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Eua Senf - 14.06.2016

Eine Saison im Westfalenstadion - Ein Rückblick

Es ist – glaube ich – das Beste, was einem Borussen passieren kann: man bekommt eine Nachricht, in der steht: „Hast du Lust, mit zum Spiel zu kommen?“ Genau diese Situation ist mir in der abgelaufenen Saison des Öfteren passiert.

Ich wurde gefragt, ob ich mit ins Stadion möchte und willigte natürlich ein. Denn was gibt es schöneres für eine Borussin wie mich, als einmal im Leben bei einem Bundesliga-Heimspiel im Tempel zu sein? Da gibt es nichts Vergleichbares. Ich war schon vorher zwei Mal bei einem Spiel dabei, das war allerdings nicht zu vergleichen mit dem Saisoneröffnungsspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Denn als ich den ersten Schritt ins Stadion gemacht hatte, wusste ich: dieser Tag wird ein besonderer werden. Alle waren gespannt, wie das erste Spiel nach der durchwachsenen vergangenen Saison ausgehen würde. Vor allem, weil es eine wichtige Änderung gab: es war das erste Bundesligaspiel von Thomas Tuchel. Als wir dann unsere Plätze mit einer Stadionwurst in der Hand erreicht hatten, bekam meine Aufregung einen weiteren Schub. Man kann sagen: an diesem Tag war mein Adrenalin zu dem Zeitpunkt auf einer Skala von 0-100 schon bei 90 angelangt. Dann kam Roman Bürki zum Aufwärmen auf den Rasen. Während er zum Tor vor der Südtribüne lief, heizte Stadionsprecher Nobby uns Fans an, indem er sagte: „Wir begrüßen auf dem Feld unsere Nummer 38 Roman...“ und das Stadion erwiderte lauthals: „BÜRKI“. Das war Gänsehaut pur.

Es war unbeschreiblich. Nachdem Bürki sich einige Minuten warm gemacht hatte, ertönte der „Aida-Triumphmarsch“ und dann kamen auch die anderen Spieler zum Warmmachen aus der Kabine. Die Vorfreude auf die neue Saison war im ganzen Stadion zu spüren. Bevor Nobby die Mannschaftsaufstellung verkündete, wurde das „You‘ll never walk alone“ angestimmt. Mir wurde immer erzählt, wie die Stimmung in dieser Zeit des Singens sein soll. In diesem Augenblick wurde mir allerdings klar: alle, die mir darüber berichtet hatten, haben gelogen. Es war viel, viel schöner, als es alle Erzählungen ausdrücken können. Eine Gänsehautatmosphäre, nicht in Worte zu fassen. Auch jetzt, ein Dreivierteljahr später, bekomme ich noch Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment zurückdenke. 80.000 Menschen standen hinter dem zusammen, was alle Borussen verbindet: der Mannschaft auf dem Rasen. So wie die Fans auf den Rängen spielten auch unsere Jungs: als eine Einheit. Während des Spiels war ich so glücklich wie vielleicht noch nie zuvor in meinem Leben. Vier beeindruckend schöne Tore schoss Borussia Dortmund an diesem Samstagabend.

Ich bekam nach diesem Spiel noch öfter die Einladung, mit ins Stadion zu kommen. Es war immer wieder ein besonderes Gefühl. Man kann sich einfach nicht daran gewöhnen, wie die Stimmung im Tempel ist. Es sind immer Gänsehautmomente, wenn ein Stadion mit 80.000 Menschen Fansongs anstimmt. Doch das Spiel gegen Hannover war ein besonderes für mich. Wir nahmen wie immer den Eingang zur Süd, gingen diesmal allerdings nicht zur Südwestecke, sondern direkt auf die Süd zu. Mein Herz schlug höher, als diese riesige Tribüne, die 25.000 Leute fasst, über mir war. Wir standen ziemlich weit unten, weshalb ich mich auch immer wieder umdrehte, um die ganze Situation, die ganzen Eindrücke und Gefühle aufzusaugen. Bei meinen Stadionbesuchen zuvor war es immer schon der Wahnsinn gewesen, das „You‘ll never walk alone“ mitzusingen, doch auf der Südtribüne war es noch mal anders. Es war intensiver, wenn man das so ausdrücken kann. Ein noch stärkeres Gefühl, eine Einheit zu sein, zusammenzugehören. Es war ein nervenaufreibendes Spiel, welches letztendlich durch einen Schuss aus der zweiten Reihe von Mkhitaryan entschieden wurde. Und dieses Tor löste die Spannung, die auf der Süd zu spüren war. Wir alle lagen uns in den Armen, auch wenn wir uns gar nicht kannten. Dieses Gefühl macht für mich Borussia Dortmund aus. Bei dem Spiel gegen 1899 Hoffenheim stand ich ebenfalls auf der Süd. Ich hatte das Gefühl, ein ganzes Stadion rastet aus. Es war unglaublich, der BVB schoss drei Tore und bei jedem Tor flippte gefühlt jeder noch mehr aus.

Danach war ich beim Spiel gegen Mainz im Stadion. In der ersten Halbzeit war für mich noch alles normal. Borussia schoss ein Tor und ging mit 1:0 in die Pause. Was sich dann herumsprach, sollte das ganze Spiel verändern. Bei zwei Menschen hatte man Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen müssen, einer davon schaffte es nicht und verstarb noch im Stadion. Als die Nachricht die Runde machte, wurde beschlossen, jegliche Unterstützung einzustellen. Ich muss zugeben, relativ lange Zeit nicht gewusst zu haben, was geschehen war. Ich stand an diesem Tag nicht selbst auf der Süd, ich war in der Südwestecke. Ein Blick auf mein Handy reichte aber, um herauszubekommen, was los war. Es war eine merkwürdige Stimmung. Wie ein Stadion mit über 80.000 Menschen von jetzt auf gleich so still werden kann, ist unglaublich. Dortmund schoss das 2:0, doch es war Nebensache. Kurz vor Ende der Begegnung stimmte die Südtribüne dann das „You‘ll never walk alone“ an. Die gelbe Wand reckte ihre Schals in die Höhe und sang los. Die traurige Nachricht hatte sich inzwischen auch im übrigen Stadion herumgesprochen und alle taten es der Süd gleich. Das ganze Stadion stand auf und sang mit den Schals in der Höhe den Song. Auch die Mainzer stellten die Unterstützung ihrer Mannschaft ein und sangen mit.

Nach dem Spiel erfuhren auch die Spieler, was passiert war. Alle zusammen gingen sie zur Südtribüne und erneut wurde das „You‘ll never walk alone“ angestimmt. Es war ein trauriger Abend, der aber immer in meinem Gedächtnis bleiben wird, da ich es beeindruckend fand, wie viele Menschen so schnell und so gut zusammenhalten können. Daran hat man gesehen, wie Fußball verbindet. Aber Tatsache ist: Fußball war an diesem Tag Nebensache, genauso wie das Ergebnis.
Ein weiteres Mal war ich noch im Stadion und habe unsere Mannschaft angefeuert. Es war ein tolles Gefühl, wieder da zu sein. Es war eine Atmosphäre zum Wohlfühlen. Inzwischen konnte ich alle Songs in und auswendig. Die Stimmung war natürlich auch so gut, weil wir in der abgelaufenen Saison nicht eine Heimniederlage hinnehmen mussten. Aber eins ist sicher: auch wenn Borussia verliert, die Fans werden immer zu dem Verein stehen.

Für mich war die letzte Saison eine tolle, da ich diese Erfahrung im Stadion so oft machen und die Mannschaft vor Ort unterstützen durfte. Das ist etwas, was ich niemals vergessen werde. Es wird immer so bleiben, dass ich Gänsehaut bekomme, wenn ich an die Stadionbesuche zurückdenke.

Cindy, 14.06.2017


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