Ist die Flasche leer ?

Die Spannung ist nun wohl raus, denn Bayern verliert zwei Punkte und baut seinen Vorsprung weiter aus. Aufgrund der Langeweile an der Spitze und trotz vieler interessanter und brisanter Spielpaarungen suchte sich die Öffentlichkeit ein anderes Spannungsfeld, stand doch der 20. Spieltag ganz im Blickpunkt eines Mannes, der diese besondere Beachtung nach Meinung vieler eigentlich gar nicht verdient hatte: Klaus Toppmöller.


Die ganze Woche wartete man gespannt auf dieses Samstagsspiel des Bayer 04 Leverkusen beim VFL Bochum. Rollende Trainerköpfe, das ist doch neben den Überraschungssiegen gegen den FC Bayern, das, was die Fußballfangemeinde vereinsübergreifend zusammenschweißt. Da haben wir also gemeint, das sei seine letzte Chance, noch eine Niederlage gegen den VFL und weg ist er. Den ganzen Abend vor dem Fernseher sitzend warteten wir auf die entscheidende Meldung, aber wir sahen uns getäuscht.
Stattdessen machte sich Calli im Aktuellen Sportstudio breit und schwafelte drumherum - nein, nach sofortiger Trennung sah das nicht aus. Toppi bekommt also gegen Rostock nach der letzten noch seine allerletzte Chance. Schade eigentlich, denn um das Spiel noch ein wenig mehr zur Groteske werden zu lassen hatte sich auch ein alter Fachmann der Lachnummern “Flasche leer” - Giovanni Trappatoni angeblich selbst als Nachfolger ins Gespräch gebracht: “Es wäre eine Ehre für mich, wenn man mir von Seiten des Vereins ein Angebot machen würde”, erklärte Italiens Nationaltrainer. Na, wenn das den Toppi nicht anspornt, aber wie wenig Ehre muss dem “Trappa” denn die squadra azzurra bedeuten, wenn er ausgerechnet auf den Trainerstuhl bei einem Abstiegskandidaten der Bundesliga scharf ist ? Und der Abstieg kommt immer näher, Bayer Leverkusen befindet sich in freiem Fall, wenn der nächste Spieltag ganz schlecht läuft, droht sogar der vorletzte Platz - wer hätte das vor Jahresfrist noch für möglich gehalten. Aber bei allem Getue um den wackeligen Trainerstuhl sollte man nicht vergessen, dass Bayer gegen den VFL Bochum in einem hochklassigen Bundesligaspiel unterlag. Denn anders als Dortmund in Stuttgart, traten die Pillenstädter mit viel Druck und Ehrgeiz auf und erspielten sich eine Torchance nach der anderen. Besonders in Hälfte zwei entwickelte sich ein offener Schlagabtausch mit dicken Möglichkeiten auf beiden Seiten. Zunächst hätten Freier und Gudjonsson die Bochumer Führung erzielen können, behinderten sich aber gegenseitig, so dass die Noch-Toppi-Elf kontern konnte und Berbatov im Gegenzug per Kopf eine gute Gelegenheit hatte (54.). In diesem Stil ging es weiter hin und her zwischen den Strafräumen. Bochums „Edeljoker“ Vahid Hashemian, eine halbe Stunde vor dem Ende eingewechselt, sollte die Entscheidung bringen. Nur acht Minuten auf dem Platz, gewann er einen Zweikampf gegen Cris und überwand mit einem satten Schuss den machtlosen Butt. Aber Bayer zeigte endlich einmal Moral und setzte nach. Berbatov spielte gekonnt Babic frei, der seinen ersten Bundesliga-Treffer erzielen konnte (78.). Danach spielten beide Teams weiter auf Sieg. Leverkusen machte mehr Druck, aber Bochum schaffte die gefährlicheren Konter, und bei einem solchen über Buckley, der in die Mitte zu Hashemian passte, erzielte dieser seinen zweiten Treffer des Nachmittags (84.). Danach war jedoch auch die beste rheinische Kampfgeist erloschen und eine weitere Kerbe in Toppis Stuhl gesägt. Jetzt werden wir auf den nächsten Spieltag warten und schauen, was passiert - The show must go on.
Ob die Show in Form von Meisterschaftsfeiern auf dem Friedensplatz in Dortmund weitergeht ist nach diesem Spieltag allerdings mehr als fraglich, wurde doch die wohl nicht so häufige Chance vertan, sich gleichzeitig von den Verfolgern Schlacke, Bremen und Stuttgart abzusetzen und auch noch 2 Punkte auf den Tabellenführer gut zu machen. An einem solchen Spieltag, an dem praktische alle Spitzenmannschaften Punkte lassen, kann sich auch jeder Beliebige über verpasste Chancen ärgern, das ist klar. Allerdings ist der BVB immer noch die Mannschaft mit den größten Meisterschaftsambitionen und dem erklärten Versuch den Titel durch eine Festigung der Leistung zu bestätigen. Aber weit gefehlt, von den hochklassigen Auswärtsleistungen der letzten Saison sind die Schwatzgelben derzeit meilenweit entfernt. Nach Meinung des Trainers gab’s mal wieder eine so genannte “überflüssige” Niederlage. Matthias Sammer: "Von der Spielanlage her hatte der VfB Vorteile, aber wir hatten die klareren Torchancen. Am Ende muss man so ein Spiel dann 0:0 spielen. Aber wir haben wieder durch einen individuellen Fehler verloren wie in Berlin. Deshalb stehen wir derzeit zu Recht nicht ganz oben." Wenn schon nicht gewonnen, dann wenigstens 0:0 ? Der Spielbeobachter weiß allerdings, dass es wohl eher daran lag, dass praktisch die gesamte erste Halbzeit einem grauenhaften Abwartefußball geopfert wurde. Da wird man den Verdacht nicht los, der BVB habe ohnehin nur einen Punkt im Visier gehabt und da hätte man ja eigentlich spätestens seit der Schlacker Pleite, die vor zwei Jahren dort die Meisterschaft verspielten, weil sie an gleiche Stelle auch mit einem Unentschieden zufrieden sein wollten.
Und unsere Nachbarn aus der unaussprechlichen Stadt hatten auch gleich wieder eine völlig verdiente Niederlage zu beklagen, weil sie von der ach so ungeliebten Berliner Hertha mit 4:2 geschlagen wurden. Nach verschlafener Anfangsphase zogen sich die Berliner in einer wechselhaften Partie am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Begünstigt wurden sie von lethargischen Schlackern, die erst gegen Ende das Feuer zeigten, das sie lange Zeit vermissen ließen. Hertha-Coach und Ex-Schlacke Trainer Stevens war nach dem Spiel zwar "froh über den Sieg", kritisierte aber vor allem die mangelhafte Chancenverwertung seiner Mannschaft. "Wir haben gezeigt, was in uns steckt. Nach dem Platzverweis von Varela müssen wir aber schon 5:1 oder 6:1 führen, bevor Schalke den zweiten Treffer erzielt", meckerte Stevens und fügte an: "Das war aber endlich ein Schritt in die richtige Richtung." Stimmt. Denn der anvisierte Uefa-Cup-Platz ist seit gestern nur noch drei Punkte entfernt. Der aktuelle Schlacke-Trainer Frank Neubarth nahm’s mit der ihm typischen Sachlichkeit hin: “Wir haben ordentliche Vorlagen für den Gegner geliefert. Ein überflüssiger Freistoß hat zum 1:3 geführt und dann hat Varela eine überflüssige Gelb-Rote Karte gesehen. So kann man sicherlich kein Auswärtsspiel gewinnen. Wir hatten gute Kontermöglichkeiten, wo aber die letzte Konzentration gefehlt hat.“ Insgesamt war das wohl eine eher höfliche Einschätzung der Leistung seiner Mannschaft, denn die Blauen waren in Berlin phasenweise so schwach, dass Neubarth wohl noch viel Aufbauarbeit verrichten muss um in nächsten Heimspiel gegen den VFB Stuttgart eine selbstbewusste Mannschaft auf den frisch ausgewechselten Rasen der heimischen Arena auf Schlacke schicken zu können.
Natürlich sollte auch das andere interessante Verfolgerduell nicht vergessen werden und das fand in Bremen statt. Eigentlich waren sich die Hansestädter vor dem Spiel sehr sicher, hatten sie doch im Laufe der Woche erst im Pokal die 60er mit 4:1 bezwungen. Aber im Mittelpunkt bei Werder Bremen stand einmal mehr der Keeper Pascal Borel. Der Grund dazu war ein grober Fehler gegen 1860 München, der die 1:2 (1:0)-Heimniederlage von Werder Bremen einläutete, und der höhnische Applaus, mit dem ihn der Großteil der 34 000 Zuschauer im Weserstadion mal wieder verspottete. Mobbing auf dem Fußballplatz - nicht nur in Dortmund. Und das ging Thomas Schaaf deutlich gegen den Strich. "Damit hilft man ihm nicht. Ich lasse es nicht zu, dass er für alles zum Sündenbock gestempelt wird", schimpfte der Trainer und stellte sich schützend wie eine Wand vor seinen Torhüter. Natürlich habe der in der 53. Minute entschlossener "dazwischenfegen" müssen. Doch bloß weil er im Rauslaufen den Ball nicht erwischte, sei das 1:1 durch Benjamin Lauth nicht gefallen. Schaaf: "Da waren noch vier, fünf andere Spieler, von denen sich keiner um Lauth gekümmert hat." Mit anderen Worten: Kollektives Versagen statt Individual-Schuld. Und überhaupt: Nicht Borel habe die Partie verloren, sondern das gesamte Team. "Wir haben", führte Schaaf aus, "die erste Halbzeit dominiert, hatten tolle Chancen, die wir alle nicht genutzt haben. Darüber spricht aber niemand." Sondern nur über Borel. "Und das ist nicht richtig", ereiferte sich Schaaf. Gewiss: Der Fehlschuss von Paul Stalteri fünf Meter vor dem Münchner Tor war katastrophal (32.). Bei weiteren Großchancen sei auch "viel Pech" (Schaaf) dabei gewesen, so dass es bis zur Pause nur zum 1:0 durch Iwan Klasnic herrlichen Fallrückzieher (45.) reichte. In seiner flammenden Rede pro Borel war Mentor Schaaf deshalb bemüht, herauszustreichen, dass seine Mannschaft locker 3:0 oder gar 4:0 hätte führen müssen. "Aber wir schaffen es im Moment einfach nicht, einen Gegner mit Toren mürbe zu machen, damit der erst gar nicht mehr zurückkommt", so Schaaf. Außerdem schafft es der SV Werder nicht, auch mal zu Null zu spielen. Und das war für Sportdirektor Klaus Allofs am Samstag das Kardinalproblem: "Vielleicht müssen wir in den nächsten Spielen mehr Wert auf die Defensive legen." Gegen 1860 München lief es noch genau anders herum. Ab der 76. Minute stand Werder mit vier Stürmern auf dem Platz - die totale Offensive. "Ich wollte das Spiel unbedingt gewinnen", erklärte Schaaf, gestand aber auch ein: "Der Schuss ging nach hinten los." Denn Daniel Borimirov markierte das 2:1 für die "Löwen". Die Frage nach einer möglichen Mitschuld von Borel konnte in diesem Fall nicht eindeutig geklärt werden. Torwart-Trainer Dieter Burdenski schwieg: "Kein Kommentar." Fakt ist: Sein Schützling klebte auf der Linie, und Borimirov hatte leichtes Spiel. "Pascal war eben verunsichert, das konnte man deutlich sehen", meinte Klaus Allofs. Verunsichert, weil mit seinem ersten Fehler zum 1:1 die ganze Partie kippte. Dass er nun wie schon nach dem UEFA-Pokal-Aus gegen Vitesse Arnheim in der Schusslinie stehen wird, war dem 24-Jährigen gestern "wurscht- egal". Weniger egal dürfte ihm sein, dass Werder sich nach einem neuen Keeper umsehen wird. "Ausgeschlossen ist das nicht", sagte Klaus Allofs. Erster Name auf der Gerüchte-Liste: Ausgerechnet 1860-Keeper Simon Jentzsch. "Er hat in zwei Spielen gegen uns keinen Fehler gemacht", so Allofs. Passend für Werder: Der Vertrag des 26-Jährigen läuft im Sommer aus. Und während 1860-Präsident Karl-Heinz Wildmoser seit Wochen verkündet, es würde in Kürze verlängert, sagt Jentzsch: "Nichts ist klar." Werder hält sich bedeckt: "Wir haben nicht mit ihm verhandelt", behauptet Thomas Schaaf. Aber Kontakt aufgenommen? "Auch das nicht", verneint Allofs. Allerdings: Dieter Burdenski soll den Münchner Schlussmann am Samstagmorgen im 1860-Mannschaftshotel besucht haben. Was das wohl zu bedeuten hat . . .?
Bei so viel Problemen der Verfolger hat natürlich der FC Bayern gut lachen, können sie doch weiter das tun, was sie am liebsten machen: Sich für die Besten halten, weil die anderen einfach zu blöd sind. So ganz nebenher erfreuen sie sich dann noch an statistischen Feinheiten, mit denen man jeden SAT1-Reporter zu unkontrollierbaren Beifallsstürmen animieren kann: Olli - gib ihm die Banane - Kahn verbesserte seine vier Jahre alte Bestmarke - genannt : “Ihr kriegt bei mir keinen rein !” auf nun 802 Minuten. Buddha sei’s gedankt beendete dann doch noch der Japaner Naohiro Takahara mit seinem ersten Treffer für den HSV in der Nachspielzeit Kahns Serie. Damit kann er dann wieder bei Null anfangen . In der Saison 1998/99 war der Schlussmann ebenfalls im Trikot des FC Bayern 736 Bundesliga-Minuten ohne Gegentor geblieben. Vor Takahara hatte übrigens der Dortmunder Marcio Amoroso als letzter den Nationalmannschafts-Kapitän am 9. November 2002 überwunden (!).




Geschrieben von Klopfer