Cottbus oder „Früher war alles besser!“

Was wäre Energie Cottbus bloß ohne solche Figuren wie Präsident Krein und Trainer Eduard Geyer? Der eine droht heimischen und gegnerischen Fans gerne Prügel an, der andere will diese gleich in den Braunkohletagebau schicken. Gemeinsam erinnern sie fast an selige DDR-Zeiten, demnächst schickt Herr Krein missliebige Fans gleich nach Bautzen und wird bei der nächsten Mitgliederversammlung mit Tränen erstickter Stimme „Aber, aber, ich liebe doch alle Menschen!“ ins Mikrophon schluchzen. Aber noch ist es nicht so weit, denn noch reichen bundesweite Stadionverbote für „staatsfeindliche“ Äußerungen in westdeutschen Presseorganen, um sich den Zorn des Vereinsfunktionärs Krein zuzuziehen.


Was war passiert? Nein, dieses mal keine illegalen Gelder hinter der Waschmaschine, keine Prügelorgie des Ordnungsdienstes oder gar ein persönlicher Auftritt des Genossen Krein am Gästeblock, inklusive ordentlicher Pöbelei gegen den Gästeanhang. Es war schlicht die falsche Auffassung von Pressefreiheit im Arbeiter- und Bauernverein Energie Cottbus.

Danilo H., Mitglied beim Energie-Fanclub „Hans Meiser Team“, hatte die Rechnung ohne Genosse Krein und Konsorten gemacht. Im Sommer dieses Jahres verfasste er einen Artikel für die bundesweit erscheinende Fanzeitung „Match Live“. Dort beschrieb er aus seiner Sicht die Vorkommnisse vor, während und nach dem Spiel Energie Cottbus – Hertha BSC Berlin.

Genosse Krein wurde anschließend von den Vereinssicherheitskräften informiert. Ein Vereinsschädling hatte es gewagt, seine Entscheidungen zu kritisieren! Es musste etwas passieren. Gottlob gibt es in Deutschland ja die Möglichkeit, einem Straftäter bundesweit Stadionverbot zu erteilen. Klasse, dieses System unserer freiheitlichen Grundordnung. Danilo H. wurde also für „vereinsschädigendes Verhalten“ mit einem 2-jährigen bundesweiten Stadionverbot bestraft. Ein absoluter Lacher, wenn man bedenkt, dass dieses Stadionverbot eigentlich für Straftaten gedacht ist und Mißbrauch dort laut Polizei, DFB und DFL ja auszuschließen wäre. Vielen Dank für den Gegenbeweis, Herr Krein. Gottlob sitzen bei Borussia keine solchen Figuren, sonst hätte es uns für den einen oder anderen Artikel auch schon erwischen können. Vielleicht spielt ihm ja jemand diesen Artikel zu, und ich finde mich in der neuen Kartei „Kritiker Sport“, die die bisherige „Gewalttäter Sport“ ergänzen soll, wieder.

Danilo H. wurde nun ebenfalls vorgeworfen, Mitglied der inzwischen verbotenen Ultra-Gruppe „Inferno Cottbus“ zu sein.

Zur Erklärung hier ein Zitat aus Danilos „Match-Live“-Bericht:

Die Lokalderbys waren bisher stets von hoher pyrotechnischer Brisanz. An diesem Dienstagabend erreichte das Duell seinen Höhepunkt. Das Spiel stand kurz vor dem Abbruch. Das Intro boten erwartungsgemäß die Hertha-Fans. Neben jeder Menge Rauchwolken flogen Leuchtspurgeschosse und Bengalos in Richtung Spielfeld und in die angrenzenden Blöcke. Die Lausitzer Hitzköpfe antworteten ebenfalls mit lebensgefährlichen Bengalo-Würfen in den Hertha-Block. Der Spielanpfiff verzögerte sich erwartungsgemäß. Nach nur wenigen Minuten war jedoch wieder Schluß mit Fußball. In der Cottbuser Nordkurve wurde ein Silvesterfeuerwerk der schlechteren Art gezündet. Nach einer meterhohen Stichflamme loderte es im Block, Bengalos leuchteten, Rauchschwaden zogen gen Himmel und, dank des Windes, aus dem Stadion. Einige Geschosse landeten auf dem Spielfeld gefährlich nah neben den eigenen (!) Spielern. Das Spiel wurde trotzdem fortgesetzt und fand mit dem FC Energie auch einen Sieger. Doch über den Erfolg konnte sich keiner der Verantwortlichen freuen. Entsprechend wurde kräftig ausgeholt. Energie-Präsident Krein, bekannt für verbale Peinlichkeiten, machte in den Medien aus seinem Demokratieverständnis keinen Hehl. "Am liebsten hätte ich diese Rotznasen selbst rausgeprügelt." wurde er in den Medien zitiert. Der Chefreporter der regionalen Tageszeitung forderte in seiner ganzen Inkompetenz: "So genannte "Ultras", egal, ob sie nun aus Cottbus, Berlin, Rostock oder Hamburg kommen, müssen konsequent aus dem Stadion verbannt werden." Gesagt, getan. Medienwirksam sprach der FC Energie gegen die Mitglieder des "Inferno Cottbus" ein Hausverbot aus. Damit konnte der Öffentlichkeit und vor allem dem DFB schnelles und hartes Handeln demonstriert werden. Keinen einzigen Beweis konnte man bis zum heutigen Tage jedoch hierfür präsentieren. Doch so einfach war die Sache dann doch nicht. Ein ebenfalls verbotener Fanclub drohte mit rechtlichen Schritten und wurde daraufhin freigesprochen.

Keine Frage, das Verhalten der Energie- & Hertha-Fans war scheiße, und es hat ihrer Gruppe nicht gerade viel Positives eingebracht. Doch sind pauschale Verbote einer gesamten Gruppierung, deren Täterschaft bis heute nicht zweifelsfrei bewiesen ist, das Allheilmittel? Für Staatsratsvorsitzenden Präsident Krein sind Verbote und harte Strafen zumindest die einzige Waffe, die er kennt. Dass ihm von Fanseite seit langem vorgeworfen wird, sich nicht mit den Fans auseinanderzusetzen oder das Gespräch zu suchen, ficht ihn nicht an. Warum vorher mit Fans reden, wenn man im Falle eines Falles die „Rotzlöffel“ auch eigenhändig aus dem Block prügeln kann?

Es ist viel Porzellan zerbrochen worden in Cottbus, ob dieser Riss zwischen Anhängern auf der einen und Vorstand auf der anderen Seite jemals wieder gekittet werden kann, ist sicherlich fraglich.

Danilo H. versuchte nun, eine einstweilige Verfügung gegen das Stadionverbot zu erwirken, die er auch am 2. September bekam. Dabei half ihm sicherlich auch ein Schreiben des Match-Live-Herausgebers. Verein und Danilo H. kommunizieren jedoch nur noch per Anwalt miteinander, und der Verein erzwang auch noch eine Hauptverhandlung vor Gericht.

Während dieser Verhandlung kam es laut Augenzeugenberichten zu einer interessanten Äußerung des Energie-Anwaltes: Als Danilo H. der Richterin erklärte, nicht Mitglied beim „Inferno Cottbus", sondern lediglich beim „Hans Meiser Team" zu sein, brachte der Anwalt direkt ein „Die werden demnächst auch verboten!" hervor. Vielleicht sollten Herr Krein und seine ewig gestrigen Mitarbeiter einen kubanischen Verein übernehmen, dort ist solcher Führungsstil sicher noch en Vogue. Mit lästiger Demokratie oder gar Meinungsfreiheit muss man sich da auch nicht abgeben. Traurig bleibt in diesem Zusammenhang, dass niemand bei DFL, DFB oder anderen Stellen das Stadionverbot stoppte oder gar wieder aufhob. Solche Methoden lassen durchaus die Vermutung aufkommen, dass hier und da einiges nicht mit rechten Dingen zugeht.

Dass die Unschuldsvermutung für Fußballfans nicht gilt und daher immer wieder Stadionverbote verhängt werden, ist ja leider hinlänglich bekannt. Aber dass man nun selbst für vermeintlich „vereinsschädigendes“ Verhalten ein bundesweites Stadionverbot kassieren kann, ohne die Aufmerksamkeit der Medien, der Staatsanwaltschaft oder sonstigen Hütern der Demokratie zu erregen, lässt mich schon nachdenklich zurück. Sollten wir nicht alle stolz sein auf unsere freiheitliche Grundordnung? Auf Meinungs- und Pressefreiheit? Bringt man auf diesem Wege jungen Menschen Demokratieverständnis bei?

Für Danilo wird diese Schmierenkomödie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. Er schreibt seit Jahren für das Fanzine „Mach den Stier" und beschäftigt sich daher seit langem mit der Fanszene seines Vereins. Als Mitglied im „Hans Meiser Team“ hat er auch einiges zur guten Verständigung mit anderen Fanszenen getan, indem man etwa an Fanclub-Turnieren teilnahm. Er liebt seinen Verein und hat ihm ein großes Stück seines Lebens gewidmet. Doch das ist bekanntlich ohne Belang. Im Staate Krein wünscht man keine Kritik und führt keine Gespräche mit dem Pöbel auf der Tribüne.

Inzwischen erfährt Danilo H. bundesweit Sympathie unter den Fans. Auch die Innenministerien von NRW und Brandenburg interessieren sich angeblich für diesen Vorgang, und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte hat sich ebenfalls eingemischt.

Hier kannst du noch einmal den Original-Artikel aus Match-Live Nr. 56 und das Schreiben der BAG der Fanprojekte lesen.

Für uns ist klar, dass wir diese Sache nicht nur ansprechen mussten, sondern uns für Danilo einsetzen wollen, auch wenn er uns nicht persönlich bekannt ist. Wir beteiligen uns daher an der Unterschriftensammlung von hansafans.de.Wenn auch Du der Meinung bist, dass die Reaktion von Energie Cottbus eine Ungeheuerlichkeit ist, dann beteilige Dich bitte an der Unterschriftensammlung.

Geschrieben von Jens