Im Land der letzten Dinge
Wir haben es ja immer gesagt, die unaussprechliche Stadt in der Mitte des Ruhrgebiets, eben jene, die vom blauen Virus verseucht wurde, ist kein gutes Pflaster für erfolgreiche Menschen mit gehobenen Ansprüchen. Kaum ist die Tinte unter dem Vertrag trocken, fällt es dem voraussichtlichen Torschützenkönig dieser Saison etwas zu spät auf, was da in Wirklichkeit auf ihn wartet: Tradition und EndzeitstimmungAilton- der 30-jährige Brasilianer von Figur her Kampfkugel und Kumpeltyp allerdings vom Gemüt eher ein Mensch mit kritischer Intelligenz (somit wohl kein echter Schlacker ), der bei den Blauen vor kurzem einen Vertrag bis 2006 unterschrieben hat, hatte in einem Radio-Interview seine künftige Heimat mehr als treffend beschrieben:
"Alles was ich bisher über Gelsenkirchen gehört habe, ist ein Desaster. Es soll nicht besonders schön sein, und für junge Leute soll es dort nicht viele Möglichkeiten geben, Spaß zu haben", meinte Ailton: "Vielleicht bleibe ich in Bremen wohnen und spiele dann nur in Schalke."
Was war das für eine Begegnung, welche Vorstellung hatte dieser Mensch aus den Favelas vom Leben, was erwartet er ?
Was passiert , wenn er auf dem scheinbar unaufhaltsamen Weg nach oben, einer Stadt begegnet, die sich unabwendbar auf dem Weg nach unten befindet – geht er freiwillig zurück ins Elend ?
Nun sollte man meinen, dass das Wohnen in dieser Ansammlung von zerfallenen Gebäuden inmitten maroder Infrastruktur gerade noch erträglich ist, wenn man denn dort nicht in die sogenannte Arena gezerrt wird , dem Hort der letzten Illusionen oder gar Fußball dort spielen muss.
Aber kaum hat er das ausgesprochen, macht sich auch schon wieder Empörung breit. Ja - ist den schon weider so weit, darf man denn nicht mehr die Wahrheit sagen, seine Eindrücke schildern und seine Gefühle kundtun ?
Nein, stattdessen kommen sie wieder mit ihrer gekränkter Eitelkeit, die Blauen, die ja so gerne die Arbeitslosigkeit hinnehmen um ihren Lieblingen beim Aufbauen der Hütchen im Training zusehen zu dürfen, jene die Sozialhilfe zum Statussymbol des echten Fans erklärt haben, genau die betrachten dieses „Land der letzten Dinge *“ als ihre Heimatstadt – dem einzig wahren Hort der zum Kult erhobenen Einfalt.
Es war einmal ein Mann,der schüppte jahrelang, Kohle aussem tiefen Loch, in die freie Landschaft hoch
Immerhin halten es rund 300 000 Einwohner ständig dort aus und überhaupt und einer der barfußkickend in den Favelas seine ersten Übungsstunden hatte, ausgerechnet der maßt sich nun an, die Schönheit dieser Perle der maroden Industriekultur in Frage zustellen. Eine gute Gelegenheit doch mal nachzusehen, was es den wirklich ausmacht, dieses Flair, dass die Menschen geradezu zwanghaft in die königsblauen Leibchen treibt, denen es alles andere als peinlich ist, derart uniformiert in der trostlosen Fussgängerzone täglich die Pfennigläden zu stürmen und am nutzlosesten Großstadtbahnhof Deutschlands rumzulungern. Ein ganz besonderes Flair, dass die einzige noch verbliebene Lokal-Identikfikation, die da „FC_Schlacke“ heißt, erst einmal ermöglicht. Nun möchten wir ja nicht unbedingt alle Einwohner dieser Stadt brüskieren, denn gerade der bedauernswerten Minderheit, die entweder fußballneutral leben wollen oder Anhänger anderer Vereine sind, haben es ja ohnehin schwer genug. Diejenigen, die dort leben müssen, weil ihnen irgendwie nichts anders übrig blieb, die sind natürlich von unserer Abneigung ausgenommen. Aber für diese Menschen verbindet sich ihre Zukunft mit der Vergangenheit Ailtons, symbolisiert durch die Ausweglosigkeit der Favelas – welch grausiger gedanke. So gesehen verwundert der Aufschrei nicht.
Insgesamt ist Gelsendingens eine sterbende Stadt, jeder weiß das. Alte Anlagen sind zerfallen, neue Industrieansiedlungen sind sinnlos, weil die wenigen Menschen, die intelligent und jung genug waren ohnehin schon weggezogen sind. Und die verbliebenen haben nun mal ihre eigenen Ideale, die an Verklärtheit wohl kaum zu übertreffen sind. Deswegen meinen wir, erhaltet sie euch doch, die Hoffnung der Auferstehung, verzichtet auf die Stars, die nur euer Geld wollen, das ihr sowieso nicht habt. Also dann würden wir doch einfach mal vorschlagen, die ach so supiknuffige Fußballtruppe rund um den Asselrudi verstärkt sich in Zukunft nach folgendem Schema:
Alles nur noch Original-Gelsendingenser und höchstens noch aus Gladbeck, Marl und Herten die Verstärkungen. Wichtig sind in guter Tradition eine fünfjährige Tätigkeit unter Tage (Zeche Hugo) die Kenntnis der Adressen sämtlicher Autozubehörlieferanten im Ruhrgebiet, ein fehlerfreies Absingen von "Blau und weiss", dem Steigerlied und Wolles "Wir sind das Ruhrgebiet", das nachdenkenfreie Aufsagen sämtlicher Mitspieler der Reichs-Meistermannschaften 1934-1942 inklusive den Adressen der Geschäfte, die sie nach 1933 übernehmen durften. Dazu der Nachweis eines Schrebergartenpachtvertrages mit Taubenzucht in mindestens dritter Generation und mindestens ein tiefergelegter Manta B über 2 Jahre gefahren. Mit diesem Lebenslauf ist dann endgültig gewährleistet, dass man das Leben in dieser verbotenen Stadt im Land der letzten Dinge einfach nur schön finden kann, eben weil ein Vergleich nicht mehr möglich ist, denn wer wollte diese Typen dann noch woanders ?
*Dies sind die letzten Dinge, schrieb sie. Eins nach dem andern verschwinden sie und kommen nie zurück. Ich kann dir erzählen von denen, die ich gesehen habe, von denen, die es nicht mehr gibt, doch wird kaum Zeit dafür sein. Es geschieht jetzt alles zu schnell, und ich kann nicht mithalten. Ich erwarte nicht, dass du verstehst. Du hast nichts davon gesehen, und selbst der Versuch, es dir vorzustellen, wäre vergeblich. Dies sind die letzten Dinge. An einem Tag ist ein Haus noch da, am nächsten ist es weg. Gestern ging man über eine Straße, die heute nicht mehr existiert. Auch das Wetter wechselt in einem fort. Regentage folgen Sonnentagen, Nebeltage folgen Schneetagen, einmal kühl, einmal warm, erst Wind, dann Flaute, eine Zeit bitterer Kälte, und dann heute, mitten im Winter, ein lieblich heller Nachmittag, so warm, dass man keinen Mantel braucht. Wer in der Stadt lebt lernt, nichts für selbstverständlich zu halten. Man schließt nur kurz die Augen, dreht sich um, um nach etwas anderem zu sehen, und was eben noch vor einem stand, ist plötzlich weg. Nichts bleibt, verstehst du, nicht einmal die eigenen Gedanken. Ihnen nachzuhängen wäre Zeitverschwendung. Ist etwas erst einmal weg, dann für immer.
Paul Auster: Im Land der letzten Dinge
Geschrieben von Klopfer
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