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Erinnerungen an Arne - 28.10.2015

Wir sind noch verabredet! (von Phil)

Und dann ist es doch passiert. Schon die Tage zuvor waren alle, die dir irgendwie enger verbunden waren, in großer Sorge um dich. Dein Zustand hatte sich die letzten Wochen immer mehr verschlechtert und deine Lage wurde, wohl auch für dich, immer bedrückender. Aber noch eine Woche vorher habe ich mich mit dir mal ausnahmsweise auch über Fußball ausgetauscht; über Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, den FC Liverpool, den Fußball als solchem in seinen heutigen Facetten. Da warst du noch dieser meinungsstarke, gebildete, diskussionsfreudige und mir in mehr als 15 Jahren liebgewonnene Fußball-Experte. Ich wusste ja, dass dein Leben seit 3 Jahren ein Kampf um das Leben war. Aber um etwas zu wissen bereitet einen noch lange nicht auf den Moment vor, wo es dann doch passiert.

Noch kurze Zeit bevor du von uns gegangen bist, hast du eine Nachricht von mir erhalten, so wie es die letzten Wochen mehrfach am Tage zur schönen Gewohnheit geworden war, mit dir in Kontakt zu treten. Du hast sie gelesen, aber nicht mehr darauf antworten können oder wollen. Das lässt mich ratloser zurück, als du dir vielleicht in deiner dir innewohnenden Bescheidenheit je vorstellen kannst. Und ja, Arne, schon heute fehlst du mir sehr. Dein Leben hat schon heute Echos erschaffen, welche für immer bleiben werden.

Hallo. Ein ungewöhnlicher Einstieg. Einfach Hallo. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn man jedoch einmal bemerkt hat, dass das menschliche Dasein eben auch einen Moment mit sich bringt, in dem man nicht mehr Hallo sagen kann, hat dieses schmale, millionenfach im Leben wohl genutzte Wort eine völlig neue, andere und gewichtige Bedeutung.“ So hatte einst ein Text „Fan am Ende des Anfangs“ von mir für schwatzgelb begonnen, welcher dich und mich von dort an zu engen Verbündeten machte. Noch vor einem Monat hattest du mir geschrieben, damit wir uns endlich einmal länger treffen würden. „Dann kommt nach dem nächsten Spiel einfach noch auf ‘nen Kaffee zu uns“, und ich möchte jetzt ergänzen „Und wir sagen uns Hallo“. So waren wir verabredet, wenn es mein Körper mal wieder zulassen würde, was er immer weniger tat, ein Spiel in Dortmund zu besuchen. Nun ist es dein Körper, viel schneller als du oder ich dachte, der dies nicht mehr zulässt.

Gekannt haben wir uns schon lange. Persönlich getroffen nie. Unsere „Säbel“ kreuzten sich seit mehr als 10 Jahren in jenem Kosmos, den viele jetzt, und die damit so richtig liegen, dein Lebenswerk nennen. Schwatzgelb.de, der BVB, das war es, was uns schon immer verband. Wir stritten, wir diskutierten, wir waren oft einer Meinung und noch öfter nicht einer Meinung. Du warst mir immer ein Kompass in den Dingen des Fußballs, aber auch weit darüber hinaus.

Vor circa 3 Jahren ereilte uns beide dann fast zeitgleich etwas, was viele beiläufig als „Schicksalsschlag“ bezeichnen und mit diesem Wort doch nicht im Ansatz erfassen, was da passiert. Wir erkrankten. Du so viel schlimmer als ich, und dennoch sagtest du zu mir immer, wenn es mir einmal wieder schlecht ging, weil ich mit so vielen Folgen meiner Erkrankung zu kämpfen hatte „Mir, Phil, geht’s doch viel besser als dir. Meine Krankheit ermöglicht mir ja weitgehend ein normales Leben – weiß nur keiner, wie lange.“ So warst du, Arne. Du hast dich damals, als du von meiner Situation erfuhrst, sofort bei mir gemeldet. Und du hast mir von dir berichtet. Fortan warst du mir ein wichtiger Ansprechpartner. Wenn nicht der Ansprechpartner neben meiner Frau. Du warst es, der verstand, wie es mir geht, der selbst wusste, was mit einem geschieht, wenn die Welt auf einmal nicht mehr so ist, wie sie war, und wie man sie sich wünschte und erhoffte. Von dort an haben wir im Grunde mehr oder weniger ständig im Kontakt gestanden und uns über Höhen und Tiefen (und auch mal über den Fußball) in unserem Leben ausgetauscht und nicht nur einmal konntest du mir mit deiner Art und deinem Wissen, mit deinem Einblick in jene „Parallelwelt“ derer, die nicht wissen „wie es ist“ krank zu sein, helfen. Dafür, lieber Arne, werde ich dir für immer dankbar sein und ich hoffe zutiefst, dass auch ich dir hier und da ein wenig helfen konnte. Und das wird nun auch fehlen. Schon heute merke ich, dass ich mich über so viel mit dir austauschen will.

Was sagst du zum DFB? Was tue ich nur, damit es mir besser geht? Wie soll ich damit umgehen? Warum kann Klopp nicht mehr gewinnen? Ist Seehofer verrückt geworden? Wie sieht er aus, der Himmel? Geht es dir gut? Was gibt es neues? Ich schaffe es leider nicht zum Derby!? Wann trinken wir endlich diesen Kaffee?

Vor einigen Tagen stand ich dann vor deinem Sarg. Deine Fußspuren in diesem Leben waren riesengroß, und so waren hunderte Menschen gekommen, um noch einmal bei dir zu sein. Sämtliche Spitzenfunktionäre deines BVB waren gekommen, viele Wegbegleiter, noch mehr enge Freunde und natürlich deine Familie, deine Frau, dein Sohn, deine Eltern, deren Verlust ich heute gar nicht zu fassen vermag. Dein Freund, Stefan Reinke, hat das in einer wirklich mehr als beeindruckenden Rede im Rahmen der Trauerfeier wirklich für alle auf den Punkt gebracht. Das war ein Moment, wo wohl jedem wahrhaftig wurde, wer du warst und dass du uns und so vielen Menschen fehlen wirst.

Das war schön und schrecklich zugleich, zu sehen, wie viele Menschen um dich trauerten und wie viele Menschen dich nie vergessen werden. Die Echos, von denen ich oben schrieb, die du erzeugt hast mit deinem Leben, waren gewaltig. Denn auch in diesem schweren Moment geschah das, was dir immer so wichtig war: Viele Menschen trafen sich, redeten, lernten sich kennen, lachten auch und bildeten eine große Einheit. Und für einige Stunden schien die Zeit still zu stehen.

Aber schon bald wird die Zeit nicht mehr stehen bleiben. Schon bald dreht sich alles weiter. So oft haben wir beide darüber gesprochen, wie es war, als die Zeit um einen herum einfach weiterging, als sei nichts geschehen, und es war doch so viel geschehen. Und am Ende waren wir uns einig, dass es gut ist, dass diese Zeit sich so völlig unmanipulierbar dreht. Und sei dir sicher, Arne, du hast in deinem Leben etwas erschaffen, dass nun dafür Sorge tragen wird, dass alles, was dir wichtig war, zuallererst deine Frau und dein Sohn, nicht allein bleibt und nicht vergessen wird.

Fehlen wirst du dennoch. Deiner Frau, deinem Sohn, deiner Familie. Dann deinen engsten Freunden und Wegbegleitern. Dann Menschen wie mir, um die du dich gekümmert hast, mit denen du verbunden warst. Darüber hinaus wirst du all jenen fehlen, denen du indirekt so viel hinterlassen hast mit dem, was dein viel zu kurzes Leben ausgemacht hat.

Am Freitag, dem 16. Oktober, gegen 22 Uhr, bist du also gestorben, aber Arne, wir sind noch verabredet, so viel steht fest. Und ich werde das auch nicht vergessen!

MFG

PHIL, 


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