdings erstmals Zweifel an seiner Unfehlbarkeit hervortreten lassen. Die desaströse Hinrunde wurde vor allem mit den Faktoren „Verletztenmisere“ und „WM-Belastung“ erklärt. Zuletzt schleppte man sich ins Ziel. Niemand schien mehr fit zu sein, obwohl weiterhin die Laufleistung des Teams beeindrucken konnte. Doch wie wir inzwischen wissen (sollten): Kilometer abzuspulen führt nicht automatisch zu einem guten und erfolgreichen Spiel und erst recht nicht zu Punkten!

Verletzte hatten wir wirklich viele. Es waren auch sehr wichtige Spieler dabei, die lange fehlten oder nach kurzer Zeit wieder spielen mussten. Aber ging es den anderen Vereinen da wirklich besser? Insbesondere unsere Konkurrenz aus nächster Nähe hatte doch ähnlich viele Verletzte zu beklagen. Oder?

Und die WM als Belastungsfaktor? Weil unsere Weltmeister keine Minute in Brasilien zum Einsatz kamen? Vordergründig hat Herr Eilenberger Recht: Die Ausreden „Verletztenmisere“ und „WM-Belastung“ sind fadenscheinig und an den Haaren herbeigezogen.
Im Winter konnte nun „endlich richtig zusammengearbeitet werden“ und die Trainingsarbeit wurde allenthalben gelobt. Die Hoffnung war überall greifbar: Klopp hat die „Reset-Taste“ gefunden und führt die Mannschaft nun wieder zu Erfolgen. Und dann kam Leverkusen.
Man ging mit einem Punkt aus einem Auswärtsspiel beim 3. der Liga. Eigentlich ein akzeptables, ein gutes Ergebnis. Wäre da nicht die schlechte Leistung von Leverkusen, die schlechte Raumdeckung des BVB, das Glück bei der Rettungsaktion von Hummels oder dem Heber von Castro und vor allem die extreme Fehlpassquote gewesen. Unser Trainer verteidigte das Spiel nachher, dass dies die Spielidee gewesen sei. Lange Bälle mögen ja ein probates, in jedem Fall ein legitimes Mittel sein, um gegen pressingstarke Mannschaften bestehen zu können. Es aber als „geplant“ zu verkaufen, mehr als jeden zweiten Ball zum Gegner oder ins Aus zu spielen, grenzt schon an Realitätsverlust und ist eine Unverschämtheit!

Nach dem Augsburg-Spiel hieß es dann von Klopp, dass er von sich und seiner Arbeit voll überzeugt sei, er nicht nach eigenen Fehlern suche und nicht am Boden zerstört sei. Darüber hinaus befand der Trainer, dass die Mannschaft gekämpft hätte. Schließlich sei sie 122 km gelaufen. Dass das Team in großen Teilen Alibi-Läufe machte, (wieder) nicht dicht genug am Mann gedeckt hat, der Ball (und die Verantwortung!) lustlos hin- und hergeschoben wurde und der Augsburger Halil Altintop durch ein halbes Dutzend unserer Abwehrspieler hindurchmarschieren konnte wie ein warmes Messer durch Butter gleitet, wurde verklärt. Genauso wurde davon abgelenkt, dass es in Hälfte zwei ganze 44 Minuten bis zum ersten Schuss aufs Gehäuse der Augsburger dauerte. Es gab danach noch drei Schüsse aufs Tor und eine ungestrafte Schwalbe unseres Publikumslieblings aus Japan.

Die Ansätze, die Klopp im Spiel erkannt hatte, blieben mir leider verborgen. Ich habe eine im Vergleich zur Hinrunde noch instabilere und unsichere Mannschaft gesehen, die defensiv nicht besser steht und offensiv noch weniger zu Stande bringt. Nach einer angeblich sehr guten Vorbereitung und dem „Schwur“ („Wir wollen Alle Alles für Borussia geben“) war es für mich eher ein Rückschlag und eine Farce, von Fortschritten zu sprechen.
Die Wohlfühloase ist sowohl für den Trainer als auch die Spieler ganz schnell und deutlich zu verlassen!

Herr Eilenberger hat daher auch in dem Punkt Recht, dass keine Weiterentwicklung des Spielsystems unter Klopp erkennbar wird. Weder innerhalb der letzten drei Jahre noch innerhalb der aktuellen Saison.
Klopp wirkt dünnhäutig, gereizt und vor allem ratlos. Vieles deutet darauf hin, dass seine Zeit abgelaufen ist. Dazu kommen Zitate wie: "Unsere Chance, das Ganze zu regeln erhöht sich dramatisch, wenn wir uns nicht auseinandertreiben lassen.“ Hatte Klopp nicht schon mehrere Monate Zeit, um „das Ganze“ zu regeln? Ich erkenne keine Verbesserung zwischen dem Spiel in Mainz und dem gegen Augsburg – es gab jedoch Ausreißer nach oben (vereinzelt) oder unten (vielfach). Das Spiel gegen Freiburg war in Ordnung – nicht mehr, nicht weniger!

Die Mannschaft

Die Niederlage gegen Augsburg scheint als „Hallo-Wach-Effekt“ zu fungieren, vergleichbar mit dem Gefühl, nach einer durchzechten Nacht viel zu früh und zu alkoholisiert aufzuwachen. Nicht, weil es die elfte Saisonniederlage war und erneut ein Spiel zu Hause verloren wurde. Vielmehr, weil die Art und Weise nahezu erschütterte! Wüsste man es nicht besser, würde wohl niemand ernsthaft vermuten, dass am Mittwoch acht Spieler aus dem Champions-League Finale 2013 auf dem Platz standen. War die erste Halbzeit – unter Berücksichtigung der aktuellen Situation – in Ordnung, gab die zweite Hälfte größten Anlass zur Sorge.

Obwohl dem BVB durch die WM keine nennenswerte körperliche Beeinträchtigung eingebrockt wurde, so hat Herr Eilenberger den Faktor der Psyche vollkommen unterschätzt und ausgeblendet.

Es wirkt so, als ob der WM-Titel unseren Borussen derart zusetzt, dass sie in der Hinrunde auf einer Wolke der Arroganz durch die Liga schritten. Unser Torwart irrt seit Saisonbeginn in Räumen umher, in die kein Torwart dieser Welt gehört – es sei denn, er ist Manuel Neuer und hat im Spiel keine nennenswerte Beschäftigung. „Unser“ Kevin irrt mit dem Weltpokal auf der Schulter durch die Stadien dieser Liga und hat seine Form scheinbar in Brasilien zurückgelassen. Die jungen Durm und Ginter wirken überfordert; wobei der erste vor der WM als logischer Nachfolger des Philipp L. aus M. von einigen (BVB-)Fans gefordert wurde und für den anderen zehn Millionen Euro den Besitzer wechselten. So lächerlich es klingt, aber die Herren Weltmeister scheinen ihren Anteil am Titel in Brasilien vollkommen zu verklären. Ja, sie waren da, aber hatten sie ernsthaft Einfluss? Weil sie im Training mit dabei waren? Mats Hummels ist der einzige eingesetzte Spieler und entsprechend darf er sich verdientermaßen Weltmeister nennen. In Bezug auf unsere vier weiteren Weltmeister stelle ich mir aber eher die Frage, ob sich analog Dimitar Rangelov (2010/2011) oder „der Fette mit die Sechs“ (2011/2012) als echter Deutscher Meister fühlen? Es wäre zumindest eher nachzuvollziehen als bei den „Weltmeistern“, spielten Rangelov und Kringe doch zumindest jeweils ganze 13 Minuten in den angesprochenen Saisons.

Ein Shinji Kagawa wirkt immer noch wie ein absoluter Fremdkörper, der sich mehr versteckt als alles andere. Sein Transfer ist – Stand: 9. Februar 2015 – ein absoluter Fehlkauf und von Populismus angetrieben worden. Nuri Sahin ist meiner Meinung nach differenzierter zu sehen, weshalb ich Herrn Eilenberger nur teilweise Recht gebe. Sahin ist nicht mehr der, der uns 2011 zum Meister gemacht hat. Die Mannschaft hat er aber mindestens damit weitergebracht, dass er als zusätzliche Option jederzeit im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden kann.

Was aktuell zu fehlen scheint, sind der richtige Fokus, Wille und Einsatz. Gegen Freiburg wurde endlich mal wieder „gekämpft“. Das Spiel könnte Mut machen und den Wendepunkt darstellen. Allerdings gab es das dieses Jahr schon so oft. Der Last-Minute-Ausgleich gegen Stuttgart, die Siege gegen Gladbach und Hoffenheim, das Unentschieden gegen Wolfsburg oder Leverkusen. Auf alle „Erfolgserlebnisse“ folgte ein Nackenschlag. Entsprechend darf man gespannt sein, was im Monat Februar passiert.
Natürlich ist es leicht von außen zu sagen, dass die Mannschaft nicht mehr leistungswillig ist. Natürlich ist die Verunsicherung der Spieler – inzwischen – greifbar und aufgrund der tabellarischen Situation nachzuvollziehen. Allerdings hat sich das Team diese Verunsicherung durch Überheblichkeit und geringen Einsatz in der Hinrunde selbst eingebrockt. Außerdem war das Spiel gegen Augsburg nicht der sportliche Tiefpunkt, denn dieser wurde bereits mehrfach in der Hinrunde stetig nach unten korrigiert. Hamburg, Köln, Hannover, Paderborn, Frankfurt, Berlin und Bremen waren in der Bundesliga, Hamburg im Pokal vor allem eins: Erschreckend!

Inzwischen heißt es schon, dass andere Mannschaften uns gegenüber den Vorteil hätten, den Abstiegskampf zu kennen. Leider ist diese Mutmaßung nicht ganz richtig, da in unserem Kader die nachfolgenden Spieler durchaus Erfahrungen im Abstiegskampf der Bundesliga erlangen durften: Weidenfeller, Piszczek, Ginter, Sokratis, Subotic, Kehl, Gündogan, Kirch, Blaszczykowski, Reus und Ramos. Dazu kommen die „Auslandserfahrenen“ Aubameyang und Immobile.

Wer Deutscher Meister werden und sich in (inter-)nationale Finalspiele spielen kann, sollte es auch hinbekommen, in Punktspielen eine angemessene Leistung anzubieten, oder? Nicht nur, weil wir viele vermeintliche (oder selbsternannte) Weltklassespieler in den eigenen Reihen haben. Von der Kategorie „Weltklasse-Spieler“ haben wir leider aktuell ein extremes Ungleichgewicht zwischen Wunsch und Realität. In jedem Fall haben wir aber (wieder) viele „Millionarios“ in unseren Reihen. Allein in den letzten zwei Jahren wurden mehr als 100 Millionen Euro an Ablösesummen gezahlt. Unser Etat entwickelt sich auch in den dreistelligen Bereich.

Die Fans

Wir sind in den letzten Jahren von unserer Mannschaft, dem Trainer und dem Verein erfolgstechnisch sehr verwöhnt worden. Da ist es absolut nachvollziehbar, dass man Dankbarkeit empfindet und auch schlechte Phasen zugesteht. Allerdings trifft die „Eilenbergersche Diagnose“ vor allem auf uns Fans zu, wenn es um die Unantastbarkeit des Trainers geht. Der „Erlöserglaube“ ist – leider – ernsthaft in der Denke vieler Fans verankert: Klopp wird es schon richten. Seit Wochen hört man auch im Block, dass man „seine Olle ja auch nicht direkt verlässt“. So schön diese Romantik auch sein möge: Spätestens seit dem Transfer von „Judas“ sollte jedem klar sein, dass der Fußball auch in Dortmund keinen Platz mehr für ewige Treue bietet und sich Situationen schnell ändern können. Vielleicht würden wir mit Klopp in Liga zwei gehen, aber würde Jürgen Klopp lieber wieder Zweitligatrainer sein, als die englische Premier League als „nächsten, logischen Karriereschritt“ zu wagen?

Ich hoffe darauf, dass Jürgen Klopp uns aus dem Tabellenkeller führt und beweist, dass er auch über diese Saison hinaus der richtige BVB-Trainer ist. Nur muss aufgehört werden,dies als Naturgesetz anzunehmen, wie es aus vielen Kehlen von BVB-Fans (selbst nach 20 Spieltagen!) vernommen werden kann.

Dazu kommt, dass auch der Anhang die Situation und die Bundesliga in Gänze komplett verklärt. Es gibt Denkverbote! Noch vor dem Spiel gegen Wolfsburg war einem Großteil der Fans klar, dass der zweite Platz in dieser Saison durchaus realistisch wäre. Nach neun Niederlagen in fünfzehn Spielen. Wir Fans meinen oft genug, dass außerhalb von Dortmund kaum ein Spieler das Zeug für die zweite Liga hätte, während bei uns nur Weltklassespieler im Kader stehen. Die Erfolge der letzten Jahre haben auch uns Fans wieder (!) arroganter und überheblicher gemacht.

Allerdings ist das wirklich schlimme und nicht zu akzeptierende Merkmal der momentanen Situation im Dortmunder Fanblock ein gewisser Konformitätszwang. Murmeln nach einer abermals vergebenen Torchance, Fehlpässen oder Gegentoren ist für viele ein Zeichen für „Erfolgsfan“ und inakzeptabel. Vielmehr gehört es sich inzwischen für jeden „echten Fan“, dass er 90 Minuten singt und tanzt und lacht. Egal, was unten auf dem Rasen passiert. Es scheint unser Job zu sein, den wir in der Hinrunde offensichtlich nicht gut genug gemacht haben; standen wir doch auf Tabellenplatz 17.

Wer dann auch noch anfängt, Teile des Teams oder gar den Trainer zu kritisieren, muss zwangsläufig ein undankbarer Erfolgsfan sein, der nur Titel will und nichts anderes akzeptiert.

Mir macht diese Entwicklung Angst. Es muss doch möglich sein, Kritik auf sachliche und konstruktive Art und Weise zu äußern, ohne dafür an den Pranger gestellt zu werden. Das hat nichts mit „guter“ Fan / „schlechter“ Fan zu tun, sondern ist einfach eine Einstellungssache.
Ich muss die Spieler nicht während des Spiels auspfeifen, aber auch nicht für einen Fehlpass feiern. Ich muss nicht mit Tomaten werfen, aber auch nicht gut finden, dass die Führerscheinaffäre des Marco Reus als Lappalie behandelt wird.

Genauso wie man in Block Drölf (scheinbar) zu akzeptieren hat, dass einem Fahnen im Gesicht hängen und den Blick aufs Spiel verhindern, sollte Block Drölf mehr sein als ein Gute-Laune-Sing-und-Klatsch-Verein des BVB. Gerade der Stimmungskern sollte verstehen, wann es Zeit für Jubelgesänge, Anfeuerungsrufe oder kritische Töne ist. Das Dauer-Sing-Sang hat uns in Zeiten des Erfolges nicht gestört – in der Hinrunde die Situation aber verklärt. Hätte man ausschließlich die Stimmung der Fans betrachtet, hätte man davon ausgehen müssen, dass wir unter den besten vier Teams stehen.

Fazit

Der Sieg in Freiburg war wichtig, brachte er doch drei Punkte. Es darf aber nicht erneut zur Augenwischerei kommen, die Krise sei jetzt vorbei und überstanden. Die Mannschaft und der Trainer stehen weiter in der Pflicht. Jeder Einzelne muss zeigen, was er für den Verein bereit ist zu geben. Wenn sich keine grundlegenden Dinge ändern, reicht es auch im Sommer nicht, ein bis zwei Spieler zu tauschen. Es muss auf fast allen Ebenen gehandelt, mindestens aber umgedacht werden. 

Ich für meinen Teil hoffe, dass wir vom „Zusammenstehen“ sowohl in den nächsten Spielen als auch Jahren ernsthaft profitieren.

Ich hoffe, dass unser Trainer die Mannschaft wieder dauerhaft erreichen, richtig einstellen, zu Siegen führen kann und (mir) dadurch beweist, dass er noch immer der richtige Mann an der Seitenlinie ist und seine Zeit nicht abgelaufen ist.

Ich hoffe, dass die Mannschaft den unzähligen Worten endlich konstant Taten folgen lässt und die (von mir unterstellte) Überheblichkeit in der Kabine lässt.

Vor allem aber hoffe ich, dass der Abstieg verhindert wird und wir „zu unseren Wurzeln“ zurückkehren: Borussia ist Ruhrgebiet – Ruhrgebiet ist ehrlich, schroff und direkt! Also lasst uns alle auf allen Ebenen wieder offen und jederzeit ehrlich miteinander kommunizieren!

Also wünsche ich mir, dass es (wieder) erlaubt ist, Dinge rund um die Borussia zu hinterfragen und konstruktiv zu kritisieren. Egal, ob Fan, Spieler, Mitarbeiter, Trainer oder ‚Verantwortlicher‘: Jeder ist (jetzt) in der Pflicht, die gesamte Situation, vor allem aber sich selbst, kritisch zu hinterfragen.

Alles für ein Ziel – Alles für Borussia!

Stefan (Gastautor), 10.02.2015


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