Grillstube Bökelberg

"Einmal Mythos-Pita, bitte!", so hätten die Kartenbestellungen an den größten, unvergleichlichsten, traditionsreichsten und natürlich unkommerziellsten deutschen Profiverein lauten können. Doch in welcher Grillstube kostet Gyros am Stehtisch schon 14,30 EUR?


Gut, der München-Gladbecker Mythos ist natürlich nicht irgendein Mythos, es ist schlichtweg DER Mythos! Die Jüngeren unter Euch werden sich jetzt sicherlich fragen, warum das so ist! Ganz einfach: als die Menschen noch lange Haare und Schlaghosen trugen, war der sympathische Dorfverein vom westlichen Ende der Republik mal richtig erfolgreich. Ja, damals war der VfL noch eine echte Hausnummer im deutschen, sogar im europäischen Fußball. Vielleicht erkennt der eine oder andere jüngere Leser jetzt auch, warum solche Leute wie Günter Netzer im TV ihre 70er Jahre Frisur spazieren führen dürfen, diese Frisur begründet quasi dem Mythos mit. Udo Lattek, schon in Mönchengladbach ein Mythos! Berti Vogts? Ein Mythos! Jupp Heynckes? Ein Mythos! Sogar unser Horst Köppel ist irgendwie ein Mythos, wird aber aufgrund der schon damals fehlenden Haarpracht und seines heutigen Engagement beim Satan persönlich nicht mehr als Bestandteil des Mythos angesehen.

Dazu müssen wir nochmals ausholen: während also der BVB nach dem Krieg lumpige 3 Meisterschaften (plus zwei weiterer Finalteilnahmen), einen DFB-Pokal und als erster deutscher Verein einen Europapokal gewann, sahnte der VfL München-Gladbach gnadenlos auf regionaler Ebene ab (der BVB wird 1957 zum zweiten mal Meister, der VfL steigt in die 2. Liga West ab). 1960 kann der VfL den DFB-Pokal gewinnen und scheitert international in der ersten Runde an den Rangers aus Glasgow. 1965 schafft der VfL dann auch den Aufstieg in die Bundesliga. Während unsere Borussia dann 1966 den letzten Höhepunkt für lange Zeit feiert, beginnt der Aufstieg der jungen Bökelbergtruppe. Der einstmals bürgerliche Verein kann mit stürmischem und technisch gutem Fußball begeistern und gewinnt 1970 die erste von 4 weiteren Meisterschaften. Damit hatte der VfL in kurzer Zeit mehr erreicht als jeder andere Verein vor und nach ihm. Der BVB stieg mitten im Bundesligaskandal 1972 ab, der FC Meineid wurde Vizemeister und Pokalsieger, schrecklich dunkle Jahre brauten sich am Fußballhimmel zusammen. Doch da war immer noch der VfL, sein spielerischer Glanz überstrahlte jede Schandtat und so wurden in diesen Jahren Titel gesammelt, wie es nur ging. 1973 folgte der zweite DFB-Pokalsieg (ja liebe Kinder, das ist die Geschichte von der der langhaarige Onkel in der ARD immer wieder berichtet und dabei so tut, als würde er es nicht gerne erzählen) und 1975 der Gewinn des UEFA-Pokals. Daneben verloren die Borussen vom Niederrhein noch 3 weitere europäische Endspiele. Das alles wurde natürlich ohne das große Geld gewonnen. Um wenigstens ab und zu Mehreinnahmen zu erlangen, fand so manches Europapokalspiel im Düsseldorfer Rheinstadion statt. Der VfL mußte dann so manchen liebgewonnen Star abgeben, um sich finanziell über Wasser halten zu können. Böse Zungen behaupten aber auch, daß die Spieler einfach mehr Geld haben wollten, was der VfL nicht zahlen konnte und wollte.

Der VfL war nun also in aller Munde und versammelte in diesen großen Jahren (die spätestens mit dem verlorenen UEFA-Pokalendspiel 1980 gegen Eintracht Frankfurt vorbei waren) eine große Fangemeinde, die er vorher so nicht hatte. Würde man dazu heute eigentlich Modefans und Kinder sagen, wenn sie schwarzgelb tragen würden?

Die letzten Highlights waren die Niederlagen in den Pokalendspielen 1984 gegen Bayern München (unvergessen der verschossene Matthäus-Elfer) und 1992 gegen Hannover 96. Doch 1995 konnte der VfL doch noch einen Titel erringen, gut 18 Jahre nach dem letzten Titelerfolg (nach 1975 brüstet sich der VfL auf seiner Homepage nur noch mit irgendeinem 12:0 Erfolg, verlorenen Endspielen, B-Jugendmeisterschaften und Olympiamedaillen einzelner Spieler).

In Mönchengladbach scheint die Uhr stehen geblieben zu sein. Während anderswo schon längst die Tribünen voller Sitzplätze sind, gibt es in der Grillstube Bökelberg weiterhin Stehplätze und eine kleine Sitzecke, Haupttribüne genannt. Skandalös ist jedoch die Unterbringung der Gästefans. Überall hat man inzwischen wahrgenommen, daß sich die Gäste in der Ecke am wohlsten fühlen und dass sie daher auch in diese Ecken weggesperrt gestellt gehören. In Mönchengladbach hat der Gästepöbel jedoch tatsächlich noch die Hintertortribüne fast für sich alleine. So wie es damals, in den 70er und 80er Jahren eben, üblich war. Doch auch die Grillstube zieht bald um: an der Hennes-Weisweiler-Allee entsteht ein neues Domizil mit neuer Dunstabzugshaube, neuen Friteusen und vor allem ganz altem aber aufpoliertem Mythos! Auswärtige Gäste bekommen dann endlich ihre eigene Stehtischecke, in der sie abgeschirmt sind vom Rest. Der Kundenkreis wird sich über kurz oder lang natürlich auch ändern. An dieser feinen Adresse ist dank neuer Sitzgelegenheiten nicht mehr ganz soviel Platz für Stehplatzfetischisten. Wir haben das ja alles schon hinter uns: aus unserer kleinen gemütlichen Frittenbude ist ein Nobelrestaurant mit angeschlossenem Frittenbereich geworden.

Natürlich wird in MG alles ganz anders sein: auch in Zukunft werden sich im dann allertollsten reinen Fußballstadion zwischen Aachen und Düsseldorf nur die echten, wahren Fans treffen und gemeinsam die Kehle aus dem Leib singen. All die Probleme, die nach Aus- oder Neubau in GE oder Dortmund aufgetaucht sind, wird es in MG nicht geben. Denn MG hat etwas, was kein anderer Verein der Welt hat: die einzigartigste aller einzigartigen Fanszenen überhaupt. Hier kennt jeder jeden und wer was anderes will, wird rausgeschmissen. Ferngesteuerte Möchtegern-Ultras werden uns sicherlich auch am Samstag mit dem x-ten "Mythos", "einzig wahre Borussia", "Es gibt nur eine Borussia!" gemaltem Transparent "überraschen". Dann wird wohl wieder – Achtung irrer Schenkelklopfer – der "Ballspielverein Dortmund" begrüßt und man vermeidet tunlichst das Wort "Borussia" mit dem schmutzigen Emporkömmling aus der einstigen Arbeiterstadt zu verbinden.

Woher eigentlich diese Emotionen in den letzten Jahren? 1978, 2 Jahre nach dem BVB-Wiederaufstieg, wollte unsere damalige Super-Mannschaft noch mithelfen, den Gladbachern die sechste Meisterschaft zu holen. Gelungen ist es nicht, der BVB verlor 12:0 und danach Trainer Otto Torhagel und seinen guten Ruf ohnedies noch dazu. Zu dreckig war dieses abgekartete Spiel. Der VfL hatte massig Tore benötigt, um den punktgleichen 1. FC Köln noch abzufangen. Doch der gewann selbst hoch beim FC St. Pauli und wurde deutscher Meister. Gottlob blieb uns damit eine verschobene Meisterschaft erspart.

Die 90er sind dann wohl noch bei fast allen in frischer Erinnerung. Der BVB holte Titel um Titel und der VfL stieg am Ende dieses Jahrzehnts sogar ab. 1999 war das und ausgerechnet wir waren am letzten Spieltag zu Gast. Der Bökelberg brachte uns den zweiten Auswärtssieg der Saison und zu aller Lächerlichkeit auch noch einen Championsleague-Platz. Übrigens gab es während und kurz nach dem Spiel auffallend viele aufmunternde Worte in Richtung VfL-Anhang ("Nur ein Jahr, dann seid ihr wieder da!"). Nach dem Spiel fand das jedoch ein jähes Ende, als Mönchengladbacher Schläger auf alles Jagd machten, was schwarzgelb trug. Die Polizei zeigte sich vollkommen überfordert und so mußte ein Großteil der BVB-Fans völlig ungeschützt durch die Stadt in Richtung Bahnhof flüchten.

Vor lauter Malarbeit kommt in MG übrigens wohl im Moment kein Mensch dazu, Anfragen aus Dortmund zu bearbeiten. So hat die BVB-Fanbetreuung schon vor Wochen angefragt, welche Fanutensilien für die BVB-Fans in Mönchengladbach erlaubt sind. Antwort gab es darauf bisher keine (also besser alles zuhause lassen). Für ferngesteuerte VfL-Ultras würde das jetzt bedeuten: Spruchband malen und protestieren, wir dagegen grinsen nur in uns hinein und wissen, daß auch der VfL nur ein Verein ist wie jeder andere.......


Ja, natürlich, der VfL Borussia Mönchengladbach interessiert uns sportlich natürlich auch: wie die Mannschaft den Trainerwechsel von Meyer zu Lienen und das ständige Theater um ihren überragenden Mann der Hinrunde, Markus Münch, verkraftet hat, wird sich wohl erst Samstag nachmittag zeigen.
Beim BVB wird nur Tomas Rosicky fehlen und hoffentlich wie gegen Real Madrid durch Thorsten Frings mehr als nur ersetzt. In Mönchengladbach wird es jedenfalls alles andere als ein Spaziergang, der VfL muß punkten und unsere Truppe ebenfalls, um sich auf Platz 2 endlich festzusetzen.

Wir sind gespannt, wie Trainer Sammer seine Mannschaft an diesem Wochenende auflaufen läßt. 2 Spitzen oder doch eine dritte? Erhält Amoroso eine neue Chance oder doch eher ein Amateur wie Leandro? Ich tippe auf Amoroso, lassen wir uns überraschen...

Neu-Trainer Ewald Lienen fehlen neben den suspendierten Münch und Witeczek noch der rot-gesperrte Korell, der ein Loch in die Innenverteidigung reißt. Auch beide van Hou(d)t fehlen wegen Verletzung, Hausweiler kam kurzfristig noch hinzu. Mittelstürmer van Lent wird aller Voraussicht nach wieder von Beginn an spielen, ihm zur Seite stehen dann wohl Aidoo und Forsell, der bislang noch nicht zeigen konnte, warum er in der Premier-League mal einen Stammplatz hatte, bevor er sich verletzte.

Realistisch betrachtet wäre alles andere als ein BVB-Sieg eine Überraschung, aber nicht ausgeschlossen. Wenn die Mannschaft so spielt wie gegen Rostock, wäre allerdings eine Niederlage keine Überraschung mehr. Also erwarten wir ein enges Spiel, in dem der BVB alles gibt und am Ende als Sieger vom Platz gehen wird.

Geschrieben von Jens