Ein würdiger Jahresabschluss
Am Samstag machten sich erstmals sechs Busse aus Dortmund und Umgebung auf den Weg nach Cottbus. In den Vorjahren waren es nie mehr als drei gewesen. Und so waren die AwaySupsWerdohl, Borussen-Bulldogs, Himmelsstürmer (atemberaubend voller Bus), The Unity, Krombacher Freunde und schwatzgelb.de mit jeweils eigenen Bussen vor Ort.Schon um 2 Uhr nachts ging es für unsere schwatzgelbe Truppe vor der Nordtribüne los. Zur Überraschung hatten wir dieses mal zwei Frauen als Fahrer(innen). Der Kasernenhofton des letzten Busfahrers hatte nicht so sehr zu begeistern gewusst ("Hier redet nur einer und das bin ich! Wahrt ihr nicht bei der Bundeswehr?"), und mit der weiblichen Lösung konnten wir mehr als nur zufrieden sein. Jedenfalls waren die beiden, was rauchen, trinken und Musiklautstärke angeht, wesentlich toleranter und umgänglicher. Daumen hoch, Mädels! Nebenbei konnten sie auch noch Bus fahren.
Und so waren wieder einmal ein ganzer Haufen bekannter Gesichter und auch einige bis dahin Unbekannte an Bord. Da für die alkoholische Grundversorgung durch unser Gratisbier gesorgt war, brauchte sich auch niemand Sorgen zu machen, auf dem Trockenen zu sitzen. Vom Beginn der Reise bis zur Rückkehr 24h später versuchte die Sektion Hagen uns irgendein S04-Video (oder so was ähnliches) anzudrehen, das wir unbedingt alle über die Videoanlage im Bus ansehen sollten. Bis zum bitteren Ende verteidigten wir den Videospieler, um uns dieses künstlerische Highlight entgehen zu lassen. Um es vorweg zu nehmen: Es gelang!
Nachdem wir die erste Runde Bier verteilt hatten, ging es los in Richtung Cottbus. In Braunschweig nahmen wir noch 2 weitere BVB-Fans mit, nachdem wir nach einigen Irrungen und Wirrungen endlich an einer Tankstelle zueinander fanden.
Aufgrund der Witterung und Eisglätte ging es dann nicht so schnell vorwärts wie erhofft, doch gegen 10:30 Uhr kamen wir im polnischen Grenzgebiet an. Cottbus ist in den vergangenen zwölf Monaten nicht wirklich schöner geworden und kann mit Gelsenkirchen mühelos mithalten. Die Idee, ein Transparent "Nett, habt ihr es hier!" zu basteln, wurde wegen der Kälte wieder verworfen.
Nachdem uns ein Aufpasser vom nahen Parkplatz spontan verscheuchte, mussten wir auf dem Parkplatz der ehemaligen Bundesgartenschau parken und von dort aus laufen. Nachdem wir die Rucksackfrage geklärt hatten und uns für 13 Uhr erneut am Bus verabredet hatten, tigerten wir in Richtung malerische Innenstadt. Zunächst trafen wir eine Gruppe aus dem Bus der AwaySups, die sich gerade um einen Mitreisenden kümmerten, der etwas zu tief ins Glas geschaut hatte. Danach teilte sich die Gruppe auf, während die eine Hälfte die „Rote Karte“ besuchen wollte, zog es uns weiter zum goldenen M. Dort konnten wir uns standesgemäß verpflegen und aufwärmen.
Ein Mitfahrer konnte einen interessanten Dialog der Mitarbeiter der Monate Januar bis Dezember verfolgen: "Die trinken ja Bier!" "Lass sie doch, solange sie uns den Laden heile lassen!" Bekanntermaßen nehmen Fußballfans generell McDonald’s auseinander, um Trophäen, wie etwa "Singing Sam" mit nach Hause nehmen zu können. Man führte uns dann noch großartigen Jonglierkünste vor, zunächst mit einer Flasche Fanta, dann mit Mandarinen aus dem nahen Supermarkt. Wir alle, einschließlich unserer Centstücke, lagen ihnen zu Füßen. Übrigens war uns auf dem Weg zum Stadion Schiedsrichter Uwe Kemmling begegnet, dem hatten wir schon eingebleut, Sebastian Kehl später keinesfalls gelb-rot zu zeigen.
Nachdem die Polizei (übrigens: todschicke Sonnenbrille, die bei dem Wetter wirklich nötig war) draußen vor dem McDonald’s durch wagemutigen Einsatz den Tod einer Mandarine verhinderte, entschlossen wir uns, auf den Weihnachtsmarkt zu verzichten und zurück zum Bus zu laufen. Schließlich war es ja schon halb eins. Im Schrittempo erhielten wir Begleitung durch die örtliche Trachtengruppe, die uns aber leider nicht mit landesüblichen Getränken und Speisen versorgte, sondern uns nur staunend beobachtete.
Nachdem wir unsere Fahnen aus dem Bus geholt hatten, gab es das übliche Schauspiel der letzten Wochen zu beobachten: Es kamen uns zwei Mutationen in blau-weiß entgegen, denen heute wohl einfiel, nebenher noch Cottbus-Fan zu sein. Nach Austausch einiger verbaler Nettigkeiten, die diese Vögel überhaupt nicht verstanden, ließen wir sie links liegen, um ins Stadion der Freundschaft zu ziehen.
Dort gab es vor dem Gästeeingang wieder mal ganz Fußballdeutschland zu bewundern. So stand direkt hinter uns ein Mensch, der seinen Kaiserslautern-Schal spazieren führte. Den Hinweis, dass Kaiserslautern bei vielen Dortmundern nicht sonderlich beliebt sei und er doch bitte den Schal verschwinden lassen solle, nahm er dankbar auf. Der Kracher war aber ein Typ mit Mütze und Schal des 1. FC Köln. Er wurde ebenfalls darauf aufmerksam gemacht, diese Utensilien bitte nicht im BVB-Block zu tragen. In Köln wäre so ein Verhalten sicherlich nicht so nett aufgenommen worden und er etwas unsanfter von Schal und Mütze befreit worden. Seine Antwort: "Ich war noch nie in Köln!" wusste die Umstehenden zu begeistern. Echte Fans eben, dafür schmetterte er später im Spiel oben im Block stehend irgendwelche FC-Lieder. Tut mir ja leid, aber solche Leute braucht kein Mensch in seinem Block. Wenn der BVB spielt, spielt der BVB und nicht der 1. FC Köln, Kaiserslautern, Aue, Jena und was weiß ich, welche Schals man noch sehen musste. Nichts gegen – real noch existierend oder nicht – Freundschaften mit RWE, Freiburg, Celtic oder dem Hamburger SV, aber mit diesen Klubs hat niemand irgendwas zu tun. Ganz im Gegenteil, die Jenaer haben eine tiefe und innige Freundschaft mit einem unserer Lieblingsgegner, dem VfL München-Gladbeck. Wir nahmen es aber wieder mal relativ locker und die Leute mussten sich einfach nur ein paar blöde Sprüche gefallen lassen. Großen Sport boten übrigens die beiden blau-weißen: Die hatten sich inzwischen neben der Polizei aufgebaut und pöbelten draußen vor dem Stadion vorbeiziehende Dortmunder an.
Vor dem Vergnügen steht bekanntlich die Arbeit, und so durfte man sich in Cottbus mit den netten Methoden der örtlichen Stasi-Kommandantur bekannt machen. War im Vorjahr noch alles super lässig, als nur ganze zwei Ordner am Tor standen, war dieses mal alles wie ausgewechselt. Trotz null Vorkommnissen im Vorjahr fanden sich alle Cottbuser Schläger inklusive Pitbull- und Lonsdale-Accesoires am Eingang ein, um uns zu schikanieren.
Willkür pur stand an: Während der rechte Teil der Ordner alles an Fahnen und Doppelhaltern abnahm und man hier sowohl das Portemonnaie öffnen und die Schuhe ausziehen musste, kam man auf der linken Seite relativ problemlos rein. Der Ordner in der Mitte entwickelte sich zum Liebling der Massen: "Halt’s Maul und diskutier hier nicht mit uns! Wir sagen, was hier gemacht wird!" Prima Umgangston, immerhin war einer der Ober-Ordner recht hilfsbereit, konnte aber auch nicht weiterhelfen, da er wohl keine richtigen Anweisungen bekam. Er glaubte uns zwar, dass wir über die Fanbetreuung des BVB und von Energie Genehmigungen für Fahnen und Doppelhalter bekommen hatten, aber bestätigen wollte ihm das niemand so recht. Also sagten wir allen, sie sollten mit Fahnen links am Super-Ordner vorbei. Wir selbst blieben besonnen und legten uns nicht mit diesen Viechern an, sie waren intellektuell schon mit dem Kartenabreißen überfordert.
Das "Stadion der Freundschaft" ist eines der letzten Stadien alter Prägung: Eine überdachte Haupttribüne, eine kleine Gegentribüne, die inzwischen abgerissen und neu gebaut wurde (noch ist sie aber nicht fertig), dazu zwei flache Kurven hinter den jeweiligen Toren. Die Grundversorgung im Gästeblock ist stark eingeschränkt, aber ausreichend. Kein Stadion mit Komfort, dafür aber ein Gästeblock mit viel Bewegungsfreiheit und nah am Spielfeld. Nicht wie in allen Neubauten weit weg vom Feld und der eigenen Mannschaft unterm Dach.
Für die Zaunfahnen gibt es in Cottbus inzwischen auch immer weniger Platz, da dort jetzt schon Bandenwerbung in dritter Reihe verkauft wird: Zwei Bandenreihen hintereinander hinter dem Tor und dann noch eine am Zaun. So war das Gejaule groß, einzig die Desperados machten aus der Not eine Tugend und banden Stöcke an ihre Zaunfahne, um diese beim Einlaufen der Mannschaften hochzuhalten. Dazu gab es drei Schwenkfahnen, etliche Doppelhalter und lautstarken Gesang der mitgereisten Dortmunder. Es entwickelte sich unten am Zaun eine regelrechte Partyzone, die zu ausgiebigen Pogo-, Polonaise- und Gesangseinlagen genutzt wurde. Weiter oben im Block war es teilweise völlig sinnlos, da man wegen der dicken Zaunkronen nichts sehen konnte. Durch die Verlegung des Gästeblocks entstand mitten im Block nun leider eine Trennung, wodurch die eine Hälfte nicht miteinbezogen wurde, bzw. sich auch gar nicht mit einbeziehen ließ. Der neongelbe Block schwieg fast das gesamte Spiel über.
Uns sollte es nicht stören, die Party ging weiter. Auch dank des wirklich guten Spiels unserer Elf. Schon nach acht Minuten erzielte Koller das 1:0 gegen eine grottenschlechte Cottbuser Hintermannschaft. Ein toller Pass von Ewerthon war vorausgegangen. Irgendwie ging im Trubel dieses genialen Jahres-Abschlusses die Auswechslung von Kehl völlig unter. Ich fiel aus allen Wolken, als ich zuhause lesen musste, dass Kehl Rosicky weichen musste. Davon hatten wir alle nichts mitbekommen. Borussia erspielte sich noch Chance um Chance, nutzte diese aber wieder einmal nicht konsequent. Uns schwante schon wieder böses für die zweite Halbzeit.
Übrigens soll in der ersten Halbzeit ein BVB-Fan dabei gewesen sein, der gehen wollte – bis ihn ein Ordner darauf aufmerksam machte, dass erst 15 Minuten gespielt seien......
Gleich nach dem Wiederanpfiff nutzte der saustarke Ricken seine Chance, als er einen klasse Konter mit einem uneigennützigen Pass auf Ewerthon abschloss und dieser die Gegner umkurvte und lässig zum 2:0 einlupfte. Im Block gab es langsam kein Halten mehr: ein ständiges Gehüpfe und Gepoge wie zu besten Zeiten. Das Spiel war praktisch entschieden, und wir Fans ließen einige Prominente durch den Block wandern – auf Händen versteht sich. Zunächst war Edelfan Knochenmann an der Reihe, der praktisch bis oben zum Ausgang getragen wurde.
Die Ordner wollten uns diesen gefährlichen Gegenstand erst abnehmen, wir konnten sie vom Gegenteil überzeugen. Als der erste 100-Kilo-Koloss ein paar Meter durch den Block wanderte, war allen klar, dass es jetzt nur noch eine Steigerung geben könnte. Stefan aus Werdohl, aufmerksamen Chattern und Forum-Lesern als Dicker bekannt, wurde gefordert. Und die tobenden Massen bekamen ihn, allerdings reichte es nur zu einem kurzen Hochheben, mehr war einfach nicht drin. 180 Kilo müssen erst einmal bewegt werden.
Endlich kam dann auch wieder Marcio zum Einsatz, der wieder mal einen absolut genialen Geistesblitz hatte. Er ließ 3 Cottbuser aussteigen und erzielte das 3:0. Aufgrund der eingeschränkten Sicht war das für uns nicht ganz erkennbar, sah aber auch so schon mehr als genial aus. Marcio ließ sich mit Kusshändchen von uns feiern.
Und es wurde noch besser: Koller erzielte das 4:0 nach Zuckerpass von Marcio und ließ dabei Torhüter Lenz und den letzten Mann der Cottbuser chancenlos. Im "Stadion der Freundschaft" hatten sich schon vorher die Reihen gelichtet, still war es ohnehin. Einzig rechts hinter dem Tor versuchten ca. 150 Leute für Stimmung zu sorgen, ziemlich aussichtslos, zumindest vernahmen wir nichts im Gästeblock.
Die Mannschaft kam auf Sichtweite an unseren Block heran, einzig Spieler wie Wörns, Metzelder, Koller und Stefan Reuter näherten sich auf Trikotwurf-Weite. Stefan Reuter tat gar das Unfassbare: er kam an den Zaun, gab einigen Fans die Hand, lief die Hände abklatschend am Zaun entlang, bedankte sich nochmals klatschend bei allen Mitgereisten und verabschiedete sich in Richtung Kabine. Als hätte er schwatzgelb.de gelesen ;-) Das würde wir gerne von mehr Spielern sehen, vielleicht animiert das ja auch mal andere.
Die Party näherte sich dem Ende, und wir verabschiedeten uns zum hoffentlich letzten mal von diesem schönen Stück Erde. Die Polizei – übrigens begrüßenswert zurückhaltend und höflich – hatte unsere Busse am Gästeblock vorfahren lassen und wir konnten direkt die Rückfahrt antreten. Anders als im letzten Jahr kamen wir so mit Polizeieskorte schnell auf die Autobahn. Die wenigsten von uns froren oder mussten sich im Bus auftauen – die Pogo-Einlagen hatten für Hitzewallungen gesorgt.
Die Rückfahrt verlief wie üblich ruhig und schnell, das restliche Freibier wurde aufgebraucht und die Sektion bettelte nochmals für ihr Video. Schäbige Fotos wurden von schlafenden Menschen gemacht und später ins Internet gestellt, über sinnloses Zeug gequatscht und das Lachsfilet gefeiert. McDonald’s in Magdeburg weiß davon inzwischen sicherlich auch ein Lied zu singen.
Fast auf die Minute genau 24 Stunden nach dem wir Dortmund verlassen hatten, kamen wir auch wieder dort an. Einer hinterließ uns noch einige Magenrückstände, die große Freude bereiteten (das kostet eine Freirunde für den gesamten Bus *g*). Ansonsten wurde der Bus wieder gewohnt ordentlich hinterlassen, und wir werden ihn auch für Fanfahrten nach Berlin, Mailand, Stuttgart, Hamburg, München und Kaiserslautern anbieten. Die ersten Angebote sollten heute abend online sein.
Geschrieben von Jens
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