Meld dich hier doch gleich zum Volkshelden!
Dieser Spruch passt auf etliche Begegnungen dieses Spieltags, in denen es hohe Siege, überraschende Ergebnisse und einen rollenden Kopf gab. Bayern bleibt mit acht Punkten an der Spitze, Cottbus gibt die rote Laterne an Lautern ab; ansonsten wenig Änderungen in der Tabelle.Doch wenden wir uns dem Urheber des Spruchs des Spieltags zu, unserem alten Bekannten Fredi Bobic. Er gastierte mit seinen Hannoveranern in der Lausitz, beim Tabellenletzten. Doch Ede Geyer, der alte Haudegen aus Stasi-Ligazeiten, hatte sich in der Winterpause richtig Gedanken um sein Team gemacht. Sie änderten das System auf ein richtiges 4-4-2 und starteten damit erfolgreich in die neue Saison: Die Cotbuser gingen mit zwei Siegen und einem Unentschieden in die Partie. Doch auch Hannover war seit vier Spielen ungeschlagen, der Ausgang des Aufeinandertreffens schien völlig offen. Es entwickelte sich ein durchschnittliches Spiel mit anfangs leichten Vorteilen für Hannover. Im Laufe der Zeit übernahm Cottbus das Kommando, erspielte sich deutlich mehr Chancen und kam durch Tore von da Silva, Reghecampf und Topic in der Schluss-Viertelstunde zu einem überraschend hohen Sieg. Die einzige klar Torchance für 96 vergab Fredi Bobic, der enttäuschte und kurz vor Schluss für seine Bemerkung „Meld dich hier doch gleich zum Volkshelden!“ Rot sah. Vorausgegangen war eine Tätlichkeit von Latoundji gegen Lala, die Schiedsrichter Dr. Wack nicht mit dem notwendigen Platzverweis ahndete. Insgesamt sind die Hannoveraner aber mit Bobic sehr zufrieden und liebäugeln damit, unser aller Sündenbock Jörg Heinrich für die nächste Saison zu verpflichten.
Leverkusen verpflichtete am Sonntag mit Thomas Hörster zwar einen neuen Trainer, doch bei weitem nicht die gewünschte Ideallösung. Doch alles der Reihe nach. Die allerletzte Chance für Töppi sollte es sein, das Spiel gegen Hansa Rostock. Und er wollte sie nutzen und offensiv nach vorne spielen. Ramelow und Neuzugang Cris bildeten die Innenverteidigung in der Viererkette, davor defensiv Babic und Kaluzny; Schneider hatte im Mittelfeld alle Freiheiten und sollte die drei Stürmer Neuville, Berbatov und Bierofka mit seinen Pässen füttern. Armin Veh hielt mit zwei Viererketten dagegen, vertraute in der Spitze auf Salou und seit langem auch mal wieder auf Meggle, der das Bindeglied zwischen Angriff und dem vorwiegend schwedischen Mittelfeld sein sollte. Leverkusen versuchte Druck auszuüben, ging aber zu stümperhaft vor, so dass Rostock immer wieder schnelle Konter vortragen konnte, wobei Lantz sich Bestnoten verdiente.
Der Spielverlauf war dann ganz ähnlich wie in Bochum letzten Spieltag: Jeweils nach Pass von eben genanntem Lantz machte sich Salou in die Spur, setzte sich gegen Cris bzw. Ramelow durch und markierte innerhalb von 6 Minuten zwei Tore. Den zwischenzeitlichen Anschlusstreffer erzielte wiederum Babic mit einem leicht abgefälschten Flachschuss in die lange Ecke. Nach der Halbzeit kam die noch-Toppmöller-Truppe gar nicht richtig ins Spiel. Es fehlte einfach an der Qualität, den Ideen und der Frische, um der festen Hansa-Defensive paroli zu bieten und noch den Ausgleich zu erzielen. Die Totalausfälle Ramelow - spätestens jetzt sollte allen klar sein, dass er nur ein durchschnittlicher Mitläufer ist - und Berbatov blieben in der Kabine, dafür durften Kleine und Amateur Schoof sich mal in der ersten Mannschaft präsentieren. Entweder hatte Töppi das Spiel schon aufgegeben, oder er hatte jeglichen Glauben an Spieler wie Brdaric, Balitsch und Franca verloren gehabt. Rostock hatte noch ein paar Chancen um den Sieg höher ausfallen zu lassen, das war’s. Bemerkenswert das „Comeback“ von Bachirou Salou, der in Rostock ja auch schon des öfteren auf dem Abstellgleis gelandet war. Doch sein Entschluss, die Schuhe am Ende der Saison an den Nagel zu hängen, steht: „So ein Spiel reicht nicht. Es müssen noch ein paar Tore mehr werden, damit ich überlege, weiter zu machen.“ „Weiter machen is nich“ hieß es nun auch für Toppmöller.
Eigentlich war es nach dem Ausgang der Partie ja schon allen klar und Namen potenzieller Nachfolger machten die Runde. Selbst Otto Rehagel wurde heiß als Nachfolger gehandelt! Doch erst am Sonntag gegen 12 Uhr beurlaubte dickes Calmund seinen Pudel, und nach einem Rundgang durch die Lipobay-Arena fuhr jener auf und davon. „Meld dich hier doch gleich zum Volkshelden!“ hätte man ihm Ende letzter Saison noch zurufen können, jetz isses zu spät. Calli verkündete um 13 Uhr das, was alle wussten. Wer ist der Nachfolger? Thomas „Ich trau mir das zu“ Hörster ist seit 1992 bei Bayer aktiv, steigerte sich von der B-Jugend über die A-Jugend zum „U21“-Coach seit 2001. Da arbeitete er schon mit Leuten wie Babic und Kleine zusammen, die allerdings nach seiner Auskunft Probleme mit ihm hatten. Sein Hauptaugenmerk richtet er auf drei Aspekte: Selbstvertrauen, taktisches Arbeiten und ein beruhigtes Umfeld. Das Konzept wirkt doch reichlich unbeholfen, mal sehen was die nächste Zukunft bringt. Will man Parallelen zu 95/96 ziehen, dann bleibt Leverkusen drin, wenn wir noch an den Bayern vorbeiziehen.
Doch im Moment scheint das in weite Ferne gerückt. Nachdem wir aus den Punktverlusten der Bazis in den letzen vier Spielen (ein Sieg und drei Unentschieden) kein Kapital schlagen konnten, setzten sie mal wieder eine Duftmarke. Die Fußballstadt München hatte zum großen Derby geladen, und alle waren Sie da. Offiziell waren 64.000 begeisterte „Bajuwaren“ da, doch im TV dominierte hellgrün, die Farbe der Sitze. Dieser Saisonhöhepunkt wurde natürlich auch von Prem*ere genutzt, um den Kaiser zum 7639. Mal als Gast und selbsternannten Experten zu begrüßen. Zur Halbzeit war er erstaunlich objektiv, indem er feststellte, dass es der Partie „an allem fehlt“. Es war einfach ein total öder Kick, in dem die Löwen ihre einzigen beiden Chancen hatten, die größere davon durch Lauth mit einem schönen Kopfball. Bayern hatte einen satten Schuss von Ballack, den Jentzsch noch rausfischen konnte und einen Pfostentreffer durch Lizarazu zu bieten.
In der zweite Halbzeit kam von 1860 dann gar nix mehr, und die Bazis begannen aus der Feldüberlegenheit Kapital zu schlagen. Besonders Scholl, der aus dem aktuellen Kader am längsten bei Bayern ist, riss das Spiel an sich und wurde zur überragenden Figur. Er eröffnete den Torreigen in der 58. Minute mit einem herrlichen Freistoß in den Winkel und besiegelte mit seinem Treffer in der 80. Minute das eindeutige 5-0. Grund genug für die Münchner Boulevard-Presse, Scholls Nationalmannschafts-Comeback zu fordern. Neben Scholl waren Pizarro und Lizarazu erfolgreich. Die zweite Spielhälfte war sicherlich mal wieder ein Leckerbissen vom FCB, offen bleibt hingegen, ob diese Leistung wiederholt wird oder ob sie sich da oben noch ein paar Patzer leisten. Auf jeden Fall ist Deislers Knie, oh Wunder, noch heile, und er hat schon wieder ein Tor vorbereitet. Wenn er gesund bleibt, kann er dem Team sicher noch weiterhelfen. Ob Klose zu selbem Zweck kommt, steht nach wie vor in den Sternen. Wechselnde Dementis und „Liebesbekundungen“ lassen die Frage ungelöst, zumal jetzt Benjamin Lauth auch langsam ein Thema bei den Bayern wird, die aber natürlich keinen Spieler aus seinem Vertrag rauskaufen würden. Lauth hat noch Vertrag bis 2006 und „daran werden wir uns halten“ meint Beckenbauer. Geht klar! Wers glaubt…
Glauben wir noch an die Titelverteidigung? Die Frage lass ich mal so im Raum stehen, die muss jeder für sich beantworten. Aber am Samstag haben wohl viele den Glauben an unser Team wiedergefunden. Von dem kleinen Schönheitsfehler in der 8. Minute abgesehen, war das doch mal wieder ein Nachmittag, wie man ihn sich in Dortmund vorstellt. Das Team war eine richtige Einheit, man sah Spielfreude, es wurde gekämpft, schöne Kombinationen, es wurde nachgesetzt, und endlich wurden auch mal wieder Tore geschossen. Besonders gefreut haben wir uns für Billy Reina, der so lange mit Verletzungen und Rückschlägen zu kämpfen hatte. Er spielte mal wieder eine komplette Partie und fügte sich gut ins Spiel ein. Sein persönliches Glück fand er in der 33. Minute, als er einen abgewehrten Kollerschuss zum Ausgleich einnetzen konnte. Das sind Gefühle, die man nicht beschreiben kann. Ob er sich in Dortmund als Volksheld melden könnte? Positiv auch der Aufschwung auf den Rängen, alle kehrten zufrieden heim, es hatte endlich mal wieder richtig Spaß gemacht.
Für Späße bekannt ist ja der gute Hans Meyer von der falschen Borussia, doch so langsam kann er sich dem Galgenhumor widmen. Am Sonntag setzte es die vierte Niederlage in Folge für sein Team, welches auch das Toreschießen im neuen Jahr bisher völlig verweigert hat. Der wiedergenesene Van Lent und der hochgelobte Forssell, der neu von Chelsea kam, konnten gegen die Berliner Deckung nicht viel ausrichten, und insgesamt war die Leistung von MG eher dünn. In einem weitgehend uninteressanten Spiel stellte Berlin in Form von „Volksheld“ Alves bereits in der 9. und 14. Minute die Weichen auf Sieg. Nach dem ganz tollen Minutenzählen wie lange das Äffchen seinen Kasten sauber hält, zählt man jetzt die Versagemintuen der Gladbacher, die seit 435 Minuten auf ein Tor warten.
Die Stuttgarter Knaben haben ihr letztes Tor gegen uns geschossen, und blieben in der Turnhalle zu GE ohne eigenen Torerfolg. Doch sie erspielten sich insgesamt auch nur drei Chancen, was wohl auch an der Rückkehr Waldochs in die Innenverteidigung liegt. Agali und Mpenza hatten einen richtig guten Tag erwischt, und das 1-0 des Belgiers fiel auch nach schöner Vorarbeit des Ex-Rostockers. Der Spielverlauf war ziemlich einseitig, die Inzuchtstädter zeigten ihre beste Heimleistung dieser Saison. Es reichte aber nur noch zum 2-0 durch Hajto mit einem Freistoß genau neben den Pfosten, bei dem Hildebrand einfach etwas zu klein geraten war.
In Hamburg wurde die letzten Tage viel über die Möglichkeit einer Rückkehr Effenbergs diskutiert; nicht zuletzt dadurch angeheizt, dass Frau Strunz in der Elbestadt lebt - ein gefundenes Fressen für unsere boulevardverseuchte Medienlandschaft. So durfte man Sie natürlich auch im TV beim Verfolgen des Spiels bewundern - großes Kino. Die HSV-Fans empfingen den mal wieder recht zahnlosen Tiger mit Pfiffen bei jedem Ballkontakt, sie sind sich ziemlich sicher, dass Effe ihnen nix bringt. Er wäre ein weiterer alter „Sack“ in der Truppe und hat bei weitem nicht die spielerische Klasse eines Cardoso; zum Volkshelden könnte er sich wohl in Hamburg nicht melden.
Geschrieben von Augi
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