Der Mythos kommt!

Nein, Mythos ist keine griechische Pommesbude in Stadionnähe (obwohl der Gedanke etwas hätte). „Mythos“ ist seit dem Abstieg des VfL München-Gladbach das Lieblingsschlagwort der Grenzländer.


Fragen wir zunächst einmal wissen.de, was uns Mythos denn nun sagen soll:

Götter-, Dämonen- und Heldengeschichte der Frühkulturen. Der Mythos ist eine Weltauslegung und Lebensdeutung in erzählerischer Berichtsform, versehen mit Symbolen, Visionen und fabulierenden Darstellungen, die jedoch eine allgemeine Wahrheit enthalten. Im Mythos wird das Handeln und Wirken von Göttern in Anlehnung an menschliche Verhältnisse dargestellt (Götterfamilien, Göttergeschlechter); die schriftliche Niederlegung und dichterische Ausformung der Mythen kennzeichnet den Beginn der abendländischen Literatur, die immer wieder zentrale Motive des Mythos aufgreift und umformt. Bedeutend für die europäische Kultur sind die griechisch-römischen Mythen, die seit Homer und Hesiod zum Stoff der Dichtung wurden und bis ins 18. Jahrhundert hinein durch die Rezeption der Antike literarische Motive lieferten. Die Dichter der Romantik griffen daneben auf nordische, später auch auf indische Mythen zurück. In der heutigen Forschung wird der Mythos als rituelle Wiederholung eines Urereignisses gedeutet, als erzählerische Aufarbeitung menschlicher Urängste.

Die Sache mit den Urängsten dürfte klar sein, wer steigt schon gerne wieder ab? Aber „das Handeln und Wirken von Göttern“? Hans-Hubert Vogts ein Gott? Markus Münch? Kalle del Haye? Karlheinz „Urlaubsgeld“ Pflipsen? Naja, die Gladbacher hatten schon immer ihre eigene Wahrheit.

Nach dem Abstieg spielten die knuffigen Hobbykicker aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet ihr erstes Spiel in Chemnitz. Zu diesem Zweck hatten sie – vollkommen unarrogant – ein großes Transparent entrollt: „Der Mythos gibt sich die Ehre!“ Natürlich verlor der Mythos das Spiel und das Transparent wurde zum Lacher. Irgendwann durfte dann Bröselberg-Legende Rainer Bonhof gehen und wurde durch den DSF-Schreck Hans Meyer ersetzt. Der ist übrigens der verlorengegangen Zwillingsbruder von Sergej Gorlukowitsch.

Der Rest der Geschichte dürfte bekannt sein, der Mythos stieg wieder auf, belästigte uns noch mit einem Flugzeug inkl. Spruchband („Der Mythos ist zurück!“) und wird nun beim DFB beantragen, den Namen auf Mythos zu ändern. VfL Borussia Mythos, da wird einigen München-Gladbachern sicherlich einer abgehen, wenn sie auch nur daran denken.
In früheren Jahren war es der regionale Konkurrent, der 1. FC Köln, und die Bayern aus München, die für besondere Stimmung in München-Gladbach sorgten. Doch spätesten mit dem Transfer von Heiko Herrlich schlugen die Wellen hoch. Heiko Herrlich hatte behauptet, von VfL-Manager Rüssmann eine mündliche Zusage für einen Wechsel zu haben. Dieser bestritt diese Zusage. Am Ende wechselte der Torschützenkönig zum deutschen Meister für 11 Mio. DM. Manager Rüssmann durfte einige Monate später gehen. Wer da nun die Wahrheit gesagt hat und wer nicht, wissen wohl nur die Beteiligten. Das der Wechsel nicht wirklich schön über die Bühne ging, bleibt auch unbestritten. Genauso wie die Erkenntnis, daß Rüssmann eine Pfeife ist. Zumindest sagten das dann alle, als er entlassen wurde.

Während also die Bayern in unerreichbare Ferne rückten und diese die Grenzländer nicht mehr so ernst nehmen konnten, begann der Abstieg des 1. FC Köln. Mit solchen Gegnern wollte man sich auch nicht messen, schließlich ist der VfL etwas Besseres und muß sich mit großen Vereinen duellieren, nicht mit Absteigern wie dem FC.

Also besann man sich Mitte der 90er darauf, daß der VfL ebenfalls „Borussia“ im Namen trägt wie unser Verein. Und da man 9 Jahre älter ist, kann man ja auch das Gerücht streuen, der BVB hätte den Namen 1909 geklaut. „Borussia“ steht lateinisch bekanntlich für Preußen und war in Dortmund auch der Name einer Brauerei, deren Bier die BVB-Gründer gerne tranken. Zufälle gibt’s........

Während der BVB also ab Mitte der 90er abging wie eine Rakete, sank der Stern der München-Gladbacher Borussen unaufhörlich. Inzwischen hätte man durchaus wieder auf den FC umschwenken können. Aber nein, man besann sich nun auf seine 9 Jahre ältere Tradition und auf ca. 12 richtig erfolgreiche Jahre. In den 70er Jahren hatte der VfL und die Bayern das europäische und vor allem deutsche Fußballgeschehen bestimmt. Doch mit Ende der 70er tauchte der VfL immer mehr ab, weil man sich nicht in der Lage sah, aus seinen Talenten und Erfolgen finanziell Kapital zu schlagen. Anders als die Bayern verfügte der VfL eben nur über ein kleines Stadion, daß nicht viel Geld einbrachte und so zogen die wirklich guten Fußballer mit der Zeit weiter zu den Fleischtöpfen der europäischen Ligen. Schon damals begannen die Bayern ihr altbekanntes Spiel, die Talente des direkten Konkurrenten zu jagen und so wechselten selbst Rohrkrepierer wie Kalle del Haye vom VfL zu den Bayern, weil ihm eine große Zukunft bescheinigt wurde, die er jedoch nicht hatte.

Lothar Matthäus und Stefan Effenberg waren die beiden Prominentesten. Und Erfolgstrainer Jupp Heynckes wurde ebenfalls zu den Bayern gelockt, bevor er 1991 entlassen wurde. Zwei DFB-Pokalfinalteilnahmen (1 Sieg, 1 Niederlage) stehen noch auf der Liste der Erfolge in den 90er Jahren, das war es dann auch schon.

Und plötzlich kommt der einstige Schmuddelklub aus dem Ruhrgebiet und zieht am einst ruhmreichen VfL vorbei. Kein VfL-Anhänger kann sich daran erinnern, daß der BVB irgendwann mal etwas vorzuweisen hatte. Schließlich sind 99% der VfL-Fans erst Ende der 60er, Anfang der 70er auf den Klub aufmerksam geworden. Woher sollte man sonst auch einen Regionalligisten kennen, der ein paar Kreispokale gewonnen hatte? Und selbst für die älteren VfL-Fans war klar, daß der BVB nur eins bedeuten konnte: Mißerfolg, Schulden und Mißmanagement. 1972 abgestiegen, 1976 wieder da und 1978 verlor unsere Borussia mal eben 12:0 beim großen VfL. Warum das? Sportliche Schwäche? Nein, wohl eher charakterliche Schwäche. Der VfL (der achso große Erzfeind) sollte zum deutschen Meister gemacht werden. Der 1.FC Köln führte nur aufgrund des Torverhältnisses und das galt es aufzuholen. Also ließ sich der „scheiß BVB“ locker lässig abschlachten, doch der FC gewann hoch genug beim FC St. Pauli und wurde deutscher Meister. Wie stolz wäre man im korrekten München-Gladbach heute auf eine solche Meisterschaft? Statt aber über diese unsaubere Geschichte den Mantel des Schweigens zu legen, haut man in MG damit auch noch gerne auf die Sahne. Das wäre so, als wenn FC Meineid-Anhänger noch heute die Meineide ihrer Spieler gegen damals abgestiegene Mannschaften feiern würden.

Während der BVB also 1995 und 1996 deutscher Meister wurde, 1997 gar die Championsleague und den Weltpokal gewann, stieg der VfL 1999 ab. Das war es dann endgültig für die stolzen Grenzländer. Die Möchtegern- und Kommerz-Borussen qualifizieren sich in München-Gladbach für die Championsleague, während man selbst absteigt. Der Stolz mußte fortan der Arroganz weichen, nun wird jedem Dortmunder klar gemacht, wie unbedeutend und scheiße der BVB ist, während man nur beim VfL Werte wie Fannähe, Anti-Kommerz, 90 minütiger Support des eigenen Teams, Tradition etc. hochhält. Aus diesem Grund werden in MG auch gerne Ultra-Gruppierungen verboten, die es wagen, sich abseits des Fanprojekts aufzuhalten. Nur das Fanprojekt (der Dachverband) stellt die Fanszene des VfL dar, niemand anders darf auf die Idee kommen, etwas eigenes zu machen.

Und weil die Fanszene des VfL so irre bunt und kreativ ist, hat man sich auch entschlossen, am Coca-Cola-Fan-Award teilzunehmen. So ließ man sich – ganz unkommerziell versteht sich – 4.000 EURO in den Rautenförmigen Hintern blasen und hängte im Spiel gegen den VfB ein paar Blockfahnen an den Oberrang. Dazu eine Papptafel-Choreo und auf der Stehplatztribüne eine Anti-Aktion, bei der man sich gegen die Coca-Cola-Choreo aussprach. Lächerlicher geht’s kaum noch. Einerseits die Kohle annehmen und andererseits dagegen rumstänkern und gleichzeitig immer etwas von der tollen, geschlossenen Fanszene in München-Gladbach propagieren.

Aber die Hure des Kommerzes bleiben für die Jungs mit dem Rautengroßen Horizont natürlich nur die Fans des BVB. Nur die haben sich verkauft und sind an die Börse gegangen. Das der VfL inzwischen den gleichen Marketingpartner wie der BVB hat und das neue Stadion auch alles andere als unkommerziell gebaut wird, ficht einen echten Grenzi nicht an. Also empfängt Coca-Cola-Verweigerer Borussia Dortmund am Samstag den knuffigen, traditionsreichen VfL München-Gladbach.

P.S.: Liebe Grenzis, als wir 1949 deutscher Vizemeister und 1956, 1957, 1963 deutscher Meister, 1965 DFB-Pokalsieger und 1966 erster deutscher Europapokalsieger wurden, wo wahrt Ihr da eigentlich?

Geschrieben von Jens