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Auf fremden Platz - 11.10.2013

Groundhopping in Borussias Vergangenheit - Der VfR Mannheim

Eigentlich fahren wir einen Tag zu spät in den Süden. Samstags Bundesliga gegen Nürnberg, dienstags Pokal gegen 1860 München, das ließe sich kombinieren. Aber wenn ein guter Freund seinen  Geburtstag feiert, muss man seine Reisepläne anpassen. Es geht also erst am Sonntag runter in die bayerische Hauptstadt, um die Borussia zu unterstützen. Aber weil ein Wochenende ohne Fußball auch blöd ist, hilft ein kurzer Blick in den Matchkalender. Und tatsächlich, auf direktem Weg nach München findet ein Spiel statt, das an eine frühe Episode in der Geschichte des BVB erinnert: Der VfR Mannheim empfängt den SV Spielberg. Ersterer ist ein alter Bekannter des BVB. Mit dem VfR kreuzte der BVB einst in einem wichtigen Spiel die Grätsche: Im Finale der Deutschen Meisterschaft von 1949.

Der VfR Mannheim gehört zugegebenermaßen nicht zu den Vereinen, deren Auf und Ab ich intensiv verfolge. Mittlerweile spielt er in der Oberliga Baden-Württemberg, das ist fünfte Liga. Es gehört zu den Angewohnheiten von Sportberichten, an dieser Stelle die komischen Namen von Dorfvereinen aufzuführen, mit denen sich gefallene Traditionsklubs herumschlagen dürfen. Mir fällt hingegen auf, dass mit dem SSV Reutlingen in dieser Liga ein weiterer bekannter Name zu finden ist, und auch der FC Nöttingen ist mit seinem starken Auftritt gegen die Blauen im diesjährigen Pokalwettbewerb in guter Erinnerung. Die größte Historie  in der Liga haben jedoch fraglos die Mannheimer, auch wenn die Gegenwart für sie eher trist aussieht: ebenso wie der SV Spielberg ist auch der VfR schwer in die Saison gestartet. Mannheim liegt nach fünf Unentschieden und ohne Sieg  auf einem Abstiegsplatz, der SV Spielberg hat nur einen Punkt mehr gesammelt.

Das Meisterschaftsfinale 1949

Auch 1948/49 spielte der VfR Mannheim in einer Oberliga, doch damals war dies noch die höchste Spielklasse. Nach dem Ende der regulären Saison war der Verein Zweiter geworden, hinter den Offenbacher Kickers und vor dem FC Bayern München. Andere namhafte Klubs wie den TSV 1860 München, den VfB Stuttgart oder den 1. FC Nürnberg ließ man hinter sich. Die Endrunde wurde 1949 als reine KO-Runde ohne Rückspiel ausgespielt. Während die Mannheimer im Viertelfinale den Hamburger SV vom Platz fegten, taten sie sich im Halbfinale gegen die Offenbacher Kickers deutlich schwerer, es reichte aber zu einem 2:1 Sieg. Im Finale wartete Borussia Dortmund.

Der BVB von 1949 war  noch ein recht unbeschriebenes Blatt. In den letzten Jahrzehnten hat die Borussia Meisterschaften, Pokalsiege und internationale Titel errungen, damals war der Briefkopf noch weitgehend leer. Die Borussia war aber auf dem Vormarsch und kämpfte sich zunehmend aus dem Schatten des Reichsmeisters Schalke 04 heraus. In der unmittelbaren Nachkriegszeit gelang es dem Ballspielverein erstmals, so etwas wie eine Dominanz im Westen zu erreichen. Sowohl 1948 als auch 1949 gewann der BVB die Oberliga-Meisterschaft und qualifizierte sich damit für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. War 1948 noch im Halbfinale Schluss, schien 1949 der große Erfolg greifbar. 93.000 Menschen pilgerten zur Partie gegen den VfR ins Stuttgarter Neckarstadion. Zunächst sah es nach einem Erfolg für Dortmund aus, der BVB ging in Führung und dominierte die ersten 60 Minuten. Doch im Laufe der zweiten Hälfte ging den technisch versierteren Borussen die Puste aus und die körperlich überlegenen Mannheimer entschieden in der Verlängerung das Spiel 3:2 für sich. Trotz der Niederlage konnte der BVB auf seine Leistung stolz sein, zumal er erstmals eine nationale Visitenkarte abgegeben hatte.

Link: Die Geschichte des BVB - Teil 6: Die BVB-Historie von 1949 bis 1958

TV-Beitrag im SWR-Fernsehen am 10.07.2009

 

Der schleichende Niedergang des VfR nach der Meisterschaft.

Der Fall des VfR seit dem Endspiel gegen die Borussia ist tief und kontinuierlich. Wie viele frühe Traditionsvereine wurden auch die Mannheimer ein Opfer des Einschnitts von 1963.  Der Verein qualifizierte sich nicht für die neugegründete eingleisige 1. Bundesliga und war nach einem stolzen halben Jahrhundert Erstklassigkeit plötzlich Zweitligist. Schon 1971 ging es weiter nach unten. Mit nur kurzen Unterbrechungen blieb der Verein über verschiedene Ligareformen hinweg in der jeweils dritten Spielklasse, bis er in der Saison 2002/2003 aus finanziellen Gründen die Lizenz abgeben musste. Nun rückte der Profifußball endgültig in weite Ferne und seit einem Jahrzehnt pendelt der VfR nun zwischen der vierten und sechsten Liga hin und her.

Das Rhein-Neckar-Stadion, in dem der VfR heute seine Heimspiele austrägt und das im Schatten des Carl-Benz-Stadions der Waldhofer liegt, ist erst 1971 eröffnet worden. Damals musste das alte „Stadion an den Brauereien“ der Erweiterung der Eichbaum-Brauereien weichen. Viele Stadien der frühen Fußballgeschichte haben dieses Schicksal geteilt, weil oftmals die Sportstätten auf günstiger Brachfläche in Unternehmensbesitz erbaut worden waren. Auch die Dortmunder „Weiße Wiese“ fiel der Ausdehnung von Hoesch zum Opfer. Beim Bau des neuen Mannheimer Stadions war der VfR von seinen Glanzzeiten bereits einige Jahre entfernt und befand sich auf dem Weg in die dritte Liga. Entsprechend bescheiden nimmt sich die Spielstätte aus. Einen besonderen Charme versprüht sie nicht, die mit beigen Wellblech verunstaltete Turnhalle hinter dem Südtor dominiert den Sportplatz. Auf den Stehrängen gedeiht das Moos.

Der VfR – sportlich im Niemandsland aber dennoch lebendig

Das Stadion ist mit 650 Zuschauern gut besucht, es ist Kinder- und Jugendtag beim VfR. Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund ist in Mannheim mit fast 40%  überdurchschnittlich hoch, und der VfR leistet auf diesem Gebiet wie viele Amateurvereine wichtige Integrationsarbeit. Zum Schmunzeln bringt uns, dass Frauen nur den Schülerpreis zahlen müssen. Selbstgebackene Kuchen runden die freundliche Familienatmosphäre ab. Im Spiel aber kippt die Stimmung. Während die Jugendlichen mit Fahnen um das Feld laufen und die Mannschaft anfeuern, dominieren um uns herum silberhaarige Männer das Geschehen, die lautstark den Schiedsrichter kritisieren. Die Beschimpfungen sind so derb und persönlich, dass man meinen könnte, der Referee trage die Schuld an 50 Jahren sportlichen Niedergang. Ob seine Fehlentscheidungen in der zweiten Hälfte gegen die Mannheimer der heimlichen Genugtuung dienen, lässt sich nur erahnen. Nachdem der VfR in der ersten Halbzeit verdient in Führung geht und weitere Großchancen ungenutzt verstreichen lässt, versagt der Schiedsrichter ihnen in der zweiten Hälfte zunächst einen Elfmeter, bevor er dem SV Spielberg einen strittigen zuspricht. Der später folgende Siegtreffer der Spielberger ist hingegen verdient, Mannheim hat nichts mehr zuzusetzen.

Die Sportanlage leert sich schnell. Die Hüpfburg steht schon nicht mehr, als wir zum nahegelegenen Ausgang gehen. Die Stimmung unter den Besuchern ist schlecht, der Trainer und frühere Bundesligaspieler Stephan Groß, der erst im Sommer gekommen war, wird schon in Frage gestellt. In dieser Hinsicht ist es beim VfR ganz so wie bei den Profis. Ansonsten ist der VfR aber heute einer der zahlreichen Vereine, die dem Fußball die Breite geben und ihn zum Volkssport machen. Ehrenamtliches Engagement wird hier groß geschrieben. Außerdem engagiert sich der VfR im Kampf gegen Homophobie im Fußball und gehörte, anders als der BVB, zu den Erstunterzeichnern der „Berliner Erklärung“. Sportlich hat der VfR zwar seine besten Tage hinter sich, aber dennoch lebt der Verein.

Nachtrag

Seit dem Spiel gegen Spielberg hat der VfR drei weitere Anläufe zum ersten Saisonsieg genommen, musste sich aber mit drei Unentschieden zufrieden geben. Die Abstiegsplätze konnte der VfR dennoch verlassen, nachdem am grünen Tisch das Spiel gegen den KSC II, das zunächst 0:5 verloren gegangen war, wegen des Einsatzes nicht spielberechtigter Spieler mit 3:0 gewertet wurde.

PatBorm, 11.10.2013


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