Sprudelnde Quelle Kapitalgesellschaft?

Das Abkreiden des Rasenplatzes übernimmt kurz vor Anpfiff noch der Wirt der Vereinskneipe, die Frau des A-Jugendtrainers wäscht für 10 Euro die Trikots, bügelt sie und gibt den frischen Satz dann dem Jugendobmann, der sowieso immer zu Hause ist und bei Bedarf auch am Sonntagmorgen aus dem Bett geklingelt werden kann, damit die C-Jugend bei ihrem schweren Auswärtsspiel im Nachbardorf sauber gekleidet ist. So oder so ähnlich läuft es in den meisten Fußballvereinen im ganzen Land ab.


Ohne die vielen ehrenamtlichen Kräfte wäre Hobbyfußball, wie er im Großteil der 170.000 Mannschaften der insgesamt 26.000 Vereine in Deutschland betrieben wird, nicht im Ansatz denkbar. Was überall trotz schwindender Bereitschaft zum Ehrenamt und infolge leerer öffentlicher Kassen und schrumpfender Zuschüsse halbwegs gut funktioniert und neben dem gesundheitlichen Aspekte auch eine wichtige soziale Funktion hat, verliert mit jeder nächsthöheren Liga und mit einem allgemeinen Wandel der Zeit immer mehr seine Bedeutung. In Zeiten, da schon Bezirksligavereine (7.Liga) Gehälter bezahlen, kann man bei Klubs der 1. und 2. Bundesliga sicher nicht mehr von rein nichtwirtschaftlichen Vereinen sprechen. Es werden in der Spitze dreistellige Millionensummen umgesetzt und teilweise alles zu Markte getragen, was auch nur halbwegs Geld einbringen könnte.
„Nicht wirtschaftlicher Verein. Ein Verein, dessen Zweck nicht auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gerichtet ist, ...“ (BGB §21)

Natürlich sind die Grenzen zwischen dem Hauptzweck eines wirtschaftlichen Geschäftsbetriebs und dem Wirtschaften zum finanziellen Überleben des Vereins fließend. So liegt auch ein nichtwirtschaftlicher Verein vor, „wenn der Geschäftsbetrieb im Rahmen einer ideellen Zielsetzung lediglich Nebenzweck ist. Beispielsweise...der Restaurationsbetrieb eines Sportvereins.“ (Beck’sche Kurz-Kommentare – Bürgerliches Gesetzbuch – 62. Auflage ). Vorteile solcher „idealen Vereine“ sind etwa die Steuerfreiheit auf Mitgliedsbeiträge oder die Gemeinnützigkeit im Allgemeinen.

Aber schon Franz Beckenbauer erkannte Mitte der Neunziger, dass für die Zukunft des deutschen Profifußballs und damit der Bundesliga das Vereinswesen nur noch bedingt geeignet ist. Kapitalgesellschaften und in letzter Konsequenz der Börsengang sollten die Zukunft des deutschen Fußballs sein. Mit welchen Folgen?
Am 24.10.1998 war es schließlich soweit. Der 36. DFB-Bundestag beschloss die Voraussetzungen zur Teilnahme von Kapitalgesellschaften am Spielbetrieb. So genannte Sportkapitalgesellschaften sollten von nun an als außerordentliche Mitglieder des DFB am Spielbetrieb teilnehmen können.
Da der DFB ein konservativer und eher vorsichtiger Verband ist, wurden in der Satzung des späteren Liga- Fußballverbandes e.V. mehrere Bedingungen an solche Gesellschaften gestellt. Im Gegensatz zu den meisten anderen europäischen Verbänden wurde Wert darauf gelegt, dass eine Übernahme durch Dritte unmöglich ist. So ist Voraussetzung, dass der Verein auch weiterhin die Stimmen-Mehrheit in der neuen Gesellschaft besitzt. Sei es dadurch, dass er über 50% der Stimmanteile beispielsweise an einer AG hält, oder dass er eine Gesellschaftsform wie eine Kommanditgesellschaft wählt, welche die Kontrolle über das Unternehmen garantiert.

Es wurde nur eine Ausnahme gewährt: Unternehmen, die vor dem 1. Januar 1999 schon seit 20 Jahren oder länger einem Verein verbunden sind und diesen finanziell unterstützen, können auch 50 Prozent oder mehr an der neu gegründeten Kapitalgesellschaft halten. Diese als „Lex Leverkusen“ bekannte Klausel machte es möglich, dass die Bayer AG 100 Prozent an der ausgegliederten Bayer Leverkusen Fußball GmbH hält. Mittlerweile hat auch die Volkswagen AG erkannt, dass ein Fußballteam wichtiger Imageträger und unter Umständen viel günstiger als konventionelle Werbung sein kann. Volkswagen besitzt im Augenblick 90 Prozent der VfL Wolfsburg Fußball GmbH und baute die neue Volkswagen-Arena, die 30.000 Fans Platz bietet. Vor allem weil solche Vereine mit riesigen Konzernen im Rücken ganz andere Möglichkeiten und Absicherungen haben, urteilte Uli Hoeneß schon vor Jahren, dass in Zukunft vermehrt „Werkteams“ oben mitmischen werden.

Aber nicht nur diese Werksteams wagten den Sprung vom Verein zur Kapitalgesellschaft, Klubs wie der FC Bayern München und Borussia Dortmund folgten. Während Bayern München die Form der AG wählte und mittlerweile 10 Prozent der Anteile zur Finanzierung der neuen Allianz-Arena an den langjährigen Partner Adidas verkaufte, versuchte es die Borussia mit einer Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA). Vorteil dieser Form ist, dass der Verein immer die absolute Kontrolle über die Kapitalgesellschaft behält, gleichzeitig mehr als 50% der Anteile an der KGaA verkaufen kann und trotzdem nicht den Fortbestand des Stammvereins riskiert. Nachteile, die auch gerade in den letzten Wochen offensichtlich werden, sind die geringen bis nicht vorhandenen Einflussmöglichkeiten der Aktionäre. Da an der Börse immer noch der Satz „wer zahlt, bestellt die Musik“ gilt, ist eine solche Gesellschaft für die Kapitalmärkte und Investoren wenig interessant. Niemand investiert gerne Geld, wenn er nicht auch Mitspracherecht genießt. Dieses Mitspracherecht wird entweder durch die Gesellschaftsform (KGaA) oder durch die Limitierung der veräußerten Anteile (AG) stark beschränkt.
Aufgrund einer anderen, kapitalistischer geprägten Unternehmenskultur sind die Engländer den Deutschen im Punkte der Professionalisierung und Annäherung an die Kapitalmärkte um Jahre voraus. Dort sind Fußballvereine schon seit langem entweder „private“ oder „public limited companies“, was in etwa mit GmbHs oder AGs zu vergleichen ist. Klubs wie Liverpool FC, Newcastle United oder Arsenal FC sind vom Vereinswesen entkoppelt und werden als eigenständige Wirtschaftunternehmen betrachtet. So war es nur zwangsläufig, dass mit den Tottenham Hotspurs schon 1983 der erste Fußballklub an die Börse ging. Viele andere, darunter Vorzeigeklub Manchester United, folgten. Mit, wie wir heute wissen, unterschiedlichem Erfolg.
Was bleibt, ist, dass es für englische „Vereine“ sehr viel leichter ist, frisches Geld auf den Kapitalmärkten zu akquirieren – sei es durch eine Kapitalerhöhung oder wie im Falle von Chelsea durch eine komplette Übernahme durch Investoren. Gerade bei kompletten Übernahmen sind die neuen Eigentümer dann aber auch daran interessiert, die Vereinspolitik und den Vorstand mitzubestimmen.

Hinter den Kulissen der DFL ist dieses Thema heiß diskutiert. Was 1998 noch als notwendige Schutzmaßnahme angesehen wurde, gilt heute bei einigen Managern als überholte und kontraproduktive Zwangsverpflichtung, die für die deutschen Klubs einen Wettbewerbsnachteil bedeutet. „Diese Regelung schreckt Kapitalgeber ab“, meint DFL-Vorstand und Bayer-Leverkusen-Finanzchef Wolfgang Holzhäuser, „auch wenn es natürlich ein berechtigtes Interesse gibt, dass der Fußball nicht von Dritten beherrscht wird.“ Ähnlich argumentierte schon BVB-Boss Gerd Niebaum bei der Pressekonferenz zum Auftakt der Zeichnungsfrist der BVB-Aktie am 23. Oktober 2000: „Ich glaube auch, dass das einfach die Vorsicht des Amateurbereiches vor Kapitalgesellschaften war. Es spricht in diesem Beschluss eigentlich eine gewisse Zaghaftigkeit heraus, also man will im Grunde genommen die Fußballvereine noch nicht ganz frei geben. Ich denke, dass sich das über die Strecke erledigen wird. Wenn man sieht, dass die ersten Vereine damit gute Erfahrungen gemacht haben, wird man sich wahrscheinlich auch über kurz oder lang den Spielregeln dieses Kapitalmarktes öffnen, aber im Moment müssen wir diese Einschränkung halt tolerieren und auch die Aktionäre müssen dies tun, wenn sie denn eine Fußballaktie zeichnen wollen.“
Mit Blick auf die Konkurrenzfähigkeit und der weiteren Professionalisierung des deutschen Profifußballs scheint die Streichung dieses Hemmschuhs nur eine Frage der Zeit. Was würde das für die Bundesliga bedeuten? Theoretisch sind dann Übernahmen wie die des Chelsea FC durch den russischen Öltycoon Roman Abramowitsch oder die geplante Übernahme des englischen Rekordmeister Liverpool FC durch den thailändische Ministerpräsident Thaksin Shinawatra auch in Deutschland möglich. Also die Albrecht-Brüder kaufen den BVB oder die Quandt-Erben Bayern München? Wohl eher nicht. Erstens ist die Bundesliga im Vergleich zu den großen drei europäischen Ligen, Spaniens La Liga, Englands Premier League und Italiens Serie A, für internationale Finanzmogule nicht ganz so attraktiv, auch wenn es für deutsche Firmen oder profilneurotische Rettertypen sicherlich seinen Reize haben könnte einen maroden Klub aufzukaufen und so sein eigenes Image aufzupolieren. Zweitens fühlen sich zumindest die deutschen Superreichen wohler, wenn sie nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen – im Gegensatz zu Klubpräsidenten in Spanien und Italien. Auf der anderen Seite würde es den deutschen Klubs erleichtert, frisches Geld auf den Kapitalmärkten zu akquirieren und sich durch den Druck der Aktionäre automatisch weiter zu professionalisieren auf dem Weg hin zum gewinnorientierten Unternehmen und damit zur wirtschaftlichen Stabilität. Ein gutes Management ist natürlich Voraussetzung, ein schlechtes sitzt dafür aber auch nicht lange im Sattel.

Geschrieben von jonam