Fußball im Land von Smørrebrød und Lego

Dannebrog16 Jahre ist es nun her, dass das kleine dänische Königreich im EM-Finale von Göteborg Deutschland schlug. Die Mannschaft enthielt so klangvolle Namen wie Peter Schmeichel, Brian Laudrup oder Flemming Povlsen, der uns Dortmundern in guter Erinnerung geblieben ist. Die etwas Älteren können sich sicherlich auch noch an die wohl beste dänische Fußballnationalmannschaft erinnern, die bei der EM 88 knapp scheiterte.

Auch in den 90ern sorgte das kleine Land mit rund 5 Millionen Einwohnern zuweilen für Furore. Unvergessen wird wohl die Karlsruher Schmach gegen Brondby im UEFA-Cup bleiben. Bei der WM 98 in Frankreich konnte Dänemark, mit teilweise begeisternden Spielen, noch ein letztes Mal ein Ausrufezeichen setzen. Seitdem ist es jedoch ruhig geworden, sowohl Nationalmannschaft als auch Klubs konnten keine Akzente mehr setzen. Mit der Qualifikation von Aalborg für die Zwischenrunde der Championsleague konnte sich endlich mal wieder ein Klub auf der großen Bühne gegen Manchester, Celtic Glasgow und Villareal präsentieren. Gleichzeitig wurde damit die Dominanz Kopenhagens wenigstens zeitweise durchbrochen. Ansonsten hörte man in letzter Zeit nicht allzu viel von dem kleinen Königreich, mal höchste Zeit einen Blick in unser kleinstes Nachbarland zu riskieren:

Dänemark - MaltaFußball ist unter Jungs immernoch die populärste Sportart, allerdings nicht so herausragend wie in Deutschland. Insbesondere Handball, Badminton und Segeln sind ebenfalls sehr populär. Die Erfolge der Handballnationalmannschaften in der letzten Zeit werden sicherlich die Verhältnisse in den nächsten Jahren weiter verschieben. Der professionelle Klubsport hat es in Dänemark allerdings von jeher sehr schwer. Ob im Handball oder Fußball: die besten Spieler spielen eher früher als später im Ausland. So erfreuen sich ausländische Vereine einer hohen Popularität, gerade die englische Premier League genießt in den Sportnachrichten eine große Beachtung. Interessanterweise ist der BVB immernoch ein sehr beliebt in Dänemark, hinter Bayern München, Werder Bremen und St. Pauli wohl der populärste deutsche Verein. Unsere blauen Nachbarn werden im Gespräch kaum genannt - trotz Ebbe Sand und Peter Lovenkrands.

Die dänische Liga ist glücklicherweise nicht zu einem Auffangbecken für abgehalfterte oder gescheiterte Spieler aus den großen Ligen, wie man es z.B. in Österreich sehen kann, verkommen. Es spielen zwar einige Spieler in der dänischen SAS Ligaen, über die man sagen kann, dass sie in Deutschland gescheitert sind, doch sind das eher die Ausnahmen. Zur Zeit gibt es im dänischen Fußball wieder einige Talente, von denen sich zumindest die Dänen größeres versprechen.

Tribüne im Parken StadionWer nun meint, dass an Dänemark die moderne Entwicklung des Fußballs vorbei gegangen ist, irrt sich allerdings. Die erste dänische Liga besteht aus 12. Klubs. Es wird jeweils dreimal gegen einander gespielt. Dank des Fernsehens ist der Spieltag ähnlich zersplittert. Hauptspieltag ist der Sonntag, die Anstoßzeiten variieren von 15 – 17:30 Uhr zwischen den einzelnen Partien. Hinzu kommt ein Spiel am Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und ein Montagabendspiel um 19 Uhr. Die Spiele werden im dänischen Pay-TV übertragen, verkaufte Stadiennamen sind auch hier nichts ungewöhnliches.

Immer vorne zu finden sind die beiden Hauptstadtklubs, die auch die größten finanziellen Mittel haben. Aalborg steht als diesjähriger Champions League Teilnehmer zur Zeit im grauen Mittelfeld. Dahinter wird die Liga meist spannender, da sich mehrere Klubs auf ungefähr dem gleichen Leistungsstand um die Plätze balgen.

Der Fußball ist grundsätzlich recht ansehnlich, die mangelnde Klasse wird durch Kampf weggemacht. Es wird deutlich weniger diskutiert als in Deutschland, dafür öfter mal die Möglichkeit durch den Fernschuss gesucht. Man hat allerdings auch häufig das Gefühl, dass viele Torszenen eher dem Zufall oder Unzulänglichkeiten entsprungen sind.

Die meisten Stadien in Dänemark sind recht modern. Häufig sind sie in einen Komplex integriert, zu dem das Vereinsheim, Geschäfte und Sporthallen gehören. Spiele sind selten ausverkauft – meist sind die Stadien gerade mal zur Hälfte gefüllt. Die Preise für normale Karten bewegen sich zwischen 13 € und 30 €, wirklich begehrt sind eigentlich nur die Tickets für das Kopenhagener Derby (dazu später mehr), die Champions League Spiele von Aalborg und Nationalmannschaftsspiele gegen Hochkaräter.

Baustelle NRGi Park AarhusDie günstigen Tickets werden durch die Preise für Nahrung und Flüssiges im Stadion locker ausgeglichen. Preise ab 5 € für ein Halbbier 0,4 (häufig sogar nur alkoholfreies) sind schon happig. Nahtlos dazu zahlt man vergleichbar hohe Preise für Softgetränke oder Essen. Außer den beiden Kopenhagener Stadien sind nur noch zwei weitere Stadien komplett Kamera überwacht, auch ungesicherte Baustellen nah am Gästeblock kann man antreffen. Generell wurde rund um die Stadien wenig getan, um die Fans und Zuschauer in ihrer Freiheit zu beschränken, wohl der wahrgewordene Alptraum unseres jetzigen Innenministers. Die Atmosphäre bei den meisten Spielen ist sehr friedlich und familiär. Der Großteil des Publikums unterscheidet sich kaum von den Fans, die man rund um die dänische Nationalmannschaft sehen kann, nur die lustigen Kopfbedeckungen und der hohe Alkoholpegel fehlen. Es ist zwar üblich vor und während des Spiels Bier zu trinken, rotzvolle Fans, wie man sie regelmäßig in Deutschland sieht, sind allerdings eher unüblich. Dementsprechend niedrig ist die Zahl der eingesetzten Polizisten rund um Fußballspiele. Polizist vor dem StadionBei normalen Spielen kann man die Anzahl der Beamten an zwei Händen abzählen und diese kümmern sich hauptsächlich um die Regelung des Verkehrs. Dieses niedrige Polizeiaufgebot ist sicherlich auch auf das Fehlen von Auswärtsfans zurück zu führen. Trotz der geringen Entfernungen sind Auswärtsfahrten nicht billig, die dänische Bahn ist privatisiert und das spürt man am Fahrplan und im Geldbeutel. Preise, die mit einem Wochenendticket mithalten können, sucht man vergeblich. Erwähnenswert ist, dass die Fans sich in den Zügen deutlich rücksichtsvoller gegenüber den Mitreisenden verhalten.

Signifikante Mengen an Auswärtsfans können eigentlich nur der FC Kopenhagen, Brondby IF, Aarhus GF, Aalborg und Odense aufweisen. Dies sind auch die Klubs die unter ihren Anhängern größere Ultragruppen aufweisen. Die größten Gruppen haben die beiden Hauptstadtklubs. Wenn man die Fantribünen von heute mit vor vier Jahren vergleicht, ist die Entwicklung erstaunlich. Aus einer Handvoll Personen sind Gruppen entstanden, die die Kurven eindeutig dominieren. Gerade bei Brondby kann man zuweilen einen lebendigen Block und tolle Choreographien bewundern. Horsens Fans in KopenhagenDer Einsatz von Pyrotechnik ist bei allen Gruppen – trotz Verbot – verbreitet. Das liegt zum Einen sicherlich an der mangelnden technischen Überwachung, zum Anderen an der zurückhaltenden Polizeitaktik. Einsatz von Pyrotechnik führt so gut wie nie zu einem Einschreiten der Polizei oder Ordner. Bis auf einige wenige Spiele ist es auch unüblich, dass Fans von der Polizei auf dem Weg zum Stadion begleitet werden, weder die Heimfans noch die Auswärtsfans haben den staatlichen Begleiter neben sich. Ausnahmen sind Spiele mit Beteiligung der Klubs aus der dänischen Hauptstadt, sowie seit letzter Saison Aalborg gegen Aarhus GF. Dort gilt diese Sonderbehandlung dann immer für die Fans des jeweiligen Gastvereins.

Bei allem muss man im Auge behalten, dass das Kopenhagener Derby eine Ausnahme des Geschilderten bildet. Für dänische Verhältnisse sprengt es alle Dimensionen im positiven wie im negativen Sinne. Die Spiele sind Monate vorher ausverkauft, die Atmosphäre ist deutlich angespannter und man merkt, dass deutlich mehr Emotionen im Spiel sind. Die Stadt ist deutlich getrennt zwischen den Fanlagern und auf das jeweilige Revier wird geachtet. Die Fans von Brondby IF kommen aus der gleichnamigen Kommune die durch Arbeiter und Migranten geprägt ist, auf der anderen Seite steht der FC Kopenhagen: Ein Klub der Teil eines Firmenkonglomerats ist und seine Fans aus der bessersituierten Schicht der Kopenhagener Innenstadt zieht.

Am FC Kopenhagen scheiden sich die Geister der Fans in ganz Dänemark. Für viele ist er nur ein Retortenklub der für den modernen Fußball steht, die FCK-Fans halten dem entgegen, dass der Klub innerhalb des Firmenverbundes verpflichtet ist, profitabel zu sein. Konsequenter Weise wird die Rivalität bis in die Nationalmannschaftsspiele getragen: Die Heimspiele der Nationalmannschaften werden in der Regel im Parken Stadion (FC Kopenhagen) oder Brondy-Stadion ausgetragen und man merkt schnell, in wessen Stadion man sich befindet. Die Spieler des jeweiligen Konkurrenten werden bei Ein- und Auswechslung von großen Teilen der anwesenden Zuschauer ausgepfiffen.

Aarhus„Imod moderne fodbold“, der Kampf gegen den modernen Fußball verbindet alle aktiven Fans in Dänemark. Sie wehren sich gegen die Einführung eines Auswärtspasses (inklusive vorheriger Registrierung für die Spiele zu denen man reisen möchte), die Ausweitung des Spieltages und das Fanregister. Das Fanregister ist vergleichbar mit der Datei Gewaltätersport vom ZIS, allerdings wird mit Eintragungen deutlich verantwortungsvoller umgegangen, so war bis zu dieser Saison nur eine Person eingetragen. Auch Stadionverbote sind in Dänemark nicht unbekannt. Die Klubs setzen dieses Mittel allerdings deutlich zurückhaltender ein, so ist Dauer meist nur ein halbes Jahr und eine Aufhebung funktioniert deutlich unkomplizierter. Nichtsdestotrotz ist nicht alles in Ordnung. So wurden zu letzt eine hohe Zahl an Stadionverboten gegen die Fans vom FC Kopenhagen ausgesprochen, die in ihrer Masse kaum gerechtfertigt sein dürften.

Es sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass es in den letzten Jahren zu immer heftigeren Auseinandersetzungen zwischen den Fans im dänischen Fußball kommt, so kam es beim letzten Kopenhagener Derby schon vor Spielbeginn zu knapp 170 Festnahmen. Im Vorfeld musste der komplette Zugverkehr in Kopenhagen unterbrochen werden, da es zu Auseinandersetzungen auf den Gleisen kam. Die Fans von Aarhus wurden beim letzten Auswärtsspiel gegen den FC Kopenhagen mit einer Ladung Steine verabschiedet, nachdem bei einem der vorigen Spiele Fahnen den Besitzer von Kopenhagen nach Aarhus gewechselt hatten. Aalborg-Fans attackierten diese Saison auch Fans von Aarhus, die es nach einem Spiel in Aalborg in eine Kneipe gezogen hatte. Diese kleineren und größeren Scharmützel sind eine neue Erscheinung im dänischen Fußball, die Polizei, die sich relativ lange zurückhält, greift bei solchen Vorfällen dann aber sehr resolut und kompromisslos durch. Auch dort wird dann gerne mal deutlich über die Strenge geschlagen.

Insgesamt ist nicht ganz klar wohin der Fußball in Dänemark steuert. Die Entwicklung in den nächsten Jahren mag ähnliche Veränderungen bringen, wie es die letzten Jahre gebracht haben. Es bleibt aufjedenfall spannend.

mrg, 03.03.09