Die beste Entscheidung meines Lebens

bvb-Logo zum 100. GeburtstagLiebe schwatzgelb.de-User und BVB-Fans,

seit 09 Jahren begleitet schwatzgelb.de unseren geliebten Ballspielverein. Borussia hat uns allen viel gegeben, vielleicht mehr als es das Leben abseits des Fußballs vermocht hätte. Daher möchten wir dem BVB mit einigen ganz persönlichen Worten zum 100-jährigen Bestehen gratulieren. Diesmal plaudert unser zotteliger Jens aus Neuss aus dem schwatzgelben Nähkästchen:

Vorweg: Mit meinen stolzen 21 Lenzen hatte ich sicher nicht die Gelegenheit, so viele große Erfolge live mitzuerleben wie viele von euch. Mein Vater hat uns früh verlassen, der Rest meiner Familie ist alles andere als fußballbegeistert und Neuss ist nun mal kein gutes Pflaster für Fans der wahren Borussia – eher im Gegenteil. Als kleiner Junge hatte ich also die freie Auswahl, ohne elterliche Vorprägung. Um mich herum tobten sich Fans des Klassikers aus, Bayern gegen Gladbach. Ich musste und wollte da nicht mitspielen, wollte schon damals rebellieren. Und so eroberten Matthias Sammer und der BVB frühzeitig mein Herz.

Mein Leben lief fußballerisch eher nicht sonderlich erfolgreich, mein Talent lag sicher nicht in meinen Beinen. Weiter als bis zur E-Jugend bin ich nicht gekommen und auch auf dem Spielplatz, beim gepflegten Eins-gegen-Eins auf ein Tor, sollte ich lieber kommentieren als mitspielen. Ich konnte mich also problemlos auf die Begutachtung und Analyse von Fußballspielen konzentrieren und mir entsprechenden Sachverstand aneignen.

Wie das Leben in der Kindheit aber so ist, nimmt das Interesse für gewisse Tätigkeiten ab, während neue hinzukommen. Um die Jahrtausendwende scherte ich mich nicht sonderlich viel um Bundesligafußball, da ich meine Zeit lieber mit Die Siedler II vertrieb. Pünktlich zur Meisterschaft flammte die Begeisterung aber wieder auf und riss seither auch nicht mehr ab – ganz im Gegenteil. Ich durchlebte eine komplizierte Phase meines Lebens (manche mögen es Pubertät nennen), begleitet von Problemen in der Schule und riesigen Selbstzweifeln. Dazu starb meine geliebte Großmutter nach über 15 Jahren Erkrankung an Brustkrebs – keine schöne Zeit. Und dennoch folgte 2002 die Vereinsmitgliedschaft, 2003 dank der richtigen Begleiter dann auch – endlich! – der langersehnte erste Besuch im Westfalenstadion. Henrique Ewerthon erzielte gegen den SC Freiburg den einzigen Treffer, der Tag ist bis heute unvergessen. In dieser Saison sollten einige wenige weitere Spiele hinzukommen, in der nächsten Saison bekam ich zum Geburtstag sogar eine Dauerkarte geschenkt.

Das Problem war, dass meine bisherigen Begleiter keines der begehrten Saisontickets ergatterten. Also begab ich mich nun häufig allein auf die Pilgerfahrt von Neuss nach Dortmund, jeden zweiten Samstag, ohne Unterbrechung. Und dort, mitten in Block 13, allein unter 80.000 Fremden, erlebte ich dann das, was mich bis heute so unglaublich fasziniert: bedingungslosen Zusammenhalt. Fühlte ich mich zu dieser Zeit daheim oder in der Schule oft unwohl, so war die Südtribüne meine neue Heimat geworden. Ich unterhielt mich jede zweite Woche erneut mit wildfremden Menschen, mit denen ich nur deshalb ins Gespräch gekommen war, weil sie nun mal neben mir in diesem riesigen Haufen Emotion standen – und sie wurden Freunde von mir. Gemeinsam fachsimpelte man über Bundesligaergebnisse, bejubelte Tore und verfluchte sämtliche Schiedsrichter. Ich fühlte mich verstanden und geborgen – unter Fremden.

Seither ist Borussia ein unglaublich wichtiger Teil meines Lebens, quatsch, seitdem ist der BVB mein Leben. Es folgten unzählige Heimspiele, von denen ich bis heute keines verpasst habe – egal was auch geschah. Meine Sehnsucht trotzte Wetterkapriolen und bis zu 40°C Fieber. Und vor allem trotzte meine Sehnsucht meiner Familie.

Wir alle erinnern uns an den 12. Mai 2007 und wir alle tun dies mehr als gerne. Ich kenne jemanden, der, wenn er an mich und diesen Tag denkt, alles andere als glücklich ist. Meine Schwester gab am 12. Mai 2007 kirchlich das Ja-Wort. Ohne ihren Bruder.

Im August zuvor kam telefonisch die Nachricht über den angenommenen Antrag, „im kommenden Sommer“ hieß es da noch ungenau. Ich gratulierte, freute mich und merkte an, dass sie die Trauung doch bitte in die Sommerpause legen solle – definitiv jedoch nicht auf den 12. Mai. Sie nahm das zur Kenntnis, wollte aber unbedingt in dieser einen Kapelle heiraten, irgendwo außerhalb von Neuss. Im Oktober kamen dann die Einladungen: Die Trauung findet am 12. Mai um 15:00 Uhr statt. Peng!

Klar, „das war‘s mit dem Derby“ denkt ihr. Meine erste Reaktion war ein scherzhaftes „Tut mir leid, aber ich fahr zum Fußball!“, daraus wurde dann jedoch ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen. Das ganze folgende Jahr über plagte mich diese Frage: Hochzeit oder Derby? Hochzeit oder Derby? Die Zeit war geprägt von der immer wiederkehrenden Anschuldigung „Das kannst du doch nicht machen!“. Und mit jedem Mal gewann meine scherzhafte Antwort „Wirst du schon sehen!“ an Ernst.

Der Saisonverlauf des damaligen Jahres ist schnell skizziert und tat sein Übriges: Nach einer mäßigen Hinrunde, die Borussia auf Rang 09 abschloss, fiel Bert van Marwijk seinem eigenen Mannschaftsinternen Führungsstil zum Opfer und wurde, nach heftigen Protesten beim Heimspiel gegen Leverkusen, entlassen und durch Jürgen Röber ersetzt. Dieser startete mit einem fulminanten Sieg gegen die Bayern, wurde nach nur einem weiteren Sieg in den folgenden sieben Spielen jedoch auch wieder entlassen. Thomas Doll übernahm die Nachfolge und nach zwei Spielen stand Borussia auf Platz 17. Unser späterer Derbygegner lag zeitgleich vor Werder Bremen auf dem Platz an der Sonne und Gerald Asamoah erzählte davon, wie er uns in die zweite Liga schießen und anschließend mit der Schale in der Hand über die B1 zu Fuß nach GE laufen werde.

Dies war, in Anbetracht der prekären finanziellen Situation und der Fast-Insolvenz des Vorjahres, sicher der absolute Tiefpunkt meiner Fankarriere. In der Woche nach dem Bielefeld-Spiel war nichts mit mir anzufangen, doch der Entschluss, das Derby zu besuchen, wuchs immer stärken heran. Borussia brauchte mich jetzt mehr als je zuvor und ich wollte mich revanchieren, etwas zurückgeben, meinen Teil leisten. So rückte Tag X immer näher, und obwohl Borussia durch Nelson Valdez‘ erstes Tor für den BVB schon in Wolfsburg gerettet war, entschied ich mich am 12. Mai nicht für die Hochzeit.

Mein jetziger Schwager versuchte damals schon so etwas wie Verständnis aufzubringen, als er meiner Schwester eintrichtern wollte, dass es wohl besser sei, wenn ich im Stadion bin als bei der Hochzeit griesgrämig in der Kirchenbank zu sitzen. Wie recht er hatte! Hätte ich dieses Spiel nicht erlebt, würde ich mir wahrscheinlich bis 2029 in den Allerwertesten beißen. Aber ich war da und es war die beste Entscheidung meines Lebens.

Borussia ist meine Droge, meine Oase, mein Halt, mein Leben. Ich stand am 13. März 2005 als einer der letzten heulend im Stadion und war ähnlich konsterniert, als wir 2007 nur Rang 17 belegten. Doch so wie Borussia mir Kraft gibt, so versuche ich mein Bestes für den Verein zu geben. Immer, überall und allen Widrigkeiten zum Trotz. Denn das bin ich diesem wundervollen Verein einfach schuldig. Ich hoffe, dass er mir und allen anderen „Wildfremden“ da draußen noch lange Halt und Freude gibt. Denn Borussia ist nun mal mehr als nur ein Fußballverein. Borussia ist ein Phänomen, eine Religion. Etwas, das uns alle verbindet und aus den unterschiedlichsten Menschen und Charakteren eine Gemeinschaft formt, die jedem Widerstand trotzen kann. Auch der eigenen Familie.

P.S.: Auch die Hochzeit meines Onkels fand ohne mich statt – Auswärtsspiel in Rostock.

NeusserJens, 23.12.2009