Lok zum Zweiten

3:0 - Ein Spiel, das Freude machte. Der einzige solide Punktelieferant für den BVB in der Championsleage gab sich im Westfalenstadion die Ehre und lieferte damit zum zweiten Mal in dieser Runde drei Punkte ab. Das 150. Europapokalspiel des BVB sollte zeigen, dass der BVB doch vielleicht noch zum Titel taugen könnte - wenn nur nicht Real auch gewonnen hätte.


Viele Fragen stellten sich vor dem Spiel, die alle auf einen Kern abzielten: Wo steht der BVB ? Das verlorene Auswärtsspiel in Mönchengladbach hatte genauso seine Spuren hinterlassen, wie das immer noch als tragisch empfundene 1:1 von Real in Dortmund. Auf jeden Fall stellte sich diesmal nicht die Dauerfrage, in welcher Minute er denn nun kommt, unser Amoroso, denn dieser war von Beginn an dabei. Ansonsten keine unerwarteten Änderungen in der Anfangsformation. Madouni blieb erst einmal draußen – der Rest war Standartformation. Verhaltener und ballsicherer Beginn für den BVB und in der 7. Minute die erste Aufregung, als Koller auf halblinks aus 18m frei zum Schuss kam, aber leider den Ball drüber setzte.
Sturmpartner Ewerthon versuchte es aus der gleichen Position in der 13. Minute aber das Ergebnis war das selbe und in der 15. wieder der kleine Brasilianer diesmal aus zentraler Position: Ein scharfer 20m-Schuss, den Torwart Ovchinnikov gerade noch erwischte. Jetzt wurde das Spiel munterer und auch Amoroso hatte seine ersten guten Schusspositionen, von denen er aber eine mal wieder für eine versuchte Schwalbe selbst zunichte machte. Leider musste in der 19. Minute Dede verletzt das Spielfeld verlassen, nachdem er von einem gegnerischen Bein oberhalb des Sprunggelenkes getroffen wurde. Für ihn kam Ahmed Madouni und Metzelder rückte auf die linke Außenbahn. Mal wieder eine ganz neue Rolle für ihn, zumal sie deutlich offensiv ausgelegt war. Eine Maßnahme, die sich in der 26. Minute auch schon fast ausgezahlt hätte, als Metze mit einem schönen Trick seinen Gegenspieler aussteigen ließ, in den Strafraum eindrang und Amoroso präzise anspielte. Marcios Direktschuss landete in der generischen Deckung und sprang von einem Abwehrspieler zum noch besser postierten Ewerthon, der bemerkte das allerdings zu spät oder hatte mit so viel Kombinationsfußball unter russischer Mithilfe nicht unbedingt gerechnet. Auf jeden Fall verpasste er diese Superchance halbrechts vor dem Tor völlig freistehend. Nächste Aufregung in der 31. Minute nach dem zweiten Eckball, als Kehl volley aus 22 Metern abzog und nur den linken Pfosten traf, wonach der Ball seelenruhig und unberührt parallel zur Torlinie hinter dem Torhüter langkullerte , ohne das jemand etwas unternehmen konnte. Drei Ecken, ein Tor – dann war es endlich so weit: 39. Spielminute, nach dem dritten Eckball von Amoroso: Der Abpraller aus de Abwehr kommt zu Frings, der kann stoppen und aus ähnlicher Position wie kurz zuvor Kehl hämmert er den Ball in die linke Ecke. Keine Chance für die russische Seaman-Kopie im Tor von Moskau: Das war das 1:0
Nach dem Wiederanpfiff die erste echte Torchance für die Russen in der 48. Minute, scharfer Schuss aus halbrechter Position, den aber Jens Lehmann glanzvoll parieren konnte und über das Tor lenkte. Bis der BVB mal wieder eine echte Möglichkeit hatte, mussten wir auf die 55. Minute warten, als Koller frei vor dem Tor drüberköpfte – seine beste Chance bis dahin hatte er damit vergeben. Aber dafür macht er in der 58. Minute das zweite Tor für den BVB, diesmal aus dem 5 m-Raum heraus nach einer kurzen Flanke von Ewerthon, der vorher von Amoroso mit einem wunderbaren Steilpass in Szene gesetzt wurde: 2:0 Damit schien das Spiel erst einmal gelaufen zu sein, Dortmund hatte seine Pflicht erfüllt, ein wenig kam die Angst vor fröstelnder Langeweile auf.
Aber weit gefehlt, jetzt begann die Kür unserer Diva – gleich in der 66.Minute kollerte sich der Lange in der für ihn typischen Art durch und konnte den Ball zu Amoroso spitzeln. Der nimmt von der Strafraumgrenze maß und zirkelt einen Kunstschuss links oben in den Winkel – unhaltbar. Das ist der Amoroso wie wir ihn alle im Gedächtnis haben und wie ihn eigentlich immer wollen. Danach war aber wirklich die Spannung raus, Jens Lehmann durfte noch einige Male sein Können zeigen, weil in der Abwehr des BVB etwas die Konzentration nachlies und die Schwatzgelben hatten wohl auch noch die eine oder andere gute Einschussmöglichkeit, wie in der 78. Minute die Grosschance für Christian Wörns, als er von Ewerthon freigespielt wurde, aber verwertbares Material für die Statistiker brachten nur noch die Auswechselungen.
In der 70. Minute musste dann auch Jan Koller mal ausnahmsweise vorzeitig das Spielfeld verlassen – der Chronist wundert sich, denn scheinbar war es wohl das erste Mal, das er so früh ging - für ihn kam unser Lars. 13 Minuten später sollte dann auch Amoroso noch seinen Abgangsapplaus kassieren, er wurde durch Heiko Herrlich ersetzt. So lief das Spiel aus und der gute Schiedsrichter De Bleeckere aus Belgien, der allerdings auch nie ernsthaft gefordert wurde, konnte dann auch rechtzeitig abpfeifen. Insgesamt war es ein sehr angenehmer Fußballabend. Der BVB gewann verdient, angesichts technischer und kämpferischer Überlegenheit. Die Stimmung war aufgrund des positiven Ergebnisses gut, die La Ola schwappte durch’s Stadion und eigentlich sollten wir rundum von Zufriedenheit erfüllt sein
Unangenehm auffallend wieder einmal, die „Frühaufsteher“ auf der West- und Osttribühne, die einem wirklich den Spaß an den letzten Minuten verderben können, wenn dauernd irgendwelche Deppen vor einem herspazieren, weil vielleicht die Pole-Position auf dem Parkplatz erobert werden muss. Hier sollte der Verein doch bitte mal über einen temporären Entzug der Dauerkarte nachdenken. Unsportlicheres Fanverhalten als dieses ist wohl kaum vorstellbar, wofür kommen diese Herrschaften eigentlich ins Stadion, wenn sie schon ab der 80. Minute wieder gehen müssen ? Und noch etwas fiel auf: Höllischen Respekt zeigte wohl die UEFA aufgrund der legendären Trinksitten der Russen. Der eigens für das Nach-dem-Spiel-Bierchen der Championsleage installierte Bierschrank mit Füllung niederländischer Herkunft blieb im Presseraum bis ach dem Verlassen der russischen Delegation unter Verschluss – gesichert mit Kette und Vorhängeschloss. Erst als die Luft rein war wurde Alkoholisches verteilt – na dann Prost.
Ungewöhnlich war der getrennte Auftritt der Trainer. Zuerst gab die Russische Delegation ihre Statements ab, danach spielte dann Matthias Sammer sein Solo. Wobei sich der Russe als sehr höflicher Gast mit viel Anerkennung für Leistung Borussias äußerte. Trainer Yuri Semin fand die funktionelle Vorbereitung der Dortmunder besser und bedauerte den Ausfall zweier Schlüsselspieler im Mittelfeld und in der Deckung: „Wir haben vorher ein sehr schweres Spiel gegen ZSKA gespielt und es war deutlich zu sehen, dass wir einen Tag zuwenig Vorbereitung hatten. Im Mittelfeld hat das Spiel überhaupt nicht geklappt, wir haben den Ball nicht gehalten und die Spieler haben sich zu wenig bewegt. Koller war uns im ersten Spiel deutlich überlegen und um zweiten war es genauso. Bis zum ersten Tor ist es uns gut gelungen ihn abzuschirmen, aber es ist unglaublich schwer, ihn vom Ball zu trennen. Trotz des Ausfalls von Rosicky ist der BVB im Mittelfeld im Vorteil gewesen, da er eher in der Lage ist, einen solchen Spieler zu ersetzen. Unsere Spieler haben heute ihre Grenzen aufgezeigt bekommen und sie wissen, das sie nicht gut gespielt haben. Das letzte Spiel gegen Real wird für uns sehr wichtig werden, zwei gute Spieler werden in die Mannschaft zurückehren.“
Einige Minuten späten kam Matthias Sammer aufs Podest und zeigte sich ungewohnt redselig, vor allem merkte man ihm an, dass er das Gladbach-Spiel noch nicht verdaut hatte: „Für uns als Mannschaft war es wichtig nach dem 1:0 gegen Gladbach ein gutes Spiel zu zeigen. Man kriegt schon ein dummes Gefühl, wenn wir, wie in der ersten Hälfte Ewerthon und Koller, beste Chancen nicht reinmachen können. Ich denke, dass wir insgesamt ein gutes Spiel gesehen haben, woran die Zuschauer ihre Freude hatten. Wenn man Lokomotive Moskau auswärts kennt, dann war das so nicht unbedingt zu erwarten. Für uns ist es wichtig, das Spiel beiseite zu legen und am Samstag gegen Hannover drei Punkte zu machen. Für mich ist das Tor von Amoroso nicht so wichtig, er hat aufgrund einer sehr sehr guten Trainingsarbeit insgesamt ein gutes Spiel gemacht. Wir sollten beide in Zukunft kompromissloser miteinander umgehen. Ich freue mich ehrlich über seine Leistung und glaube, dass es fast ein Neuanfang war.
Ich denke, dass wir vom Siegeswillen, Laufbereitschaft und Kampfbereitschaft her überlegen waren und deshalb verdient gewonnen haben. Wir haben heute so gespielt, wie wir es schon gegen Gladbach hätten tun sollen. Wichtig ist, dass die Mannschaft in ihrer Entwicklung weiter an sich glaubt. Insgesamt ist das derzeitige Situation und der mögliche Erfolg in Dortmund keine Frage der Klasse sondern der Reife.“


So spielten sie

Der BVB:
Lehmann (2), Evanilson (3) , Wörns (4), Kehl (3), Reuter (3,5), Frings (2), Koller (2) (70. Ricken), Ewerthon (4) ,Dede (19. Madouni (3,5)), Metzelder (3), Amoroso (2,5)

Lokomotive Moskau
Ovchinnikov, Lekcetho, Ignashevich, Izmaylov, Pashinin, Evseev, Sennikov, Obradovic (46. Julio Cesar), Mnguni, Pimenov

Tore:
1:0 Frings, 39. Minute – 2:0 Koller, 58. Minute – 3:0 Amoroso, 66. Minute

Gelbe: Mnguni 27.

Schiedsrichter:
Frank De Bleeckere (3) aus Belgien

Geschrieben von Klopfer