Jahreshauptversammlungen 2002: Dortmund übt sich in Harmonie
Gleich zweimal hielt Borussia Dortmund in den vergangenen sieben Tagen Hof: Am Sonntag lud der Ballspielverein ins Konzerthaus an der Brückstraße, Dienstag waren schließlich die Aktionäre der Borussia Dortmund KG aA zu Gast in der Westfalenhalle 3, um sich die Bilanz des vergangenen Jahres anzuhören.Enttäuschend war an der Jahreshauptversammlung des e.V. lediglich die Zahl der stimmberechtigten Mitglieder: Schlappe 562 Borussen fanden den Weg an die Brückstraße, um dem Vorstand seine wohlverdiente Entlastung zu erteilen. Vielleicht war aber auch genau das der Grund für die maue Beteiligung. Dem Verein geht es einfach gut – da ist auf einer Jahreshauptversammlung kein Krisengipfel, keine Schlägereien und kein Protestgeschrei zu erwarten. So war es keine Überraschung, dass die Vereinsspitze, bestehend aus Präsident Niebaum, Vize Kreke, Schatzmeister Watzke und Geschäftsführer Meier, einstimmig bei zwei Enthaltungen entlastet wurde. Die Kassenprüfer wurden sogar ohne Enthaltungen oder Gegenstimmen in ihrem Amt bestätigt, so dass beim BVB weiterhin Kontinuität herrschen darf.
Gleich zu beginn zeigte Niebaum, wie er es in 16 Jahren geschafft hat, die BVB-Familie zu einen: In Form eines kurzen Films flimmerten alle Highlights der Vereinsgeschichte über die große Leinwand, die auf der Bühne aufgebaut war, und vielen Mitgliedern wurde zusehends warm ums Herz. Niebaum versteht es wie kein Zweiter, immer wieder die Tradition des BVB ins Gedächtnis zu rufen und so ein Wir-Gefühl bei Verein und Fans zu schaffen. Der Präsident ließ seine obligatorische „Schalke-Frage“ folgen und erkundigte sich, ob „subversive Elemente“ im Raum seien. Die sollten gegebenenfalls den Saal verlassen. Immerhin: Die Stimmung war recht gelöst; der richtige Rahmen, um die folgenden drögen Ausführungen Michael Meiers zu überstehen, der, ganz Volkswirt, staubtrocken und doch verständlich noch einmal über die genauen Besitzverhältnisse der KG aA aufklärte. Für alle, die es nicht wissen: Der Verein hat alle Gewinn bringenden Geschäftsfelder, also etwa die Lizenzspielerabteilung, das Merchandising oder das Westfalenstadion in die von ihm gegründete KG aA ausgegliedert. Die Firma wird von der Borussia Dortmund Geschäftsführungs-GmbH geleitet, in der als einzige Angestellte Niebaum und Meier sitzen. An dieser GmbH hält der Verein 100 Prozent. Zu Deutsch: Die Mitglieder des Vereins bestimmen über die Geschäftsführer und somit auch über die KG aA – alles wird gut.
Nach den auf Jahreshauptversammlungen üblichen Ehrungen – unter anderen bekam Torwartlegende Heini „fausten!“ Kwiatkowski die Ehrennadel für 50 Jahre Mitgliedschaft und wurde von Erich Schanko (seit 55 Jahren Borusse) noch getoppt. Kwiatkowski bedankte sich für die Ehre und war sichtlich gerührt: „Es tut gut, nach so vielen Jahren noch mal so viel Applaus zu bekommen.“ Auch der aktuelle Profikader wurde für vergangene Taten geehrt, und die Spieler bekamen die goldene Ehrennadel für den Gewinn der deutschen Meisterschaft. Für das Bonmot des Tages sorgte dann Torsten Frings, der Niebaum um eine Ehrennadel bat, weil er am letzten Spieltag schließlich nicht den Ausgleich für Werder Bremen geschossen habe.
Am Ende des Ehrungsmarathons stand die Verkündung des Borussen des Jahres, den der Ältestenrat jährlich wählt. Stefan Reuter wurde für mittlerweile 253 Bundesligaspiele für den BVB geehrt. In seiner Karriere konnte Reuter zudem 100 EC-Spiele und 69 Länderspiele bestreiten. Ein verdienter Titelträger, der es zudem nie an Einsatzbereitschaft hat fehlen lassen. Reuter bedankte sich brav und wies darauf hin, dass er sei „stolz, ein Teil dieser Mannschaft zu sein.“
Der Borussia geht es zwar rund herum gut, aber eine Sache lässt dem Vorstand keine Ruhe: Die Mitgliederzahl. Während die Bayern bald Mitglied Nummer 100.000 in ihren Reihen begrüßen dürfen, dümpelt die Zahl der eingetragenen Borussen bei 12.000 herum. Schatzmeister Hans-Joachim Watzke trat ans Rednerpult, um mit flammendem Appell die Mitglieder auf die „Aktion 40.000“ einzuschwören. In den nächsten Monaten soll die Zahl der Mitglieder um rund 30.000 erhöht werden, Ermäßigungen sollen die Neu-Borussen locken. So soll ab der kommenden Saison ein Kontingent von 10.000 Tickets für die Mitglieder bereitliegen – und das schon vor dem offiziellen Verkaufsbeginn. Außerdem erhalten Mitglieder einen zehnprozentigen Rabatt auf Fanartikel und eventuell sogar ein Kontingent für Auswärtsspiele. Weiterhin wird Vereins-Borussen freier Eintritt für Spiele der Amateure gewährt. Die geplanten Neuerungen fanden denn auch durchweg Zustimmung.
Begeisterung kam einmal mehr auf, als Gerd Niebaum abermals ans Rednerpult trat und Stimmung gegen die fortschreitende Versitzplatzung der Fußballstadien machte und die UEFA verantwortlich für manches Unheil in den Stadien verantwortlich machte: „Ich fordere die UEFA auf, Endspiele nur noch auf wirklich neutralem Platz auszutragen“, sagte Niebaum unter lautstarkem Applaus. „Endspiele gehören in Städte und Stadien, in denen es keine Zumutung für die Fans ist, und es war eine Zumutung, eine Demütigung, wie Fans in Rotterdam in Käfige gesperrt wurden!“ Er habe mittlerweile 110 Europacup-Spiele auf dem Buckel und könne nicht verstehen, dass solche Begegnungen ausschließlich vor Sitzplätzen stattfinden dürften.
Nach der Entlastung des Vorstands ließen die Mitglieder im Foyer der Philharmonie den Tag bei Pfeffer Potthast und Bier ausklingen.
Rund 2.000 Aktionäre, die wiederum rund 52 Prozent des Grundkapitals repräsentierten (etwa 10.260.000 Euro Stückaktien), waren erschienen, um sich den aktuellen Geschäftsbericht anzuhören. Dr. Materna, Vorsitzender des Aufsichtsrates, gab denn auch die Eckdaten bekannt: Der BVB hat mittlerweile 50.000 Aktionäre, der Verein hält ca. 25 % der Aktien, die Deutsche Bank hält 18,15 % der Aktien, und im Umlauf befinden sich zurzeit ca. 34.000 Schmuckaktien. Danach hatte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Dr. Gerd Niebaum, das Wort.
Der BVB, so Niebaum, hat sich trotz des schlechten Klimas (Börsenniedergang, Kirchkrise und Transfermarkteinbruch) noch gut aus der Affäre gezogen. Man hat weiter in den Spielerkader investiert – im letzten Geschäftsjahr kostete die Mannschaft 66 Mio Euro inklusive Prämien. Die Prämienregelung im neuen Jahr ist auf Grund der Kirchkrise extrem leistungsbezogen und wurde auch von der Mannschaft gewollt. Zum Stadionausbau sagte Dr. Niebaum, das gesamte Projekt würde einschließlich der dritten Ausbaustufe 126 Mio Euro kosten sei damit deutlich günstiger als die Neubauten in München, Berlin, Gelsenkirchen und Düsseldorf, biete aber die größte Zuschauerkapazität (83.000). Die dritte Ausbaustufe bringt 14.000 neue Sitzplätze und mögliche Mehreinnahmen von 5 Mio Euro pro Jahr. Der interessanteste Punkt in Niebaums Ausführungen war allerdings der Part, der sich mit der Molacra-Vermietungsgesellschaft mbH befasste. Diese Firma erscheint einigen engagierten Fans noch immer etwas suspekt. Niebaum versuchte aufzuklären, was es damit auf sich hat. Molacra gehört der Commerzbank oder steht ihr zumindest nahe und hat sich mit rund 32 Mio Euro am Stadionumbau beteiligt. Dafür hat sie 32 % der Westfalenstadion KG gekriegt. Laut Niebaum soll dieser Deal noch ausgebaut werden. Bis zu 90 % der Westfalenstadion KG sollen dann an Molacra gehen, woraus dann ein Immobilienfond gegründet werden soll, und der BVB mietet das Stadion dann. Der Vorteil wäre, dass man liquide Mittel nicht mehr in Beton binden würde, sondern damit arbeiten könnte. Auch wäre dafür gesorgt, dass das Stadion nicht in fremden Besitz geht, sondern nach einer bestimmten Zeit zur an den BVB wieder dem BVB gehört.
Den Kurs der BVB-Aktie verglich Niebaum mit anderen Fußball- und DAX-Unternehmen. Dort könne man sehen, dass der Kursverlauf im vergangenen Jahr ähnlich war. Niebaum betonte, dass die Aktie immer noch unterbewertet sei. Man werde weiter Prioritäten auf das Stadion und den Fußball legen, aber nicht die Fußball nahen Geschäftsfelder vergessen, denn dort gebe es zwar ein Wachstum aber kein zufrieden stellendes. Ansonsten stehe der BVB rundum auf gesunden Füßen, habe mit der Deutschen Bank einen starken Investor und mit eon einen finanzstarken und zuverlässigen Hauptsponsor. Die Deutsche Bank als Investor sei besser als etwa Gaddafi, der ja mittlerweile bei Juve eingestiegen ist. Niebaum gab sich durchaus auskunftsfreudig – allein über die Gehälter der Geschäftsführung mochte er keine Auskunft geben. Das falle in den Bereich der Privatsphäre. Zum guten Schluss rief Versammlungsleiter Dr. Materna zur Abstimmung auf. Der Vorlage und Erläuterung des Jahresabschlusses stimmten 99,95 % der Aktionäre zu. 99,93 % erteilten der Gesellschafterin und Aufsichtsrat die Entlastung.
Bilder (1, 2 und 4) von Onlinesport
Geschrieben von Desperado09
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