Hurra es war ein Derby!
Immer dann, wenn ein Spiel im Vorfeld aufgebauscht wird, liegt die Messlatte zu hoch und die Erwartungen können nicht erfüllt werden. Doch diesmal war es nicht so. Das Spiel gegen unsere geliebten Nachbarn war ein waschechtes Derby, das alles bot.
Am Montag fiel mir aus dem Briefkasten die Pressekarte aus Buer entgegen. Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet, dass schwatzgelb.de eine solche erhalten würde. Ich hatte mich eigentlich damit abgefunden, das Spiel zu Hause auf dem Sofa zu verfolgen. Die Freude war natürlich groß, aber gleichzeitig wurde mir auch klar, ich musste in die Höhle des Löwen. In die unheiligen Hallen des Feindes. Nervös fuhr ich über die A2 Richtung Arena. Es drohte, dass ich meinen Hass, den ich mühsam unter der Woche mir immer vor Augen geführt hatte zu verlieren. Doch dann trat er mir wieder unter die Augen in Form eines Mercedes auf der Autobahn, der zwei blauweiße Schals aus dem Fenster hängen hatte. Auch einen schwarzgelben ..... am Auspuff. Aber spätestens in der Voliere auf meiner mir zugewiesenen Stange, überkam mich der Brechreiz. Ein ganzes Stadion in Blau und gröhlende Kirmeslieder. Furchtbar. Wohltuend dagegen der kleine schwarzgelbe Punkt rechts in meinem Blickfeld. Der zeigte dann auch beim Einlaufen der Mannschaften was Sache ist „Ein Gefühl, tiefer als Hass!“ Besser kann man es nicht beschreiben. Aber auch die blaue Masse gegenüber hatte sich großes ausgedacht und die hochgezogenen Sprüche mit Tradition und Stolz sahen in der Gesamtheit leider gut aus.
Amoroso auf der Bank. Das offenbarte der erste Blick auf die Mannschaftsaufstellung. Zwei Spitzen, besetzt mit Jan Koller und Henrique Ewerthon, wurden von Matthias Sammer hier auf den Rasen geschickt. Obwohl die Spieler die Fans am Mittwoch in Madrid kaum eines Blickes würdigten, begrüßten die Schwatzgelben Ihre Jungs mit persönlichen Sprechchören. Auf der anderen Seite meldete sich unser aller Freund Andy Möller zum ersten Mal in diesem Jahr als einsatzbereit zurück und stand auch sofort in der Anfangself.
Einen Superstart hätte die Borussia hinlegen können. Schon nach 110 Sekunden rutschte Koller ganz alleine vor dem Kasten stehend an einer Flanke von Ewerthon von links vorbei. Wenn er da seinen Fuß reinbekommen hätte.....
Hat er aber nicht und es kam auch noch anders. Ganz anders. Die zweite Ecke der Gastgeber über links wird zunächst von Christian Wörns abgewehrt. Aber auf der rechten Seite steht Sven Vermandt nimmt den Ball und haut das Ding aus über zwanzig Metern über Lehmann leider sehr sehenswert in den linken oberen Winkel. 1:0 für die Gastgeber.
Dieses erste Tor ist noch nicht ganz fertig in mein Notebook geklimpert, da fällt auch schon das 2:0. Zuckerpass von Oude Kamphuis nach vorne in die rechte Hälfte der Dortmunder. Der Querpass von Vermandt fällt Nico van Kerkhoven vor die Füße, der sagte dafür artig Danke und semmelt den Ball aus elf Metern in die Mitte des schwarzgelben Kastens. Lehmann hat zwar noch die Hände dran, aber auch er kann dieses zweite Tor nicht verhindern. 16. Minute.
Was hat unsere Mannschaft eigentlich davon verstanden, was ihnen die Fans am Freitag beim Abschlusstraining vermitteln wollte? Ja, ja, lasst die Deppen da mal mit ihrem Plakat wedeln. Das klappt auch so. Pustekuchen. Wie das klappt, haben wir ganz deutlich gesehen.
Sofortige, halbe Wiedergutmachung wäre möglich gewesen. Nach einer Flanke von Rosicky lässt Koller einen satten Kopfball los, der von Rost über das Tor geboxt wird. (19.)
Der Gegner war nicht stärker, doch sie wussten die Borussen mit Kontern gefährlich in Verlegenheit zu bringen und hatten halt mit zwei Distanzschüssen 100% Glück. Dortmund dagegen zeigte nicht, dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Und ein richtiges Derby war es bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht.
Das änderte Jens Lehmann zunächst ein wenig. Nach einem Foul von Nico van der Dingenskirchen an Rosicky, für das der Blaue die Gelbe Karte sah, wanderte Lehmann aus seinem Kasten um ihn in seiner ganz eigenen Art und Weise zu sagen was er davon hielt. Lehmann, der mit dieser Aktion etwas aufrütteln wollte, sah von Schiedsrichter Fandel die Gelbe Karte und das Publikum in der Arena hatte den Jens jetzt noch um so mehr lieb.
Und das kam so. In einem Zweikampf hebt Dede das Bein etwas zu hoch und trifft Agali in Gesichthöhe. Der findet das gar nicht lustig und pfeffert Dede mit dem Ellenbogen eine. Das tat er allerdings genau vor der Dortmunder Bank, die sofort entzückt aufsprang und auch vor den Augen des Linienrichters, der Fandel unmissverständlich klar machte, dass es sich bei Agalis Aktion richtigerweise um eine Tätlichkeit handelte. Konsequenz, Rote Karte für Viktor Agali, ein tobender Vogelkäfig und eine gepflegte Rudelbildung, der sich auch der Stumpenrudi als Friedensengel nicht entziehen konnte.
Die Fernsehbilder zeigen später aber noch etwas ganz anderes. Es war nicht Dedes Knie, dass Agali erzürnte, sondern die Hand von Dede, die er seinem Gegenspieler an den Hals schlägt. Glück für Dortmund und den Brasilianer, dass er nicht mit zum Duschen geschickt wurde. Bis zur Pause konnte man sich so richtig nicht mehr beruhigen. Böhme sah Gelb und kassierte direkt zwei Minuten später nach einem weiteren Vergehen die allerletzte Ermahnung von Schiri Fandel.
Neubarth reagierte auch entsprechend und nahm Böhme zur Pause raus. Aber er nahm auch Andreas Möller raus. Für ihn spielte Varela, die Nummer 10 der Gastgeber. Auf Dortmunder Seite setzte Sammer logischerweise verstärkt auf Angriff. Er opferte mit Madouni einen Abwehrspieler und schickte Amoroso in die zweite Hälfte. In dieser zweiten Hälfte übernahm dann plötzlich der BVB das Kommando und erhöhte den Druck. Metzelder tauchte verstärkt als Flankengeber auf der rechten Seite auf.
Seinen ersten Versuch nach der Pause konnte Rosicky noch nicht verwerten. Er blieb mit seinem Schuss aus zehn Metern in der blauen Abwehrmauer hängen. (47.) Dann bediente Metzelder nach Pass von Amoroso Jan Koller, dessen Kopfball aber über das Tor zischt. (51.)
Und während hinter mir schon jetzt wieder einer nach Möller ruft, klingelt es aber dann im Kasten der Unaussprechlichen. Eine Flanke von links nimmt Jan Koller ganz alleinstehend mustergültig auf seinen Schädel und versenkt zum 1:2-Anschlußtreffer. Es war gleichzeitig das 100. Derbytor von Borussia Dortmund.
Neue Hoffnung beim Dortmunder Anhang nun doch hier nicht untergehen zu müssen. Eine Minute später, aber das wäre viel zu schön gewesen, probiert sich Koller erneut mit einem Kopfstoß, der aber von Rost festgehalten wird. In der 54. Minute wehrt Wörns einen Gewaltschuss von Hajto mit dem Hintern ab. Das war in dieser Phase alles was die Buerer zustande brachten.
Besser, also viel besser die Borussia aus Dortmund. Wieder ist es Metzelder, der von rechts zum Flanken kommt. Seinen flachen Schuss lässt Rost in die Mitte passieren und aus sechs Metern drückt Ewerthon die Kugel zum Ausgleich über die Linie. 2:2 in der 58. Minute und für die Dortmunder beginnt das Spiel wieder bei Null.
Die erste Chance in Führung zu gehen hat Ewerthon bereits eine Minute nach dem Ausgleich, doch sein Schuss geht rechts am Tor vorbei. 65. Minute, Metzelder dringt in den Strafraum ein und fällt. Fandel zeigt ihm Gelb wegen einer vermeintlichen Schwalbe. Die Auflösung am TV zeigt später, dass es kein tieffliegender Vogel war, dass hier aber auch kein Foul vorlag. Metze war seinem Gegenspieler auf die Wade getreten und dadurch zu Fall gekommen. Schande 04 zeigte zur Freude der Dortmunder nichts zählbares. Einen Freistoß in der 69. Minute verdepperten sie schon fast kläglich. Die Dortmunder versuchten mit übersicht auszuloten, wo bzw. wie sie den Blauen den nächsten Stich zu versetzen, um den Sack zuzumachen. Aber das verpassten Sie frühzeitig und danach war es dann zu spät. Denn es kam die 80. Minute.
Gesehen hat es am TV sicherlich schon fast jeder. Aber wer hat es wirklich richtig begriffen, was da so vor sich ging. Eine Flanke von rechts in den Dortmunder Strafraum verlängert Mpenza mit dem Kopf nach außen. Dort steht Hajto, der Gegenspielerseelenalleine das 3:2 erzielt. Denkt er, denken die Schlacker und denken auch die Dortmunder, allen voran Jens Lehmann. Aber Fandels zweiter Linienrichter, denkt gar nicht daran, das Tor anzuerkennen. Er hebt das Fähnlein und entscheidet für sich persönlich auf Abseits. Damit liegt er fett daneben. Die Dortmunder freute es, das Blaue Volk tobte. Aber auch Lehmann tobte und stürmte aus seinem Kasten in Richtung Marcio Amoroso, um ihm gestenreich zu verdeutlichen, dass der Fasttorschütze Hajto in dieser Situation in seiner Obhut überlassen war.
Der verstand entweder Bahnhof oder Abfahrt oder irgendwas anderes, aber auf sich sitzen lassen wollte er die Aktion nun dann auch nicht. Er ging ebenso auf Lehmann zu und schubste ihn durch die Gegend. Mitspieler warfen sich dazwischen, um schlimmeres zu verhindern. Aufgeschreckt durch die johlenden Massen im Stadion, die sich höllisch amüsierten, wachte Fandel aus seinem Abseitsschlaf aus und griff sich Lehmann und schickte ihn wegen „unsportlichem Verhalten“ mit der Ampelkarte zum vorzeitigen Duschen. Das blaue Publikum schlug sich vor Lachen auf die Schenkel. Stefan Reuter faltete Lehmann noch auf dem Platz zusammen, der Sekundenschnell begriff, welchen Bärendienst er seiner Mannschaft bereitet hatte. Absolute Ausgeglichenheit war nun Trumpf.
2:2 nach Toren und 10:10 nach Kurzhosen auf dem Feld. Diese Statistik behielt auch bis zum Ende des Spiels die Gültigkeit. Punkteteilung, wenn auch nicht friedlich.Die Bayern sind damit weg. Herzlichen Glückwunsch zur letzten Meisterschaft, den die verantwortlichen des FC Bayern außerhalb einer Justizvollzugsanstalt begehen dürfen. Irgendwie waren nach dem Spiel alle schlecht gelaunt und machten ihrem Ärger Luft.
Sammer watschte in der Pressekonferenz zwei Journalisten für selten dämliche Fragen ab. Assauer und Neubarth nörgelten am Schiedsrichter rum („Das kann kein Zufall mehr sein“) und sogar ein Dortmunder Pressemann sprach davon, Lehmann mal psychologischer Betreuung zu überlassen. Auch die Spieler sprachen unterschwellig Lehmann eine Schuld zu. Am deutlichsten machte Reuter klar, woran es gelegen hatte:
Stefan Reuter: „Die Szene mit Lehmann ist mir im Moment total egal, ich bin total sauer, dass wir hier nicht gewonnen haben, weil so gut hatten wir sie noch nie auf der Pfanne gehabt wie heute. Wir haben seit acht Spielen gegen die nicht mehr gewonnen. Wir waren klar überlegen und müssen weiter das Ding ruhig ausspielen. Das war entscheidet, wir haben ganz klar 2 Punkte verschenkt. Wir hatten Sie so Griff, da müssen wir sie einfach schlagen.“
Christian Wörns dachte sogar an die Fans: „Man möchte so ein Derby gewinnen, natürlich auch für die Fans, die gestern sogar ein Plakat aufhingen, dass dieses Spiel mehr als 3 Punkte wert ist. In der zweiten Hälfte hatten wir sie im Sack und wenn der Jens nicht vom Platz geflogen wäre, hätte wir das Spiel gewonnen. So etwas darf einem erfahrenen Spieler eigentlich nicht passieren. Man ist enttäuscht, dass man nicht gewonnen hat, aber vom Engagement kann man uns keinen Vorwurf machen.“
In die Lieder der Dortmunder Fans mischten sich aber auch Töne, auf die wir in der Fanszene mit Freude verzichten können. Gesänge gegen den Gegner, auch mit Vorliebe gegen den Pöbel aus Herne West werden gerne genommen. Aber Ausdrücke wie „Gelsenkirchen Juden“ haben in einem Dortmunder aber auch in jedem anderen Fanblock nichts, aber auch gar nichts zu suchen. Schlimm auch, dass dies von vielen mitgegrölt wird, die gar nicht in diese Gesinnungsecke passen, die aber einfach ihr Gehirn am Eingang abgegeben haben.
Die Statistik des Derbys:
BVB: Lehmann (3), Wörns (3), Kehl (4), Reuter (3), Metzelder (2), Madouni (3) (46., Amoroso, 81. Weidenfeller), Frings (3), Rosicky (3), Dede (4), Koller (2), Ewerthon (3) (79. Ricken) Tore: 1:0 Vermant (13.), 2:0 van Kerckhoven (16.), 2:1 Koller (52.), 2:2 Ewerthon (58.)
Dortmunder Kartenspiele: Frings, Metzelder (Gelb), Lehmann (Gelb-Rot)
Zuschauer: 60678 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Fandel, Kyllburg
Bilder vom Derby
Geschrieben von Thomas
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