Der Präsident, die Presse und die Fans......

Vor einigen Monaten wurde das Fanprojekt durch das Bundespräsidialamt gebeten, den Gastgeber zu spielen. Johannes Rau plane eine Deutschlandreise und wolle dabei in Kontakt mit jungen Erwachsenen kommen. Und da er das Fanprojekt noch aus seiner Arbeit als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen kennt, lag es nahe, sich auch mit Fußballfans zu treffen. So sollten so viele gesellschaftliche Gruppen wie möglich besucht werden. Am Dienstag, 10. Juni 2003, ging es in Bremen los, dort traf Rau mit Auszubildenden der Daimler-Chrysler AG zusammen. Nachmittags dann in Osnabrück ging es mit Studenten des „European Studies“ Lehrstuhls weiter. Thema der Reise sollte „Reden über Deutschland.....“ sein. Rau wollte natürlich auch die kleinen Probleme seiner Gesprächspartner kennen lernen, vor allem aber sollte es um Deutschlands dringendste Probleme gehen.


Zunächst war die Mehrheit der angesprochenen Fans sehr skeptisch, was den Ablauf des Gesprächs betrifft. Stereotype Antworten und eine Art Schema wurden befürchtet. Doch schon im Vorgespräch Anfang Mail konnten die Mitarbeiter des Bundespräsidenten diese Zweifel zerstreuen. Alle 3 zeigten sich uns gegenüber sehr aufgeschlossen und gesprächsbereit. Von Anfang sollte uns klar sein, daß sie die Themen nicht vorher abgreifen wollten, um dann am Ende in einem typischen Politikermonolog zu geraten.

Und so fanden sich am Mittwoch, 11. Juni 2003, 18 BVB-Fans und Mitarbeiter des Fanprojekts ein, um über Deutschland und auch über die alltäglichen Probleme, die man als Fan hat, zu reden. Anwesend waren zwei Redakteure von schwatzgelb.de, ein paar Mitglieder von The Unity und den Desperados, zwei BVB-Fans des Fanclubs Sonnenkönige, ein Mitarbeiter des Vereins, sowie drei Angehörige des Fanprojekts. Handverlesen seien wir gewesen und überhaupt nicht so, wie sich die Journalisten uns vorgestellt hatten. Auf die Frage, wie man sich uns vorgestellt hätte, gab es nur zögerliche Antworten. Man benötigt aber wohl nicht viel Phantasie, um sich das vorzustellen. Die Neue Ruhr Zeitung zeigte sich dann am Donnerstag nach dem Rau-Termin auch entsprechend überrascht: NRZ-Zitat. Liebe Journalisten, Fußballfans sind ein Querschnitt der Gesellschaft wie andere Gruppen auch. Hier gibt es genauso Arbeitslose wie Selbständige, Arbeiter wie Akademiker, Kaufleute wie Beamte. Vielleicht konnten wir am Mittwoch mit dazu beitragen, daß das eine oder andere Vorurteil endlich verschwindet.

Für uns als Teilnehmer war es wichtig, dieses Podium auch für unsere Interessen als Fußballfans und Bürger zu nutzen. Zu oft werden wir von Polizei, Ordnern und auch vom DFB unnötig schikaniert und sind ihrer Willkür hilflos ausgesetzt. Dies machten wir anhand einiger Beispiele deutlich, die auch den Weg in die Presse fanden. Natürlich kann und will niemand bestreiten, daß es beim Fußball Gewalttäter gibt. Aber wie schon gesagt, ist das Stadion im Grunde nur ein Querschnitt durch unsere Gesellschaft, hier finden sich Friedfertige Menschen genauso wie weniger Friedfertige. Das aber nur noch die Gewalttäter als Meßlatte für alle Fans herhalten müssen, stört viele von uns. Und so ist man als erkennbarer Fußballfans oft nur noch ein Bürger zweiter Klasse. Das Verlassen der eingekesselten Gruppe wird genauso verboten wie man auch als völlig Unbeteiligter in die berühmt, berüchtigte „Datei Gewalttäter Sport“ kommen kann. „11 Freunde“ hatte vor einiger Zeit ein sehr gutes Beispielt: der Zeuge einer Schlägerei wurde – nach dem er sich als Zeuge zur Verfügung gestellt hatte – ebenfalls in die Kartei aufgenommen. Erfahren hat er davon erst, als er einen Auslandsurlaub antreten wollte und bei der Grenzkontrolle darauf angesprochen wurde. Es ist uns wichtig, daß diese Form der Erfassung endlich verschwindet, sie ist nicht rechtsstaatlich! Selbst über Punkte in Flensburg wird der Bürger informiert. Landet er jedoch in dieser Kartei erhält er keinerlei Information. Die Polizei findet das natürlich alles vollkommen in Ordnung, schließlich ist die Kartei so wesentlich pflegeleichter. Übrigens sollte man auch als Nicht-Fußballfan vorsichtig sein. Ist man mit registrierten Fans unterwegs und gerät in eine Personenkontrolle, landet man ebenfalls in der Karte. Die Polizei findet auch das vollkommen richtig. Der Bundespräsident zeigte sich offen erstaunt und erschrocken über so manch beschriebene Situation und versprach uns, bei Problemen zu helfen und die Situation zu „entgiften“, da bisherige Gespräche nur sehr wenig gebracht haben.

Natürlich war Präsident Rau nicht nur wegen unserer Fußballthematik gekommen, sondern auch, um zu erfahren, was wir jungen Menschen über Politik im allgemeinen und Politiker im Besonderen denken. Keiner der Teilnehmer war in irgendeiner Weise politisch aktiv, geschweige denn in einer Partei. Das war absolut positiv, da es dadurch nicht zu irgendwelchen, sinnlosen Parteischarmützeln kam. Wie es im Ruhrgebiet üblich ist, wurden die Themen direkt angegangen und zum Teil kontrovers mit Rau diskutiert. Natürlich nahm auch er seine Mitpolitiker in Schutz, wenn es darum ging, Beispiele für mutmaßliche Korruption (Kirch und andere Nebentätigkeiten vieler Politiker aller großen Parteien) anzuführen. Nicht alle Politiker seien so, die Mehrheit sei ehrlich und arbeite wie verrückt. Es wurde deutlich, daß bei einem Großteil der Runde zwar ein großes politisches Interesse, aber kein Interesse an politischer Arbeit in einer Partei besteht. Auch die ständigen Widersprüche – gerade der beiden großen Volksparteien – sind für viele in der Runde ein großes Ärgernis und sorgen für Ermüdung. Wofür steht Partei A? Wofür Partei B? Wird B abgewählt, fordert es plötzlich Standpunkte, die vorher A forderte, an die sich A aber urplötzlich – nach Machterlangung – nicht mehr erinnern will. Alles klar? Warum bspw. Politiker ihre zahlreichen Nebentätigkeiten noch immer nicht vollends offenlegen müssen, ist uns in dieser Runde nicht klar geworden. „Der“ Bürger (vom Fan mal ganz zu schweigen) scheint keine Lobby zu haben, wer von uns kann einem Politiker schon einen lukrativen Aufsichtsratsposten anbieten? So endete das Gespräch leider viel zu schnell, man hätte noch gut und gerne 2 Stunden weiter diskutieren können. Die anwesende Presse interviewte nachher noch so ziemlich jeden von uns, was dem einen oder anderen nun Autogrammwünsche einbringen wird ;-)

Insgesamt ein sehr interessantes, offenes Gespräch, daß vollkommen losgelöst war von parteipolitischen Spielchen und Wahlkampftheater. Uns wurde zugehört und wir bekamen auch eine Bühne für unsere Probleme, die wir so sonst überhaupt nicht bekommen hätten. Einige anwesende Journalisten zeigten sich sehr interessiert am Thema Repression, Bürgerechte etc. und wir hoffen, daß das Thema nun auch von den Medien weniger einseitig und kritischer betrachtet wird als bislang. Das Angebot des Bundespräsidenten, uns mit der Polizei und dem DFB zusammen zu bringen, steht jedoch weiter im Raum und wir hoffen, daß es ernst gemeint war und wir bald davon etwas hören.



Im Einzelnen dabei und in wahlloser Reihenfolge:
Daniel Nowara, 24 Jahre alt aus Kamen (Student, Mitglied bei The Unity), Mirko Rast, 24 Jahre alt aus Bochum (Bankkaufmann, Mitglied bei den Desperados und TU), Philipp Hartmanis, 25 Jahre alt aus Dortmund (Student, unorganisiert), Philipp Orlet, 18 Jahre alt aus Dortmund (Schüler, Desperados und TU), Patrick Walter, 20 Jahre alt aus Köln (Auszubildender Bürokaufmann, TU), Stefan Scheld, 31 Jahre alt aus Dortmund (Bauingenieur, Sonnenkönige), Arne Kazperowski, 22 Jahre alt aus Schwerte (Student, schwatzgelb.de), Carsten Bohl, 31 Jahre alt aus Dortmund (Bauingenieur, Sonnenkönige), Andreas Klawonn, 30 Jahre alt aus Herdecke (Elektroingenieur, TU), Jens Volke, 31 Jahre alt aus Dortmund (Versicherungskaufmann, schwatzgelb.de), Davud Mohammed (Student, FP), Jelka (Studentin, FP), Stefan van der Wel, 21 Jahre alt aus Bönen (Auzubildender Mechatroniker, TU), Nina Schulz, 28 Jahre alt aus Dortmund (Betriebswirtin, TU) und zwei Mädels, deren Namen uns leider entfallen sind, die wir aber gerne ergänzen werden.


Weitere Bilder des Gesprächs mit dem Bundespräsidenten

Geschrieben von Jens