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Spielbericht Profis - 26.11.2017

Schwarzgelbe Schizophrenie

Warm-Up

Mehr Motivation geht nicht: Fahnenchaos auf der Südtribüne

Vormachtsstellung, Machtwechsel, Schicksalsspiel - vor dem 91. Mutter aller Derbys wurde von allen Seiten mit den verschiedensten Vokabeln hantiert, jongliert und Wortakrobatik betrieben, um dem auf so vielen Ebenen wichtigen Spiel die richtige Beschreibung zu verpassen. Nach 97 unfassbaren Minuten Spielzeit sollte klar gewesen sein: Dieses Spiel entbehrte jeglicher sinnvoller Vorhersagen und Prognosen.


Taktik & Personal

Peter Bosz wechselte in seinem ersten Revierderby im Vergleich zur Niederlage am Dienstag gegen Tottenham auf fünf Positionen. Für Bürki, Toljan, Bartra, Zagadou und Kagawa rückten Weidenfeller, Sokratis, Toprak, Sahin und Pulisic in die erste Elf.

Die Blauen unter der Regie von Domenico Tedesco blieben im Vergleich zum 2:0 - Sieg gegen Hamburg unverändert. Der zuletzt verletzte Goretzka saß zunächst nur auf der Bank.

Andrey Yarmolenke stand wieder in der Startelf

Beide Übungsleiter wählten eine vergleichsweise defensive taktische Ausrichtung. Beim BVB kehrte zwar mit Pulisic der offensive Hoffnungsträger zurück, Akteure wie Castro, Schürrle oder „Derbyheld“ Kagawa blieben jedoch zunächst draußen. Der Gast aus GE ließ zu Spielbeginn mit Harit, Embolo und vor allem Goretzka offensives Potenzial auf der Bank, brachte unter anderem mit US-Youngster McKennie im defensiven Mittelfeld das Pendant zu Pulisic.

Erste Hälfte

Die Süd war da, die Choreo eindrucksvoll und die gelben Rauchschwaden zogen standesgemäß zu Anpfiff durch den zuletzt krisengebeutelten Tempel. Sinnbildlich für die historische erste halbe Stunde der königsblauen Überforderung in diesem Derby war Weston McKennie. Der US-Youngster sah nach knapp 120 Sekunden nach überhartem Einsteigen gegen Schmelzer die erste gelbe Karte. Die folgenden 95 Minuten Spielzeit umfassten den aktuell bipolaren Mikrokosmos Borussia Dortmund auf perfekte Art und Weise.

Der BVB startete das erste Mal unter Peter Bosz mit einer erkennbaren Dreierkette aus Sokratis, Toprak und Schmelzer, Guerreiro und Pulisic sollten für die laut Tedesco „enorme Geschwindigkeit“ auf den Außen sorgen. Den ersten Konzentrationsfehler der Hintermannschaft durfte Derby-Rekordhalter Weidenfeller beinahe nach schon wenigen Augenblicken gegen Konoplyanka klären, die erste Strafraumannäherung der Gäste verpuffte jedoch über die Querlatte.

Lange vermisst: Aubas' Salto

25 Minuten absolute Derby-Eskalation - die Borussia schickte sich nach dem ersten Treffer durch Aubameyang an, den kompletten Frust der letzten erfolglosen Wochen auf rekordverdächtige Art und Weise von seinen Schultern zu laden. Stambouli erwies dem überforderten Nachbarn mit seinem langen unnötigen Bein im Strafraum einen Bärendienst, auf den zweiten Gegentreffer folgte der kurzzeitige schwarzgelbe Rausch. Aubameyang zündete gegen den zwischenzeitlich bemitleidenswerten „Benji“ auf rechts den Turbo, fand mit seiner überragenden Flanke am langen Pfosten den Götze-Kopf - das erste Pflichtspiel-Tor der #10 in diesem Jahr traf das Tedesco-Team ins Mark. Zuvor gab es leichte Proteste, da Schiri Aytekin sich im „Zweikampf“ gegen Konoplyanka mit einem halben Scorerpunkt am dritten Treffer beteiligte. Kurz darauf besiegelte Guerreiro mit seinem sehenswerten Volley scheinbar den Ausgang dieser bis dato schwer zu begreifenden Partie, komplett unwirklich erschien der Blick auf die Anzeigetafel: 0:4.

Den Zwischenstand im Namen, sprachen auch die Zahlen eine mehr als deutliche Sprache gegen den Gast: 65 % Ballbesitz, PassGEnauigkeit 85:59 %. Die Gäste wussten offensichtlich nicht mehr, wo oben und unten ist. „Es war die Hölle“, sollte der blutjunge Gäste-Coach später auf der Pressekonferenz zum Besten geben. Um dieser zumindest teilweise zu entkommen, brachte der Deutsch-Italiener nach 35 Minuten Goretzka und Harit. Unter anderem Di Santo trottete vom Platz, seine Auswechslung und die Selfies nach dem Spiel sollten die Highlights seines Arbeitstages bleiben.

Ausgerechnet im Derby traf Mario Götze per Kopf

Entscheidend oder nicht, war der anschließende Nicht-Platzverweis von Thilo Kehrer nicht diskutabel. Die Gäste hatten Glück, beim Stand von 0:4 nicht zusätzlich mit einem Mann weniger in den zweiten Spielabschnitt gehen zu müssen. Yarmolenko auf Außen umgesenst, begnadigte Aytekin den Youngster.

Zum Pausentee 4:0. Zur ungläubigen und frenetischen Ekstase mischte sich auch eine Prise Ungläubigkeit. Derby-Rausch - und keiner wusste so recht warum.

Zweite Hälfte

Logisch, dass Kehrer sich den Rest der Partie anschließend nur noch von der Bank aus anschauen durfte - dafür kann Nastasic später seinen Enkeln davon erzählen, Teil eines denkwürdigen Spiels gewesen zu sein.

Auch Rapha durfte sich in die Torschützenliste eintragen

Als „besonders sensibel und feinfühlig“ werden die Anhänger in schwarzgelb nicht selten beschrieben, immer wissend darum, in welcher Situation die Mannschaft welche Art der Interaktion braucht. Ein Gefühl dafür, welche Reaktion sich positiv auf den Rasen übertragen und transformieren würde - was dem Mannschaftsgefüge förderlich scheint. Das aktuelle fragile Gebilde, was unter dem Namen „Borussia Dortmund“ Spiele bestreitet, vermittelt leider nie den Eindruck, dass ein Vorsprung von vier Toren nach 45 Minuten zu einem Sieg reichen könnte. Selbst, oder vielleicht vor allem, im vermutlich wichtigsten Spiel der Saison. Klingt komisch, ist aber so und ähnlich unerklärlich, wie die „Leistung“ des BVB im zweiten Spielabschnitt.

Bereits nach Naldo’s nicht gegebenem Kopfballtor aus Abseitsposition, spätestens nach der vergebenen Chance durch Auba zum wohl alles besiegelnden 5:0. Doch woran liegt es? Was passiert mit dieser Mannschaft, nachdem Burgstaller mit einem komplett unwichtigen Anschlusstreffer Ergebniskosmetik betreibt? Ist es Angst, Nervosität, Blockade?

Noch harmlos war das 4:1

Fast mit Ansage waren die Gäste sofort wieder im Spiel, die innere Fan-Uhr zählte buchstäblich die Minuten bis zur nächsten Unsicherheit im gelben Trikot. Und sie kam unweigerlich. Harit verkürzte völlig freistehend im Strafraum auf zwei Tore Rückstand, Aubameyang kassierte im Anschluss den wohl unnötigsten Platzverweis seit langer Zeit. Und immer wieder die Frage: „Warum?“ Und viel wichtiger: „Warum wirkt niemand entgegen?“ Es passiert einfach. Sowohl Spieler als auch Trainer scheinen solche Situationen momentan einfach teilnahmslos über sich ergehen zu lassen - den Kopf so blockiert, dass die Beine nicht mehr wollen oder können. Natürlich passte es auch, dass Götze verletzt raus musste und der BVB zwischenzeitlich mit acht Mann den eigenen Strafraum gegen das blaue Powerplay verteidigen musste. Natürlich passte es auch, dass Bartra und Zagadou ins Spiel kamen, letzterer sich im Zweikampf gegen Caligiuri hilflos anstellte und die Borussia nur noch einen Treffer „Vorsprung“ hatte. Selbst im Derby, wo das Unberechenbare immer Teil des Spiels war und bleiben wird, war ab ca. 16:35 Uhr doch irgendwie alles so, wie zuletzt so häufig. Zwei Mal Nikosia, Hannover, Bayern, Stuttgart, Tottenham - die Liste der mittelmäßigen oder schlechten Leistungen in der letzten Zeit ist angewachsen. Der Ausgleichstreffer von Naldo in der Nachspielzeit zum 4:4 in Minute 95 war da fast schon die logische Konsequenz und das i-Tüpfelchen auf die Reihe an Enttäuschungen, die sich diese Mannschaft regelmäßig selbst verschafft. Der absolute Tiefpunkt und der endgültige Nackenschlag für dieses Team und all seine Anhänger. Nicht

Bitter: Aubame flog vom Platz

wenige empfanden dieses Unentschieden an diesem Abend schlimmer als eine Niederlage. Dass dies im Derby passierte, passt leider schmerzlich in den Gesamtkontext.

Fazit

„Enttäuschung im ganzen Körper“. Was Peter Bosz kurz nach dem Spiel beschrieb, entlud sich spätestens nach dem Schlusspfiff auch und vor allem auf der Süd. Einfach nur unerklärlich, was sich in Halbzeit zwei erneut auf dem Rasen abspielte. In der ersten Hälfte spielte man den Gegner an die Wand, überrollte die Blauen und stellte die Weichen für einen so wichtigen Derby-Sieg. Körperlos, uninspiriert, lethargisch und defensiv katastrophal - so präsentierten sich die Borussen nach dem Pausentee. Warum? Es scheint, als wisse es das Team selber nicht. Ratlos erstarrten die Spieler nach dem Schlusspfiff vor den Fans, leer im Blick und Kopf. Mental, psychisch, körperlich - wie kann man eine Mannschaft nach so einem Spiel wieder aufbauen? Nur eins scheint sicher: Es muss etwas passieren. Den Einsatz und die Leidenschaft, mit dem die Gäste als erste Mannschaft seit 41 Jahren einen 0:4 - Rückstand noch zu einem Unentschieden drehen konnten, hätte man sich allzu gerne von Schwarz-Gelb gewünscht. Aber heute? „Total nicht“, wie Peter Bosz sagen würde.

Abseits

Naldo überwindet Roman Weidenfeller zum Ausgleich

Nach der Partie zeigte Nuri Sahin gefühlt mehr Einsatz und Leidenschaft, als das gesamte Team in der kompletten zweiten Halbzeit. Fährmann suchte den Dialog mit der Südtribüne - in Blau und Weiß eine selten gute Idee. Die anschließende Rudelbildung brachte das emotionale Fass auch auf der Tribüne zum Überlaufen, mehrere Fans überwanden den Zaun und wollten den überforderten Akteuren auf dem Feld ihre Sicht der Dinge offenbaren.

Die Frage bleibt: Was tun? Mit Sicherheit stellen sich auch Watzke und Zorc seit gestern Abend dieser Problematik. Die Lösung: Es gibt keine. Bosz darf wohl bleiben - vorerst. Dass die Probleme scheinbar überwiegend auf psychologischer Ebene liegen, wird mit jedem Spiel offensichtlicher. Umso ratloser scheinen Verantwortliche, Spieler, Fans und Anhänger zu sein bei der Überlegung, wie man aus dieser Situation wieder rauskommen könnte. Selten befand sich der BVB in einer solchen Sackgasse.

Quo vadis, BVB?

Die Fotostrecke zum Derby gibt es wie gehabt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Statistik

BVB: Weidenfeller - Guerreiro (83. Zagadou), Toprak, Sokratis, Schmelzer - Weigl - Sahin, Götze (79. Castro) - Yarmolenko (68. Bartra), Aubameyang,

Ratlose Gesichter nach dem Abpfiff

Pulisic

GE: Fährmann - Stambouli, Naldo, Kehrer (46. Kehrer), McKennie (34. Goretzka), Meyer - D. Caligiuri, Oczipka - di Santo (34. Harit), Konoplayanka - Burgstaller

Schiedsrichter: Deniz Aytekin
Assistenten: Christian Dietz, Eduard Beitinger
Vierter Offzieller: Daniel Schlager

Tore: 1:0 Aubameyang (12.), 2:0 Stambouli (18. Eigentor), 3:0 Götze (20.), 4:0 Guerreiro (25.), 4:1 Burgstaller (61.), 4:2 Harit (65.), 4:3 Caligiuri (86.), 4:4 Naldo (90.+4)

Zuschauer: 80.179 (ausverkauft)

Karten: Sokratis, Castro, Sahin - McKennie, Kehrer, Caligiuri, Konoplyanka, Fährmann (alle Gelb)

Sahin und Schmelzer gegen Di SantoTorschüsse: 7:8

Ecken: 3:5

Ballbesitz:

Stimmen zum Spiel

Peter Bosz:

„Es ist schwer, das zu analysieren und auch zu verkraften. Man fühlt einfach nur Enttäuschung. Wenn man 4:0 zur Pause führt, darf so etwas nicht passieren. Das darf nicht passieren, wenn man in der ersten Halbzeit so gut, kräftig und überzeugend spielt. Auch nicht, wenn wir eine Rote Karte bekommen. In der zweiten Halbzeit hätten wir vielleicht mit Auba das fünfte Tor machen müssen. Wir haben keinen Fußball mehr gespielt und die Räume nach vorne nicht genutzt. Es ist jetzt an mir, die Mannschaft wieder aufzubauen. Wir müssen weiter an uns glauben, müssen die Unsicherheit ablegen.

… zum Platzverweis von Aubameyang:

„Das darf nicht passieren. Er wollte helfen, aber das war zu aggressiv. Vor allen Dingen weil er schon die Gelbe Karte hatte. Aber in der ersten Halbzeit musste Kehret auch die Gelb-Rote Karte bekommen.“

Nuri Sahin:

Peter Bosz war mit der zweiten Halbzeit völlig unzufrieden

„Fakt ist, dass wir hinter dem Trainer stehen. Klar ist, dass jetzt Diskussionen aufkommen und alles kritisiert wird. Dass die Fans und die Südtribüne heute gepfiffen haben, das ist absolut verständlich. Gewinnen wir aber das Spiel, dann wird nur über die taktische Genieleistung unseres Trainers geredet. In der ersten Halbzeit haben wir Schalke taktisch komplett zerlegt.“

Roman Weidenfeller:

„Wir haben komplett den Faden verloren und nicht ansatzweise mehr wie in der ersten Halbzeit gespielt. Da sollte sich jeder einzelne Spieler hinterfragen, ob wir dann noch alles in die Partie reingelegt haben. Wir kamen nicht mehr in die Zweikämpfe rein, wir haben keine Kopfballduelle mehr angenommen und haben keinen Fußball mehr gespielt. Dementsprechend muss man sagen, dass Schalke zu Recht noch den Punkt geholt hat.“

Michael Zorc:

„Wir sind fassungslos über die zweite Halbzeit. Das müssen wir jetzt erst einmal einordnen.“

Domenico Tedesco:

Domenico Tedesco glaubte nicht mehr an einen Punktgewinn

„Es war eine ganz schwierige Anfangsphase, in der die Dortmunder uns überrannt haben. Da war jeder Schuss ein Treffer, das ist nicht einfach wegzustecken. Nach 20 Minuten hatten wir dann mit dem Rücken zur Wand stehend schon einigen Bedarf an Änderungen. Wir wollten dann die zweite Halbzeit gewinnen, das war das Ziel. Realistisch wäre nicht gewesen, dass wir noch 4:4 spielen. Nach dem 4:3 haben wir dann alle dran geglaubt. Schalke hat heute bewiesen, dass Schalke Charakter hat. Die Spieler haben bewiesen, dass sie Mentalität haben und Spektakel bieten können. Das war ein ganz großer Schritt in die richtige Richtung. Deswegen sind wir glücklich.“

Ralf Fährmann:

„Das war nicht nötig, dafür möchte ich mich entschuldigen. Da habe ich mich ein Stück weit von meinen Emotionen leiten lassen.“

Boris Davidovski, 26.11.2017


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