Von großen und kleinen Peinlichkeiten – Die Mitgliederversammlung 2009
Alljährlich im November trifft man sich in der Westfalenhalle zu einer Erbsensuppe und einem netten Dortmunder Bier, um über die vergangenen 12 Monate zu reden. Im Volksmund nennt man es einfach die BVB-Mitgliederversammlung. Zwar standen für das Jahr kaum wichtige Entscheidungen an, trotzdem wurde die Veranstaltung recht unterhaltsam, auch wenn sie ihre Längen hatte. Und erstmals präsentierte schwatzgelb.de einen eigenen Ticker von der Veranstaltung.
Um 11 Uhr ertönte die Glocke und rief die gut 638 anwesenden Mitglieder in die Westfalenhalle 3a. Wie jedes Jahr begrüßte Dr. Reinhard Rauball die anwesenden Personen und ging gleich zu der Ehrung der verstorbenen Mitglieder, zu denen diesmal auch bekannte Namen wie Rolf Rüssmann, Jürgen Vogt und Paul Kolt zählten. Der nächste Tagesordnungspunkt war die Ehrung der Mitglieder. Zuerst kamen die Mitglieder, die ihr Fünfundzwanzigjähriges hatten, auf der Bühne und wurden durch die Vorsitzenden des Ältestenrates, Wolfgang Paul und Theo Redder, ausgezeichnet. Diesen dankte Dr. Rauball vor allem deswegen, weil sie damals in einer prekären Lage dem Verein den Rücken gestärkt haben. Leider konnten wohl nicht alle anwesend sein. Es gab Gerüchte, dass Dr. Kimbel, ähm Niebaum auf der Flucht war…. Nachfolgend wurden dann die weiteren Jubilare auf die Bühne geholt. Es handelt sich um Mitglieder, die 40 Jahr Mitgliedschaft (insgesamt vier), 50 Jahre Mitgliedschaft (auch vier), 55 Jahre Mitgliedschaft (immerhin noch drei), 60 Jahre Mitgliedschaft (auch drei) und 70 Jahre Mitgliedschaft (eine Person) auf den Buckel haben. Abgeschlossen wurde das Ganze dann mit den beiden Mitgliedern, die ein dreiviertel Jahrhundert BVB vorweisen konnten. Es handelt sich um Cornelius Jansen und Paul Burchardt.
Im Anschluss durften dann die Berichte der einzelnen Abteilungen angehört werden. Den Anfang machte Wolfgang Springer für die Fußball-Jugendabteilung. Wie immer konnte er von Erfolgen berichten: Die U14 und U15 wurde Westfalenmeister, die U17 feierte den Westfalen- und den Westdeutschen Pokal und die U19 stand sowohl im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft als auch im Pokalfinale. Leider verlor man beide Endspiele. Ein weiterer Erfolg war nicht nur die goldene Fritz-Walter-Medaille für den Mario Götze, sondern auch die Leistungen bei Europameisterschaft des U17-Spielers. Weiterhin berichtete Herr Springer, dass in der ersten und zweiten Bundesliga eigentlich eine heimliche zweite Mannschaft aus ehemaligen BVB-Nachwuchsspielern existiert, streng nach seinem Credo: „Die Ausbildung hat Priorität, Meisterschaften und Pokale kommen an der zweiten Stelle!“
Als nächstes durfte Heinz Keppmann aus der Amateurabteilung auf die Bühne gehen. Er beginnt seine Rede mit dem unbekannten Zweig von Borussia Dortmund: den Schiedsrichtern (immerhin 25 Spielleiter kann der BVB vorweisen). Dabei lobte er gerade den jüngsten Vertreter, den erst 19-jährigen Daniel Rott, der bereits Assistent in der dritten Liga war und als eins der größten Talente gilt. Auch konnte Borussias Zweite den Meistertitel in der Regionalliga West feiern. Man holte den Titel, obwohl man vor einem Jahr noch 8 Punkte Rückstand auf den damaligen Tabellenführer Lautern II hatte. Mit dem Durchschnittsalter von 19,6 stellte man das jüngste Team und auch in diesem Jahr dürfte das Alter nicht viel höher sein. Aktuell liegt man zwar auf einen Abstiegsplatz, aber man hofft natürlich auf einen ähnlichen Endspurt wie im letzten Jahr. “Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie mit jedem Gegner mithalten kann“, so Keppmann.
Als nächstes kam die Tischtennisabteilung mit seinem Vorsitzenden Bernd Möllmann zu Wort. Er bedankte sich ausdrücklich beim BVB-Präsidenten Dr. Rauball für die Rettung seiner bzw. der Handball-Abteilung und sparte auch nicht mit Kritik in den eigenen Reihen. Viele Mitglieder haben den Abteilungsvorstand nicht unterstützt und während dieser sich für die Rettung sich eingesetzt hat. Nach der Rettung drehte die erste Mannschaft auf und gewann überraschend die Meisterschaft in der zweiten Liga Nord. Trotzdem musste man die Mannschaft weiter verjüngen. Entgegen der Prognosen der Fachleute, die den BVB als einen Abstiegskandidaten sahen, belegt der BVB in der zweiten Liga aktuelle den ersten Platz.
Da der Vorsitzende der Handballabteilung verhindert war, kam sein Stellvertreter Jochen Busch nach vorne. Auch er dankte dem Gesamtvorstand für die Rettung seiner Abteilung und berichtete von dem turbulenten Jahr in seiner Abteilung. Obwohl der BVB sportlich in der letzten Saison abgestiegen war, durfte man nach zwei Rückzügen aus der Liga völlig überraschend in der ersten Liga bleiben. Das Problem war nur, der Kader wurde verjüngt und für die zweite Liga ausgerichtet. Die Folge waren 09. Niederlagen am Stück in der ersten Bundesliga. Erst beim letzen Heimspiel vor der WM-Pause konnten die Dortmunderinnen gegen Aufsteiger Celle den ersten Sieg verzeichnen. Busch sagte dann den anwesenden Mitgliedern: „Ich verspreche Ihnen, wir nutzen die WM-Pause und werden danach eine Aufholjagd starten!“
Nun kam die jüngste Abteilung, die Fan- und Förderabteilung zu Wort. Dr. Götz Vollmann konnte für seine 4.000-Mitglieder starke Abteilung leider nicht über Derbysiege und ähnliches berichten, trotzdem sorgte ihre Arbeit für Applaus. Die Arbeit der Fanabteilung stand natürlich im Zeichen der 100-Jahre-Feierlichkeiten. Vor allem das Fankonzert am Borsigplatz und die Fanparty am 19.12. standen da im Mittelpunkt. Auch die von der Fanabteilung initiierte Diskussionsrunden bezüglich 50 plus 1 und dem Projekt „Unser BVB“ wurde Liga-weit beobachtet und gelobt. Desweiteren berichtete er von dem jetzt auch in Dortmund etablierten Borussentreff. Ein spezieller Gruß ging dann noch an den Trainer, der bei einer Veranstaltung die vorbereitende Arbeit sehr erleichtert: „Für einen Abend mit Jürgen Klopp braucht man nur einen Holzstuhl und eine Glühbirne.“ Da passt es doch gerade, dass zu diesem Zeitpunkt die Mannschaft kommt. Leider ist Herr Vollmann noch nicht fertig, so dass die Mannschaft draußen bleiben muss. Zum Abschluss fordert er den BVB auf, weiterhin seine Verbundenheit zum Borsigplatz zu zeigen, schließlich liegen da die Wurzeln des BVB. Dies sagte dann der BVB-Präsident auch zu. Im Anschluss durften dann auch die Mannschaft bzw. der Trainerstab unter stehenden Ovationen (warum eigentlich?) hereinkommen.
Nun kam für die Profiabteilung und für die KGaA Aki Watzke zu Wort. Neben dem ganzen Zahlenwerk stellte er dann interessante Behauptungen auf. Der BVB verbesserte die Erlöse von 113 Mio. Euro auf 115 Mio. Euro. Seine Frage, welcher andere Bundesligist diese Summe erwirtschaftet ohne Europapokal könnte man mit der Gegenfrage beantworten: „Im welchen Bundesland liegt Udine?“ Sicherlich hat er mit manchen Punkten recht, aber dauernd mit dem 34. Spieltag und die Szene aus Hamburg zu kommen (sogar mit Videoaufzeichnung), ist schon ein wenig Uschihaft und einfach nur peinlich. Auch das Zurechtweisen von Steffen Freund, immerhin ein erfolgreicher, ehemaliger BVB-Spieler, erinnert an den Gottgleichen Dr. Gerd Niebaum. Manchmal ist weniger einfach mehr. Aber solange er seine restliche Arbeit vernünftig macht, kann man diese peinlichen Ausrutscher verzeihen. Am Ende der vergangenen Saison blieb die Erkenntnis, dass man aus einer Schießbude eine schwer zu besiegbare Mannschaft gemacht hat und dass man sich für die 59 erreichten Punkte einfach die falsche Saison ausgesucht hat. Im Anschluss bat er die Mitglieder (und wohl auch die Fans) um etwas Geduld mit der jungen Mannschaft (der Defensivverband am Samstag war Dank Owomoyela auf durchschnittlich 22,5 Jahre angestiegen und am Ende des Spiels war das Durchschnittsalter der Mannschaft auf 23 Jahren abgesunken). Aber auch die Profis forderte er auf, dass sie nicht so viel an die Nationalmannschaft denken sollen. Das Geld kommt von Borussia Dortmund und daher sollte man da die Prioritäten setzen.
Der vorletzte Vertreter, der dann einen Bericht abgeben durfte, war der Schatzmeister von Borussia Dortmund, Dr. Reinhold Lunow. Im Gegensatz zur KGaA konnte er für den eingetragenen Verein grundsätzlich gute Zahlen verkünden. Zum einen stieg die Mitgliederzahl auf 35.482 Mitglieder und wird Ende des Jahres die 36.000er Grenze überschreiten. Was dabei allerdings auffällt ist die geringe Anzahl der weiblichen Mitglieder (nur 3.719). Zum anderen sieht auch der Geschäftsbericht gut aus. Der BVB erwirtschaftete einen Gewinn von 796.000 Euro und die Gesamtleistung lag bei 3,2 Mio. Euro. Auch die Verbindlichkeiten gehen weiter zurück. Lagen sie in der Hochzeit des Dr. Gott noch bei 7,5 Mio. Euro (der berühmt, berüchtigte Aktiendeal mit der WGZ-Bank), so lagen die Schulden jetzt nur noch bei 3,91 Mio. Euro und sind so wieder beherrschbar. Zum Abschluss dankte er seinen beiden Mitstreiter Dr. Rauball und Gerd Pieper
Somit durfte dann BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball den Reigen abschließen und seinen Bericht vorlegen. Er stellte fest: „Borussia Dortmund ist gerüstet für die nächsten 100 Jahre“. Auch er ging auf die steuerrechtlich schwierigen Situation der Profiabteilungen bei den Handballdamen und den Tischtennisherren ein. Ein weiterer Punkt war natürlich das Beibehalten der 50 plus 1-Regelung. „Wir verzichten auf fußballfremde Investoren und halten die Eintrittspreise so niedrig wie möglich“, erklärte er den anwesenden Mitgliedern und rechnete da als Beispiel die durchschnittlichen Preise für eine Eintrittskarte bei Chelsea vor (64 Euro gegenüber 20 Euro beim BVB) vor. Auch in Sachen Schulden zeigt das Beispiel, dass eine Milliarde Euro Schulden nicht unbedingt erstrebenswert sind. Natürlich nannte er die Erfolge bei dem 100 Jahre BVB-Veranstaltungen und freute sich, dass so viele junge BVB-Fans vor Ort waren.
Nun begann die Aussprache. Der erste Redner aus der Mitgliederversammlung ist wohl ein glühender Verehrer Kinds. Zumindest sieht er nicht ein, warum man so für die „50 plus 1“-Regelung ist und lobt die „Arbeit“ von Herrn Hopp sowie die Unterstützung von Konzernen in Wolfsburg und Leverkusen. Leider zeigten seine Äußerungen, dass er sich überhaupt nicht mit der Materie beschäftigt hat und seine Bildung wohl eher aus der Boulevard-Presse hat. Als er dann noch mit den Blauen anfangen will, bringt das die Mitgliederseele in der Halle zum Kochen. Das kann er dann aber schnell beruhigen, da er darauf hinweist, dass die die Meisterschaften nur in einer dunklen Zeit geholt haben. Da muss man wohl die Geschichte umschreiben, denn der Weltkrieg und das Regime war wohl 1958 noch nicht vorbei… Sein Auftritt bringt ihm aber auch was ein, denn Aki Watzke will sich dafür einsetzen, dass er ein niegelnagelneues Hoppenheim-Trikot bekommt. Der nächste Redner will auf den letzten Spieltag eingehen und führt ein nettes Wortgefecht mit Aki Watzke. Auch der nächste Redner will sich über das Spiel auslassen und kritisiert Trainer Klopp bzw. Spielmacher Hajnal. Allerdings wird dieser wohl auch durch die Klopp-Anfeuerung ziemlich schnell wortkarg gemacht. Kritik ist ja schön und gehört auf einer Mitgliederversammlung. Manchmal muss man sich aber fragen, ist man auf einer Versammlung oder einem Stammtisch… Auf Wunsch des zweiten Redners soll dieser auch ein Trikot aus Sinsheim bekommen.
Und auch dieser Punkt ist dann abgeschlossen. So kommt der Vorsitzende des Wirtschaftsrates, Dr. Materna, nach vorne und gibt seinen Bericht ab. Danach findet die Wahl des Wirtschaftsprüfers statt. Trotz einer Gegenstimme und sieben Enthaltungen gibt es da die Wiederwahl. Im Anschluss nach dem Ausmarsch der Mannschaft betritt Reinhard Beck, seines Zeichen erster Kassenprüfer, die Bühne und gibt seinen Bericht ab. Da dies seine dritte Amtszeit war, muss er sich verabschieden. Dabei erinnert er an seine ehrenamtliche Tätigkeit im Verein, die über die Fanabteilung hin zum Kassenprüfer gegangen ist. Vor allem wies er darauf hin, was sich alles seit der Mitgliederversammlung im November 2004 verändert hat und sprach von einer guten Entwicklung.
Zur Entlastung des Vorstandes tritt Dr. Rauball den Vorsitz an Walter Maahs ab. Bis auf eine Enthaltung wird der Vorstand dann einstimmig entlastet. Nun präsentierte Dr. Materna, der selber zur Wahl stand, die Kandidaten für Wirtschaftsrat. Neben Dr. Materne waren Dr. Michele Puller, Martin Eul und Oberbürgermeister Ulrich Sierau vorgeschlagen. Bis auf Ulrich Sierau wurden alle mit mehr oder weniger ohne viele Gegenstimmen bzw. Enthaltungen durch gewunken, aber beim neuen Oberbürgermeister der Stadt Dortmund musste auf Grund der vielen Neinstimmen eine Wahlkommission einberufen werden. Am Ende erhält er 527 Ja-Stimmen, 110 sprechen sich gegen ihn aus und 62 enthalten sich. Vielleicht hätte er seinen Dank an die Mitglieder von wegen Vertrauensvorschuss nicht erwähnen sollen, das Raunen erinnert irgendwie an das Rauslaufen von Weidenfeller im Stadion. Weiterhin gehören dem Wirtsschaftsrat Dr. Klaus Engel, Reinhold Schulte, Friedrich Merz und Dr. Gerhard Papke (also schwarzgelb ist im Wirtschaftsrat vertreten) an.
Die letzte Wahl betrifft dann die Position des Kassenprüfers. Erster Kassenprüfer wird Alfred „Aki“ Schmidt mit zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung. Zweiter Kassenprüfer ohne Gegenstimmen, dafür 12 Enthaltungen, wird Hartwig Tiemann.
So langsam konnte man dann die Erbsensuppe riechen, aber davor stand noch Tagesordnungspunkt 09: Anträge und Wünsche! Insgesamt drei Anträge wurden beim BVB eingereicht. Beim ersten Antrag ging es um die Lautsprecher im Westfalenstadion. Da der Verein der falsche Ansprechpartner ist, wurde dieser Punkt an die KGaA weitergeleitet. Auch beim zweiten Antrag musste man so verfahren. Es ging darum, dass bei den Trikots das Dortmund bzw. Borussia oberhalb der Nummer stehen soll und der Name des Spielers unten drunter. Der letzte Antrag stammt von vier Mitgliedern und es ging um die Teilnahme an der Mitgliederversammlung. Bislang durften nur Mitglieder, die bereits 18 Jahre alt sind, an der Versammlung teilnehmen. Dies soll bei der nächsten Mitgliederversammlung geändert werden, so dass auch schon Mitglieder ab 16 Jahren teilnehmen können. Dr. Reinhard Rauball versprach, dass man die Satzungsänderung bis zur nächsten Versammlung ausarbeiten würde. Es gab dann noch mehrere Wortmeldungen, dass man dies schneller entscheiden sollte, aber dies lasse, so der BVB-Präsident, das deutsche Vereinsrecht nicht zu. Als Kompromiss schlug er vor, die Satzungsänderung bei der nächsten Sitzung vorzuziehen, so dass anwesende 16jährige Mitglieder im Anschluss der Entscheidung die Versammlung besuchen könnten.
So endete nach gut 3 ½ Stunden eine recht kurze und relativ unspektakuläre Mitgliederversammlung. Einen schlimmen Fehler konnte Dr. Rauball dann zum Ende der Veranstaltung gerade noch verhindern, als er die Leute schon zur Erbsensuppe und Pils verabschiedete. Aber früh genug stellte er fest, das Vereinslied wurde ja noch gar nicht gesungen. Nach dem dies erledigt war, konnte man dann zu den kulinarischen Genüssen übergehen. Und da stellte sich heraus, dem Verein geht es besser. Soviel Wurst gab es schon lange nicht mehr in der Erbsensuppe bei einer Mitgliederversammlung.
CHS, 23.11.2009
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