Das kalte Profi-Geschäft

100 Jahre Logo

Liebe schwatzgelb.de-User und BVB-Fans,

seit 09 Jahren begleitet schwatzgelb.de unseren geliebten Ballspielverein. Borussia hat uns allen viel gegeben, vielleicht mehr als es das Leben abseits des Fußballs vermocht hätte. Daher möchten wir dem BVB mit einigen ganz persönlichen Worten zum 100-jährigen Bestehen gratulieren. Diesmal berichtet uns unser Rolf von einer Leidensgeschichte mit Happy End:

Wenn ich manchmal so in die Jahre schaue, kann ich es immer noch nicht ganz glauben. Die Geschichte beginnt Ende Januar 1995. Das Ende der Winterpause wollte und wollte nicht kommen. Der Spielbetrieb der Bundesliga sollte erst Mitte Februar wieder starten. Borussia war auf dem Weg zur ersten Meisterschaft seit 32 Jahren. Das sollte unsere Rückrunde werden. In diesen Jahren hatten sehr viele Fans Probleme an Karten zu kommen. Nach dem Umbau des Westfalenstadions – die Nordtribüne wurde zu einer Sitzplatztribüne – war die Gesamtkapazität auf 42.800 Plätze beschränkt. Verdammt wenig, Borussia war gerade auf dem besten Weg die Herzen der Menschen im Sturm zu erobern.

Mein Problem war das nicht. Ich hatte bereits seit 1985 meine Dauerkarte auf der Südtribüne. Eine Schüler- und Studentenkarte für kleines Geld. Die musste man früher noch in einem kleinen Büroraum unter der Nordtribüne abholen. Mit Studentenausweis und Beglaubigung. Einige Jahre zuvor sogar noch mit Passbild. Das Bild wurde dann auf der Karte befestigt und an einer Seite mit einem Stempel versehen. Damit man die Fotos nicht von Spiel zu Spiel austauschen konnte. Die Weitergabe dieser ermäßigten Karten sollte damit unterbunden werden. Wie gesagt – die Problematik mit den Eintrittskarten kannte ich in der Saison 1994/95 nicht. Wir haben uns unglaublich auf diese Rückrunde gefreut. Wir fieberten alle mit Borussia. Plötzlich hatte ich ein ganz anderes Problem.

Dieser blöde Unfall Ende Januar 1995. Meine Erinnerungen setzen erst wieder richtig ein, als mir jemand im Krankenhaus die Jeanshose an den Beinen mit einer Schere zerschneidet. „Sie haben sich den Unterschenkel zertrümmert. Das sieht nicht gut aus. Die Knochen haben sich auf der Vorder- und Rückseite übereinander geschoben. Wir müssen Sie noch heute Nacht operieren.“ Am nächsten Tag dann die niederschmetternde Diagnose: Dreifacher Schienbeinbruch, doppelter Wadenbeinbruch. Spiralförmige Brüche von knapp unterhalb der Kniescheibe bis fast an den Knöchel, Verletzungen beinahe aller Bänder und schwere Gewebeschäden. „Ich würde mir keine Sorgen machen. Wir haben das alles wieder hinbekommen. Wir konnten alle Brüche des Schienbeins durch das Knochenmark mit Metallstäben fixieren. Ihr Wadenbein wurde auch mit einem Metallstab stabilisiert. Bei einem optimalen Heilungsverlauf können wir diese Stäbe nach 12-15 Monaten wieder entfernen. Das ist reine Routine und benötigt nur einen kurzen Krankenhausaufenthalt von 2-3 Tagen. Auf Sie wartet jetzt die tägliche Reha bei zunehmender Belastung und ca. vier Monate an Gehhilfen (Krücken). Jetzt bleiben Sie erst einmal 10 Tage hier, bis wir die Schwellungen und Blutungen in den Griff bekommen haben.“

Ich sollte mir keine Sorgen machen? Der gute Mann wusste ja nicht wovon er redet. Um die Gesundheit habe ich mir auch keine großen Sorgen gemacht. Ich war jung, sportlich, fit und körperlich gesund. Warum sollte ich mir also Sorgen machen? Sorgen bereiteten mir zwei Wochen später nur die Spiele der Rückrunde. Ich konnte in diesem lädierten Zustand doch nicht auf der Südtribüne stehen. Anreise, auf die Tribüne, Abreise. Den halben Tag unterwegs. Unmöglich. Daran konnte man keinen Gedanken verschwenden. Sitzplatzkarten im Vorverkauf? Konnte man vergessen. Nicht bei den paar Karten. Ich konnte ja schlecht auf Krücken das halbe Ruhrgebiet nach Karten abhumpeln. Die Kartensituation war in diesen Jahren vollkommen aussichtslos. Borussia wird also Meister und ich sitze in meiner Bude. Klasse. Ich hätte vor Enttäuschung und Wut die Gehhilfe anknabbern können.

Machen wir einen kurzen Zeitsprung
Sonntags in einem Studentenwohnheim in Essen. Es ist ca. 19:40 Uhr. Ich warte auf die Tagesschau. Plötzlich reißt mich das Telefon aus meinen finsteren Meisterschaft-und-ich-bin-nicht-dabei-Gedanken.
(kurze Zusammenfassung)
„Hallo Rolf. Hier ist der Bodo Schmidt von Borussia Dortmund. Wir haben in der Mannschaft von Deinem Unfall gehört. Freunde von Dir haben sich bei uns in Dortmund gemeldet. So eine Scheiße. Wir haben uns entschlossen, dass Du von uns in der Rückrunde eine kostenlose Karte auf der Haupttribüne (West) bekommst. Du hast in 2-3 Tagen einen Umschlag im Briefkasten. Der kommt von der Mannschaft und Borussia Dortmund. Solltest Du einen Fahrdienst zum Westfalenstadion benötigen, regeln wir das auch noch. Melde Dich dann noch mal kurz auf der Geschäftsstelle. Gute Besserung – und werde schnell wieder gesund.“ BUMMS ! Das Gespräch hat schon etwas länger gedauert, aber in weiten Teilen des Gesprächs war ich einfach nur sprachlos. Von dieser Aktion meiner Mitstreiter habe ich nicht eine Sekunde gewusst. Ich hatte diesen Gedanken nicht einmal ins Kalkül gezogen. Die Kumpels hatten mich einfach übergangen und den Unfall auf der Geschäftsstelle (und Fanprojekt. Hallo Rolf-Arnd Marewski !) gemeldet.

Zwei Tage später hatte ich die Karte in einem großen Umschlag im Briefkasten. Mit einem kleinen Begleitschreiben. „Gute Besserung“. Die Rückrunde und diese unglaubliche Meisterschaft habe ich dann auf der Mitte der Westtribüne verfolgen dürfen. Nach dem 2:0 gegen den HSV konnte ich zwar nicht auf den Rasen stürmen (da spielte das linke Bein noch nicht mit), aber diese Momente zwischen den etwas älteren Fans werde ich nie wieder vergessen. Die lagen sich alle heulend in den Armen. Für einen kurzen Moment sind mir auch die Tränen gekommen. So ein unverschämtes Glück.

Tja, auch diese kurze Geschichte ist für mich Borussia. Das unterscheidet uns. Das mag ein frommer Gedanke aus dem Jahr 1909 sein. 100 Jahre später klingt das altmodisch und verstaubt. Wir leben mittlerweile in einer anderen Welt.

Trotzdem. Wir reden nicht nur von Familie, wir haben uns diesen Gedanken in Grundzügen bewahrt. Er blitzt in kurzen Momenten immer wieder auf.
Wir sind Borussia

Rolf, 28.12.2009