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Fußball offline - 13.06.2017

„Was ist dein Problem mit Fußball? Viele Grüße, Football Leaks“

Diese Frage wurde dem Spiegel-Redakteur Rafael Buschmann in einer anonymen E-Mail erstmals im Januar 2016 gestellt. Den Machern von Football Leaks war es gelungen, dem Fußball und seinen Protagonisten eine schier unglaubliche Menge an bis dahin gut versteckten Daten und Informationen zu entreißen. In dem nun veröffentlichten Buch „Football Leaks, Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball“, geschrieben von Rafael Buschmann und Michael Wulzinger, wird die Geschichte dieser Enthüllungen ausführlich nacherzählt. Dabei wird eine große Menge spannender Informationen preisgegeben. Das Buch lässt sich dabei in drei Bereiche unterteilen, zwischen denen die Autoren auf den circa 280 Seiten unterhaltsam hin- und herspringen.

Die Enthüllung von Spielerverträgen, Beraterverträgen, Ablösesummen, Gehälter und Werbedeals sind der eine Erzählstrang. In einem weiteren Bereich, dem eigentlichen Kern des Buchs, wird sehr eindringlich beschrieben, wie krank das System Fußball inzwischen ist und welche Akteure, mit welchen Methoden, in diesem Geschäft am Werke sind. Weiterhin gibt das Buch einen Einblick in die journalistische „Kärrnerarbeit“, die heutzutage – auch aus der Branche heraus - so gerne diskreditiert wird. Wer sind die Informanten, wie stellt man zu ihnen Kontakt her und wie verarbeitet und wertet man ein unfassbares Datenvolumen an Informationen aus?

Ein Frontalangriff auf das Milliardengeschäft Fußball

Alle Bereiche zusammen verschmelzen tatsächlich zu einem „Frontalangriff auf das Milliardengeschäft“ Fußball und lesen sich wie ein spannender Krimi. Wer erfahren will, wie das so genannte „Third Party Ownership“ funktioniert, und wie dessen Verbot durch die FIFA, weiterhin umgangen wird, bekommt Erklärungen über die komplizierten Geschäftsmodelle von Firmen wie Doyen Sports. Diese Firmen, gespeist mit Milliarden aus z.B. Kasachstan oder reicher Investoren, regieren den internationalen Fußball und nehmen Einfluss auf Spieler und Vereine, indem man die Transferrechte hält, Werberechte kauft und Spieler wie Rohstoffe hin und her verkauft.

Auch aufgezeigt wird, wie Dietmar Hopp, als Mäzen der TSG Hoffenheim, über eine Firma mit dem Namen „Transfair Rechteverwertungs GmbH & co. KG“ , anscheinend an Transfers von Hoffenheim-Spielern mitverdient. Das herausragende Beispiel ist dabei der Verkauf von Roberto Firmino, der für rund 40 Mio. EUR zum FC Liverpool transferiert wurde. Doch bis auf 8 Mio. EUR floss dieses Geld nicht an die TSG Hoffenheim, sondern direkt an die „Transfair Rechteverwertung Gmbh & co. KG“, welche einige Zeit zuvor für rund 20 Mio. EUR die Transferrechte des Spielers gekauft hatte. Anhand des Beispiels arbeiten die Autoren gut heraus, welche Interessenkonflikte im Fußball vorherrschen. Denn das Beispiel Hopp / Hoffenheim ist dabei nur eines von vielen, worauf in diesem Buch eingegangen wird.

Football Leaks liefert jede Menge Vertragsdetails

Ebenfalls spannend sind die vielen Informationen, die man aus diversen Spieler- und Werbeverträgen bekommt. Man erfährt erstmals durch Dokumente belegt, wie viel Fußballprofis heutzutage verdienen können. Der Bogen der Enthüllungen geht dabei von Volland, Nuri Sahin über Özil bis hin zu Ronaldo, Ibrahimovic oder Paul Pogba. Allein um ein belegbares Gefühl für den heutigen Wahnsinn am Spielermarkt zu bekommen, lohnt sich die Lektüre des Buches. Wer einen Chicharito verpflichten will, muss diesem mindestens 6 Mio. Euro Fixgehalt zzgl. Prämien bieten und eine extra Torprämie draufsatteln, die bis zu 500.000 EUR ausmachen kann. Zudem muss man seinen Beratern jedes Jahr 1,5 Mio. EUR überweisen, damit der Spieler seinen Vertrag erfüllt. Wer sich einen Verteidiger wie Sergio Ramos wünscht, muss bereit sein, ein Fixgehalt von fast 20 Mio. Euro zu überweisen. Ein Torhüter wie David de Gea kostet ca. 11,8 Mio. EUR als fixes Gehalt. Und er bekam rund 11 Mio. EUR Handgeld, als er seinen Vertrag unterschrieb. Wieso Paul Pogba so viel Ablöse generierte, wer daran am meisten verdiente und wieviel Einkommen ein Ronaldo tatsächlich hat, wird ebenso zentral behandelt.

Die Autoren Michael Wulzinger und Rafael Buschmann

Wie groß die wirtschaftlichen Unterschiede im Weltfußball heutzutage sind, kommt dabei automatisch ans Tageslicht. Dass Real Madrid von Adidas pro Saison ca. 120 Mio. EUR erhält, ist dabei ebenfalls nur ein Beispiel unter vielen in diesem Buch.

Dies sind nur einige wenige Beispiele. Die Autoren konnten hier offensichtlich auf einen riesigen Daten- und Informationsschatz zugreifen. Wodurch Ihnen an der einen oder anderen Stelle auch mal ein wenig zu viel an persönlichen Vertragsinhalten, die für sich aber kein Skandal sind, in das Buch gerutscht ist. Manches wirkt dann nicht wirklich der Sache dienlich und die Vermischung mit harten sowie offensichtlich kriminellen Machenschaften, wie z. B. die Erschaffung von Steuersparmodellen, die gezielte Umgehung von Steuerlasten, den halblegalen „Third Party Ownership“-Methoden durch mehr als fragwürdige Geschäftspartner und die unfassbare Bereicherung von Spielerberatern, wirkt nicht immer fair. Dennoch ist es für den fußballinteressierten Leser natürlich von großem Interesse, einen tiefen Einblick in die Vertragsgestaltungen des Profifußballs zu erhalten.

Der Fußball braucht Hilfe von außen

Den Autoren gelingt es dabei mit einem präzisen, aber immer leicht lesbaren Schreibstil, ofmals komplexe Systeme und Methoden gut darzustellen und dabei auch kein „trockenes“ Sachbuch entstehen zu lassen. Stattdessen wird die spannende Geschichte erzählt, wie vor allem der Autor Buschmann mit dem Kopf von Football Leaks persönlich in Kontakt kam und versuchte, dessen Motive zu ergründen. Diese bleiben am Ende zwar im Vagen, aber der Informant sagt am Ende des Buches selbst: „Wenn Football Leaks eines gezeigt hat, dann doch dies, dass der Fußball dringend Hilfe braucht. Dass er sich nicht selbst helfen kann, sondern dass ihm die Polizei, die Steuerfahndung, aber vor allem die Politik helfen müssen“.

Hinzuzufügen wäre, dass auch der Fan, der Konsument dafür Sorge tragen kann, dass die „Omerta“, die bisher all die in diesem Buch geschilderten Sachverhalte unter Verschluss hielt, aufgebrochen wird. Denn von den Profiteuren des Systems ist dabei nichts mehr zu erwarten.

Und um sich als Fan und Konsument ein Bild von dieser Branche zu machen, welches man so als Außenstehender noch nie erlangen konnte, muss man dieses Buch lesen. Es steht in meinen Augen schon heute auf einer Stufe mit Thomas Kistners „FIFA Mafia, Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball“, welches schon 2012 die Methoden der Fußballverbände komplett offenlegte. Beide Bücher zusammen ergeben ein hoch spannendes, aber aus Sicht eines Fußballfans auch erschütterndes Bild über die Branche Fußball.

Bleibt zu sagen, dass beim Lesen des vorliegenden Buches nach jeder Seite das Gefühl einsetzte, dass es schade ist, wieder eine Seite weniger zum Lesen zu haben. Und ein größeres Kompliment kann ich einem Buch nicht machen. Ich warte somit auf weitere Enthüllungen und Informationen durch die Macher des Buches und freue mich schon heute darauf.

Das Buch "Football Leaks" könnt ihr unter anderem hier bei Amazon bestellen.

Phil, 13. Juni 2017

Zum Thema Football Leaks erscheint am 14. Juni auf schwatzgelb.de auch ein Interview mit dem Autor Rafael Buschmann sowie ein Kommentar zu den Enthüllungen.


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