Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust...
....so könnte man die derzeitige Gefühlslage vieler BVB-Fans umschreiben. Einerseits der tiefe Frust ob der bislang größtenteils gezeigten Leistungen, anderseits das Wissen darum, dass man trotz eher durchwachsener Leistungen immer noch Platz Zwei belegt. Dazu eine nach wie vor junge und daher entwicklungsfähige Mannschaft, die ihr Potenzial jedoch viel zu selten voll abruft. Und die Fans? Die wollen Erfolg und junge, hungrige Spieler, bedingungslose Offensive, Kampf und Spielkultur. Und dann die wiederkehrende Forderung nach mehr Spielern aus der Region... Die Fanseele ist hin- und hergerissen.In unserem Forum war nach dem Berlin-Spiel die schnelle Suche nach dem Schuldigen angesagt. Und gefunden wurde Jörg Heinrich, der Held vergangener Tage, dessen Stern mehr und mehr verblasst, seit er aus Florenz zurückgekehrt ist. Nach Meinung aller Experten und derer, die es gerne wären, war er es also, der die Niederlage mit einer verstolperten Großchance in der ersten Hälfte einleitete. Ebenso wurden sein schwaches Stellungsspiel und seine noch viel schwächeren Pässe knallhart kritisiert. Kaum war Heinrich nicht dabei, spielte Borussia immerhin 45 gute Minuten und schlug Leverkusen mehr oder weniger lässig. Alle Kritiker sahen sich bestätigt: Heinrich tut der Mannschaft alles andere als gut. In Stuttgart fehlte er weiter wegen einer Grippe, und die Mannschaft spielte mindestens genauso schlecht wie in Berlin. Das Resultat war eine 0:1-Niederlage, die auch höher hätte ausfallen können. Also wohl eher doch nicht Heinrichs Schuld!?
Matthias Sammer fand dagegen, dass man dieses Spiel auch hätte gewinnen können, wenn die zwei guten Chancen zu Beginn der zweiten Hälfte verwertet worden wären. Ein Konjunktiv jagt das nächste. Das Tor des Tages erzielten aber die Stuttgarter, ganz ohne „hätte“, „wenn“ und „könnte“ versenkte Zvonimir Soldo den Ball. Von den zwei kümmerlichen Chancen unserer „Torfabrik“ können wir uns auch nichts kaufen. Zumal wir uns zur Halbzeit über ein 2:0 oder gar 3:0 für den VfB Stuttgart auch nicht hätten beschweren können.
Ob mit zwei oder mit drei Stürmern – ein Problem bleibt in dieser Saison: Wir machen aus zu wenig Chancen zu wenig Tore. Im unteren Mittelfeld der „Chancenverwertungs-Tabelle“ rangieren unsere Jungs. Und das zu Recht, denkt man an diverse Partien, die mit mehr Konsequenz vor dem Tor, zu unseren Gunsten ausgegangen wären (Bayern und Schlacke seien da nur beispielhaft genannt). Und da kommt dann auch unser Torschützenkönig Marcio Amoroso ins Spiel. Er spielte in dieser Saison nur sporadisch und dann auch häufig sehr schwach. Immerhin erzielte er zum Ende der Hinserie noch drei Treffer und ließ auf eine erfolgreiche Rückrunde hoffen. Den albernen „Doktor“ Balbo wollen wir gar nicht ins Feld führen. Über seine Schwachsinns-Äußerungen decken wir lieber den Mantel des Schweigens. Marcio selbst wusste bislang nicht zu überzeugen und steht nach seinem äußerst schwachen und aufreizend pomadigem Spiel in Stuttgart mehr denn je in der Schusslinie. Zumal er sich noch eine gelb-rote Karte abholte, um die er mehr oder weniger bettelte. Was für ein Zufall, dass er in dieser Woche ein Länderspiel für Nike Brasiliens Nationalelf in Hongkong absolvieren muss und somit am Samstag reichlich erschöpft gewesen wäre. Nun hat er auf jeden Fall eine Pause, die er wahrscheinlich auch so bekommen hätte.
Das fragen sich viele Fans. Der Spieler Sammer war immer 109%-ig auf dem Rasen, er hat regelrecht gebrannt und seine Mitspieler zu Höchstleistungen angetrieben. Doch der Trainer Sammer macht oft den Eindruck, als wolle er sein überschäumendes Temperament mit Gewalt zügeln und lässt damit den Emotionen wenig Raum. Und genauso blutleer wie einst unter Skibbe spielt die Mannschaft dann oft auch. Die Brasilianer zügeln ihre Spiellaune, Rosicky seinen Spielwitz und andere ihr Temperament. Wo ist das Feuer, dass den Spieler Sammer einst auszeichnete? Wo ist die erfrischende Spielweise der Brasilianer und die Spielintelligenz eines Tomas Rosicky geblieben? Viel zu selten zeigt sich alles mal in Kombination so wie einst im April 2002, beim 4:0 gegen den AC Mailand Damals wirkte die Mannschaft wie losgelöst und spielte so, wie sie es wohl wirklich kann. Wehe, wenn sie losgelassen, möchte man da denken. Zurzeit scheint sie aber in ein taktisches Korsett gezwängt, das vor allem auf Kontrolle und sicherer Defensive beruht. Das macht den Spielern offensichtliche keinen Spaß und ist daher im Moment auch alles andere als erfolgreich. Vielfach wirkt die Mannschaft – immerhin deutscher Meister – alles andere als selbstbewusst und spielt dem Gegner in die Karten. Die ersten 45 Minuten in Stuttgart waren beispielhaft. Dazu kommen noch individuelle Formkrisen (Dede, Amoroso).
Ein Punkt, der fast allen Fans Sorgen macht, ist die Serie gegen direkte Konkurrenten. Seit langem konnte der BVB nicht mehr gegen Mannschaften aus dem oberen Tabellendrittel gewinnen. Auch in Sammers dritter Saison hat sich das nicht geändert. Einzig die Spiele daheim gegen den VfB Stuttgart (damals noch nicht so erfolgreich) und gegen 1860 sowie das Spiel in Bremen (mit 4:1 allerdings sehr beeindruckend) waren die Ausnahmen. Gegen Bayern und S04 ist seit Jahren kein Kraut gewachsen. Vor allem letzteres zehrt unglaublich an den Nerven so vieler BVB-Fans. Die blaue Brut haben wir zwar nur im Rücken und nicht wieder vor uns, aber ein Sieg gegen Blau-Weiß könnte viele, viele Fans sehr glücklich machen. Eine erneute Niederlage wäre dagegen kaum zu ertragen. Sammer redet gerne davon, dass das Spiel gegen GE ein „ganz normales Spiel“ sei. Doch, lieber Matthias, das ist es einfach nicht. Nicht für uns. Wir sind es, die in den Wochen nach einer Derby-Niederlage am Arbeitsplatz, in der Schule, im Verein und sonstwo von den Blauen wieder einmal ausgelacht werden. Daher würden es sich viele Fans wünschen, wenn die Mannschaft zumindest in GE ein echtes Feuerwerk abfackeln würde. Ich könnte danach so manchen anderen Grottenkick verzeihen. Vielleicht schlagen wir dieses Jahr ja endlich mal beide Konkurrenten, das Gesocks und die Bayern.
Wer dann am Montagabend im DSF das Zweitligaspiel 1. FC Köln – Alemannia Aachen sehen konnte, rieb sich verblüfft die Augen. Da spielten 2 Ex-Amateure des BVB und schossen zusammen 4 Tore. Mittelfeldspieler Kringe, der sich beim FC im Mittelfeld inzwischen durchgesetzt hat und auch dort seine Torgefährlichkeit unter Beweis stellt, traf einmal. Stürmer Emanuel Krontriris, gerade erst auf Leihbasis für anderthalb Jahre nach Aachen gewechselt, traf als Joker gleich drei mal und machte aus einem 0:3 ein 3:3! Natürlich schrie die geplagte Fanseele auf und forderte Köpfe und die Rückkehr der Heilsbringer aus Liga zwo. Objektiv betrachtet, hat der BVB hier eigentlich alles richtig gemacht. Er hat zwei sehr hoffnungsvollen Talenten Spielpraxis auf hohem Niveau geboten und sich die Möglichkeit offengehalten, sie zurück zum BVB zu lotsen. Beide können nun mehr als nur Profiluft schnuppern und unter Beweis stellen, dass sie das Zeug zum selbigen haben. Beide gelten seit langem als höchst talentiert, wie es auch bei Christian Thimm der Fall war, den der BVB so in Richtung Köln ziehen ließ. Gleichzeitig befinden sich mit Timo Achenbach, Leandro Dede, Abwehrspieler Thorwarth, Guy Demel und David Odonkor noch weitere, herausragende Talente in den Reihen der Amateure.
Zum Teil haben sie schon Kurzeinsätze bei Borussias Profis hinter sich, und der eine oder andere wird seinen Weg sicherlich gehen. Bei Borussia – und da muss man ehrlich sein – wird es nur derjenige schaffen, der neben Talent viel, viel Ehrgeiz mitbringt und eben auch Glück hat wie seinerzeit Lars Ricken, der aufgrund einer absoluten Formkrise der Stars in die Mannschaft rutschte. Die Ansprüche des Trainers und des Publikums muss man auch als junger Fußballer in Dortmund eben langfristig erfüllen können und nicht nur als kurze Strafaktion für die scheinbar schlechten Profis. But, Tanko und viele andere wissen davon zu berichten, wie schnell man wieder auf dem Hosenboden landen kann. Die Spieler müssen auch nervenstark sein und Belastungen durch das eigene Publikum aushalten können.
Denken wir nur an Stefan Klos zurück, der 1991 das erste mal im Tor stand. Die Südtribüne tobte, dass Trainer Köppel ihr den Lieblingstorwart Teddy de Beer weggenommen hatte, Gesänge für den alten Torwart und damit wenig aufbauend für den jungen Klos. Borussia spielte eine Katastrophensaison, und de Beer hatte seinen Anteil daran, doch Teddy war der Liebling der Massen. In seinem ersten Spiel gegen Wattenscheid sah Klos zweimal nicht gut aus, am Ende stand es 2:2. Auch beim 2:2 in Berlin stand Klos im Tor und überzeugte abermals nicht restlos. De Beer rückte wieder ins Tor. Erst in der Folgesaison wurde er Stammtorwart, nachdem de Beer äußerst schwach hielt und sich später noch verletzte.
Seien wir ehrlich: Wären die Jungs alle so super-gut, wie man sie oft verklärt betrachtet, wären sie längst anderswo unter Vertrag oder hätten Spieler bei Borussia verdrängt. Aber das ist nicht der Fall.
Zurück zu Krontriris: Ja, er kann ein ganz Großer werden, doch dazu musste er vielleicht auch mal raus aus Dortmund, um sich anderswo neu zu beweisen. Sammer sprach jedenfalls vor gut zweieinhalb Jahren voller Hochachtung vom damals 17-jährigen Neuzugang aus Berlin. Mit einem regelrechten Glänzen in den Augen beschrieb er die Fähigkeiten des Jungtalentes. Doch dieser ließ in der Folgezeit leider auch oft genug professionelles Verhalten vermissen (eigentlich ganz normal in diesem Alter, sollte man meinen) und stand auch bei den Amateuren auf der Kippe. Erst in dieser Saison zeigte er, was er wirklich drauf hat.
Kringe – da muss man auch ehrlich sein – war vor der Saison einfach noch nicht reif für die erste Liga, und an Leuten wie Kehl und Frings schien er sicher nicht vorbei zu kommen. Nun holt er sich beim FC die Spielpraxis und zeigt, dass er Biss und Klasse hat. Wer weiß, vielleicht spielt er schon bald wieder in Dortmund?
So traurig es ist: Der BVB hat – dank unser aller Ansprüche – einfach nicht die Zeit, um junge Spieler im eigenen Hause zu Stammspielern reifen zu lassen. Dafür müssten Publikum und Verein auch mal mit Platz Sechs oder schlechter zufrieden sein. Dank Stadionausbau und teurer Mannschaft wäre das finanziell sicherlich nicht so einfach. Wenn es nach mir ginge, wäre ich mit einem sechsten Platz und dafür einer galligen, jungen Mannschaft, die auch noch aus Eigengewächsen besteht, durchaus zufrieden. Aber für wie lange? Wenn sich dann nicht irgendwann der Erfolg wieder einstellt, sind wir dann nicht doch wieder Opfer unserer Anspruchshaltung?
Wie auch immer, Michael Zorc hat angekündigt, in Zukunft wieder mehr junge Spieler aus dem eigenen Umfeld zu fördern. Aber eben auch zu fordern. Der Weg, der mit Kringe und Krontriris nun gegangen wurde, dürfte langfristig der beste sein. Vielleicht schafft es ja bald wieder ein junges Eigengewächs in die erste Elf wie zuletzt Lars Ricken.
Geschrieben von Jens
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