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Serien - 29.07.2014

Sicherheit im Stadion: Schweiz - Pyrotechnik und das Hooligan-Konkordat

Ende des Jahres 2012 wurde im deutschen Fußball das Papier "Sicheres Stadionerlebnis" verabschiedet. Doch wie sieht es in unseren Nachbarländern aus? Unsere Serie beschäftigte sich bereits mit den Verhältnissen in Österreich, in der Türkei und in Schweden. Heute schauen wir auf die Situation in der Schweiz.

Pokalfinale in BernDie Situation der Fußballfans in der Schweiz lässt sich, wie auch schon in den Berichten zu anderen Ländern gelesen, kaum beschreiben, ohne die Eishockeyfans mit einzubeziehen. Nicht nur ist es in der Schweiz, anders als in Deutschland, üblich, dass fast jeder Fußballfan auch ein Eishockeyfan ist – und umgekehrt, es ist dadurch auch so, dass es eine beinahe gleich große Zahl Eishockey- und Fußballfans gibt, welche die gleiche Art von Problemen verursachen, weshalb die Sanktionen meistens auf beide Gruppen zielen.

Man muss sich das in etwa so vorstellen: Wenn vor einigen Jahren, als der FC Lugano noch erstklassig spielte, der FC Zürich zu Gast war, wurde dies als Problemspiel eingestuft, obwohl die beiden Vereine kaum eine große Rivalität kennen. Da aber der ZSC (Zürcher Schlittschuh Club) und der HC Lugano (Hockey Club) bis aufs Blut verfeindet sind, konnte es schon mal vorkommen, dass sich gewisse Fans untereinander von einer Eishockeyauseinandersetzung kannten und es daher zwischen den Fußballfans zu Kämpfen kam. Eine andere, noch absurdere Geschichte erzählt man sich von Zürcher Derbys, wo am einen Tag beim Spiel zwischen den Grasshoppers und dem FC Zürich Kämpfe zwischen den Hooligangruppen stattfanden und am nächsten Tag beim Derby zwischen dem ZSC und dem EHC Kloten Leute gegeneinander kämpften, die am Tag zuvor Seite an Seite gestanden hatten. Inwieweit dies tatsächlich der Wahrheit entspricht, entzieht sich meiner Kenntnis, es ist aber sicherlich so, dass diese Geschichten und diese Möglichkeiten auf die Spieltagsplanung und den Umgang mit Fußballfans einen nicht geringen Einfluss haben.

Aus diesem ersten Abschnitt ist bereits ersichtlich, dass es in der Schweiz tatsächlich des Öfteren zu Ausschreitungen während Fußballspielen kommt. Auch wenn es in der Wirklichkeit kaum so schlimm ist, wie es in den Medien gerne dargestellt wird, so ist doch bei einigen Vereinen ein Gewaltpotential vorhanden. Besonders die beiden Zürcher Vereine und der FC Basel haben große Hooligan/Ultra-Szenen (häufig sind dabei Ultras und Hooligans nicht gut zu unterscheiden und können vermischt sein). Durch die zwei rivalisierenden großen Gruppen kann es dadurch gerade in Zürich schon mal zu Schlägereien, Pub-Überfällen und ähnlichem kommen, bei dem auch Unbeteiligte mit einbezogen werden können.

Das Hooligan-Konkordat

Hooligans und Ultras sind oft schwer auseinanderzuhaltenIm Zuge der Euro 2008 wurde in der Schweiz die Gangart gegenüber Fußballfans, aber auch gerade gegenüber Hooligans verschärft. War es früher seitens der Polizei noch möglich, Hooligankämpfe für einige Minuten „laufen“ zu lassen, so war es spätestens im Vorfeld der EM kein Thema mehr. Präventionshaft ist dabei schon mal ein Mittel gegen Hooligans, die laut Polizei in einem bestimmten Spiel auf Rache aus sein könnten. Dazu kommt das sogenannte „Hooligan-Konkordat“, das seit 2013 in immer mehr Kantonen angenommen wird. Es beinhaltet eine Bewilligungspflicht für alle Spiele, das heißt konkret: jedes einzelne Spiel der Super League (Fußball) und der National League A (Hockey) muss einzeln bewilligt werden. Den Klubs können Auflagen wie bauliche Maßnahmen, Verbote, strikte Blocktrennung, etc. angeordnet werden.  Dazu kann die Bewilligung an sogenannte „Kombitickets“ geknüpft werden. Das heißt, Gästefans werden gezwungen, mit dem Extrazug zu fahren, auch wenn es für sie einen riesigen Umweg darstellen könnte. Ein Fan eines Klubs in Genf, wohnhaft in Zürich, müsste also zum Auswärtsspiel in St. Gallen zuerst geschlagene 300 km in die falsche Richtung fahren – und auf dem Rückweg wiederum bis Genf mitfahren. Und das, obwohl die heutige Praxis der Extrazüge gut funktioniert. Das Konkordat sieht des Weiteren vor, dass ganze Personengruppen von privaten Sicherheitsfirmen (nicht nur von der Polizei!!!) pauschal auch in Intimzonen durchsucht werden können. Dazu wird über ein Alkohol- und Fahnenverbot diskutiert. Das Konkordat wurde zudem schwammig und unklar formuliert. Das lässt den Behörden einen immens hohen Interpretationsspielraum und kann dadurch zu Grundrechtsverletzungen wie beispielsweise der Einschränkung der Bewegungsfreiheit führen. Getrennte Sektoren und strikte Einlasskontrollen durch die Umsetzung des Konkordats waren der Grund, dass der FC Zürich sogar ein Testspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchführen musste, da die Stadt beim Spiel gegen einen unterklassigen Gegner darauf beharrte, dass alle oben genannten Forderungen erfüllt sein mussten. Weitere Hintergrundinformationen über das Konkordat gibt es hier.

Pyroshow im mittlerweile abgerissenen HardturmstadionDass die Fans an diesen überzogenen Maßnahmen nicht ganz unschuldig sind, ist klar. Gerade das Abbrennen von Pyrotechnik ist in der Schweiz sehr verbreitet und wird auch gerne mal übertrieben. Die meisten dürften Bilder vom Zürcher Derby 2013 gesehen haben, als GC-Fans symbolisch das ungeliebte Exil Letzigrund-Stadion „abfackelten“. Wenn dies auch einen ziemlich extremen Fall darstellte und in der breiten Öffentlichkeit Entsetzen verursachte, so wird das Abbrennen von Pyrotechnik in der Schweiz normalerweise ein Stück weit entspannter gesehen als in Deutschland. Die Polizei schreitet selten ein, Durchsagen im Stadion sind zwar normal, werden aber (natürlich) nicht beachtet, Ganzkörperkontrollen haben selten den erwünschten Erfolg gebracht und obwohl die Polizei aufgrund der im Vergleich zu Deutschland kleinen Szenen die entsprechenden Personen – auch vermummt – kennt, werden kaum Strafen ausgesprochen. Dazu kommt, dass trotz des extremen Gebrauchs von Pyrotechnik in den letzten paar Jahren kaum gefährliche Situationen entstanden sind oder Pyrotechnik auf andere Fans geworfen wurde.

Verhältnis zur Polizei entspannter als in Deutschland

Gerade beim Thema Pyrotechnik wird auch deutlich, dass bei den Fans die Medien als die treibende Kraft hinter den Repressionen verstanden werden. Vereinsintern wird Pyrotechnik teilweise begrüßt und viele Polizisten geben sich in persönlichen Gesprächen mit den Fans dem Thema aufgeschlossen und schütteln den Kopf über die Repressionen gegen Pyrotechnik. Dies gegen außen zugeben kann jedoch niemand, da man Gefahr laufen würde, als gewaltverherrlichend hingestellt zu werden. Vereine und Polizei werden daher eher als „Exekutive“ wahrgenommen, welche die Maßnahmen, die der Politik durch die Medien diktiert werden, umzusetzen haben.

Das Verhältnis zur Polizei ist daher auch, trotz der gelegentlichen gewalttätigen Aufeinandertreffen, verhältnismäßig entspannt. Hitzige Situationen, viele Provokationen und gegenseitige Missverständnisse haben aber auch dazu geführt, dass ACAB in der Schweiz sehr stark verbreitet ist und Auseinandersetzungen mit der Polizei stattfinden.

Choreo zum Abschied vom HardturmAuswärts sind die Fans etwas eingeschränkter als in Deutschland. Normalerweise reisen die Fans in Extrazügen an, dies vor allem, weil die SBB (Schweizerische Bundesbahnen) zusammen mit den Fangruppen oder den Vereinen günstige Tickets von umgerechnet 36 € oder 54 € je nach Distanz anbieten (zum Vergleich: normalerweise kostet ein Ticket Zürich – Bern, 100 km, 80 €, ein Ticket Zürich – Genf, 300 km, 138 €). Beim Aussteigen werden die Fans von Hundertschaften der Polizei empfangen und durch abgezäunte Passagen geleitet. Am Eingang werden Auswärtsfans gründlich kontrolliert (nicht zu vergleichen mit Deutschland), Alkoholverbot im Gästesektor ist häufig, ein 30minütiges Absperren des Gästeblocks nach dem Spiel ist normal. Danach werden die Auswärtsfans wiederum von der Polizei empfangen und begleitet. Wenn Stadionverbotler mitreisen, werden diese hinter dem Stadion auf der Seite des Gästeblocks „geparkt“, freies Bewegen in der Stadt ist praktisch nicht möglich, auch nicht für Fans ohne Stadionverbot. Wer es dennoch tut, riskiert, von der Polizei mitgenommen zu werden.

Bei kleineren Vereinen, wenigen Gästefans und vor allem in älteren Stadien sind die Maßnahmen etwas weniger streng, zum Beispiel werden die Fans nur in den modernen Stadien nach Spielende im Block zurückgehalten. Auch das Alkoholverbot kann je nach Risikoeinschätzung variieren. So gibt es die Möglichkeit, bei Spielen, die nicht als Risikospiel eingeschätzt werden, im Gästeblock Alkohol oder light Bier auszuschenken, bei Hochrisikospielen wie dem Zürcher Derby hingegen gab es auch schon Alkoholverbot in einem größeren Radius um das Stadion. Auch die Anreise ist nicht immer gleich streng. Bei den Spielen der drei größten „Risikovereine“ FC Zürich, Grasshoppers und FC Basel gegeneinander, die auch alle drei untereinander Feindschaften pflegen, werden hingegen die Wege sehr streng eingeschränkt, wodurch sich die Kämpfe des Öfteren in die Innenstadt verlagern und oft erst Stunden nach dem Abpfiff stattfinden und stattdessen die normalen Stadionbesucher in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Alles in allem ist die Schweiz ein gutes Beispiel dafür, dass die ganzen Maßnahmen, die auch in Deutschland teilweise diskutiert werden, kaum fruchten und meistens die Falschen treffen.

Nadja, 29.07.2014


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