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- 10.05.2002

Borussia verliert das UEFA Cup Finale aber gewinnt bei seinen Fans Der BVB bringt sich selbst um den verdienten Lohn

Ein Finale sollte im Normalfall ein großes Fest für die Anhänger der am Endspiel teilnehmenden Vereine sein. Für die Millionen Zuschauer an den Fernsehgeräten ebenso, wie für die mitgereisten Fans. Also ist es die Aufgabe des Ausrichters, in diesem Fall die UEFA, einen würdigen Rahmen zu finden. Die Auswahl für einen passenden Endspielort in Europa ist riesig. Wunderschöne Stadien und Städte, die sich über die Ausrichtung eines solches Ereignisses freuen würden, gibt es ausreichend. Als lobenswertes Beispiel dürfte hier das letzte UEFA Cupfinale in Dortmund zwischen dem FC Liverpool und CD Alaves gelten. Ein Fußballfest, das heute noch die Fans beider Lager, aber auch die Dortmunder, in ihren Bann zieht. Eine gelungene Werbung für den Fußball.


Was die Theoretiker bei der UEFA geritten haben muss ausgerechnet das Finale 2002 nach Rotterdam zu geben, daran dürfte sich nach diesem Mittwoch keiner der Herren mehr wirklich erinnern wollen. Die Schwelle zwischen maximaler Sicherheit und menschenunwürdiger Behandlung der in Rotterdam weilenden Dortmunder Fans wurde brutal überschritten. Wer von den mitgereisten Dortmunder Fans diese Einlassprozedur miterlebt hatte, war schon beim betreten des Stadiongeländes restlos bedient. In Europa gelten die BVB Fans als „Botschafter des Fußballs“, genießen einen erstklassigen Ruf.

In Rotterdam wurden sie behandelt wie Schwerverbrecher. So mussten z.B. die fast 15.000 Dortmunder Fans, nach bis zu 5 Stunden Anreise, in Hochsicherheitskäfigen in ihre Blöcke geleitet und dass natürlich nicht ohne vorher von der Niederländischen Staatsmacht mehrfach penibel gefilzt zu werden, damit auch ja kein Feuerzeug in der Hosentasche bleibt. Durstig und hungrig wurden sie dann auf das Stadiongelände entlassen wo ganze 2!!! Frittenbuden für das leibliche Wohl der Gäste sorgen sollten. Genauso schwierig war es an Getränke zu kommen. Es gab 2 Getränkestände unter der Tribüne, für knapp 15.000 Menschen, mit je 3 Bedienungen, die natürlich kein Wechselgeld hatten. So musste man den ein oder anderen Euro zusätzlich für das begehrte Getränk ausgeben. Um so bewundernswerter die Dortmunder Fans, denn auch diese Art der Schikane konnte den Borussenfans die gute Laune „noch“ nicht verderben. Richtig ätzend wurde es dann erst während des Spiels. Erwähnenswert hierbei auch die Bestimmungen der UEFA für die Fernsehteams. Ihnen wurden Bilder aus den Fanblöcken verwehrt. Keiner der Fernsehzuschauer sollte sehen, wie schäbig sich die Dortmunder Fans behandelt wurden oder wie sich die Fans von Feyenoord Rotterdam während des Spiels aufführten. Doch alles der Reihe nach.
Schon eine Stunde vor Spielbeginn glänzten die Dortmunder Fans mit toller Stimmung auf den Rängen. Kehl (nicht spielberechtigt) und Metzelder (Gelbsperre), standen bis kurz vor dem Anpfiff auf dem Rasen und beobachteten fasziniert das Treiben der Borussenfans. Obwohl das Stadion logischer Weise von der Zuschauerzahl in Rotterdamer Hand war, zeigten sich die Feyenoordfans sichtlich beeindruckt von dem Dortmunder Support.

Beim Einlauf der Mannschaften „brannte“ dann das Stadion. Bengalos in rauen Mengen wurden von den Rotterdamern gezündet, dazu eine sehr schöne Choreo, die selbst italienische Verhältnisse in den Schatten stellte. Aber auch die Vorhut der Dortmunder „The Unity“ Supporters hatte ganze Arbeit geleistet. Bereits am Mittwochmorgen um 3 Uhr waren 30 Personen in Richtung Rotterdam gestartet und hatten nach langem Hickhack eine schwatzgelbe Europacupchoreo erstellt.

Bei der Menge an brennenden Bengalos dürften sich vielen BVB Fans die Frage gestellt haben, ob man auf eine Kontrolle der Feyenoordfans zu Gunsten des BVB Anhangs verzichtet hatte. Der Grund mag jedoch ein anderer sein. Die holländische Polizei hat schlichtweg Angst vor ihren eigenen Fans, wie uns ein holländischer Beamter freimütig berichtete. Die Freude über das Bengalospektakel dürfte aber während des Spiels auch den hartgesottensten BVB Fans vergangen sein.
Metze und Kehl wurden durch Evanilson und Kohler ersetzt. Gegenüber dem letzten Spiel verzichtete Sammer zu Beginn noch auf Heinrich und Addo. Für sie rückten Wörns und Ewerthon in die Startformation. Kohler übernahmen im Wechsel Tomasson und van Hooijdonk. Ricken und Reuter übernahmen den defensiven Part im Mittelfeld.

Borussia kontrollierte von Beginn an die Partie, während die Rotterdamer nur schwer ins Spiel fanden. Die einzige gefährliche Situation durch die Holländer führte dann auch in der 18. Minute fast zur 1:0 Führung für Feyenoord. Pierre van Hooijdonk zeigte seine ganze Klasse und zirkelte seinen Schuss über die Dortmunder Mauer. Lehmann war bereits geschlagen, doch der Pfosten rettete für den BVB. Zehn Minuten später hatte Borussia die erste große Chance durch Evanilson. Was dann folgte dürfte sich auf ewig in die Erinnerungen der BVB Fans an diesen Tag festgebrannt haben. Ausgerechnet der „Kokser“ verlor nach einem Rückpass von Ricken den Ball im Zweikampf an Tomasson. Kohler brachte den Dänen im Strafraum als letzter Mann zu Fall. Der „Fall“ war somit für Schiedsrichter Pereira klar. Elfmeter und Rote Karte für den „Fußballgott“. Schockzustand bei den Dortmunder Anhängern, grenzloser Jubel bei den Holländern. Feyenoord´s Mann für den ruhenden Ball, Pierre van Hooijdonk, verwandelte sicher zur 1:0 Führung. Nun entlud sich nicht nur grenzenlose Freude bei den Feyenoordfans. Aus den Blöcken der Holländer flogen brennende Bengalos und Leuchtspurmunition in die Ränge der Dortmunder. Nur mit viel Glück entgingen Dortmunder Fans schweren Verletzungen. Aber auch dieses werden die Herren von der UEFA sicher großzügig übersehen haben. In deutschen Stadien hätte die Menge an brennbarem Material für 500 Jahre Stadionverbot ausgereicht.

Somit stand Borussia nur noch mit 10 Mann auf dem Platz. Reuter übernahm Tomasson. Doch auch mit einem Mann weniger auf dem Platz änderte sich nichts am Spielverlauf. Die Rotterdamer waren nur bei Freistößen gefährlich, Borussia machte das Spiel. So führte ausgerechnet der 2. Freistoß vor dem Dortmunder Gehäuse zur unverdienten 2:0 Führung der Holländer. Wiederum der Torschütze van Hooijdonk, der den Ball wie beim Pfostentreffer aus ca. 20 Metern über die Dortmunder Mauer zirkelte und Lehmann keine Chance ließ. Jetzt drehten die Rotterdamer Fans ganz durch. Der ganze Hass auf den Gegner aus dem Nachbarland wurde Mistkübelweise über die Borussenfans ausgeschüttet. Rivalität unter Fans gehört zum Fußball wie das Salz zur Suppe. Aber was die Holländer da zum besten gaben ließ die Rivalität zwischen Dortmundern und Schal*ern zum Kindergeburtstag schrumpfen. Mit dem 0:2 Rückstand für Borussia ging es in die Kabinen.
Der BVB kam als erster zurück auf den Rasen, angeführt von Jens Lehmann, der den Fans wild winkend klar machte: „Hier geht noch was!“ Und bereits 2 Minuten nach Wiederanpfiff bekam der BVB nach einem Foul am Amoroso im Strafraum einen Elfmeter zugesprochen. In seiner unnachahmlichen Art verwandelte die „Diva“ zum 1:2 Anschlusstreffer. Der Dortmunder Block tobte. Die Rotterdamer schienen geschockt. Borussia erhöhte den Druck und vor allem ein Spieler wurde immer stärker – Jan Koller. Er spielte seine wohl beste Partie im schwatzgelben Dress. Alles deutete auf einen Ausgleich hin, schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Mitten in dieser Drangperiode dann der erneute Rückschlag für die Dortmunder. Lars Ricken, der für den BVB gerade im europäischen Wettbewerb so wichtige Tore erzielt hatte, erwischte einen rabenschwarzen Tag. Er verlor im Mittelfeld den Ball an Ono. Wörns wurde durch die passive Abseitsstellung van Hooijdonk irritiert und löste so das Abseits auf. Somit war der Weg für Tomasson frei. Der Däne überwand Lehmann zur 3:1 Führung für Feyenoord. Unglaublich, dass Spiel schien verhext. Borussia machte das Spiel und lieferte den Holländern noch die Vorlagen zum Tore schießen. Doch Borussia steckte nicht auf. Fans und Spieler wollten sich nicht geschlagen geben. Acht Minuten später war es Jan Koller, der seine überragende Leistung mit einem Supertor zum 2:3 krönte. Doch am Ende fehlte die Kraft. In den verbleibenden 25 Minuten gelang es dem BVB nicht mehr, die Holländer in die Knie zu zwingen. Dortmund hatte meisterhaft gekämpft, hatte sich nie aufgeben. Doch das Glück kann nicht immer auf der schwatzgelben Seite stehen. Hätte, wenn und aber zählen nicht im Fußball. Die Fans waren enttäuscht, aber stolz auf ihre Mannschaft, denn: „Der Moment bestimmt die Geschichte – die Liebe ein ganzes Leben!“
Ein großes Kompliment an diese Mannschaft. Wer so kämpft und sich nie aufgibt, ist zu Recht deutscher Meister geworden. Sicherlich hätte alle gerne den UEFA Pokal nach Dortmund geholt. Doch viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass diese Mannschaft das Zeug hat noch viele Erfolge gemeinsam mit uns Fans zu feiern. Ein Riesen Kompliment auch die mitgereisten Dortmunder Fans. Wer solche Schikanen über sich ergehen lassen muss wie in Rotterdam und trotzdem nur eins im Sinn hat, nämlich seine Mannschaft bis zum Umfallen zu supporten, der hat ebenfalls den Meistertitel verdient.

Wie toll die Rotterdamer ihren Sieg feierten ist nicht bekannt. Stattdessen herrschte nach dem Spiel der übliche Normalzustand in der holländischen Hafenstadt. Randalierende Fans zogen durch die Innenstadt und prügelten sich mit der Polizei. Die Hoffnung, dass die Herren der UEFA aus den Ereignissen in Rotterdam lernen dürfte dagegen gering sein.

Spruch des Tages: „Im Rückspiel packen wir Feyenoord“ (Ein Dortmunder Fan auf dem Rückweg zum Zug)

BVB: Lehmann (3), Kohler (5), Wörns (3), Reuter (3), Dede (2), Evanilson (3), Ricken (5), Rosicky (2), Koller (1,5), Amoroso (4), Ewerthon (4)

Schiedsrichter: Pereira (Portugal) (3)

Gelbe Karten: Amoroso, Dede, Rosicky

Rote Karten: Kohler

Zuschauer: 46.000 (ca. 14.600 in schwatzgelb)




Geschrieben von Wade


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