Geschichte und Zukunft des Westfalenstadions (Teil 2)

In den späten 80-er und frühen 90-er Jahren machte sich Borussia auf den Weg zurück zu altem Ruhm. Drei Meisterschaften, ein Pokalsieg und der Titel im Europacup der Pokalsieger machten den BVB immerhin zur erfolgreichsten Nachkriegsmannschaft. Auf der einen Seite zog der Verein jedes Jahr immer mehr und neue Fans an. Andererseits bot das Westfalenstadion zwar Platz für 54.000 Menschen, aber bei Uefa-Cup Spielen nur für etwa 35.000. Die Entscheidungsträger wurden sich darüber bewusst, dass etwas getan werden musste. Der zweite Teil dieses Artikels beschäftigt sich nun mit den bisherigen Ausbaustufen des Westfalenstadions, den zukünftigen Plänen und der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land.


Nach dem Umbau der Nordtribüne in eine reine Sitzplatztribüne (es gab noch ganz wenige Stehplätze direkt vor der Tribüne, am Zaun) fasste das Stadion nur noch 42.800 Zuschauer (siehe letztes Bild des ersten Teil). Es kam zu einem dramatischen Missverhältnis zwischen Kartenangebot und –nachfrage. Der stetig wachsenden Fangemeinde (siehe Bild 1) stand eine nun deutlich verringerte Anzahl von Eintrittskarten gegenüber, was den vielen Fans, die ihre Borussia nicht sehen konnten, nicht gefallen konnte. Niemand war glücklich mit der Situation und schnell tauchten Pläne für eine Erweiterung des Stadion auf. Die Frage, die ebenso schnell auftauchte war, wer für die Entwicklung des Stadion bezahlen sollte?
Bis 1995 war die Stadt Dortmund Eigentümerin des Stadions, was nicht unüblich für Bundesligaheimstätten in der Zeit war. Leider war die Stadt nicht in der Lage, den Ausbau zu bezahlen, und so mussten neue Wege beschritten werden. Borussia entschied sich, das Westfalenstadion zu kaufen und gründete zu diesem Zweck zusammen mit der Continentale Versicherung, ihrem damaligen Trikotsponsor, und der Harpen AG die Westfalenstadion Dortmund GmbH & Co. KG. Schließlich wurde mit der Stadt ein Vertrag geschlossen, der das Stadion für einen Zeitraum von 30 Jahren mit einem Erbpachtzins von 1 Mio. DM (ca. 0,5 Mio. Euro) pro Jahr an die Gesellschaft übertrug. Die Ausbaukosten von ca. 60 bis 65 Mio. DM (ca. 33 Mio. Euro) zeigten, dass Präsident Dr.Niebaum und Manager Michael Meier ehrgeizige Ziele verfolgten und den BVB zu einem der deutschen Topvereine mit einem angemessenen Topstadion machen wollten.
In 1995 wurden dann endlich die Haupttribüne (Westen) und die Gegentribüne (Osten) jeweils um einen Oberrang mit 6.500 Plätzen erweitert. Zwischen den alten, unteren Rängen im Westen und den oberen entstanden die neue Stammtischebene und höherwertige VIP-Angebote. Die Presseplätze wurden im Zuge dieses Ausbaus von der Haupt- auf die Gegentribüne verlagert, um den VIPs und „Stammgästen“ Topsitzplätze direkt vor Ihren Glaskästen anbieten zu können (im übrigen zog die Hauptkamera für Fernsehübertragungen gleich mit um, so dass man als TV-Fan die geliebte „Süd“ nun links statt rechts suchen musste). Unglücklicherweise änderte sich der Charakter des Westfalenstadions. Einige Fans waren nicht glücklich, weil ihre „Heimat“ nicht mehr die selbe war, wie sie sie kannten . Aber das ist eine andere Geschichte... .
Schnell wurde klar, dass dies nur der erste Schritt zu einem noch größeren Stadion sein konnte, weil der sprunghaft steigende Zuschauerschnitt sofort die neu geschaffenen Plätze „absorbierte“ und es wieder die gleichen Probleme wie vor 1995 gab. Eine weitere Ausbaustufe (und damals als finale angesehen) sollte das Westfalenstadion in die Riege der Stadien in Gelsenkirchen, München und Berlin hieven. Nun waren die Südtribüne und die Nordtribüne im Focus der Planer. Weitere 40 Mio. DM (ca. 20 Mio. Euro) wurden für die zweite Entwicklungsphase des Stadions von der Westfalenstadion GmbH & Co. KG aufgebracht.
Im Norden bekam die Tribüne einen zweiten Rang, der 7.800 neue Sitzplätze bietet, und auf der gegenüberliegenden Seite wurde die legendäre Südtribüne um 10.000 zusätzliche Stehplätze erweitert, ohne dass ein neuer Rang gebaut wurde. Die Nordtribüne beherbergt nun viele neue Einrichtungen wie den Borussia Park mit 1.600 Plätzen, das BVB Museum, VIP Räumen etc. . Während im Norden eine neue Tribüne mit Glasfront und neuem Innenleben entstand, wurde die Südtribüne nur in Ihrer Kapazität, aber nicht im Komfort, erweitert. Die „Süd“ sollte weiterhin ein Rohbau bleiben. Allerdings stellt sich natürlich die Frage, was für einen Komfort man als fanatischer Fan überhaupt braucht? Die Südtribüne ist heute mit einen Fassungsvermögen von unglaublichen 25.000 Menschen die größte Stehplatztribüne in ganz Europa! Mehr als in die ganze BayArena in Leverkusen hineingehen!
Das Westfalenstadion mit 68.600 Plätzen war endlich fertig gestellt und Borussias Verantwortliche waren sich einig, dass das für den Verein und seine Fans reichen müsste. 1995 und 1998 konnte man sich nicht vorstellen, dass Borussia Dortmund das Potenzial für einen Zuschauerdurchschnitt von über 65.000 haben könnte. Hätte man das vor den ersten beiden Ausbaustufen gewusst, wären die Pläne der Architekten wahrscheinlich etwas anders ausgefallen. Die neuen Ränge im Westen, Norden und Osten wurden nicht auf gleicher Höhe gebaut. Zu der Zeit ein Umstand, der nicht weiter wichtig schien und niemanden störte, weil niemand Pläne hatte, die Ecken des Stadions zu füllen. Es war ja klar, dass das Westfalenstadion 1998 seine letzte Ausbaustufe erlebt haben sollten. Aber die erste Saison (98/99) mit der neuen Kapazität zeigte, was für ein Fanpotenzial der BVB besitzt. Während die Massen, unter ihnen 45.000 Dauerkarteninhaber, das Stadion stürmten, fiel es dem Verein einfach, die Schulden für die erste und zweite Ausbaustufe zurückzuzahlen. Alles ging seinen Weg, und Dr.Niebaum und Co. waren glücklich in Anbetracht eines tollen Stadions und eines Zuschauerdurchschnitts von ca. 65.000. Zwei Jahre später änderte sich das jedoch...

WM 2006 :
…Am 6.Juli 2000 um 14:07 Uhr MESZ verkündete Fifa Präsident Sepp Blatter den Gastgeber für die Weltmeisterschaft 2006. „And the winner is.....Deutschland!“ waren die Worte, die das ganze Land enthusiastisch werden ließen. Und nicht nur die deutschen Bürger, sondern auch die Vereinsoffiziellen. Berlin sollte das Stadion für das Endspiel sein, das war klar, und München war als Gastgeber der Eröffnungsfeier und des Eröffnungsspiels eingeplant (Franz Beckenbauer in seiner Funktion als Vorsitzender des WM-Organisationsteams und Präsident des FC Bayern München sorgt schon dafür, dass die bayrische Weißwurstmetropole nicht zu kurz kommt). Am Ende bewarben sich 16 Städte als WM-Austragungsort. Es war ein harter Kampf, in dem niemand der Verlierer sein und 2006 die Zuschauerrolle einnehmen wollte. Im April 2002 wurden folgende zwölf Städte nominiert: Berlin, Hamburg, Hannover, Gelsenkirchen, Dortmund, Köln, Leipzig, Frankfurt, Nürnberg, München , Kaiserslautern und Stuttgart. Diese Stadien haben heute schon oder spätestens 2006 eine Kapazität von mindestens 40.00 Sitzplätzen wie von der Fifa für eine WM gefordert. Für das Eröffnungsspiel (München), das Spiel um den dritten Platz, die Halbfinals und das Endspiel (Berlin) sind mindestens 60.000 Sitzplätze notwendig. Zur Zeit haben nur Berlin und das gerade im Bau befindliche Münchener Stadion eine solche Größe vorzuweisen. Die Stadt Stuttgart, unterstützt durch den früheren VfB-Präsidenten Gerhard „Rotwein“ Mayer-Vorfelder, legte sehr schnell Pläne für eine Erweiterung des Gottlieb-Daimler-Stadions auf 60.000 vor, um ein Halbfinale austragen zu können. Vor einigen Monaten wurden diese Pläne, wie schon lange vom Verein und einigen Stadträten gefordert, aber endgültig ad acta gelegt. Statt dessen sollen 2006 nur 53.000 Sitzplätze zur Verfügung stehen.
Als Sepp Blatter 2000 Deutschland als Ausrichter der WM 2006 verkündete, wurde man auch beim BVB hellhörig. Schließlich sollte Dortmund, und damit indirekt auch Borussia, eine wichtige Rolle bei diesem Riesenspektakel spielen. Weil das Westfalenstadion eine sehr gute Auslastung hatte und mit der WM 2006 als zusätzliches Motiv, wurden wieder einmal Pläne geschmiedet. Die ersten durch Borussia Dortmund veröffentlichten Pläne (Borussia live 12/2000) sahen den Aus- und Umbau des Stadions in einen „Champions Dome“ vor. In den Ecken sollten riesige Funktionsgebäude entstehen, die u.a. ein Theater, die BVB-Geschäftsstelle, ein Jugendinternat, und ein Hotel mit Dachterrassendisko beherbergen sollten. Das Spielfeld sollte mittels einer Hebekonstruktion aus der Werfttechnik auf Dachhöhe hochgezogen werden und das Westfalenstadion in eine „70.000 Zuschauer fassende Riesenhalle verwandeln“.
So wollte man auch gleichzeitig dem Rasen mehr Licht und Wind zukommen lassen. Die Kapazität wäre bei dieser Variante nicht verändert oder gar erhöht worden. Aber dieses (Luft-) Schloss erwies sich bald als ein riesiges Hirngespinst der Architekten. Die Verlautbarungen änderten sich sehr schnell, und plötzlich stand eine Erweiterung des Westfalenstadions auf mehr als 60.000 Sitzplätze im Mittelpunkt der Vereinsinteressen. Man plante Großes: Dortmund sollte fit gemacht werden für ein WM-Halbfinale! Weil Berlin und München schon ihre „großen“ Spiele haben (Eröffnungs- und Endspiel), ist es ziemlich wahrscheinlich, dass Borussia und Dortmund das Ziel erreichen wird, auch wenn die endgültigen Entscheidungen erst 2004 fallen.

Wieder einmal mussten neue Pläne erstellt werden. Mindestens 14.000 zusätzliche Sitzplätze sollten entstehen, was eine Gesamtkapazität von 67.000 bedeuten würde. Aber warum solch eine hohe Anzahl an Plätzen? Die Antwort ist, dass für ein WM-Halbfinale mindestens 60.000 Tickets in den „freien“ Verkauf gehen müssen (na ja, wir wissen ja alle was „frei“ heißt). Also werden laut Planung 60.343 Tickets verkauft und 6.000 Plätze für Presse, andere Medien und VIPs reserviert., wie von der Fifa im Kriterienkatalog für ein Halbfinale gefordert. Die Lösung war einerseits auch einfach, denn es mussten die Ecken mit neuen Tribünen gefüllt werden. Andererseits gab es da ein gravierendes Problem, das seine Wurzeln im Jahre 1995 hat. Die neuen Ränge der ersten und zweiten Ausbaustufe waren nicht höhengleich, die Südtribüne hatte gar überhaupt keinen Oberrang. Eine einheitlich symmetrische Innenoptik des Stadions war somit nicht mehr hinzubekommen. Zusätzlich war es zwingend notwendig, die neuen Kurven unten offen zu lassen, um dem schlecht wachsenden Rasen wenigstens etwas Luft zukommen zu lassen und hier die beiden Videomatrixtafeln zu platzieren. Einige Fans unken schon, das Westfalenstadion werde eines der hässlichsten Stadien Deutschlands, andere wiederum freuen sich über die gewachsene Architektur des Stadions, das nicht die Stereotypen á la Gelsenkirchen und Hamburg nachäfft. Die Bauarbeiten begannen am 6. Mai 2002, zwei Tage nachdem der BVB seinen sechsten Meistertitel gewonnen hatte. Laut Planung wird das Stadion bis September 2003 fertig sein. Der Klub wird dann ein Stadion mit einer Uefa-Kapazität von 67.000 und einer Bundesliga-Kapazität von unglaublichen 83.000 haben!
Dr. Niebaum glaubt, dass 10.000 neue Dauerkarten verkauft werden können und ein Zuschauerschnitt von 75.000 in Reichweite ist. Kein anderer Fußballverein auf der Welt hätte dann solch einen Schnitt (letzte Saison: 1.Manchester United: 67.500, 2.Borussia Dortmund: 65.500, 3.Real Madrid: 63.500, 4.Inter Mailand: 62.500). Im Zuge der Erweiterungen werden weitere Maßnahmen vorgenommen: Ein neues Einganskontrollsystem, stärkere Flutlichter und mehr Parkplätze um das Stadion sollen neben vielen weiteren Neuerungen kommen, um den Kriterien der Fifa und den Komfortwünschen des Zuschauers während der WM 2006 zu entsprechen.
Die Westfalenstadion Dortmund GmbH & Co. KG will wiederum das Geld für diese dritte Ausbaustufe aufbringen. Bis vor kurzem besaß der BVB 75% der Gesellschaft (Continentale und Harpen je 12,5%), aber letzten Monat wurde ein Deal mit der Molsiris Vermietungsgesellschaft eingefädelt. Das Stadion wurde für 75,44 Mio. Euro an die Commerzbanktochter verkauft, während 6% an die BVB-Tochter goool.de übertragen werden, so dass Borussia weiterhin minderheitsbeteiligt bleibt. In 15 Jahren hat der Verein die Option die übrigen 94% zurückzukaufen (Harpen und Continentale haben ihre Anteile bereits an Molsiris verkauft) und so 100%-iger Eigentümer einer dann schuldenfreien Immobilie zu werden. Zusätzlich kaufte Borussia für 12,8 Millionen Euro ein 90.000m² großes Grundstück rund um das Stadion von der Stadt Dortmund. Bis Borussia Ende 2017 die Möglichkeit hat, wird eine jährliche Leihgebühr an Molsiris von 12,8 Mio. Euro fällig. Dem gegenüber sollen laut Dr.Niebaum und Meier Mehreinnahmen und Zinsersparnisse von 16,2 Mio. Euro pro Jahr stehen. U.a. werden Altschulden abgelöst und neue Kredite für die dritte Ausbaustufe sind nicht nötig). Was ist der Sinn und Zweck dieses ominös anmutenden Geschäfts? Borussia Dortmund bindet sein Kapital nicht in Immobilien und macht Geld verfügbar für weitere Projekte. Und im Jahr 2017 schließlich wird das Westfalenstadion und das Grundstück zu 100% und schuldenfrei Borussia Dortmund gehören.

Das Westfalenstadion, das 1974 als Billiglösung konzipiert wurde, wird bis September 2003 in ein modernes Stadion umgebaut mit einem riesigen Fassungsvermögen, das sich vor einigen Jahren keiner hätte vorstellen können. Es wird aufsteigen in eine Liga mit “Estadio Santiago Bernabeu”, la opera del calcio “Guiseppe Meazza”, the theatre of dreams “Old Trafford”, und Milliarden Fußballfans werden im Sommer 2006 an den Fernsehern zusehen, wenn von hier ein Halbfinale in die ganze Welt übertragen wird! Ich hoffe, einer der glücklichen Fans zu sein, die sich ein Ticker ergattern können um das Spiel zu sehen – in meinem „Wohnzimmer“, dem WESTFALENSTADION, Dortmund!


Die Originalartikel von schwatzgelb.com:

History and future of the Westfalenstadion (part 1)

History and future of the Westfalenstadion (part 2)

Geschrieben von jonam