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Sportpolitik - 21.01.2014

Fankongress 2014: Wieder dem Populismus

Wie erlangen Fußballfans mehr Mitbestimmung im Verein? Welche Möglichkeiten gibt es, die eigene Position in den Medien zu stärken? Sollte es für Profi-Zweitvertretungen eine eigene Reserverunde geben? Und wo bekomme ich im Fall der Fälle juristische Unterstützung? Um diese und noch viele weitere Fragen zu klären, trafen sich am Wochenende rund 700 Fußballfans aus ganz Deutschland in Berlin. Der Fankongress 2014 hat gezeigt, dass der Dialog mit der DFL intakt und durchaus vielversprechend ist, im Dreieck Fans, Polizei und Innenpolitik aber weiter einiges im Argen liegt. Für einen mehr als faden Beigeschmack sorgten leider die unfassbar idiotischen gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Kölner Innenstadt.

Ob Hamburg, Dresden, Lübeck oder München – von überall her waren Fanszenen von rund 80 Vereinen aus ganz Deutschland ins Berliner Kosmos geströmt, um über die Zukunft des deutschen Fußballs zu diskutieren: "Fanfreundliches Stadionerlebnis – wie Fans den Fußball wollen" lautete das Motto. Mit rund 30 Mitgereisten, das dürfen wir an dieser Stelle lobenswert erwähnen, war die Dortmunder Delegationen eine der größten beim diesjährigen Fankongress. Und wr es 2012 noch eine eher überschaubare Anzahl von Medienvertretern, fiel es diesmal schon deutlich schwerer, die Hauptprotagonisten und Offiziellen für einen kurzen Smalltalk während der Pausen zu erreichen. Auch das verlieh den Botschaften des diesjährigen Fankongresses weiteres Gewicht. Leute wie der DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig waren ständig von Kameras, Mikrofonen und Diktiergeräten umlagert und auch Vertreter der AG Fananwälte sind mittlerweile zu beliebten Gesprächspartnern geworden.

Ein vielfältiges Programm

Die Organisatoren von Pro Fans und Unsere Kurve hatten für die beiden Tage ein buntes und ebenso volles Programm auf die Beine gestellt: Workshops. Podiumsdiskussionen. Fanhilfen, Erbseneintopf, Offizielle von DFB und DFL, Wissenschaftler, Polizei-Vertreter oder Fanforscher.

Nach der Begrüßung, bei der unter anderem der ehemalige DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn wiederholt auf die hohen (Sicherheits-)Standards des deutschen Fußballs verwies, verteilten sich die Teilnehmenden auf die einzelnen Workshops. Insgesamt umfasste das Angebot fünf Themenbereiche, zu denen jeweils zwei Veranstaltungen angeboten wurden. In den Workshops wurde standesgemäß entwickelten sich nach den Vorträgen verschiedenster Referenten schnell konstruktive Diskussionen im Plenum. Fans stellten Fragen, woraufhin Lösungsvorschläge entweder von den Experten aufgezeichnet wurden, oder aber andere Anhänger ihre Erfahrungen einfließen ließen. Ein reger Austausch fand auch auf dem „Markt der Möglichkeiten“ statt, auf dem sich verschiedene Institutionen wie die AG Fananwälte, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte oder auch die BVB Fan- und Förderabteilung präsentierten. Bitte seht uns nach, dass wir nicht alle Themen (ausführlich) beleuchten können. Auf der Seite des Fankongresses hat das Medienteam, zu dem auch Vertreter von schwatzgelb.de gehörten, dafür alle Veranstaltungen mit ausführlichen Livetickern dokumentiert.

Rettig top, Jäger flop

Seine Einladung zum Fankongress abgelehnt hatte NRW-Innenminister und Genosse Ralf Jäger aufgrund anderweitiger terminlicher Verpflichtungen. Jäger ist seit kurzem Vorsitzender der Innenministerkonferenz und hat bereits angekündigt, das Thema Fußballfans in dieser seiner Funktion wieder verstärkt in den Fokus zu rücken und hart durchzugreifen. Themen, die man mit dem Politiker, der mindestens in puncto Fußballfans und trotz seines SPD-Parteibuchs mittlerweile als Hardliner gilt, auf dem Fankongress vorzüglich hätte erörtern können.

Stattdessen erklärte er per Brief, den Pro Fans und Unsere Kurve mittlerweile veröffentlicht haben, nicht nur seine Absage, sondern goss weiteres Öl ins Feuer und warf Fußballfans ohne den Hauch von Differenzierung in einen Topf mit Intensivtätern und Rechtsradikalen. Ja, Herr Jäger, die finden wir genauso fehl am Platz wie Sie. Aber diese diffizilen Probleme lassen sich nicht mit einer halben Seite voller Worthülsen lösen, sondern mit einem respektvollen Dialog, zum Beispiel bei einem Fankongress. Wahrscheinlich kann er nach dem Verfassen solcher Zeilen nachts besser schlafen, an einer ernsthaften Lösung scheint er jedenfalls nicht interessiert zu sein. Und wahrscheinlich ist es deshalb nur gut, dass Jäger nicht den Weg nach Berlin gefunden hat. Im Moment sind weitere Diskussionen mit ihm darüber nur eines sind: sinnlos.

Wie man es besser macht, zeigte derweil Andreas Rettig. Er ist seit Anfang 2013 Geschäftsführer der DFL und vermittelte bereits während der 12:12-Debatte den Eindruck, dass er an einer ernsthaften Annäherung von Fans und Verbänden interessiert sei. Die Befürchtung, dieses Engagement würde sich nach der Verabschiedung des Sicherheitspapiers wieder in Luft auflösen, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Der unaufgeregte Funktionär bleib fast die komplette Zeit über im Kosmos, wohnte, ebenso wie DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock, einzelnen Workshops bei und nahm sich viel Zeit für Medienvertreter. Trotz mancher Meinungsverschiedenheiten machten seine unter anderem seine Worte zu 50+1 oder zur Anti-Diskriminierung Mut im Hinblick auf das Verhältnis zwischen DFL und Anhängern. Rettig meint es ernst.

Er machte sich für das Financial Fairplay und "ohne Wenn und Aber" für den Erhalt der 50+1-Regelung stark, die den deutschen Fußball vor der Übernahme launiger Investoren bewahren soll. Dabei kritisierte er, ohne allerdings konkrete Vereinsnamen zu nennen, Geschäftsgebahren wie die von Red Bull Leipzig, aktuell mit Brause-Millionen vollgepumpt auf Platz zwei der dritten Liga und auf dem besten Weg in den Profifußball. Für kräftigen Applaus sorgte Rettig, als er seine Grußworte am Sonntagvormittag unvermittelt mit den Worten enden lässt: "Ich wünsche der Veranstaltung einen guten Verlauf – und Nazis raus!"

Fußballfans und die Polizei: Nur wenig Besserung in Sicht

Weitgehend abgekühlt ist hingegen das allgemeine Verhältnis zwischen Fans und der Polizei. Diesen Eindruck vermittelte die Podiumsdiskussion am Samstagmittag, an der neben Christian Bieberstein (UK), Hendrik Große-Lenfert (Sicherheitsbeauftragter DFB), Prof. Dr. Albert Scherr (Soziologe), Prof. Dr. Thomas Feltes (Kriminologe) und Donato Molillo (Fanbeauftragter Hertha BSC Berlin) mit Hans-Ulrich Hauck (Direktionsleiter Polizeidirektion 2, Berlin) und Bernd Heinen (Vorsitzender Nationaler Ausschuss Sport und Sicherheit) zwei Polizeivertreter teilnahmen. Warum die Kommunikation zwischen beiden Seiten aktuell weitestgehend still steht, wrude hier deutlich. Bald gingen beide Seiten dazu über, sich Einzelfälle an den Kopf zu werfen, um jeweils das Fehlverhalten der Gegenseite zu untermauern.

Die Vorwürfe der Fans an die anwesenden Polizisten (wenige hatten auch den Weg ins Publikum gefunden): Das Gefühl, von den Ordnungshütern bereits während der Anreise volluniformiert wie Straftäter behandelt zu werden, mangelnde Verhältnismäßigkeit bei den gewählten Methoden, kaum Aufklärung von Straftaten von Polizeibeamten und eine Vergiftung des Klimas durch die Gewerkschaften, allen voran Rainer Wendt. Positives Gegenbeispiel zu dem auf diese Vorwürfe teils aufbrausend erwidernden Bernd Heinen war immerhin Hans-Ulrich Hauck. Der punktete mit dem Angebot an die Berliner Fans, den Einsatz-Nachbesprechungen der Polizei beizuwohnen, und beäugte die "Vollvermummung" von Beamten bei Fußball-Einsätzen kritisch. Trotz aller Kontroversen bewiesen Heinen und Hauck Mut, sich einem Saal zu stellen, in dem der größter Teil der Anwesenden den eigenen Positionen mehr als kritisch gegenübersteht, das sollte man an dieser Stelle auch festhalten.

"Diese Fans können wir nicht erreichen"

Genau in diese Diskussion platzte am Samstag die Nachricht der Schlägerei zwischen Kölnern, Schalkern und offenbar auch Dortmundern in der Domstadt. Um es kurz zu machen: Was für eine sinnlose und idiotische Aktion! Ein wiederholter Schlag in die Fresse alldiejeniger, die sich auf Veranstaltungen wie eben dem Fankongress um die Rechte von Fußballfans und eine differenzierte Diskussion darüber einsetzen. Doch offenbar scheinen diese Leute an Letzterem kein Stück interessiert zu sein. Anders lassen sich Vorfälle wie in Köln zumindest nicht erklären. Jakob Falk von Pro Fans fand am nächsten Morgen die richtigen Worte, als er die Vorfälle aufs Schärfste Verurteilte und sagte, dass diese Fans durch den Fankongress nicht erreicht werden sollten und auch gar nicht könnten. Andreas Rettig bestätigte ihn wenig später darin.

Trotz des vorübergehenden Stimmungskillers bleibt ein erfolgreicher Fankongress 2014 mit vielen kontroversen wie fruchtbaren Diskussionen. Klar, wir haben noch viel zu tun. Doch der hohe Organisationsgrad der Fanszenen in Deutschland und die Bereitschaft, auch über den Stadionbesuch hinaus Zeit für einen fanfreundlichen Fußball zu opfern, zeigen, dass die Fankultur in Deutschland lebt und dem Populismus der Widersacher mehr als nur gute Argumente entgegenzusetzen hat.

Hier findet ihr die Video-Zusammenfassungen der einzelnen Veranstaltungen.

mas, Tim; 21.01.2014


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