Testspiel in München - wenig zählbares, aber viele gute Eindrücke
Borussia Dortmund zu Gast beim TSV 1860 München, ein
belangloser Testkick zwischen Trainingslager und Hochphase der
Bundesligavorbereitung – auf Anhieb nicht sonderlich spannend, aber immerhin Anlass
genug, sich mit den Eindrücken der Mannschaft auseinanderzusetzen und ein wenig
haltlosen Spekulatius in die Welt hinauszutragen, was wir von unserem neuen
Team so alles erwarten dürfen.
Zum 150. Geburtstag hatten sich die Münchener nicht lumpen lassen: Gemeinsames Frühstücken auf dem Trainingsgelände, ein Allstar-Spiel gegen eine Fanauswahl und zum Höhepunkt das umjubelte Geburtstagskind der vergangenen Saison zu Gast im inniglich geliebten Grünwalder Stadion. Ein schnörkelloses Programm ohne teuren Schnickschnack, das trotz heftigen Regens mit dem für Fans wichtigsten aufwarten konnte: Fußball im eigenen Stadion. Borussia hatte die Einladung gerne angenommen und erschien mit rund 900 Anhängern, die sich den Stadionpunkt nicht entgehen lassen und die elende Wartezeit bis zum Saisonbeginn überbrocken wollten. Die Stimmung war dementsprechend locker und gut, weshalb wir direkt zum Spiel springen wollen.
Eine sehenswerte Choreografie bestehend aus 2 Blockfahnen
über Gegentribüne und Westkurve sowie einigen Spruchbändern begrüßte die
Spieler beider Mannschaften. Diese waren beide – abgesehen von noch fehlenden
WM-Teilnehmern – in Bestbesetzung erschienen und legten los wie die Feuerwehr.
Schnelles Offensivspiel, bissige Laufduelle und aggressive Zweikämpfe zogen
sich wie ein roter Faden durch eine insgesamt eher unattraktive Partie. Es
dauerte rund eine halbe Stunde, bis Borussia die Hoheit über engagierte Löwen gewinnen
konnte – zählbares sprang dabei nicht heraus, so dass es mit einem mauen 0:0 in
die Pause ging.
Aus der Kabine kamen beide Mannschaften bereits mit einigen neuen
Kräften, auch später wurde in der zweiten Halbzeit ordentlich gemixt. Das Spiel
wurde über die vielen Veränderungen etwas hektischer, da sich regelmäßig Lücken
im Mittelfeld ergaben. Beide
Mannschaften nutzten die Freiräume und erarbeiteten
sich immer wieder gute Chancen, von denen die meisten und auch besten auf Borussia
entfielen. Zwei unnötige Abwehrfehler führten zum späten 1:0 für die Hausherren
– Patrick Owomoyela hatte einen Foulelfmeter verursacht, dessen Entstehung wir aus
unserer sichtbehinderten Position leider nicht sehen konnten. Gleiches gilt für
Tor zum Ausgleich sowie zwei weitere Großchancen Borussias kurz vor Spielende –
jeweils stand ein Pfosten in unserem Blickfeld, so dass auch hier der entscheidende Spielzug
unserer Phantasie überlassen blieb.
Doch kommen wir zum wichtigen Teil dieses Vorbereitungsspielberichts: Was haben wir aus diesem Freundschaftsspiel gelernt? Zum Einen natürlich, dass es Sechzig München nur in Giesing gibt und das Grünwalder Stadion über einen echten „Dopingraum“ verfügt. Zum Anderen „überhaupt nichts, weil jede Aussage zu diesem Zeitpunkt noch viel zu früh wäre“, wie es Jürgen Klopp nach Spielende festhielt. Das soll uns nun aber nicht kümmern.
Torwart: Roman Weidenfeller spielte eine zeitweise
herausragende Rückrunde und konnte seine Leistungen mühelos in die Saisonvorbereitung
stecken. Auch Neuzugang Mitch Langerak machte nicht den schlechtesten aller
Eindrücke, wie die Trainingslagerfahrer berichteten.
Beide hatten im Spiel zwar keine Gelegenheit, sich zu präsentieren –
Weidenfeller bekam (außer beim Elfmeter) keine Bälle aufs Tor, Langerak blieb
draußen –, doch dürfte uns bei ausbleibendem Verletzungspech eine hoffentlich ruhige
Saison im Kasten bevorstehen.
Abwehr: Alle eingesetzten Spieler hinterließen einen ordentlichen Eindruck. Marcel Schmelzer kämpfte verbissen um jeden Ball und zementierte die tollen Leistungen der vergangenen Saison. Mats Hummels hielt den Laden hinten weitgehend dicht und sorgte für gute Offensivimpulse, schoss jedoch mit einem unglücklichen Ballverlust kurz vor Schluss einen unnötigen Bock. Neven Subotic zeigte ebenfalls eine ansprechende Leistung. Einige Abstimmungsprobleme gab es auf der rechten Seite mit Lukasz Piszcek und Kevin Großkreutz – wann immer es gefährlich wurde, waren Stellungsfehler oder noch nicht greifende Automatismen die Ursache. „Kein Problem“, sagte Klopp, „denn beide können die Positionen zweifelsohne sehr gut spielen und werden sich noch aneinander gewöhnen. Dafür gibt es schließlich die Vorbereitung, um neue Spieler mit Trial-and-Error in die Mannschaft zu integrieren.“
In der zweiten Halbzeit kamen mit Dede, Patrick Owomoyela
und Felipe Santana drei weitere Spieler zu ihren Einsätzen – sie alle
überzeugten mit gutem Stellungsspiel und ließen keinen Abfall zur ersten
Halbzeit erkennen. Ihren Willen stellten Dede und Owomoyela unter Beweis, als
sie sich beide den gelben Karton abholten und ihre Mannschaft nochmals wachrüttelten - bei Owomoyela kann das Foul allerdings auch als Frustfoul ausgelegt werden, hatte er doch erst wenige Augenblicke zuvor einen Elfmeter verursacht. Dennoch dürften wir uns ohne Verletzungspech und mit ein wenig mehr Übung im Zusammenspiel auch über die Hintermannschaft keine allzu großen Gedanken machen müssen.
Mittelfeld: Neuzugang Shinji Kagawa scheint bei Klopp auf ganz große Sympathien gestoßen zu sein – sein irrsinniges Laufpensum mit phänomenaler Grundschnelligkeit sorgte in der ersten Halbzeit immer wieder für gute Angriffe und freie Anspielstationen im sonst dicht bewachten Mittelfeld. Sven Bender, Nuri Sahin und – abgesehen von den bereits erwähnten Unsicherheiten im Spiel nach hinten – Kevin Großkreutz knüpften an ihre Leistungen der Vorsaison an. In Hälfte zwei kamen mit Markus Feulner, Kuba, Mario Götze und Tamas Hajnal gleich vier weitere Akteure ins Spiel. Auch über sie lässt sich nichts negatives berichten – sie liegen zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Vorbereitung absolut im Soll.
Sturm: „Allmählich verstehe ich die anderen
Bundesligavereine nicht mehr“, kommentierte Klopp die Leistung des Gastspielers
Antonio da Silva. „Er ist ein so toller Stürmer und hat trotzdem noch immer keinen
Verein für die kommende Saison, da läuft doch was falsch. Hätten wir einen
Platz frei, wäre er für uns ein heißer Kandidat, doch müssten wir dazu erst
einmal Spieler verkaufen. Ich hoffe, dass er bald einen neuen Club findet, bis dahin
darf er als Gast bei uns trainieren.“ Mit einem satten Distanzschuss und einem
(wie man hörte) sehenswerten Tor war er der beste Spieler in der Dortmunder
Offensive. Dimitar Rangelov und Robert Lewandowski fielen
dahinter leider etwas ab. Einsatzbereitschaft, Biss und das nötige Maß an
Aggressivität waren zwar über ihre gesamte Spielzeit hinweg zu spüren, doch
konnten sie sich nur selten in gute Positionen bringen bzw. ihre Chancen entsprechend
verwerten. „Mit Licht und Schatten“ wäre die passende Formulierung, doch bleibt
bis zum Saisonbeginn noch ausreichend Zeit zum Feintuning.
Trainer: Jürgen Klopp ist wie immer heiß auf die kommenden Aufgaben. Angesprochen von einem Journalisten ließ er durchblicken, wie akribisch er sich auf den Test vorbereitet hatte:
Journalist: "Herr Klopp, bitte sagen sie doch ein paar Worte über 1860."
Klopp: "Hm, ja, puh. Was soll ich sagen? Der TSV 1860 München, gegründet vor 150 Jahren."
Es folgten eine längere Pause und fragende Blicke des
irritierten Journalisten, die Klopp zu einer ausschweifenden Antwort
verleiteten. Er sei überrascht, welche Spieler mittlerweile alles in München
gelandet seien – eine sich anschließende Lobeshymne aus dem Stegreif mit
namentlicher Nennung fast jeden Münchener Spielers ließ aus der Verwunderung
Begeisterung werden. Man kam nicht umhin festzustellen, dass dieses
Freundschaftsspiel eben nicht nur ein müder Kick in der Sommerpause war,
sondern ein ernstzunehmender Charakter- und Leistungstest für jeden einzelnen
Spieler und Betreuer – professionelle Vorbereitung inklusive. So fiel auch Klopps
Fazit nüchtern aus: „Wir hatten mehr vom Spiel, einige hervorragende Chancen
und müssen das Ding gewinnen. Blöderweise pennen wir hinten einmal und fangen
uns das Gegentor, kämpfen uns dann aber gut ins Spiel zurück. Alle Spieler
hatten einige gute und schlechte Szenen, die ich jetzt aber nicht bewerten
werde – heute wollten wir hier testen und uns einspielen, weil das in
Burghausen oder gegen Leverkusen ziemlich dämlich wäre.“
Neuverpflichtungen: Sowohl Klopp als auch Michael Zorc stellten unmissverständlich klar, dass es keine weiteren Transfers ohne vorherige Verkäufe geben könne. Derzeit befinde sich nichts in Planung, so dass der bestehende Kader mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits als finaler Kader der kommenden Saison gelten kann.
Klopps Saisonziel: „Wir wollen die Europapokal-Gruppenphase erreichen
– das ist unser einziges Saisonziel, weil sich daraus alles weitere von selbst ergibt.
Wie weit wir dann in Liga und Pokal kommen, werden wir sehen, wenn es so weit
ist.“
Wir können festhalten: Selbst wenn wir kein hochklassisches und dramatisches Spiel gesehen haben, bleibt die Mannschaft doch im Bereich des Erwartbaren. Die Spieler sind fit aus dem Urlaub gekommen und haben sich bislang keine Blessuren zugezogen, Trainingsleistungen und Einstellung stimmen. Wenn die positive Grundstimmung gehalten und die WM-Teilnehmer unverletzt wieder eingebunden werden können, besteht aller Anlass, sich auf die bald beginnende Saison mit hoffentlich vielen Siegen zu freuen.
Die Fotostrecke zum Spiel gibt es unter diesem Link.
Knüppler17, 25.7.2010
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