GEIL GEIL GEIL

Yasin Öztekin bejubelt den SiegtrefferIm heutigen Spitzenspiel an der Essener Hafenstraße wurde jedem BVB-Fan vor Augen geführt, dass unsere Leidenschaft immer mal wieder belohnt wird. Nach 88 Minuten noch mit 2:3 hinten, hieß es drei Minuten später: 4:3 für unseren BVB und die Verteidigung des zweiten Tabellenplatzes. Ein mehr als denkwürdiges Spiel war es auf alle Fälle!

Es war alles angerichtet für ein echtes Spitzenspiel bei den heimstarken Essenern, die die letzten fünf Heimspiele alle gewinnen konnten. Die Frage war, wer den überraschend starken Lauterern auf den Fersen bleiben konnte und wer den Aufstiegsplatz Nummer Eins bald nur noch mit dem Fernglas bewundern kann. Mehrere Hundert BVB-Fans machten sich mit auf den Weg in den Gästeblock G und durften bei Tiefsttemperaturen ein Spiel erleben, was in der vorweihnachtlichen Zeit allen das Herz erwärmen sollte. Theo Schneiders Mannen auf dem Feld ersatzgeschwächt, denn sowohl Tyrala (U 23 Polen), Ginczek (U 18) als auch Koch (Gelbsperre) durften bzw. konnte nicht mitspielen. Uwe Hünemeier konnte die Woche nicht trainieren, hielt trotz Wadenproblemen aber 73 Minuten durch. Von "oben" verstärkten Schmelzer, Kruska und Sadrijaj das Team, Lars Ricken saß zunächst auf der Bank.

Solider Auftritt an der HafenstraßeEs war auch ein Duell der Top-Stürmer der Regionalliga West: Sascha Mölders (17 Treffer) gegen Christopher Kullmann (10). Und Mölders konnte dabei auf die Unterstützung des bundesligaerfahrenen Markus Kurth bauen. Schwierige Aufgaben also für die BVB-Defensive, die ihr Scherflein zur Forderung Schneiders beitragen sollten: "Wir wollen auf keinen Fall verlieren!" Und auch der DFB war sich der Brisanz dieses Spitzenspiels bewusst. Er nominierte mit Florian Meyer einen Mann, der letzte Woche beim Knaller zwischen Bayern und Hoffenheim eine hervorragende Leistung bot. Wenn man sich die Historie der beiden Mannschaften anguckt, fällt auf, dass beide Teams oft genau dann versagten, wenn es drauf ankam. Eigentlich alles Voraussetzungen, die auf ein Unentschieden hindeuten...

Spitzenspiel in Essen

Eins sollte sich schon in den ersten fünf Minuten abzeichnen. Das Prädikat "Spitzenspiel" hat diese Partie mehr als verdient, denn von Beginn an gingen beide Mannschaften ein unglaublich hohes Tempo und schon nach zwei Minuten sollte Öztekin auf der Torlinie zur Ecke klären. Auf der anderen Seite prüften Gordon und Öztekin Maczkowiak mit Kullmann hatte einen schweren Standharmlosen Schüsschen, ehe der Essener Mainka die bis dato beste Chance kläglich vergab (8.). Schon nach den ersten paar Minuten war das taktische Mittel der Gastgeber erkennbar: möglichst viele Ecken und Freistöße rausholen, verfügt man doch über eine ganze Reihe von gefährlichen Kopfballspielern. Doch der BVB befreite sich und konnte seinerseits mit einigen Kontern für Gefahr sorgen.

Dies passte den kritischen RWE-Fans überhaupt nicht und man merkte den Roten ihre zunehmende Verunsicherung immer mehr an. Doch leider vergaben sowohl zunächst Sadrijaj (14.) als auch Öztekin (15.) alleinstehend. Es ging Schlag auf Schlag weiter: Während Mölders sich grenzwertig gegen unseren Keeper Kruse durchsetzte, der Ball aber neben das Tor kullerte (18.), scheiterte auf der Gegenseite sein Torjäger-Pendant Kullmann aus spitzem Winkel erneut an Maczkowiak (19.). Vier Minuten später war es dann soweit, als Sadrijaj nach Traumpass Kruskas endlich einmal die Nerven behielt und überlegt zur verdienten 1:0-Führung einschob. Und die Herrlichkeit sollte noch nicht vorbei sein, denn wiederum nur weitere vier Minuten später Schmelzer mit einem langen Ball nach vorne, Stefan Lorenz tritt über den Ball und plötzlich steht Vrancic ganz alleine vor Maczkowiak. Er wartet ganz lange und schiebt überlegt ein: 2:0 für unseren BVB!

RW Essen jetzt völlig von der Rolle und der BVB immer mit wieder mit super Pässen in die Schnittstellen Sadrijaj bejubelt sein erstes Tor für den BVBder Abwehr, ohne jedoch das Torekonto entscheidend ausbauen zu können. Nach 40 Minuten gab es leichte Reibereien im Essener Fanblock mit einigen Polizisten, auch eine Rauchbombe wurde auf den Platz geworfen. Der Frust über das erbärmliche Spiel einer Mannschaft entlädt sich in Essen eben nicht anders als überall sonst auch auf der Welt. Eine Minuter später rettete wieder Öztekin nach einer Essen-Ecke auf der Torlinie, ehe es kurz vor dem Halbzeitpfiff die große Chance zur Entscheidung für den BVB gab: Sadrijaj und Kullmann spielten sich wieder mal herrlich durch die Abwehr, als plötzlich Letzterer auf der Torlinie lag und er nur noch den Ball artistisch drei Zentimeter über die Linie hätte bugsieren müssen. Ein RWE-Fuß konnte gerade noch klären und es blieb bei der 2:0-Führung für unsere Amas, was aber noch längst nicht ausreichend sein muss, wenn man an Spiele wie in Kleve oder Verl denkt.

Fazit nach 45 Minuten

Der BVB spielte richtig klasse und setzte super Konter gegen eine indisponierte Essener Abwehr. Doch wäre ein drittes Tor immer wichtig bei der BVB-Historie in dieser Saison, denn wer will schon so kurz vor Weihnachten noch einen Herzinfarkt riskieren? Denn bei jedem Standard wurde es gefährlich vor Kruses Tor, der unbekannte Schwächen in der Strafraumbeherrschung zeigte. Spielerisch sollte bei den Gastgebern heute eigentlich nichts mehr laufen können, gerade weil jeder Kruska war starkFehlpass und Stockfehler von den Heim-Fans mit Hohn und Spott verfolgt wurde.

Pustekuchen! Man hatte das Gefühl, dass jeweils die Zwillinge der Akteure in der zweiten Halbzeit auf dem Platz standen. RWE kämpfte und ackerte jetzt um jeden Ball, während beim BVB die spielerische Leichtigkeit verloren schien. Und auch Mölders, der in Hälfte Eins zweimal kläglich vergab, drehte jetzt auf und nahm den Ball einfach mal mit, ging an drei Abwehrspielern locker vorbei, schoss von der Strafraumgrenze und der Ball - Kruse nur noch mit den Fingerspitzen dran - kullerte über die Torlinie. Die Aufholjagd konnte also beginnen.

Die Innenverteidigung konnte in der Folgezeit von dem angeschlagenen Hünemeier nicht mehr ordentlich zusammengehalten werden. Während Mainka nach 65 Minuten noch knapp per Kopf scheiterte, machte es erneut Goalgetter Mölders kurze Zeit später besser. Nach 69 Minuten gab es erneut einen Freistoß von der linken Seite, der mit einem Kopfball auf Kruse zunächst zu enden schien, hielt der Ex-Paderborner doch prächtig. Allerdings ist Mölders scheinbar wirklich ein echter Ibisevic des Westens und staubte zum jetzt nicht mehr unverdienten Ausgleich ab. Allerdings gab es einen faden Beigeschmack, denn kurz vor dem Freistoß hätte es für Öztekin einen klaren Elfmeter Uwe Hünemeier musste verletzt rausgeben müssen. Die einzig falsche Entscheidung des ansonsten soliden BL-Schiedsrichters Meyer aus Burgdorf.

Leidenschaft und Dramatik

Und während alle Medienschaffenden sich noch fleißig mit dem Ausgleichstreffer befassten, brandete wieder einmal lauter Jubel auf. Denn plötzlich war der Ball wieder im Tor der Dortmunder, Robert Mainka fasste sich von der Strafraumgrenze ein Herz und wieder fehlten Lukas Kruse die entscheidenden Zentimeter. Dieser Spielverlauf entsprach der kompletten Hinrunde des BVB - immer irgendwie dran, aber im entscheidenden Moment dann doch zu fehlerhaft. Doch wie oben bereits beschrieben, können diese Symptome allesamt auch auf RWE übertragen werden und es waren ja noch 20 Minuten zu spielen. Doch die Gastgeber kämpften wie die Löwen, während unsere Jungs auch mit den Kräften so langsam ihre Probleme zu bekommen schienen. Es gab keine richtigen Torchancen mehr für den BVB. Eher hätte Türkeri fünfzehn Minuten vor dem Ende alles klar machen können, scheiterte aber wieder per Kopf.

Und dann geschah eine Schlussphase, wie man sie höchstens von den Bayern kennt und wo man hernach dann gerne von der sogenannten "individuellen Klasse der Akteure" spricht. 88 Minuten Torjubel um Kruskawaren gespielt und es gab noch einmal eine Ecke für den BVB. Doch per Kopf war natürlich nichts zu machen für unsere Männer, sodass der hünenhafte David Czyszczon klären konnte. Doch genau auf Marc Kruska, der aus 22 Metern volles Risiko ging und seinen Volleyschuss knallhart in die linke untere Ecke bugsierte. 3:3, sicherlich ein gerechtes Ergebnis! Aber es war immer noch nicht Schluss.

Der BVB bekam auf der rechten Seite auf Strafraumhöhe noch einmal einen Einwurf. Öztekin schnappte sich den Ball, zog nach innen und setzte aus 18 Metern zu einem herrlichen Schuss mit seinem schwachen (!) linken Fuß an. Der Ball flog und flog Richtung langen Winkel und plötzlich stand es 4:3. Was für ein geiles Tor! Und nun spielten sich auf den Rängen (zumindest im Gästeblock G) sowie auf der BVB-Bank unglaubliche Szenen ab. Man hat das Spiel tatsächlich noch einmal gedreht und nicht mehr für möglich erachtete drei Punkte eingefahren. Öztekins Treffer war symptomatisch für seine momentan überragende Form und die Tatsache, dass er einen Profivertrag in Aussicht hat.

Nach dem Spiel dann großer Jubel vor dem Gästeblock in Form von Humbas und "Extreme Poging" der BVB-Akteure. So ein Spiel macht einfach Laune und wird nur den gleichzeitigen 1:0-Erfolg der Lauterer Yasin Öztekin bejubelt den Siegtrefferin Cloppenburg etwas getrübt. Alle BVB-Fans, die vom Block G mit Bussen direkt bis zum Dortmunder Hauptbahnhof kutschiert wurden, sollten nun Lust auf ein weiteres Spiel bekommen haben. Nächste Woche geht es nämlich zum Mainzer Bruchweg gegen deren Zweitvertretung, während nur ein paar Kilometer entfernt Worms auf Lautern II trifft. Es kristallisiert sich ein Zweikampf an der Spitze um den Aufstieg heraus und dieses Duell sollte sowohl von den BVB-Fans als auch von dem gesamten Verein Borussia Dortmund entsprechend verfolgt und unterstützt werden. Wir sehen uns nächsten Samstag um 14 Uhr in Mainz!

Stimmen zum Spiel

Theo Schneider: Es war ein echtes Spitzenspiel mit zwei sehr starken Mannschaften und der Gewinner war eindeutig der Zuschauer. In der ersten Hälfte haben wir all das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben und da auch viel richtig gemacht. Leider haben wir nicht das dritte Tor gemacht. Wir wussten dann in der Halbzeit, was uns erwartet, sind die Essener doch bei Standards extrem stark. Dann ist das Spiel gekippt, auch weil wir uns teils sehr ungeschickt verhalten haben. Die RWE-Tore waren deshalb auch nicht unverdient. Ich glaube auch, dass das 3:3 schlussendlich das gerechte Resultat gewesen wäre, aber heute war es ausgleichende Gerechtigkeit, denn genau wie Essen heute haben wir in Verl die Gegentreffer kassiert. Letztlich ist es aber ein glücklicher Sieg, denn ein Remis Theo Schneider war zufriedenwäre gegen eine starke Essener Mannschaft o.k. gewesen. Ich bin natürlich riesig zufrieden und wir können nun etwas gelassener nach Mainz fahren.

Michael Kulm (Trainer RW Essen): Ich bin mit dem Ergebnis natürlich nicht zufrieden. Wir sahen heute eine gute Essener Mannschaft, die alle Vorgaben umgesetzt hat. Wir hatten unsere Gelegenheiten, aber auch Unruhe nach hinten, was auch mit der individuellen Klasser BVB-Spieler zu tun hatte. Wir wussten, wenn der Ausgleichstreffer fällt, ist hier noch etwas möglich. Und dann drehst du das Spiel mit einer riesigen Leidenschaft komplett, um am Ende dann aber doch wieder mit leeren Händen dazustehen, weil die individuelle Klasse des BVB dann doch den Ausschlag gab. Wir sind natürlich jetzt alle sehr enttäuscht, weil ein 3:3 am gerechtesten gewesen wäre. Der BVB ist bisher unser stärkster Gegner gewesen und wir haben deshalb heute leider nicht unser Ziel erreichen können.

Damir Vrancic: So ein Spiel erlebt man nicht alle Tage, höchstens ein-, zweimal im Jahr. Mir gefällt es, zusammen mit Kruska zu spielen im Mittelfeld. Aber auch mit Gordon oder Tyrala ist das kein Marcel Schmelzer im ZweikampfProblem. Mit Kruska verstehe ich mich sehr gut. Dass es glücklich war heute, muss man schon zugeben. Das 3:3 kam aus dem Nichts, aber das war eben auch individuelle Qualität vom Marc Kruska und danach auch vom Öztekin. Ich habe heute auch getroffen, so wie der Trainer es von mir und Kruska gefordert hat, dass sich nämlich immer einer von uns beiden mit nach vorne einschalten soll. Und dann hat es sich eben ergeben, dass ich plötzlich frei vor dem Torwart stand und ich war dann richtig überrascht. Nächste Woche geht es nach Hause nach Mainz gegen meinen Bruder und das wird auch ein schwieriges Spiel.

Daten zum Spiel

RW Essen (4-1-3-2): Maczkowiak - Kotula, Czyszczon, S. Lorenz, Bührer - M. Lorenz - Kühne (46. Türkeri), Mainka, Karadag (81. Aydin) - Kurth, Mölders

BVB II, auf eine Einzelbewertung wird heute aufgrund des historischen Ergebnisses verzichtet (4-3-3): Kruse - Hille (78. Ricken), Gordon, Hünemeier (73. Großkreutz), Schmelzer - Piossek (73. Hillenbrand), Kruska, Vrancic - Kullmann, Sadrijaj, Öztekin
Jubel nach AbpfiffTore: 0:1 Sadrijaj (23., Rechtsschuss, Vorarbeit Kruska), 0:2 Vrancic (27., RS, Schmelzer), 1:2 Mölders (53., RS., ohne Vorarbeit), 2:2 Mölders (69., Abstaubertor), 3:2 Mainka (70., RS), 3:3 Kruska (88., RS., o.V), 3:4 Öztekin (90., LS, o.V.)
SR: Meyer (Burgdorf - Assistenten: Aarnink, Skorczyk), Note 4. Übersah einen klaren Elfmeter und pfiff entweder zu kleinlich oder zu großzügig. Keine klare Linie bei Luftzweikämpfen.
Zuschauer:
7.291
Chancen:
10:8
Ecken: 9:5
Gelbe Karten: M. Lorenz (28., Foulspiel), Czyszczon (87., Foulspiel in der Luft) - Großkreutz (83., Handspiel), Hillenbrand (85., taktisches Foul)

Malte, 14.12.2008