Gott geht!

Das war es. Jürgen Kohlers letztes Spiel seiner Laufbahn ist beendet. Zurück bleiben Erinnerungen an die aktive Karriere eines Mannes, der große Sympathien auf sich vereinigen kann und an einen Abend, an dem man Stolz sein kann, dabei gewesen zu sein.


Im Vorfeld dieses Spieles gab es viele unschöne Spekulationen. Der Inhalt des Rahmenprogramms wurde sicherer gehütet, als die Goldreserven eines jeden Staates. Es gab Knatsch über die Ticketpreise, die nicht gerade Fanfreundlich waren. Dadurch gab es auch die wildesten Zahlenspiele, wie viele Zuschauer nun Jürgen Kohler beim zum letzten Mal gegen den Balltreten bestaunen würden. Von enttäuschenden 10- bis zu euphorischen 60000 war zahlenmäßig alles dabei. Geworden sind es wohl etwa 40000.

Wie viele davon durch Freikarten beschenkt wurden, bleibt das Geheimnis vom BVB, Kohler und der beauftragten Eventfirma die, die Zügel in der Hand hielt. Das Stadionheft versprach ein „Rahmenprogramm der Superlative“ mit Beginn ab 16 Uhr. Pünktlich um 16.04 Uhr wurden nach lautstarken Unmutsäußerungen der Fans vor den Toren, dieselbigen geöffnet. Grund für die Verzögerung waren u.a. Probleme bei der Einstellung des Stadiontones. Es war interessant zuzusehen, wie ein Rudolph Brückner, vom DSF verzweifelt versuchte gegen ein Brummen und Pfeifen in der Anlage anzusprechen.
Ebenso wurde noch das Wasserspiel getestet, das am Ende der Veranstaltung zur Geltung kam. Kurz nach vier Uhr also stürmten die schwarzgelben Ameisen die Tribünen, von denen außer bei der Süd alle Oberränge geschlossen blieben.
Um 16.37 Uhr griff Norbert Dickel zum Mikrophon und begrüßte die Massen. Es entwickelte sich eine lockere Atmosphäre. Ohne den Druck eines zu erwartenden Punktspieles verspürte man Vorfreude pur. Dann begann das Vorrahmenprogramm. Das war die Zeit, als man den Fans das Warten verkürzen musste, bevor die Live-Übertragung des DSF begann. Es traten kleine dicke Mädchen auf, die versuchten wie Cheerleader auszusehen. Wenn das Fußballspiel schon gelaufen wäre, hätte man wohl davon gesprochen, dass ihnen jegliche Bindung zum Spiel und Mitspieler gefehlt hätten. Fünf Minuten kamen dann große Mädchen in knappen Outfits. Eine brasillianische Tanzgruppe versuchte bei Temperaturen um etwa 7 Grad den Massen einzuheizen.

Dann nahm Jörg Dahlmann das Mikro in die Hand. Die Plapperschnauze von Sat1, bat um eine „Riesenstimmung“, wenn denn das Fernsehen um 17 Uhr auf Sendung gehen würde.
Klarer Fall warum er das tat. Er hängt finanziell in der Firma drin, die das Bromborium veranstaltet hat und ein zufriedener TV-Zuschauer, könnte ja auch vielleicht der nächste Auftraggeber sein. Um Punkt ging man dann auf Sendung und der zahlende Fan funktionierte auf Knopfdruck.
Dann das erste Deja Vu-Erlebnis für die Zuschauer, denn wieder kamen die knapp bekleideten Tanten aus Rio auf den Platz und legten eine zweite Einlage hin. Das weitere Programm gestalteten diverse Interview mit wichtigen und weniger wichtigen Leuten, eine Werbeveranstaltung eines Bottroper Märchenparks und ein kleiner Junge, der eine Reise für sich, „seine Mama und Mamas Freund“ gewann. Dann durften auch noch mal die dicken Kinder auf den Rasen und die tanzten dann mit dem Topact des Tages, Vanessa Amorosi. Der Gag des Tages auf allen Tribünen wird wohl der Flachs gewesen sein „Ist die Amorosi, die Schwester von Amoroso?“ und die erste Nummer vom Band gespielt war auch nicht der Hit. Aber dann legte sie mit „Shine“ und „Absolutly Everybody“ eine gute Live-Session hin. Wenn sie so gut Fußballspielen könnte, wie sie singt, wäre sie sicherlich eine Verstärkung für jede Mannschaft.

Was lernen wir aus einem solchen Rahmenprogramm? Man möchte Leuten wie Lars Ricken, die vielleicht auch mal in den Genuss eines Abschiedspieles kommen könnten zurufen, dass sie darauf verzichten sollen. Obwohl bei Lars wohl eher Metallica aufgelaufen wäre. Alles drum herum wirkte doch sehr aufgesetzt und verkrampft, dabei iss doch nur auffem Platz wichtich.
So verdrängte man das gesehene auf der Südtribüne wieder uns freute sich gemeinsam auf den Anpfiff? Gemeinsam? Nein nicht ganz Gemeinsam. Eine kleine Gruppe Fans enterte den Gästeblock der Nordtribüne. Etwa 150 Leute zogen eine Art Auswärtssupport beim Heimspiel ab. Man sah ihnen deutlich an, dass sie dabei Spaß hatten und es gelang ihnen sogar, einen Teil der Nord und der Westtribüne Stimmungsmäßig für sich zu gewinnen. Hier ein kleiner Film (rechte Maustaste, "Ziel speichern unter....") Mit einem pfiffigen „Auswärtssieg“ auf den Lippen nahm man sich selbst auf die Schippe. Kreativ waren sie auch. Man zeigte zum Ende des Spieles viele silberne Sterne umrahmt von Wunderkerzen. Aber jetzt erst mal der Reihe nach.

Für die Fans von Borussia Dortmund waren die Vorstellungen der Mannschaften ein Trip in die Vergangenheit. Viele alte und liebgewonnene Bekannte betraten wieder den Rasen des Westfalenstadions und manchmal war es so, als wären sie nie weggewesen. Lautstark gefeiert wurden u.a. Teddy de Beer, Susi Zorc, Knuuuuuuuuuut Reinhardt, Kalle Riedle und die grauen Eminenzen Aki Schmidt und Lothar Emmerich. Das von Kohler eingeladene Dreamteam hatte ein paar Jungs dabei, die man in früheren Zeiten mit Genuss aus dem Stadion gepfiffen hatte. Mario Basler, Olaf Thon und natürlich Andreas „ich bleibe Borusse, ich will und werde meinen Vertrag erfüllen“ Möller. Aber auch Leute wie Jürgen Klinsmann und Frankie Mill wurden herzlich empfangen.
Ein schönes Spiel von allen Beteiligten folgte. Marcio Amoroso eröffnete den Torreigen nach 13 Minuten. Er umspielte Oliver Reck im Tor des Dreamteams nach einem Alleingang. Ebenso machte es Heiko Herrlich in der 19. Die „Gäste“ kamen dann durch einen Kopfball von Oliver Bierhoff und einen Seitfallzieher von Jürgen Klinsmann zum Ausgleich (25., 29.) Auf den Tribünen machte sich ein ungewohntes Gefühl breit. Sammer tobte nicht an der Außenlinie und das Publikum steckte nicht die Finger in den Mund um die Mannschaft wegen der verlorengegangenen Führung auszupfeifen. Billy Reina erzielte dann die erneute Führung für den BVB, bevor dann Jürgen Kohler endlich mit dem Halbzeitpfiff von Schiedsrichter Heynemann „sein“ Tor machte.

Vorher hatte er Chancen ohne Ende vergeben, bei denen das Dortmunder Publikum bei einem Punktspiel sicherlich in die Plastiksitze oder wahlweise in die Betonpfeiler gebissen hätten. Aber an diesem Abend war einfach alles anders.
So spielte man zeitweise 12 gegen 12, schnappte man sich den Ball zu einer Ecke, auch wenn man ihn selbst rausgeschossen hatte oder spielte auch schon mal Doppelpass mit dem Gegner.
Besonders Trickreich war dabei Steffen Freund, der zur Pause vom BVB ins Dreamteam gewechselt war. Nach einer Ballannahme riss er sich das Rotweiße Trikot vom Leib und lief als Schwarzgelber weiter. Lars Ricken mit einem Abstauber in der 47. zum 5:2 und Jürgen Kohler, der auch die Farben gewechselt hatte zum 5:3 Anschluss mit einem Alleingang bei dem Teddy de Beer fast nicht den Hauch einer Chance hatte, so zu springen, dass er den Ball nicht doch noch abwehrte (52.). Das Zuckerli des Abends bot dann Marcio Amoroso mit einem schönen Heber zum 6:3 (55.) ehe Kalle Riedle sogar einen Foulelfmeter verschoss. Susi Zorc war zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf dem Feld, sonst wäre der Ball sicherlich drin gewesen. Jürgen Kohler setzte standesgemäß den letzten Ergebnispunkt. Sein 6:4 war ein Abstauber.
Danach wurde es nur noch gemütlicher. Aki Schmidt und Lothar Emmerich zeigten den Jungen für ein paar Minuten wohl der Fußballhammer wirklich hängt und dann ging das Licht aus und eine große Karriere war zu Ende. Man kann die Emotionen in diesem Minuten schlecht in Worte fassen, deshalb möchte ich an dieser Stelle lieber ein paar Bilder sprechen lassen:


Einen Kommentar möchte ich aber doch noch abgeben. An diesem Abend waren alle wieder Borussen. Egal ob Balkenschalträger, Kutte, Konsument, Nörgler oder welche Schubladen es da noch geben mag. Alle haben etwas ganz besonderes gespürt. So etwas kann kein 4:0 gegen Mailand oder auch kein Meisterschaftsgewinn toppen. Da war ein ganz besonderer Zauber in unserem Stadion. Ich wünsche mir, dass wir diesen Zauber noch ein wenig erhalten können und die Energie daraus auch auf die Kämpfe um Punkte übertragen können.

Bruno Knust und die Südtribüne "Borussia"(rechte Maustaste, "Ziel speichern unter....")

Die Stimmen nach dem Spiel:(sicherlich nicht immer so ernst gemeint)

Norbert Dickel: Bei so etwas ist immer Wehmut dabei. Er hat lange hier gespielt und es tut auch ein wenig weh. Es wird schwer jetzt ohne Jürgen Kohler überlebensfähig zu bleiben, aber wir haben ja gute Abwehrspieler. Ich sehe nicht rabenschwarz, sondern nur schwarz.

Aki Schmidt: Sowas habe ich noch nie erlebt. Bei jedem Paß Applaus

Franz Beckenbauer: Es war ein würdiger Rahmen sich vom aktiven Geschäft zu verabschieden.

Oliver Bierhoff:Ein schöner Abschluss für Jürgen, bei einer tollen Stimmung. Das berührt jeden Spieler, auch wenn man nur an der Seite steht.

Lars Ricken: Gelungener Abschied, das Stadion war gut gefüllt, Südtribüne. Es sind viele Tore gefallen und ich denke das war noch mal was fürs Herz. In der Kabine des Dreamteams gab es Bier und Wein und bei uns nur Elektrolytgetränke

Michael Zorc:Der Balanceakt zwischen vernünftigem Fußball und Spielerei ist gelungen. Jetzt wo ich Emma und Aki auf dem Platz gesehen habe, weiß ich welch heller Stern damals geleuchtet hat. Das sind grandiose Ballartisten. Ich muss zugeben, dass ich da ein wenig abgefallen bin. Die haben das Spiel befruchtet.

Jürgen Kohler Fußballgott: Das war riesig. Wenn man, wie ich immer sage, in meinem Wohnzimmer so verabschiedet wird, dann kommt Wehmut auf, aber es ist auch schön wenn man weiß, diese Menschen werden einen immer im Herzen behalten. Ich würde die Zeit nicht zurückdrehen. Ich bin dankbar für das was ich erleben durfte (in diesem Moment platzt Steffen Freund dazwischen und brüllt „Fußballgott“). Ich habe mich heute super gefühlt, das hat man doch gesehen (bricht in schallendes Gelächter aus).

Die Teams:

BVB: Teddy de Beer, Evanilson, Stefan Reuter, Heiko Herrlich, Ewerthon, Billy Reina, Sunday Oliseh, Dede, Lars Ricken, Marcio Amoroso, Ahmed Madouni, Michael Zorc, Steffen Freund*, Martin Kree, Knuuuut Reinhardt, Kalle Riedle*, Aki Schmidt, Lothar Emmerich

DreamTeam: Oliver Reck, Klaus Augenthaler, Thomas Bertold, Oliver Bierhoff, Guido Buchwald, Dieter Eilts, Maurizio „wo ist mein Auto“ Gaudino, Thomas Hä$$ler, Jürgen Klinsmann, Stefan Kuntz, Pierre Littbarski, Frank Mill, Olaf Thon

Und natürlich Jürgen Kohler*

*= haben für beide Teams gespielt

Geschrieben von Thomas