Mehr Geld – wofür eigentlich?

DFL-Präsident RauballIst Profifußball eigentlich noch Sport oder längst schon reine Unterhaltungsindustrie? Die Frage drängt sich immer häufiger auf in den letzten Wochen und Monaten, sind es doch vor allem wirtschaftliche Themen, die die Bundesligaberichterstattung dominieren wie selten zuvor. Doch was bringt der Fokus aufs Finanzielle dem Sport?

TV-Vertrag, Bundeskartellamt, neue Anstoßzeiten, „50+1"-Regel, Investoren, Mäzene, Vermarktung, Sponsoren als Taufpaten für Stadien, Ausrüsterverträge, Länderspielprämien, Trikotsponsoren - kaum eine Sportberichterstattung der Neuzeit kommt noch ohne solche Begrifflichkeiten aus. Fußball in Deutschland ist zwar spätestens seit Gründung der Bundesliga immer auch knallhartes Geschäft gewesen. Doch jahrzehntelang reichte es für Fans wenigstens aus, sich leidlich mit den Fußballregeln auszukennen. Diese Zeiten sind vorbei. Spätestens seit viele Vereine ihren Spielbetrieb in Kapitalgesellschaften ausgelagert haben und diese sich auch genau so verhalten, langt es längst nicht mehr, allein die Abseitsstellung als Königin der Fußballregeln herunterbeten zu können.

Spruchbänder zum TraditionserhaltImmer mehr spielen in der Bundesliga die Finanzen eine Rolle - und damit logischerweise auch die finanziellen Unterschiede. Einerseits jene Unterschiede innerhalb der Liga, andererseits aber auch jene im internationalen Vergleich. Wann immer es darum geht, liebgewonnene Bräuche den monetären Überlegungen zu opfern, wird mit der Wettbewerbsfähigkeit argumentiert. Verkaufte Stadionnamen? Machen die anderen Teams ja auch. Zerstückelter Spielplan? In anderen Ligen Gang und Gäbe. Die gute alte Sportschau? Ein Auslaufmodell, mit dem kein Staat zu machen ist.

Den gleichen Überlegungen folgen nun auch Hannover 96 und Präsident Martin Kind, wenn sie den deutschen Bundesligafußball für die Übernahme durch Investoren bereit machen und die entsprechenden Ligastatuten ändern wollen.

Doch egal ob Hannover 96 nun innerhalb Deutschlands die Verhältnisse vermeintlich gerade rücken will oder eben der gesamte deutsche Profifußball via Spielplanänderung und neuem TV-Vertrag die Nachteile gegenüber England, Spanien und Italien egalisieren will. Drei wesentliche Punkte werden in der Diskussion gern übersehen:

1. Der finanzielle Vorteil der deutschen Topklubs und der europäischen Top-Ligen ist nicht ungerecht.

Ganz im Gegenteil. Auch wenn es einem nicht gefällt, hat sich beispielsweise der FC Bayern seine Ausnahmestellung in der Bundesliga über die Jahre erarbeitet. 21 Meistertitel und 14 Pokalsiege sprechen eine deutliche Sprache. Auch die anderen Größen der Bundesliga, egal ob sie Hamburger SV oder Werder Bremen heißen, ob sie aus Gelsenkirchen oder Dortmund kommen: Grundlage für die hohen Einnahmen, den hohen Zuschauerschnitt und das große Sponsoreninteresse bei diesen Klubs ist ihre jüngere und ältere Vereinshistorie. Selbst Bayer Leverkusen kann in der jüngeren Vergangenheit zwar nicht unbedingt auf Titel, immerhin aber auf ein ein stetiges Mitspielen in der Spitzengruppe der Liga zurückblicken.

Premiere-MikrophonUnd was den internationalen Vergleich betrifft. Italienische Vereine haben bis heute 28 Europapokale gewonnen. Englische Vereine 25, spanische Vereine 23 und deutsche Vereine lediglich 17. Wenn die Bundesliga sich finanziell hinter diesen drei Ligen einreihen muss, so ist das folglich nicht ungerecht, sondern geradewegs leistungsgemäß. Man könnte auch sagen: sportlich.

Egal ob national oder international: Mit Ausnahme einiger weniger Emporkömmlinge, die von reichen Einzelpersonen oder Konzernen in den Spitzenfußball hineinkatapultiert wurden, sind es stets die erzielten Erfolge, die über die Wirtschaftskraft eines Vereins entscheiden. Und da liegt beispielsweise Hannover 96 mit gerade mal zwei Meistertiteln (der letzte vor sage und schreibe 54 Jahren) und einem Pokalsieg völlig zurecht hinter vielen Ligakonkurrenten zurück. Diesen Umstand durch den Einfluss von Sponsoren ändern zu wollen, wäre nicht die Behebung von Ungerechtigkeiten. Es wäre vielmehr die Anmaßung eines Status, der dem Verein gar nicht gerecht wird. Man könnte auch sagen: unsportlich.

2. Die Erschließung neuer Geldquellen hilft kaum, die eigene Position zu verbessern.

Kurzfristig betrachtet, ist dieses Denken gar nicht so falsch. Wer als erster Verein eine Geldquelle auftut, die von anderen Vereinen noch nicht entdeckt wurde, befindet sich einen Moment lang im Vorteil. Wie groß dieser Vorteil wirklich ist, kann man jedoch wunderbar am Beispiel Eintracht Braunschweigs erkennen. Dort fühlte man sich unglaublich innovativ und geschickt, als man 1973 die Trikotwerbung in der Bundesliga etablierte. Langfristig gesehen hat dies dem Verein jedoch rein gar nichts eingebracht. Die Eintracht kickt inzwischen im Mittelfeld der dritten Liga, von ihrem Pioniervorteil konnte sie kaum zehren.

Spruchbänder zum TraditionserhaltDenn wann immer ein Verein eine neue Geldquelle auftut, zieht die Konkurrenz bald darauf nach und das Wettrüsten beginnt. Trikotwerbung ist inzwischen allgegenwärtig bis hinunter in die Kreisliga, und auch der Vermarktung der Stadionnamen entziehen sich im Profifußball nur noch wenige Vereine.

Langfristiger Effekt des Wettrüsten: Weil die großen Vereine auch die potenteren Trikotsponsoren und Stadion-Paten bekommen, wird der Unterschied zu den kleinen Vereinen nicht geringer, sondern sogar größer. Das vermeintlich ungerechte Ungleichgewicht in der Liga manifestiert sich und am Ende sind gerade die kleinen Vereine die Verlierer dieser Entwicklung.

3. Mehr Geld bedeutet keinen besseren Fußball und keine bessere Liga

Eines ist richtig: Wer mehr Geld hat, kann sich auch die besseren Spieler leisten. Das gilt auf niedrigem Niveau allerdings genauso wie auf hohem. Grundsätzlich haben höhere Eintrittspreise, mehr TV-Einnahmen, lukerativere Sponsorenverträge oder das Einpumpen von Geld durch Investoren nur ein einziges Ergebnis: Die Gehälter der Protagonisten im Fußballgeschäft steigen weiter.

Schauen wir uns den Status Quo einmal an: In Deutschland stehen die komfortabelsten und modernsten Stadien weltweit. Der Profisport wird sportmedizinisch und -wissenschaftlich auf hohem Niveau überwacht und analysiert. In Sachen Athlethik, Spielsystem, Taktik und Jugendförderung hat die Bundesliga in den vergangenen Jahren riesige Schritte nach vorn getan und befindet sich aktuell auf wirklich hohem Niveau. Die Trainer- und Betreuuerstäbe der Mannschaften sind stetig angewachsen.

DFB-Präsident ZwanzigerDer Fußball wird sich immer wieder weiterentwickeln, einzelne Stellschrauben können immer noch ein wenig weiter gedreht werden. Doch im Großen und Ganzen bedarf es für infrastrukturelle Verbesserungen bei einem Großteil der Liga keine Unmengen an Geldscheinen. Auch die individuelle Entwicklung der Spieler dürfte sich im legalen Rahmen kaum noch im selben Maße steigern lassen, wie dies die letzten 20 oder 40 Jahre geschehen ist.

Wenn zukünftig höhere Einnahmen generiert werden, wird das Geld darum einzig und allein dem Wettbieten zwischen verschiedenen Vereinen dienen - und damit am Ende einzig und allein die Profigehälter weiter erhöhen.

Ob es das wert ist? Der Profifußball befindet sich auf einem unguten Wege. Er verleugnet gewachsene Strukturen und versucht den Kunden ebenso wie den unterstützenden Wirtschaftsunternehmen immer noch ein paar Euro mehr aus dem Kreuz zu leiern. Sämtliche Maßnahmen werden diesem Ziel untergeordnet.

Hannover 96 möchte sich selbst nun gern verkaufen, derweil die Liga mit neuem TV-Vertrag dem britischen Vorbild hinterher hechelt. Mit einem zerstückelten Spielplan hoffen die Macher darauf, die bei der bisherigen Anhängerschaft unbeliebten Anstoßzeiten durch die Erschließung neuer Sympathisantenkreise zu rechtfertigen. Ein angemessener Kundenumgang?

Jenen, die nur noch auf Zahlen und wirtschaftliche Eckdaten blicken, ist innständig zu wünschen, dass ihre Pläne scheitern. Fußball ist längst schon ein Wirtschaftszweig geworden, doch die völlständige Entkopplung von sportlichen Grundsätzen wird dem Fußball nicht gut tun.

Es bleibt zu hoffen, dass die Liga-Verantwortlichen dies auch begreifen, bevor dem Fußball irreparabler Schaden entsteht.

Arne, 26.11.2008

 

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