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Im Gespräch mit... - 19.04.2007

... Roman Weidenfeller: Wir sind wie Gladiatoren

In unserer Printausgabe konntet ihr bereits unser Interview mit Roman Weidenfeller in Auszügen nachlesen. Hier ist nun das Gespräch in voller Länge, das auch die Themen Trainerwechsel, Thomas Doll und natürlich Nationalmannschaft umfasst.

schwatzgelb.de: Roman, wie groß ist die Anspannung vor dem restlichen Saisonverlauf?

Weidenfeller: Die Anspannung ist natürlich schon da, keine Frage. Wir sind uns auch bewusst, dass wir momentan keine einfache Situation haben, hier bei Borussia Dortmund. Aber es ist uns auch klar, dass wir genügend Qualität im Kader haben, so dass wir da auch schleunigst wieder rauskommen.

Kannst Du ungefähr sagen, seit wann die Mannschaft innerlich mit dem UEFA-Cup-Platz abgeschlossen hat? War es ein bestimmter Moment, oder kam die Erkenntnis eher stückchenweise?

Weidenfeller: Ja, das ist natürlich erst nach und nach gekommen, weil wir ja noch lange Zeit das Ziel hatten, und deswegen ist die Saison letztendlich auch so verrutscht, weil wir irgendwo immer noch versucht haben, den UEFA-Cup-Platz zu erreichen. Ich denke, jeder von uns hat den Anspruch, international zu spielen. Es gibt keinen bei uns in der Mannschaft, der mit der jetzigen Situation zufrieden ist.

Ist es für Dich persönlich eher ein Rückschritt, mittlerweile das sechste Jahr hintereinander nicht international zu spielen – gerade auch im Hinblick auf die Nationalelf?

Weidenfeller: Für mich persönlich ist es natürlich ein Rückschritt, gar keine Frage. Man kann sich natürlich besser auf internationaler Bühne präsentieren und sich für weitere Aufgaben empfehlen. Dementsprechend ist jetzt auch erstmal eine Auswahl beim DFB getroffen worden, die mich natürlich nicht „Hurra“ schreien lässt. Gut, das müssen wir jetzt erstmal zur Seite schieben! Das sind Dinge der Zukunft. Wichtig ist, dass wir jetzt so schnell wie möglich aus dem Abstiegsstrudel rauskommen. Es zählt im Moment nur eins: 24 Stunden am Tag Borussia Dortmund – nichts anderes!

Wie sieht es denn überhaupt mit der Nationalmannschaft aus? Du hast eben gesagt, aktuell sei es kein Thema, aber gibt es Kontakte dorthin oder hast du eine „voraussichtliche“ Info bekommen?

Weidenfeller: Nein, es gibt keinen Kontakt, und ich möchte mich jetzt auch nicht allzu viel dazu äußern. Über das Thema Nationalmannschaft bin ich auch nicht hundertprozentig informiert. Ich denke, das kommt, wenn meine Leistung dementsprechend ist. Die war zwar jahrelang sehr konstant, gar keine Frage. Ich habe auch schon öfter mit einer Berufung gerechnet, aber bisher ist da nichts gekommen. Also: Was bleibt mir anderes übrig, als ganz normal weiter zu machen, als meinen Job weiter sehr, sehr ernst zu nehmen, einfach nicht aufzugeben und zu versuchen, mich jeden Tag zu verbessern? Und wie gesagt, primär jetzt erstmal Borussia Dortmund – sozusagen – aus der Scheiße heraus zu holen.

Es wurde ja mal gesagt, dass auf diesem 3. Torhüterposten rotiert werden sollte. Davon ist ja im Moment gar nichts zu sehen.

Weidenfeller: Ja gut, das sind Dinge, die Ihr gerne sagen könnt und worüber Ihr euch gerne beschweren könnt. Aber Ihr müsst mir auch nachsehen, dass ich da gar nichts sagen kann. Ich muss meinen Weg weitergehen und versuchen, durch Leistung zu überzeugen und nichts anderes.

Es hat in der letzten Zeit auf dem Spielfeld häufiger den Eindruck gemacht, als hättest Du ein Stück weit resigniert. Gerade in der Hinrunde hat man Dich noch viel kämpfen sehen, Du hast die Abwehr dirigiert und versucht, sie aufzuwecken. Irgendwann hat man Dich dann nur kopfschüttelnd gesehen, und Du hast dich auch ein bisschen fallen lassen.

Weidenfeller: Ich war eine Zeit lang sehr unzufrieden. Ich denke, das hat man auf eine gewisse Art und Weise auch gemerkt. Ich habe mich in dieser Zeit auch nicht wohl gefühlt. Das ist jetzt wieder ganz anders. Ich denke, dass ein Torwart irgendwo auch nur so gut sein kann wie die Vorderleute. Das heißt, wir haben bisher noch keine gute Rückrunde gespielt, das weiß, glaub ich, jeder. Und da gibt es auch nichts schön zu reden. Man ist ja auch ein Teil der Mannschaft. Deshalb kann es sein, dass man auch ein bisschen durch hängt, was man vielleicht auch von außen sieht. Wie auch immer: Ich hab eigentlich auch immer versucht, alles zu geben. Und vielleicht gerade aus diesem Grund war ich zu dem Zeitpunkt auch ein Stück weit enttäuscht.

Du hast eben gesagt, du hast Dich zu diesem Zeitpunkt nicht wohl gefühlt. Wodurch ist das jetzt anders geworden?

Weidenfeller: Einfach dadurch, dass wir jetzt neuen Schwung drin haben in der Mannschaft, eine neue Euphorie. Dass wir sehr positiv an die Dinge herangehen und dass wir auch sagen: „Okay, wir schaffen es!“ Das Entscheidende ist: Wir schaffen es aus unserem Vermögen heraus, und wir brauchen nicht auf irgendwelche anderen Mannschaften zu schauen, sondern gewinnen die nächsten ein, zwei Spiele (Anmerkung der Redaktion: gegen Bielefeld und Aachen) und dann sind wir da auch ruckzuck wieder raus. Natürlich ist da eine gewisse Gefahr, gar keine Frage, und das klingt in der jetzigen Situation vielleicht ein bisschen überheblich, aber ich weiß ganz klar, dass die Mannschaft die Qualität hat. Ich bin mir auch der Gefahr bewusst, was passieren könnte, wenn es vielleicht schief geht. Aber… (wird bestimmter) es wird nicht schief gehen, weil wir es selber beeinflussen können.

Das ist ja auch eine Einstellung und eine Herangehensweise, die man sich als Fan auch so von Euch wünscht. Kam das mit dem neuen Trainer Thomas Doll oder wodurch?

Weidenfeller: Ich werde jetzt nicht sagen, „der eine Trainer war so und der andere so“, und da nachkarten. Wir haben jetzt Thomas Doll als unseren Trainer, und ich kann sagen, ohne dass ich ihn lange kenne - ich kenne ihn jetzt zwei Wochen – dass wir eine superpositive Stimmung drin haben. Dass wir alle sehr hart arbeiten - jeden Tag. Auch selbst in der spielfreien Woche war es so, dass wir zweimal doppelt trainiert haben und das Training bis zum Samstag sogar sehr hart gefahren haben. Alle haben hundert Prozent mitgezogen, und alle hatten die nötige Freude bei der Arbeit. Das ist das Entscheidende, was jetzt vielleicht anders ist, als es vorher war.

Das heißt, unter Röber war die Lust oder die Motivation nicht so da?

Weidenfeller: Das hab ich nicht gesagt.

Du hast bei Arena gesagt, du wüsstest, was schief läuft, könntest dazu aber nichts sagen. Jetzt im Nachhinein vielleicht?

Weidenfeller: Ich habe bei Arena nichts gesagt, und ich werde es auch heute nicht tun. Das sind auch alles Dinge der Vergangenheit. Ich habe das intern klar angesprochen, hab auch dazu gestanden und gesagt: „Es geht nicht so.“ – aber das sind wie gesagt alles Dinge der Vergangenheit und jetzt schauen wir nur noch in die Zukunft und karten nicht nach. Wir wissen, dass die Vergangenheit nicht gut war. Wir wissen auch, dass wir alle hier sehr unzufrieden waren in der Situation. Wir haben einfach keinen guten Fußball gespielt, wir haben nicht die nötigen Punkte geholt, das muss man ganz klar sagen, aber das ist alles vergessen jetzt. Wir müssen jetzt schauen, dass wir da weitermachen, wo wir letzte Woche angefangen haben (Anm. der Red.: Spiel gegen Nürnberg), gerade auch in der zweiten Halbzeit. Dass wir versuchen, wieder alle Mann - der ganze Kader plus die Zuschauer, alle inbegriffen - die Ärmel hochkrempeln und Gas geben. Für den Verein. Und nichts anderes.

Woran machst du es fest, dass es insgesamt so weit gekommen ist?

Weidenfeller: Es gibt ja einige signifikante Sachen: Dass die Mannschaft teilweise zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten spielt, dass Rückschläge wie in Hannover zum Beispiel die Mannschaft total auseinander brechen lassen usw.

Hast Du eine Erklärung dafür?

Weidenfeller: Gut, die erste Erklärung ist unser Verletzungspech, was auch extrem ist. Und was hier schon Jahre lang eingekehrt ist, weil vor jeder Saison zwei, drei Spieler von vorneherein ausfallen, die auch Leistungsträger sind und die einiges zu sagen haben in der Mannschaft. Spieler, die sehr präsent auf dem Platz sind und die dann natürlich weg brechen – ein halbes Jahr lang, ein Vierteljahr lang, je nachdem wie lang die Verletzung jeweils war. Dann ist auch klar, dass Borussia Dortmund nicht aus dem Vollen schöpfen kann.

Du hast jetzt in dieser Saison drei Trainer erlebt, die alle sicher unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Kannst Du kurz sagen, was das Prägnanteste an jedem der drei war? Hervorstechende Eigenschaften oder Unterschiede vielleicht?

Weidenfeller: Ich find’s vorneweg eigentlich sehr schade, dass wir drei Trainer verbraucht haben dieses Jahr. Tja… ich denke, das spricht im ersten Moment nicht gerade für die Mannschaft, aber jetzt ist es natürlich so gekommen. Jeder hat da seinen Anteil beigetragen. Und die drei Trainer miteinander zu vergleichen, wäre falsch. Wichtig ist, dass wir nach vorne schauen und dass wir die Sache jetzt so angehen wie es halt nötig ist: Dass wir keinen schönen Fußball spielen, keinen schlechten Fußball spielen, sondern dass wir erstmal so schnell wie möglich die drei Punkte sichern.

Vor ein paar Wochen hat es eine Fanversammlung gegeben, zu der auch Spieler eingeladen worden sind. Alex Frei, Marc Kruska und Nelson Valdez waren da und haben anschließend gesagt, sie hätten einiges zum Nachdenken mitgenommen und wollten es auch in die Mannschaft hineintragen. Inwieweit habt Ihr davon erfahren, und wie wurde das aufgenommen?

Weidenfeller: Wir wussten, dass Spieler zu der Fanveranstaltung gehen. Die haben uns auch am nächsten Tag informiert, und wir haben in der Mannschaft auch noch mal darüber diskutiert. Es wurde eigentlich ganz gut aufgenommen. Wichtig ist auch gewesen, dass die Spieler nicht niedergemetzelt wurden – sozusagen – dass sie jetzt noch mal einen auf den Deckel bekommen haben, sondern dass ordentlich darüber diskutiert wurde. Das haben die betreffenden Spieler auch sehr gut aufgenommen, und ich denke, die Gespräche waren auch sehr ehrlich und sehr fair. Das war, glaube ich, auch das Entscheidende. Wichtig ist auch, dass die Mannschaft und die Fans immer noch sehr eng zusammen sind. Dass sie nicht auseinander gedriftet sind. Das muss auch weiterhin so sein! Nur so kommen wir aus dieser prekären Situation auch wieder heraus.

Wie erlebst Du speziell als Torwart die Stimmung in unserem Stadion? Du stehst ja 45 Minuten direkt vor der Südtribüne und kriegst das wahrscheinlich von allen Spielern noch am intensivsten mit.

Weidenfeller: Man hat natürlich auch gemerkt, dass beim Spiel gegen Nürnberg ein Ruck durch die Fans gegangen ist. Es war eine super Stimmung im Stadion, und ich muss wirklich sagen: „Hut ab vor den Leuten, dass sie da richtig Gas gegeben haben!“ Gut, zwischendurch war es ja auch nicht immer so, das muss man ja auch ganz ehrlich sagen. Da habt Ihr ja auch selber schon untereinander viel darüber diskutiert. Gerade auch in dieser schwierigen Zeit. Ich kann da auch den Unmut der Zuschauer und von unseren Fans verstehen. Aber es nutzt in unserer schwierigen Phase, wie wir sie vor vier, fünf Wochen durchgemacht haben, nichts, wenn man nach zwanzig Minuten hört „Wir wolln euch kämpfen sehn“. Es steht niemals einer auf dem Platz, der gerne verliert und der nicht alles für den Verein gibt. Das ist das einfachste: Ihr werdet alle schon mal Fußball gespielt oder eine andere Sportart betrieben haben – und es wird keiner auf den Platz oder auf das Feld gehen und sagen: „Hey, ich verlier gern“. Selbst beim Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen nicht. „Komm, hier haste meine Punkte, hier haste das und das…“ das wird nie einer machen! So sehe ich das eigentlich ähnlich, und es ist natürlich eher bedrückend, wenn Du dann in dem Moment von oben von der Tribüne einen mit bekommst. Es gibt Spieler, denen es vielleicht nicht so viel ausmacht, aber wir haben sehr viel junge Spieler dabei, und die machen sich dann schon sehr, sehr viele Gedanken. Die überlegen sich dann zweimal, ob sie den nächsten Ball annehmen und dann vielleicht noch mal einen Fehler, einen Patzer, machen, oder ob sie ihn nicht einfach nach vorne kloppen, weil sie ja keine Sicherheit mehr haben. Das ist noch einmal gut von Dir zu hören – auch im Rückblick auf das Leverkusen-Spiel Ende der Hinrunde, wo ja viel Häme von den Tribünen kam.

Habt Ihr nach dem Spiel intern darüber gesprochen, wie diese Situation zustande kam? Denn dass sie anders war als sonst, werdet Ihr ja sicher mitbekommen haben.

Weidenfeller: Ja, wir haben das mitbekommen. Wir haben auch schon beim Aufwärmen gemerkt, dass eine explosive Stimmung herrschte. Wie gesagt, wir können das absolut verstehen. Wir haben auch keinen Spaß dabei, irgendwo im eigenen Stadion unterzugehen oder zu verlieren oder nur eine Serie zu haben von mehreren Unentschieden. Uns ist auch total bewusst, dass 80.000 Menschen jedes Mal ins Stadion hineinströmen, was wirklich der Wahnsinn ist, und dass wir auch super Anhänger haben, die uns bei Auswärtsspielen immer begleiten und auch in Cottbus oder wo auch immer dabei sind. Aber es bringt in dem Moment nichts, auf die Mannschaft einzuschlagen. In dem Moment waren sehr viel junge Spieler auf dem Platz, die verkraften es einfach nicht. Weil sie einfach noch nicht diese Kraft haben, um zu sagen: „Okay, gut, wir versuchen jetzt trotzdem unseren Job zu machen!“

Das ist wahrscheinlich auch eine Situation, die Du selbst gut kennst…

Weidenfeller: Ja, ich hab das ja persönlich so erlebt und bin das beste Beispiel dafür. Ich bin in den ersten Spielen, nachdem ich dann den zweiten Anlauf versucht habe, komplett von den Zuschauern ausgepfiffen worden. Und ich sage heute immer noch: „Ich bin kein anderer Mensch als am ersten Tag, als ich hier nach Dortmund kam.“ Nur diesmal werde ich anders dargestellt, anders aufgenommen und bin seither „der Weidenfeller“, von dem man plötzlich sagt: „Der spricht vielleicht sehr offene Worte, aber der ist vielleicht gar nicht so verkehrt!“

Was würdet Ihr Euch von den Tribünen wünschen?

Weidenfeller: Was wir uns wünschen, ist, dass wir nach dem Bielefeld-Spiel alle zusammen - Ihr auf der Tribüne, wir auf dem Feld - sagen: „Hey, wir haben die drei Punkte, und wir sind jetzt die nächste Stufe gegangen.“ Nach dem 0:0 zuhause jetzt ein Auswärtssieg – und dann geht’s wieder aufwärts. Das und nichts anderes wünschen wir uns.

Einwurf von Pressesprecher Josef Schneck: Roman, und vielleicht auch, weil ich denke, dass es nicht ganz unwichtig ist: Dass man im eigenen Stadion auch das Gefühl hat, dass alle Tribünen mitmachen. Nicht die Südtribüne immer allein, wo du natürlich 25.000 und in der Regel eine große Unterstützung hast. Es wäre natürlich schön, wenn auch von den beiden Längstribünen Ost und West mehr Rückhalt kommt.

Weidenfeller: Ich glaub, darüber diskutiert ihr ja auch. Ab und zu les ich auch mal Foren und klick mich bei schwatzgelb.de durch. Ihr unterhaltet Euch da ja auch viel drüber.

Zum Rückrundenauftakt gegen Bayern hat man ja auch gesehen, was das Stadion hergeben kann.

Weidenfeller: Ja eben, es geht doch. Wir haben doch ein internationales Stadion! Auch gegen Nürnberg, in der zweiten Halbzeit, hat man es gesehen: Nachdem wir zwei, drei Anläufe genommen haben, um da vorne mal ein paar Flanken rein zu bringen – auf einmal geht alles wieder. Da war eine Euphorie drin, eine Stimmung drin, dabei kriegst du eine Gänsehaut, die auch sein muss! (wird energischer) Gerade in der jetzigen Phase. Die Mannschaft braucht die Unterstützung von Euch! Wenn auch Ihr uns noch den Rücken zukehrt, dann ist es vorbei!

Das ist ja auch eine interessante Wechselwirkung, die Du da ansprichst...

Weidenfeller: Gar keine Frage, wir müssen auch in Vorleistung treten! Aber es sind viele dabei, die meisten, die versuchen, alles zu machen. Hier möchte keiner irgendwo auf der Autogrammkarte stehen haben: Probleme und Abstieg und was weiß ich was. Da hat keiner Bock drauf!

Wobei es auch sehr kleine Sachen sein können, die das beeinflussen. Körpersprache beispielsweise, wenn man zur Ecke läuft. Es wäre für das Publikum viel besser, wenn Ihr eine Körpersprache an den Tag legt, die wirklich Einsatz und Jetzt-wollen-wir-ein-Tor-machen verkörpert. Stattdessen sieht man manchmal Spieler, die mit hängenden Schultern zur Ecke hintraben. Glaubst Du nicht, Ihr könntet darauf mal achten oder durch kleine Gesten, eine Handbewegung, die Leute stärker beeinflussen?

Weidenfeller: Das Thema „Beeinflussen“ ist aber auch ein schmaler Grat. Wir sind ja nicht irgendwo im Showgeschäft, wo du die ganze Zeit wie Olli Pocher deine Späßchen treibst…

Nein, so meine ich das ja auch nicht…

Weidenfeller: Das ist eben ein schmaler Grat. Verstehst du, was ich meine? Es geht mal. Da kannst Du mal sagen: „Ok, jetzt kommt noch mal. Jetzt gebt noch mal Gas“, aber wenn du dann die nächste Flanke oder den Eckstoß hinters Tor haust, dann will ich mal sehen, was die Leute nebenan schreien.

Schneck: Die Kraft muss von innen kommen.

Weidenfeller: Das wollte ich auch gerade sagen, es soll ja auch gar keine Show sein. Was nicht da ist, kann man auch nicht zeigen…

Ja, sicher. Auf dem Platz ist alles Emotion. Da ist keiner, der ne Show abzieht. Wir sind halt wie Gladiatoren in einer Arena. Sozusagen sind wir ja alle ein bisschen wie ferngesteuert. Andere Menschen als vielleicht im privaten Leben.

Du bist jetzt schon eine ganze Weile bei uns. Nimmt man da die Kulisse, speziell jetzt im Westfalenstadion, irgendwann als gegeben hin und stumpft ab, oder beschäftigt sie einen immer noch so wie zu Anfang?

Weidenfeller: Nein, das Feuer ist immer noch da. Du hast nirgendwo die Möglichkeit, gerade jetzt in Deutschland, vor so vielen Zuschauern zu spielen. Und wenn du mal Bundesligamagazine liest, spricht jeder andere Bundesligaspieler davon, wo das schönste Stadion ist: „Ja, in Dortmund, da ist die beste Atmosphäre.“

Schneck: Auch Thomas Doll sagte es jetzt erst wieder…

Weidenfeller: … und ich sehe es genauso. Klar spielst du auch in anderen schönen Stadien. Deutschland ist eines der Länder, wo die schönsten Stadion stehen.

Aber Dortmund ist immer noch etwas Besonderes!

Weidenfeller: Wenn da wirklich alles zusammenhält und wir führen 1:0 und die Post geht immer noch nach vorne ab, dann ist da Stimmung drin, die hast du nirgendwo anders.

Wir haben eben schon kurz das Thema „Körpersprache“ angerissen. Noch einmal dazu: Wenn man Euch Ende der Hinrunde nach der Halbzeit aufs Feld hat kommen sehen - bei den Blauen zum Bespiel oder auch beim Aachen-Spiel, wo es 0:0 stand - dann war das oft mit hängenden Schultern, und es sah so aus, als hättet Ihr selbst nicht mehr den Glauben daran, noch ein Spiel drehen zu können. War das so?

Weidenfeller: Ich würde das nicht bei so vielen Spielen sagen. Klar, beim S******-Spiel, da waren wir alle schon sehr enttäuscht in der Halbzeit, weil wir uns auch mehr ausgerechnet hatten. Weil wir auch davon geträumt hatten, wieder mal eine Situation zu erleben wie vor zwei Jahren und sagen zu können: „Hey, du gewinnst in S******“. Wir wussten, wir hatten nur eine Möglichkeit, die Hinserie irgendwie wieder gut zu machen, nämlich dann, wenn du in S****** was holst. Aber wenn du dann da in der Kabine sitzt und du weißt, es läuft eigentlich alles gegen dich, dann ist es doch nur menschlich, dass du raus kommst und erstmal guckst, was passiert und rennst nicht wie ein Gestörter wieder nach vorne. Wir wissen doch selbst auch, dass die Spiele gegen S****** die wichtigsten Spiele sind. Auch für Euch, für uns genau das Gleiche. Wir wollen selbst auch die Spiele gewinnen, selbst wenn wir vielleicht ein paar S******* Kollegen kennen. Wenn man die trifft, sagen die nichts anderes als wir auch, wir freuen uns wieder auf den vorletzten Spieltag. Asamoah schreibt sogar, „wir wollen zwar das Derby gewinnen, aber wir wollen Dortmund auch weiter in der Klasse drin haben, denn das sind die geilsten Spiele.“ Das wollt ihr vielleicht so nicht direkt hören, aber das ist doch wirklich so. Das sagen die auch zu uns persönlich, wenn wir die irgendwo sehen.

Das Derby macht bei Borussia ja auch noch einen größeren Reiz aus, als bei anderen Vereinen, wo so eine Rivalität, auch in dem Maße, nicht gegeben ist.

Weidenfeller: Ich kannte es nur von Lautern und Mannheim, da war es genau das Gleiche. Und wir haben uns da auch auf diese Spiele gefreut. Da gab es dann Pokalspiele, da war die Hölle los. Es gibt doch nichts Schöneres im Fußball, als solche Derbys zu spielen! Genauso wie auch in Bochum, das macht doch auch Spaß. Gerade die Vereine müssen doch solange wie möglich in der Bundesliga bleiben.

Ich erinnere mich an ein Interview mit Dir vor fünf Jahren. Da warst Du gerade als zweiter Torwart nach Dortmund gekommen und hattest als persönliches Ziel insgeheim die WM 2006 genannt. Das hat jetzt nicht geklappt. Was ist aktuell Dein persönliches Ziel? Sowohl sportlich bei Borussia als auch allgemein?

Weidenfeller: Erstmal natürlich, dass die Knochen weiterhin halten. Das ist erstmal das Wichtigste für einen Sportler, aber auch für jeden normalen Menschen, dass die Gesundheit dementsprechend ist. Dann natürlich, dass wir so schnell wie möglich aus dieser beschissenen Situation hier herauskommen und wir uns dann fürs nächste Jahr wieder neue Ziele setzen, die wir auch erreichen können. Dass wir hoffentlich in dem Moment auch nicht wieder so ein Verletzungspech haben, wie wir es dieses Jahr hatten. Und dann, wenn du persönlich eine gute Saison spielst, natürlich auch vorwiegend mit dem Verein, dann hast du vielleicht auch wieder Ambitionen, wieder ne Stufe weiter nach oben zu kommen, sprich Nationalmannschaft. Ich bin natürlich auch einer, der seine Ziele verfolgt, und ich werd jetzt auch nicht aufgrund dessen, dass ich den Zug 2006 nicht geschafft habe, mich damit zufrieden geben. Ich möchte in den Jahren, in denen ich Zeit habe, Fußball zu spielen, soviel erreichen wie möglich. Dafür gebe ich jeden Tag alles im Training und versuche, mich jeden Tag zu verbessern.

Das heißt: Borussia Dortmund nächste Saison steigert sich mit Roman Weidenfeller im Tor?

Weidenfeller: Ich hoff’s! Und ich gehe fest davon aus! Jetzt müssen wir erstmal die erste Stufe schaffen, dass wir hier herauskommen aus dieser Situation und dass wir nächstes Jahr einfach einen Neustart hinbekommen. Das hat 1999/2000 ja auch geklappt, wo der Verein abzusteigen drohte und im nächsten Jahr wieder Champions League spielte.

Ich stelle die Frage ja nicht ohne Hintergedanken. Es wird ja in den Zeitungen viel über eine Ausstiegsklausel in Deinem Vertrag geredet, die anfällt, wenn wir den internationalen Wettbewerb nicht erreichen. Wie sieht’s da bei Dir aus? Hattest Du irgendwelche Angebote? Könntest du Dir vorstellen, nach dieser Saison den Verein zu wechseln?

Weidenfeller: Das sind natürlich alles Interna. Ich kann nur so viel sagen, dass ich persönlich schon zwei Angebote abgelehnt habe und immer noch da bin. Ich will jetzt erstmal die erste Mission zu Ende bringen. Das heißt, nicht abzusteigen. Und die zweite Mission ist ganz entscheidend, dass wir nächste Saison auch wieder eine wichtige Rolle in der Liga spielen, was eigentlich auch mit dem BVB möglich ist. Und dann schauen wir mal weiter.

Unsere große Bitte ist, dass Ihr die erste Mission bereits vor dem 33. Spieltag klar macht. Da sind wir voll auf einer Wellenlänge!

Das Interview führten Ramona Steding und Sascha Roolf

Geschrieben von Ramona/Sascha


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