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Unsa Senf - 24.06.2014

Adrian Ramos, unauffälliger Pressingspezialist

Adrian Ramos bejubelt seinen Treffer gegen den BVBEr gab seinen Wechsel schon vor Immobile bekannt: Der Ex-Herthaner Adrian Ramos soll zusammen mit dem italienischen Nationalstürmer die Lücke schließen, die Robert Lewandowski hinterlässt. Dabei ähnelt der Kolumbianer dem Polen mehr als es Immobile tut – und ist doch keine Kopie des amtierenden Torschützenkönig. Doch welche Stärken hat der Neuzugang überhaupt und wo muss er sich zukünftig verbessern? Eine Analyse.

Als Kolumbiens Nationaltrainer José Pekerman Anfang Juni feierlich den endgültigen WM-Kader der „Cafeteros“ bekanntgab, tauchte auch der Name eines zukünftigen Borussen auf: Der von Stürmer Adrian Ramos. „Super“, dachte sich damals vermutlich der ein oder andere BVB-Fan, „dann kann ich mir schon während der Weltmeisterschaft ein genaues Bild vom neuen Stürmer im schwarz-gelben Dress machen.“

Bei der WM bleibt nur die Zuschauerrolle

Doch weit gefehlt: Keine einzige Minute stand Ramos in der Gruppenphase bisher auf dem Platz. Auf den ersten Blick ist das eine Überraschung, gerade weil Kolumbiens Stürmerstar Radamel Falcao den Wettlauf Ramos läuft sich warmgegen die Zeit nach seinem Kreuzbandriss doch noch verlor und nicht mehr rechtzeitig auf die Beine kam. Als logische Folge sahen einige (deutsche) Journalisten in Ramos schon Ersatz Nummer eins für die Tormaschine aus Monaco. Außer Acht ließen sie dabei jedoch, dass die „Kaffeepflücker“ auch ohne Falcao über eine Reihe starker Stürmer verfügen, die in der Hierarchie deutlich vor dem Noch-Herthaner stehen. Die große Auswahl von Stars wie Teofilo Guiterrez, Carlos Bacca oder Jackson Martinez führte sogar so weit, dass Pekerman ganze zwei Jahre problemlos auf Ramos verzichten konnte. Sie sorgt nun ebenfalls dafür, dass sich BVB-Fans für weitere Eindrücke vom neuen Stürmer vermutlich bis zum Saisonauftakt gedulden müssen – abgesehen von dem für Kolumbien fast unbedeutenden letzten Gruppenspiel gegen Japan bleibt seine Chance auf Einsätze sehr gering.

Unbeschriebenes Blatt, gute Werte

Eigentlich sollte Ramos, der sein Länderspieldebüt 2009 gegen Argentinien gab, deutschen Fußballfans aber bereits ein Begriff sein: Der Kolumbianer steht seit fast fünf Jahren in Diensten der Berliner Hertha und spielte drei Jahre lang in Liga eins. Dabei gelangen ihm in 92 Partien 32 Tore, weitere 17 bereitete Ramos Ramos läuft sich warmzudem vor. Keine schlechten Werte, dennoch ist der Herthaner außerhalb von Berlin ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Nicht wenige Fans werden sich bis heute fragen, was für ein Spielertyp dieser eher unauffällig daherkommende Kolumbianer denn nun eigentlich ist.  

Werfen wir dafür zunächst einen Blick auf die abgelaufenen Spielzeit: Für seine 16 Tore benötigte Ramos 93 Versuche, traf also etwa mit jedem sechsten Schuss – eine ähnliche Erfolgsquote konnte bei 117 Versuchen für 20 Treffer übrigens auch sein Vorgänger Robert Lewandowski vorweisen. Wer deshalb jedoch denkt, der BVB verpflichte mit dem Kolumbianer einen 1:1-Ersatz für den polnischen Nationalspieler, liegt nicht ganz richtig. Zwar haben beide Stürmer nicht nur eine ähnliche Torquote, sondern teilweise durchaus auch eine ähnliche Spielanlage – in einigen Bereichen lassen sich aber ebenso deutliche Unterschiede erkennen.

Stark beim Kopfball, Pressing, Kombinieren

Ramos' Berliner Zeit zeigt eins: Der Kolumbianer spielt sehr flexibel, ist viel unterwegs und fällt gerne ins Mittelfeld zurück, wo er sich erfolgreich in das Kombinationsspiel seiner Mannschaft einbringt. 74 Prozent der Zuspiele des Ramos im Luftkampf gegen Marian SarrAngreifers fanden in der abgelaufenen Saison einen Mitspieler – die Passquote von Lewandowski betrug übrigens 73 Prozent. Eine weitere Parallele zum Polen ist, dass Ramos bei der Hertha nicht zuletzt wegen seiner Kopfballstärke – er gewann im Mittel 6,2 Luftduelle pro Spiel – häufig als Zielspieler für hohe Bälle agierte.

Daneben hat der pfeilschnelle Ramos seine Stärken bei Dribbling- und Pressingsituationen, wofür unter anderem eine  durchschnittliche Laufleistung von mehr als zehn Kilometern pro Partie und eine Zweikampfbilanz von 45 Prozent sprechen – mit letzterer überbot „Adriancho“, wie der Angreifer in der Heimat genannt wird, sogar knapp den letztjährigen Wert von Lewandowski (42 Prozent).

In Zukunft ist vor allem Konstanz gefragt

Doch bei allen Gemeinsamkeiten ist Ramos, der mit 18 Jahren für América de Cali in Kolumbiens erster Liga debütierte, noch mehr als Lewandowski ein Stürmer, der seine volle Durchschlagskraft erst im Umschaltspiel und in Kontersituationen entfalten kann. Was einerseits perfekt zur Borussia passt, bringt andererseits ein Problem mit sich: Für seine Aktionen benötigt der Angreifer Platz. Platz, den er bei einem Topteam Ramos verabschiedet sich aus Berlinnicht immer hat, zumindest in der Bundesliga. Ob der Angreifer im Tagesgeschäft zusammen mit seinen Mannschaftskameraden regelmäßig Spiele gegen defensiv eingestellte Teams erfolgreich zu gestalten vermag, ist deshalb vollkommen offen.

Dass Lewandowski in den vergangenen Jahren nicht nur auf einem höheren, sondern auch auf einem deutlich konstanteren Niveau als Ramos agierte, lässt sich zudem nicht bestreiten. Ob und inwieweit der kolumbianische Meister von 2008, der in Deutschland bisher höchstens eine Saison am Stück erstklassig spielte, seine Bestleistung regelmäßig auf den Platz bringen kann, wird sich erst in Zukunft zeigen. Wichtig wäre das allemal: Eine Flaute wie zum Ende der vergangenen Saison – der neue BVB-Stürmer traf das letzte Mal am 27. Spieltag gegen die Bayern – wäre beim Kampf um einen Stammplatz alles andere als förderlich.

Immobiles Verpflichtung ist gut für Ramos

Den Einstand in Dortmund könnte Ramos dabei möglicherweise ausgerechnet sein größter Konkurrent erleichtern: Die Verpflichtung von Ciro Immobile sorgt wohl dafür, dass die auch in diesem Text angestellten Vergleiche mit Lewandowski größtenteils ausbleiben. Ein Start im Schatten des italienischen Königstransfers nähme zu Beginn der Saison ein Stück weit den Druck von „Adriancho“. Sei es, weil Ramos erst einmal von der Bank startet oder, weil er an der Seite von Immobile stürmt – diese Variante erscheint durch den anfänglichen Ausfall von Reus noch ein kleines bisschen wahrscheinlicher.

Daniel R., 24.06.2014

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