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Serien - 25.07.2014

Sicherheit im Stadion: Schweden - Das missverstandene Bild des schwedischen Fußballs

Ende des Jahres 2012 wurde im deutschen Fußball das Papier "Sicheres Stadionerlebnis" verabschiedet. Während dieser Maßnahmenkatalog nun in seine zweite Saison geht, möchten wir uns einmal anschauen, wie es eigentlich in unseren europäischen Nachbarländern um die Sicherheit beim Fußball bestellt ist. Nachdem wir uns bereits mit Österreich und der Türkei beschäftigt haben, berichtet Andreas Holm heute aus Schweden.

In den letzten Jahren habe ich oft gehört, dass man glaubt Schweden sei ein Land ohne Gewalt bei, beispielsweise, Fußballspielen. Das ist ein komplett falsches und missverstandenes Bild des schwedischen Fußballs.

Während der Allsvenskan (der schwedischen ersten Liga) 2013 waren die Schlagzeilen der Boulevardpresse Dinge wie „hier stirbt der Fußball“ und ähnliches. Auch wenn der Gebrauch von Pyrotechnik – was in schwedischen Stadien verboten ist – ein größeres Problem ist, kommen auch Kämpfe auf den Tribünen vor. Es gibt Getümmel, Pyrotechnik wird aufs Feld geworfen und Spiele werden unterbrochen. Oft geschieht dies vor oder während Hochrisikospielen, zu denen die Spiele zwischen den beliebtesten Klubs aus Stockholm, AIK, Djurgården und Hammarby (momentan in der zweiten Liga) und auch Malmö, IFK Göteborg und Helsingborg gehören. Es sind auch diese Vereine die die bekanntesten Hooligan Gruppen haben, Menschen die lieber kämpfen als Fußball zu schauen.

Spiele zwischen den beliebtesten Teams mit den meisten Fans sind immer als Hochrisikospiele bewertet durch die Medien. Beispielsweise in einem Derby zwischen IFK Göteborg und AIK gibt es eine Menge Zuschauer und man kann die Hitze zwischen den Gruppen fühlen. Oftmals kann man dabei auch mehr Polizei sehen verglichen mit Spielen zwischen kleineren Klubs. In Schweden kann man sicherlich sagen, dass die Klubs mit den meisten Fans auch die meisten gewaltbereiten Anhänger haben.

Im schwedischen Fußball gibt es die Regel, dass die Spieler in die Kabine gehen, wenn Pyrotechnik abgefeuert wird. Letzte Saison geschah dies so oft, dass ich die verspäteten und unterbrochenen Spiele nicht mehr an meinen Fingern abzählen kann.

Als die Allsvenskan 2013 endete, sollte eine bessere Saison beginnen, eine ohne Probleme in- und außerhalb der Stadien. Sowohl die Polizei, als auch die Regierung haben Personen angewiesen die an einer besseren Stadion- und Fankultur arbeiten sollen, ohne Gewalt. Die SFSU (Swedish football supporters‘ union, die schwedische Fußballfan Vereinigung) vereinigt alle offiziellen Fanclubs der schwedischen Profivereine. Allerding sind es selten bis nie diese Fans die Gewalt gebrauchen.

Aber als 2014 das Saisoneröffnungsspiel zwischen Helsingborg und Djurgården beginnen sollte, wurde es offensichtlich dass die Mühen der Polizei und der Regierung für nichts gewesen sind. Ich will sie in keiner Weise beschuldigen, aber es war klar, dass ihre Arbeit nicht genug war.

Bis zu dieser Saison gab es einen Toten durch Gewalt im Fußball. Im Jahr 2002 wurde IFK Göteborg Hooligan Tony Deogan von AIK Hooligans in Stockholm zu Tode geprügelt. Er selbst war Mitglied der Hooligan Gruppe von IFK Göteborg.

Trauerbekundungen in Helsinborg nach dem Tod eines Familienvaters in HelsingborgAber am 30. März 2014 geschah es erneut. Anders als 2002 war das Opfer diesmal ein 43jähriger Mann ohne Verbindungen zur Hooliganszene, ein Vater von vier Kindern. Er war nur zur Unterstützung seines Teams Djurgården beim Eröffnungsspiel gegen Helsingborg. Der Vater erreichte noch nicht einmal das Stadion. Es endete alles oberhalb der bekannten Terassentreppen in Helsingborg. Was wirklich geschah ist noch immer unklar, weil der rechtliche Prozess gegen den Verdächtigen noch im Gange ist. Laut Augenzeugen war es ein nicht provozierter Schlag auf den Kopf des Vaters, der den Tod verursachte. Der Verdächtige hat bestätigte Verbindungen zu einer Hooligan Gruppe in Helsingborg.

Trotz dieser Tragödie wurde das Spiel angepfiffen. Niemand im Stadion wusste was kurz vor dem Spiel geschah. Natürlich wussten sie, dass es in der Innenstadt Kämpfe gegeben hat, aber nicht, dass jemand dabei getötet wurde. Aber beim Stand von 1:1 nach 30 Minuten erreichten Gerüchte die Djurgården Fans im Olympiastadion von Helsingborg. Es dauerte nicht lange, bevor ein Mann auf das Spielfeld rannte und eine Menge folgte ihm. Sie begannen „Mörder, Mörder, Mörder“ in Richtung Helsingborg Fans zu rufen (hier anzusehen). Das Spiel wurde unterbrochen und später wurde entschieden das Spiel abzubrechen. Das Resultat war nicht mehr wichtig.

Was dazu gesagt werden muss ist, dass es in der Nacht vor dem Eröffnungsspiel mehrere Kämpfe zwischen Fans und Hooligans in Helsingborg gegeben hat und auch Angriffe auf unschuldige Personen. Ein Restaurant wurde von Djurgården Hooligans gestürmt und unschuldige Einwohner von Helsingborg wurden mit Gläsern und Messern angegriffen. Am Tag zuvor hatte Djurgården’s Eishockeyteam ein wichtiges Spiel 30km nördlich von Helsingborg gespielt, weswegen zu der Zeit bereits viele Djurgården Fans in Helsingborg waren. Die Stadt wurde in der Nach beschrieben als eine „barrikadierte Stadt“.

Der Eröffnungstag der Allsvenskan 2014 ist wahrscheinlich der schwärzeste Tag in der Geschichte des schwedischen Fußballs. Ich kann verstehen, dass es in anderen Ländern die Interpretation gibt Schweden sei ein friedliches Land und ich selbst habe das in meiner Jugend geglaubt. Aber jetzt, wo ich so nah an der schwedischen Fußball- und Fankultur bin, hab ich verstanden dass es ist wie in andern Ländern, es gibt immer eine Gruppe Leute an Spielen denen es ums Kämpfen geht und nicht darum zu sehen wie ihr Team gewinnt.

Ich kann ein Fußballspiel verfolgen ohne Angst von anderen Fans angegriffen zu werden, aber ich verstehe, dass es Leute gibt für die das anders ist. Zum Beispiel Eltern die ihre Kinder mitnehmen wollen zu den Spielen. In dem Sinne bin ich beeindruckt von der deutschen Fußballkultur, wo es ganz deutlich Fans jeder Altersgruppe gibt. Eine 80jährige Frau oder Eltern mit ihren Kindern sind leider eine seltene Zuschauergruppe in schwedischen Fußballstadien.

Am Tag nach dem tragischen Eröffnungsspiel in Helsingborg wurde ein neunjähriger Junge bei einem anderen Spiel von einem Bengalo getroffen. Glücklicherweise wurde er nicht schwer verletzt, aber es hätte viel schlimmer kommen können. Auch wenn viele der Hooligans nur mit anderen Hooligans kämpfen, meist weit weg vom Stadion, kann es trotzdem in der Nähe „normalen“ Zuschauern passieren. Und mit der Pyrotechnik auf den Tribünen gibt es immer ein Risiko, dass unschuldige Zuschauer verletzt werden.

Von all dem oben erwähnten habt ihr wahrscheinlich verstanden, dass es auch im schwedischen Fußball Gewalt gibt. Die Polizei, die SvFF (der schwedische Fußballverband), die Klubs und die Fans haben eine Menge Arbeit vor sich um die Fußballkultur in Schweden zu verbessern.
Die Atmosphäre in den Stadien ist oft fantastisch und die verschiedenen Zuschauergruppen wurden durch verschiedene Zuschauerkulturen beeinflusst, hauptsächlich aus Großbritannien und Italien. Die Derbies in Stockholm, die Skåne Derbies und andere große Spiele liefern meistens eine großartige Atmosphäre, aber leider ist es viel zu oft der Fall, dass dies durch Zwischenfälle im und um das Stadion zerstört wird.

Eines der grössten Probleme im schwedischen Fussball ist der Einsatz von Pyrotechnik. Es ist verboten, doch die Fans haben gelernt die Ordner zu umgehen und sind auf den Tribünen vermummt, um die Identifikation durch die Kameras zu verhindern. Nur Tage nach der Premiere führte IFK Göteborg das Verbot von Maskierung ein, aber genauso wie das Verbot von Pyrotechnik existiert es nur auf Papier und wird von den Fans auf der Tribüne nicht befolgt.

Es gab Diskussionen um Stehplätze zu verbieten, aber es gab starke Opposition seitens der Fanclubs und ich glaube auch nicht, dass das die Lösung wäre. Eine andere Idee ist ein spezieller Block in dem Pyrotechnik erlaubt ist. Vielleicht würde das funktionieren, aber es wäre noch immer ein Objekt dass auf den Platz oder auf jemanden in einem anderen Block geworfen werden kann. Bier mit mehr als 3,5% Alkohol ist in Stadien schon lange verboten und das scheint die Probleme auch nicht zu lösen. Stattdessen trinken die Zuschauer, für die Bier und Fußball zusammen gehören, viel mehr vor den Spielen.

Auch können Polizei und Ordner nicht einfach mit eiserner Hand das Gesetz durchsetzen und auf die Tribünen kommen um die Personen zu verhaften die Pyrotechnik gebrauchen. Das Vertrauen in die Polizei ist in Schweden genauso tief wie in anderen Ländern und wenn die Polizei auf die Tribüne kommen würde, wäre die Stimmung viel schlechter. Meine eigenen Meinung nach zeigt die Polizei viel zu oft vor und während den Spielen auf unnötige Art und Weise ihre Macht.
Wenn man zu einem Derby reist oder zu einem wichtigen Spiel, sind die Fans lauter. Der Unterschied zwischen einem Heimspiel und einem Auswärtsspiel ist allerdings nicht nur das. Als Auswärtsfan ist man der Aussenseiter und will deswegen lauter singen und „das Stadion erobern“. Je mehr Fans der Gegner hat, umso mehr Platz nimmt man als Auswärtsfan ein. Aber zur gleichen Zeit ist die Polizei strikter beim Durchsuchen der Fans. Bei den meisten Auswärtsspielen reist die Polizei mit den Auswärtsfans an. Daher könnte man meinen, dass der Dialog zwischen der Polizei und den Fans ein Stück besser ist, als er eigentlich ist. Es muss zwischen den Parteien eine Diskussion geben darüber wie Pyrotechnik auf der Tribüne gebraucht werden soll und vor allem muss eine Lösung gefunden werden um die Personen die die Regeln brechen vom Stadion fern zu halten.

Die Gewalt ist schrecklich anzusehen und die Polizei hat ihren Einsatz während dem Eröffnungsspiel in Helsingborg als „Fiasko“ bezeichnet, aber zuerst sind es die „Risiko Zuschauer“ und die Hooligans die das Problem darstellen. Diese Personen müssen aus den Stadien verschwinden. Stadionverboten können die Gewalt in den Stadien vielleicht verringern, aber nicht die Kämpfe in der Stadt oder auf einem Kiesfeld 200km weg vom eigentlichen Spiel verhindern. Auch wenn es schwer ist die Grenze zu ziehen wo „fußballrelatierte Gewalt“ endet. Wann steht ein Kampf im Zusammenhang mit Fußball und wann nicht?

IFK Göteborgs Fans während eines Spiel. So kann, bestenfalls, Fussballkultur in Schweden aussehen. Foto: FREDRIK AREMYR
Es besteht kein Zweifel, der Großteil der Fußballfans in Schweden wollen eine Saison ohne Gewalt in und um die Tribünen. Der Schlag, der den Tod des Vaters vor dem Eröffnungsspiel verursachte, war ein Wachruf für die Polizei, den Fußballverband, die Klubs, die Fans – jeden. Es ist einfach traurig, dass es ein Leben gekostet hat.

Niemand will Fußball ohne Zuschauer, Fans oder Stimmung sehen, egal ob bei einem Spiel in Åtvidaberg mit 3000 Zuschauern oder ein Stockholm Derby mit 30000 Zuschauern.

Der Traum einer positiven Fußballkultur lebt, aber der schwedische Fußball hat eine Menge Arbeit vor sich. Eine Menge mehr als die Leute außerhalb Schwedens vielleicht denken.

Andreas Holm ist langjähriger Beobachter und Fan des schwedischen Fussballs und Redakteur für den deutschen Fussball bei der schwedischen Fanseite svenskafans.com


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