Tage wie dieser...

Spätestens nach dem 0:0 in kleinen Derby gegen Bochum kreiste das richtige Derby in meinem Hinterkopf und ehrlich gesagt sorgte dieses Spiel im Vorfeld für wenig Begeisterung bei mir.


Zu lange liegt der letzte Sieg gegen den ungeliebten Verein aus dem Herner Vorort zurück (14. November 1998 ein 3:0 Sieg über Herne West!!! durch Tore von Nijhues, Häßler und Möller), als das ich noch wüsste wie berauschend das Siegesgefühl gegen die Blauen ist. Stattdessen musste ich, ebenso wie alle anderen Glaubensbrüder und Schwestern viel Schmach nach bitteren Niederlagen (beim Gedanken an das 0:4 bekomme ich heute noch auf der Stelle Herpes) über mich ergehen lassen. Selbst die Meisterschaft konnte bis heute diesen Dolchstoß bei mir nicht wirklich heilen. Es musste endlich mal wieder ein Sieg gegen den Club von Rudi Cigar her.

Spätestens seit Freitagabend wurde dieses beklemmende, nervöse Gefühl vor dem Derby stärker bei mir. Eine Party mit reichlich Bier und Jägermeister (Dreckszeug!!!) am Vorabend konnte mein schlechtes Gefühl nicht aufhellen und so wachte ich Samstagmorgens mit dem berühmten Horn auf (jetzt weiß ich wie die Leute von Jägermeister auf den Namen gekommen sind). Zwei Aspirin sollte für die nötige Entlastung sorgen, aber das ungute Gefühl vor dem Derby blieb, nur angereichert mit fetten Kopfschmerzen.

Gegen 14:30 erreichte ich endlich das Stadion nachdem ich mich auf der Autobahn am blauweißen Autocorso über die A43 erfreuen durfte. Im Tempel sorgte auch das berauschende Rahmenprogramm (Busrennen, wer lässt sich nur immer wieder so einen Mist einfallen?) nicht für die nötige Zerstreuung. Längst kamen zu den Kopfschmerzen leichte Übelkeit. Das mag aber an dem grässlich hässlichen Blau gelegen haben, dass mir von der Nordtribüne auf meine empfindlichen Augen eindrosch.
Um 15:11 Uhr folgte ich einer alten Säuferregel und sorgte mit einem Pils für etwa Erlösung was die Kopfschmerzen anging. Dafür steigerte sich meine Nervosität ins Uferlose. Der Blick auf die frisch kopierte Mannschaftsaufstellung konnte mich auch nicht weiter beruhigen. Die von Trainer Sammer angekündigte sanfte Rotation traf für viele überraschend Thorsten Frings, der nach der Weltmeisterschaft noch seiner Form der letzten Saison etwas hinterherläuft und dem die Pause vor dem schweren Spiel in London am Dienstag sicher ganz gut tun würde. Dafür kehrte endlich Christian Wörns in den Kader zurück, der für die nötige Stabilität in der zuletzt nicht immer sattelfesten Dortmunder Abwehr sorgen sollte.

Klasse die Choreo der Supporters Dortmund vor dem Spiel. Auf einem riesigen schwarzen Transparent (50m breit, 16m hoch) wurde die Stadt Dortmund dargestellt. Ein Superbild auf der Südtribüne. Der gute Support in Bochum ließ auf gute Unterstützung der Dortmunder Mannschaft von der Süd hoffen. Doch die Bewertung der Süd bezüglich der zu entfachenden Stimmung bei diesem Derby ist noch nicht mal ein mangelhaft wert.
Wenn es einen Beweiß benötigt, dass die Süd tot ist, dann sollte die diesmalige Derbystimmung als Beweiß ausreichen. Einfach nur peinlich, mehr fällt dem Beobachter dazu nicht ein. Ausgerechnet die Blauen zeigten im Dortmunder Stadion wie die Unterstützung der eigenen Mannschaft aussehen muss. Doch dazu später noch mehr.

Das Spiel im Zeitraffer

15:30 Uhr: Schiri Fröhlich pfiff das 120. Derby pünktlich an und Borussia legte sofort los wie die Brandmeister. Der BVB wollte wohl von Beginn an zeigen wer der Herr im Hause ist. Meine innere Unruhe legte sich etwas, obwohl ein solch euphorischer Beginn bei unseren Jungs nichts bedeuten musste.

15:34 Uhr: Mir rutscht zum ersten mal das Herz in die Hose als Wörns einen Ball vor dem eigenen Strafraum zu kurz abwehrte und „Sandmann“ Ebbe kurz aber heftig für Unruhe im Dortmunder Abwehrzentrum sorgte.
Der Dortmunder Sturm machte wie in den ersten Spielen der noch jungen Saison keine gute Figur. Für den „Dino“ Koller möchte man das Leder manchmal selbst ins Eckige befördern. Da ackert der Lange wie blöde, aber vor dem Tor verlässt ihn dann regelmäßig das nötige Glück, oder Unvermögen kommt dazu.
15:41 Uhr: Koller verfehlte einen Flankenball von Rosicky und auch Ewerthon schien oft überfordert. Zu leicht verstrickte er sich in unnötige Dribblings und verursachte so häufige Ballverluste in der Spitze.

15:51 Uhr: Zum ersten mal an diesem Tag blieb mir fast die Pumpe stehen. Möllers Eckball segelte über Lehmann hinweg und senkte sich Richtung langer Pfosten. Zum Glück stand Dede goldrichtig und konnte den Ball mit dem Kopf abwehren.

16:04 Uhr: Dortmund erhöhte wieder die Schlagzahl. Doch unser „Dino“ vergab die besten Chancen ein ums andere mal kläglich.

16:12 Uhr: Der Lange trieb mich endgültig in den sicheren Wahnsinn. Ewerthon hatte sich wunderbar durchgetankt und spielte den Ball auf den freien Koller, der das Leder in bester Einschussposition mit einer "Hacke, Spitze, was weiß ich.." Nummer verstolperte. Mit etwas Verzweiflung im Blick nahm ich den Halbzeitpfiff war.


Das Grauen nimmt kein Ende

16:32 Uhr: Schiri Fröhlich pfiff die 2. Hälfte an und zu meinem Entsetzen kamen die Blauen wacher aus den Kabinen. Düstere Wolken der Erinnerungen an das 0:4 zogen bei mir auf.

16:41 Uhr: Varela verpasste mit einem Gewaltschuss nur knapp Lehmanns Gehäuse. Langsam war ich mir sicher, dass das Dingen wieder in die Hose gehen würde.

16:43 Uhr: Mein Torschrei erstickte entsetzt. Rosicky hatte nach einem Foul an Koller der Ball blitzschnell auf Heinrich gespielt, der mit seinem Schuss bereits Rost überwunden hatte. Doch die verdammte Kugel wollte einfach nicht ins Gehäuse der Blauen einlochen. Der BVB blieb am Drücker und erarbeitete sich wieder eine Feldüberlegenheit.  
16:49 Uhr: Fast hätte Evanilson nach toller Flanke von Dede den Führungstreffer geköpft. Lange würde ich das nicht mehr aushalten. Mein Schädel dröhnte vor allem von dem Dauersupport der Herner Fans. Was war nur los im Westfalenstadion. Verkehrte Welt. Die Süd schwieg vor sich hin, bis auf die wenigen Dauersupporter, wie vor allem die Mitglieder von „The Unity“, die sich die Seele aus dem Leib schrien. Alle anderen bewunderte anscheinend das Treiben der Blauen Anhängerschar, die sichtlich Spaß daran fanden, die Dortmunder Fans an die Wand zu singen. Schlimm, wenn die Fans aus Herne West in der eigenen guten Stube mehr Kasalla machen als die eigenen Fans.

16:54 Uhr: Rosicky wurde vor dem Tor der Blauen gefoult. Der anschleißenden Freistoß landete nach Kollers Kopfballvorlage wieder beim kleinen Tschechen, dessen Vollyschuss aber direkt in Rost´s Armen landete.

16:55 Uhr: Eine Auswechslung bei den Blauen, die mich schlimmestes befürchten ließ. Agali kam für Asamoah und für den Nigerianer ist der BVB so etwas wie ein Lieblingsgegner. Meine Sorge sollten sich schneller bestätigen als ich erahnt hatte.  
16:56 Uhr: Nach einem Blackout vom bis dahin starken Metztelder ergatterte sich Agali geschickt den Ball und ging alleine auf Lehmann zu. Eiskalt versenkte der Nigerianer das Leder zur 1:0 Führung der Blauen. Das wars, aus und vorbei, ich war am Boden zerstört. Ich beschloss augenblicklich mir nie wieder ein Derby anzuschauen. Nie wieder, ich schwor!

16:57 Uhr: Keine Minute später zappelte der Ball bereits zum 1:1 im Gehäuse von Frank Rost. Dede hatte den Ball schön auf Evanilson gespielt und dessen Flanke verwandelte Ewerthon mit einem sehenswerten Kopfball gegen zwei blaue Bewacher zum superschnellen Ausgleich. Die Erleichterung bei den BVB Fans war mindestens so groß wie meine eigene. Ok, ich beschloss meine Entscheidung, nie wieder ein Derby zu besuchen, nochmals zu überdenken. Kurz vor Ende des 120. Derbys hatte dann Frings, nachdem er sich schön freigespielt hatte, eine gute Einschussmöglichkeit, doch sein Schuss wurde von Haito abgeblockt.

17:17 Uhr: Schiri Fröhlich beendete die Partie und wir waren wieder ohne Sieg gegen die Blauen.

Fazit: Meine Kopfschmerzen bleiben und so werde ich versuchen diese am heutigen Abend mit Jägermeister zu bekämpfen, damit ich wenigstens den Frust über eine erneute Pleite gegen die Blauen verdauen kann. Der eine Punkt ist zu wenig und so bleibt die Hoffnung auf einen Sieg beim nächste Aufeinandertreffen im Westfalenstadion. Denn die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Bleiben wird auch dieses miese Gefühl vor einem Derby und vermutlich wird es bei mir erst wieder eine richtige Vorfreude auf dieses Spiel geben, wenn wir den Herner Vorortverein mal wieder eine richtige Klatsche verpasst haben.

Stimmen zum Spiel:

Sammer:

Wir hatten uns heute vorgenommen, da wir aus den letzten Spielen ein paar Punkte zu wenig geholt haben, dass Spiel zu gewinnen. Ich war überrascht, wie viele Chancen wir uns erarbeitet haben. Leider sind wir dann durch einen dummen Fehler in Rückstand geraten. In den letzten 10 Minuten haben wir dem hohen Tempo Tribut zollen müssen. Sicher sind es z.Z. zu viele Unentscheiden, aber ich denke es ist wichtig nach einem Rückstand zurückzukommen. Man darf so ein Spiel zum Schluss nicht verlieren.

Daten zum Spiel:

Mannschaftsaufstellung:

Lehmann (3), Evanilson (2), Wörns (2) (43. Madouni (2)), Kehl (3), Heinrich (3), Reuter (3), Koller (4), Rosicky (2) (Frings (-)), Ewerthon (3), Dede (3), Metzelder (3)

Schiedsrichter: Lutz Michael Fröhlich (3)

Gelbe Karten: Ewerthon (10.), Koller (46.), Kehl (87.)

Tore: 0:1 Agali (69.), 1:1 Ewerthon (70.)

Zuschauer: 68.600 (ausverkauft)

Geschrieben von wade