Kader-Schwindsucht
Auf dem Trainingsgelände der Borussia müssen sich die Profis inzwischen vorkommen wie im Lied von den „10 kleinen Negerlein" (wie um Gottes Willen drückt man das eigentlich politisch korrekt aus?).
Nach Giovanni Federico (ausgeliehen an Karlsruhe), Marc-Andre Kruska (verkauft nach Brügge), Diego Klimowicz (verkauft nach Bochum), Lukas Kruse (abgegeben an Augsburg), Antonio Rukavina (verliehen an 1860 München) und Robert Kovac (verkauft nach Zagreb) steht auch Delron Buckley ab sofort nicht mehr im Kader der Borussia. Der Südafrikaner hat seinen Vertrag aufgelöst und kickt ab sofort am Mainzer Bruchweg. Den Abgängen gegenüber steht lediglich das Ausleihgeschäft von Kevin Boateng und die Aufnahme der Regionalliga-Spieler Uwe Hünemeier und Yasin Öztekin.
Eine solch ausgeprägte Kader-Schwindsucht hat es in der Geschichte des BVB wohl nur selten gegeben, zumal in der Winterpause. Der Kader der Borussia, im Sommer noch recht aufgebläht, erscheint auf einmal gertenschlank. Anders ausgedrückt: dünn. Zu dünn vielleicht sogar?
Fest steht: Keiner der Abgänge gehörte auch nur zur erweiterten Stammbelegschaft. Einzig Diego Klimowicz kam in der Hinrunde immerhin noch auf elf Einsätze, jedoch lediglich zwei davon von Beginn an. Fest steht aber auch: In nahezu allen Mannschaftsteilen ist der BVB aktuell von Verletzungen geplagt. Im Tor fehlt mit Marcel Höttecke (im Aufbautraining) der etatmäßige dritte Torwart. In der
Defensive sind es Dede auf den Außen und Mats Hummels im Zentrum, die die Personaldecke schwächen. Weiter vorne dann sorgen die Ausfälle von Sebastian Kehl und Jakub Blaszczykowski dafür, dass sich die Mannschaft weitgehend von allein aufstellt. Eine Verzögerung im Heilungsprozess oder gar weitere Ausfälle könnten schnell verheerende Folgen haben.
Warum also dieser Kahlschlag? Man braucht keine Glaskugel, um die Antwort zu erahnen: Der BVB nutzt inmitten der Wirtschaftskrise jede Möglichkeit, Einnahmen zu erzielen und gleichzeitig Gehaltskosten zu senken, ohne die sportliche Substanz allzu deutlich zu schwächen. Das kann funktionieren, kann mit etwas Pech aber auch ganz schön in die Hose gehen.
Doch der BVB befindet sich in guter Gesellschaft. Ein Großteil der Liga trennt sich in dieser Winterpause von überzähligem Personal, überraschend viele Transfers laufen jedoch als Leihgeschäft oder mit geringen Ablösesummen ab. Die Tendenz ist klar: Wer einen Spieler verpflichtet, versucht tunlichst, um hohe Ausgaben herumzukommen, während die abgebenden Vereine froh sind, Spieler von der Gehaltsliste streichen zu können. Verdeutlicht wird das Ganze durch die Berechnung des Kicker Sportmagazins: Wo in der letzten Winterpause noch 48 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben wurden, hielten die Klubs ihr Geld diesmal zusammen: Lediglich 18 Millionen wurden investiert, ein Minus von mehr als 60 Prozent.
Die Wirtschaftskrise kommt offenkundig so langsam auch in der Bundesliga an. Verantwortliche wie Uli Hoeneß und Hans-Joachim Watzke haben bereits in den vergangenen Wochen dargelegt, dass auch der deutsche Fußball nicht ungeschoren davon kommen werde. Aktuell kann man die ersten Auswirkungen betrachten.
Der BVB ist dabei glücklicherweise noch ohne wirklich substanziellen Eingriff ausgekommen. Eine Erkenntnis, über die man sich weiter westlich (so viel Seitenhieb muss erlaubt sein) auch freuen würde. Dort wurde mit Fabian Ernst sogar ein Stammspieler Hals über Kopf abgegeben.
Doch auch die Situation des BVB ist nicht risikofrei. Wahrscheinlich ist, dass die Belegung des Lazaretts am Ende über die sportlichen Möglichkeiten und die finale Tabellenplatzierung entscheiden wird. Daumendrücken kann also nicht schaden.
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