Hipp Hipp, Hurra!

Endlich ein "neues" Vereinslied! Kurz vor der Jahreshauptversammlung hatte sich der Vorstand des Vereins gemeinsam mit dem Ältestenrat dazu entschlossen, die anrüchigen Passagen aus dem Vereinslied zu entfernen und außerdem um 2 Strophen zu erweitern.


Lange hatte sich vor allem Manager Meier gegen eine Änderung gewehrt: "Das Lied ist Tradition!" Doch als im letzten Jahr der Autor des wirklich bemerkenswert guten Buchs "Der BVB während der NS-Zeit!" darauf hinwies, die Zeile "Ball heil Hurra..." doch bitte durch eine andere Formulierung zu ersetzen, kam offenbar Bewegung in die Bude. Plötzlich sah sich das Börsennotierte Unternehmen genötigt, diese – O-Ton Dr. Niebaum – anrüchige Stelle zu ersetzen. Und auf der Jahreshauptversammlung wurde den Mitgliedern ungefragt eine neue Version vorgesetzt. Von nun an sollte es "Hipp Hipp Hurra" heißen!

Zur Erklärung ist zu sagen, daß das BVB-Vereinslied anläßlich des 25jährigen Jubiläums Borussias 1934 geschrieben wurde. Nach dem Krieg kam bis vor kurzem niemand auf die Idee, diesen Text zu ändern. Erst nach der Buchveröffentlichung sieht man sich genötigt. Warum eigentlich? Das Buch wäscht den BVB geradezu rein von jedem Verdacht, mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht zu haben. Der BVB galt geradezu als roter Verein (daher auch die rote Scherpe zur Vereinsgründung 1909), mehrere BVB-Mitglieder waren im antifaschistischen Widerstand tätig, einzig Vorstandsmitglied Wilhelm Röer konnte mal als SA-Mann zum Nazikreis zählen. Und der hat beim Vereinslied nicht mitgedichtet.

Wer kann beweisen, daß bei Schaffung des Liedes Nazi-Diktion wirklich eine Rolle gespielt hat? Sagt man nicht auch Petri heil? Waidmanns heil? Ski heil? Niemand käme auf die Idee, diese Redewendungen abzuschaffen. Vielfach waren sie schon vor Machtergreifung gang und gebe. Leider neigt man in der jüngsten Zeit dazu, alles geradezu panisch nach Nazis und ihren Symbolen abzusuchen. Ein Fanclub wurde 1988 gegründet und führt die "88" im Namen. Ein Nazi-Fanclub? Eine bekannte Homepage benutzte lange Zeit die altertümliche Schriftart "OldEnglish". Auch diesen Machern wurden gleich gefragt, ob sie denn Nazis seien. Das ist schlicht traurig und zutiefst faschistoid. Aber wir wollen nicht abschweifen.

Was passiert nun mit dem August-Lenz-Haus? Wird der Name gestrichen? Schließlich wurde August Lenz unter den Nazis Nationalspieler und spielte sogar für eine SS-Mannschaft (wie so viele Spieler). Nein, natürlich nicht. Auf diese Idee käme ja niemand und es wäre auch Blödsinn. Statt Widerstandskämpfer wie Heinrich Czerkus (von den Nazis ermordeter BVB-Platzwart) innerhalb des BVB’s bekannter zu machen und vielleicht mal etwas nach ihm zu benennen und damit zu zeigen, daß der BVB (im Gegensatz zum Rekord-Reichsmeister aus GE) durchaus unangepaßt war, streicht man lieber eine Passage des Vereinsliedes. Unserer Meinung nach hätte dies entweder sofort nach Kriegsende geschehen müssen oder eben gar nicht mehr. Das man sich – wenn auch nicht direkt und nicht selbst – mit seiner Vergangenheit beschäftigt und diese kritisch aufgearbeitet hat, ist für viele Verein nachahmenswert. Die Änderung des Vereinsliedes halten wir jedoch für puren Aktionismus. Das Wort "heil" existierte vor den Faschisten und wird auch nach ihnen existieren. Sie haben es für ihre Zwecke mißbraucht und wenn man es auf Dauer aus seinem Wortschatz verbannt, wird es immer einzig und alleine ihren Zwecken dienen. Wenn wir schon soweit gehen, dann sollte man auch "Hipp Hipp Hurra!" überdenken. Ich meine mich erinnern zu können, daß man auch während der Nazizeit gerne auf diese Redewendung zurückgriff.

Rassismus im Westfalenstadion? Bei uns doch nicht, "Fremde sind Freunde!" ist angesagt. Übrigens hat der BVB wohl einen Anti-Rassismus-Paragraphen in der Stadionordnung. Den bekannt zu machen und auch damit deutlich zu machen, daß der BVB eben nichts mit Faschismus und Rassismus zu tun haben will, ist bislang nicht so gelungen. Nun wurde erst einmal das Vereinslied politisch korrekt gesäubert.
Ein Mann wie DFB-Präsident Mayer-Vorfelder erscheint dagegen allen scheinbar so um die Sauberkeit bemühten Sportfunktionären immer noch integer genug. Im Sommer 1986 sorgte er als Minister für Kultur und Sport in Baden-Württemberg für Aufregung, als er meinte, es könne nicht schaden, wenn Schüler alle drei Strophen des "Deutschlandliedes" beherrschen und singen würden. Schließlich sängen auch die Franzosen ihre Marseillaise komplett - trotz "ihre(r) Geschichte des Dritten Reiches, die in Frankreich gar nicht viel einfacher war als die Geschichte des Dritten Reiches bei uns." Es solle auch wieder mehr Landeskunde als Weltkunde gelehrt werden, damit die Liebe zu Volk und Heimat stärker entwickelt würde. Nach Mayer-Vorfelder brauchen Jugendliche "einen gewissen nationalen Stolz" - "da haben sie einen Anspruch drauf". Und das übersetzte er 1989 im "Spiegel" auch auf den Fußball: "Was wird aus der Bundesliga, wenn die Blonden über die Alpen ziehen und statt dessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks, spielen?" (Quelle: www.tatort-stadion.de) Zählt da die Vorbild-Funktion eigentlich nicht mehr? Noch 2001 sprach MV von "nur 2 Germanen in der Anfangsformation". Ist das politisch korrekter als "Ball heil"?


Ich sehe schon die nächsten gesäuberten Schlagzeilen vor mir:

"Amoroso doch kein Hipp-Hipp-Bringer?"
"Psychopath in Hipp-Hipp-Anstalt!"
"Petry Hipp-Hipp – Angelsaison startet an der Emscher!"
"Waidmanns-Hipp-Hipp, Prince Charles ging erfolgreich auf Wildschweinjagd in der Arena auf Sch*lke"
"Ski Hipp-Hipp – Fußball fiel Riesenslalom in der GE-Arena zum Opfer!"
"Randalierer riefen Sieg-Hipp-Hipp!"
"Hipp-Hipp-Kräuter wieder groß im kommen!"
"Krankenkassen zahlen keine Natur-Hipp-Hipp-Kunde!"
"Hipp-Hipp-Armee sammelt Spenden!"


Geschrieben von Jens