Werder nimmt Aufbauhilfe dankend an - Ernst liefert dem BVB die Quittung für eine schwache Leistung

Steckt Ihr Verein in einer sportlichen Krise ? Treffen Ihre Stürmer das Tor nicht mehr ? Fehlt es Ihnen an mutigen Verantwortungsträgern ? Nun, warten sie doch einfach auf das Spiel gegen Borussia Dortmund, die Topadresse wenn es um psychologische Aufbauhilfe in der Bundesliga geht. Der jüngste dankbare „Patient“ war am Samstag der SV Werder Bremen, der im Westfalenstadion mit 2:1 (0:1) siegte.


Die Gesichter der BVB-Fans im ausverkauften Fußball-Tempel an der Strobelallee erstarrten in leichenähnlichem Ausdruck, als sich der von Fabian Ernst aus 50 Metern angelupfte Ball in jener 86. Minute ins Netz senkte. Roman Weidenfeller hatte dem Bremer Mittelfeldspieler die Kugel bei einem Ausflug weit aus seinem Kasten heraus in die Füße gespielt, der Rest war Maßarbeit die den SV Werder jubeln ließ. „Hochachtung vor dem tollen Schuss von Ernst, für mich war das kein Torwartfehler“, nahm Dortmunds Coach Matthias Sammer den Lehmann-Vertreter nach dem Spiel in Schutz. Angesichts von zwei BVB-Verteidigern in der Nähe des Balles, muss sich der 22 jährige Schlussmann allerdings schon fragen lassen, was er 30 Meter vor dem Tor verloren hatte. „Wir müssen aufarbeiten, warum wir nicht zielstrebig und gallig genug in die Partie gegangen sind“, war der späte Siegtreffer für den Rotschopf nur die „Quittung für ein insgesamt schwaches Spiel von uns“. Die vollmundigen Ankündigungen von „acht Endspielen um die Champions-League-Qualifikation“ erfüllten ihren Zweck als Motivationshilfe nicht. Ganz im Gegenteil kostete die Pleite und der gleichzeitige Stuttgarter Erfolg in Cottbus den Deutschen Meister nun sogar Platz zwei. Gegen den Vorwurf fehlender Motivation wehrten sich die BVB-Kicker jedoch vehement. Mit klaren Worten fertigte so beispielsweise Sebastian Kehl jenen Premiere-Reporter ab, der den Borussen mangelnden Einsatz unterstellte. „So ein Scheiß“, zürnte der Mittelfeld-Abräumer, der allerdings wie fast alle Dortmunder nicht sein volles Potenzial abrufen konnte.
Sammer hatte die Elf gegenüber der Partie in Bielefeld auf zwei Positionen verändert. Besagter Roman Weidenfeller stand für den am Oberschenkel verletzten Jens Lehmann zwischen den Pfosten, zudem kehrte Kapitän Stefan Reuter in die Mannschaft zurück und ersetzte den frisch operierten Christoph Metzelder. Marcio Amoroso und Jan Koller bildeten das Stürmerduo, das von Tomas Rosicky mit guten Zuspielen gefüttert werden sollte. Für Toptorjäger Ewerthon (11 Treffer) blieb wie schon auf der Alm zunächst nur ein Platz auf der Bank. Große Sorgen hatten Werder-Trainer Thomas Schaaf beim Austüfteln seiner Startformation begleitet, gleich sechs Spieler fehlten bei den Hanseaten. Kaum jemand mochte so vor dem Spiel auf eine Überraschung im Westfalenstadion spekulieren, zumal die Bremer bis zu diesem wolkenverhangenen Samstag im Jahr 2003 auf des Gegners Platz noch nicht ein einziges Tor zu erzielen vermochten.
Die Verunsicherung war den Gästen in den ersten Spielminuten deutlich anzumerken. Zwar standen sie defensiv sicher und ließen nur wenige Torchancen zu, in der eigenen Vorwärtsbewegung produzierten sie aber weitgehend Leerlauf. Schwarzgelb diktierte das Geschehen, ohne aber ernsthafte Gefahr für das Bremer Tor zu produzieren. Ein Aufreger bei einem Handspiel von Frank Baumann im Strafraum (5.) und zwei Kopfballmöglichkeiten für Jan Koller (12.) und Christian Wörns (18.) waren die einzigen nennenswerten Torszenen der Anfangsphase. So war es zu einem nicht geringen Teil dem vom Hofheimer Lutz Wagner angeführten „Trio Infernale“ mit grünem Dress, Trillerpfeife und Fahne zu verdanken, dass der Großteil der 68600 Zuschauer nach einer knappen halben Stunde den Dortmunder Führungstreffer feiern durfte. Fehlentscheidungen traf das Schiedsrichtergespann an diesem Nachmittag zuhauf, die beiden zugedrückten Augen bei Jan Kollers klarer Abseitsstellung vor dem 1:0 störten nach 29 Minuten aber wohl nur die rund 5000 Bremer Fans im Westfalenstadion. Dem langen Tschechen war das einerlei, mit gutem Einsatz spielte er Marcio Amoroso frei und dieser beglückte den Anhang endlich einmal wieder mit seiner brasilianischen Zauberkunst. Butterweich schlenzte er das Leder unhaltbar für Pascal Borel in die lange Ecke. Saisontor Nummer fünf für den Bundesliga-Torschützenkönig der vergangenen Saison.
Der Treffer tat der Partie gut, der BVB schien kurzzeitig richtig Spaß an diesem Fußballspiel zu haben. Der bis dahin unauffällige Tomas Rosicky hatte nun seine stärkste Phase und war Initiator einiger sehenswerter BVB-Kombinationen, Marcio Amoroso schien sein Tor richtigen Auftrieb gegeben zu haben. Doch eines vergaßen die Schwarzgelben wie schon so oft in dieser Saison - das Toreschießen. Jan Koller (Kopfball über das Tor, 39.), vor allem aber Torsten Frings (aus fünf Metern in die Wolken, 45.) versäumten es die Führung auszubauen und dem SV Werder den endgültigen Knock-Out zu verpassen. „Da mussten wir den Sack einfach zu machen“, trauerte Matthias Sammer den vergebenen Chancen hinterher.
So durften sich die Norddeutschen in der Halbzeitpause sammeln und mit neuer Motivation in den zweiten Durchgang gehen. „Wir haben nach dem Wechsel mehr Sicherheit gewonnen“, meinte Thomas Schaaf, wohlwissend das dies vor allem an der nachlassenden Aggressivität bei den Schwarzgelben lag. Prompt bestrafte das Schlusslicht der Rückrundetabelle die Dortmunder Schläfrigkeit. 54 Minuten waren gespielt als Christian Wörns einen langen Ball unterschätzte, Ailton den ehemaligen Nationalspieler locker abhängte und Angelos Charisteas mustergültig seinen sechsten Saisontreffer auflegte. Zugleich das erste Auswärtstor für den zweimaligen Deutschen Meister nach 414 Minuten Flaute.  
 Das Anrennen der Gastgeber eröffnete den Bremern zwangsläufig Raum für Kontergelegenheiten, bei denen sie das große spielerische Potenzial, was in der Mannschaft stckt andeuteten. Das dieses nicht der Grund war, warum es zu einem Sieg beim Meister reichte, ist den Werderaner wohl reichlich gleichgültig. Riesengroß war der Jubel nachernsts Kunstschuss, der sich in die Tradition kurioser Dortmunder Gegentore im eigenen Stadion einreiht. Wie in den vergangenen Jahren schon bei den Herren Oude-Kamphuis oder Schneider, wird Fabian Ernst so ein Ding in seinem ganzen Fußballerleben wohl nicht mehr gelingen. Eine ganz dicke Chance gab es sogar noch für den BVB. Vier Mann stritten sich um die Ausführung des Freistoßes in der Nachspielzeit, den Dede letztlich aber aus 18 Metern viel zu lasch in die Arme von Borel schoss. So besiegelte der Schlusspfiff von Lutz Wagner die erste Heimniederlage der Borussen seit Herbst 2001 (0:2 gegen Freiburg) und zwang Matthias Sammer zu einer wenig optimistischen Erkenntnis. „So werden wir nicht Zweiter oder Dritter“, sieht der Coach in dieser Form sogar das Minimalziel des Titelverteidigers in Gefahr. Vor allem das knüppelharte Restprogramm des Deutschen Meister stimmt alles andere als hoffnungsfroh. Am kommenden Samstag wartet der HSV, im nächsten Heimspiel kommen die Baxern ins Westfalenstadion. Und die Borussia tut im Moment ales dafür, dass die Bajuwaren dort möglicherweise die Meisterschaft perfekt machen. Wollen wir das nicht hoffen !
BVB: Weidenfeller (4,5), Wörns (5), Madouni (3,5), Dede (3), Evanilson (3), Kehl (4), Frings (3,5), Rosicky (4), Reuter (3), Amoroso (3), Koller (2,5). 68. Ewerthon für Rosicky 75. Ricken für Reuter 87. Odonkor für Amoroso
Bremen: Borel (3), Krstajic (3,5), Barten (3), Baumann (3), Schulz (4), Stalteri (4), Ernst (2), Micoud (4), Banovic (2,5), Ailton (4), Charisteas (3). 85. Reich für Ailton 90. Borowski für Banovic
Tore: 1:0 Marcio Amoroso (29.), 1:1 Angelos Charisteas (54.), 1:2 Fabian Ernst (86.)
SR: Lutz Wagner (Hofheim, Note 6)

Geschrieben von Felix