Ein verrückter Tag

Der BVB hatte bei der Auslosung mal wieder das große Los gezogen: ein Oberligist. Da kann man im Grunde genommen nur blöde aussehen. Und so hofften wir alle auf Besserung und keine Blamage wie in Wolfsburg. "Gemeinsam in die nächste Runde" war das Motto!


So machten sich Jockel, der leidgeplagte Fahrer, Simon, Christian und ich uns morgens gegen 9 Uhr auf den beschwerlichen Weg gen Norden. Der berüchtigte Friesenspieß (die A31) lud zum heizen ein und wir erreichten nach knapp 3h Irrhove.

In Ihrhove ankommend, stellten wir fest, daß die bereits anwesenden BVB-Fans der verschiedensten Richtungen und Fanclubs schon recht aufgeheizt waren. Was war passiert? In der Mittagszeit hatte der achso lustige NDR-Reporter ein paar BVB-Fans auf die Bühne gebeten, wo dann spontan eine Humba probiert wurde. Leider war der Mensch vom NDR nicht sonderlich clever und brüllte nach dem standart "Scheiß S04" selbst "Scheiß BVB!" in sein Mikrofon. Das führte dazu, daß Flaschen, Dosen, Becher geworfen wurden. Dummerweise hatte niemand bedacht, daß man damit auch Leute verletzen kann und so blutete die Humba-Anstimmerin auf der Bühne wegen eines Treffers im Gesicht. Herzlichen Glückwunsch für diese Glanzleistung. Gottseidank machte sie die Humba einfach weiter, so daß sich die Gemüter schnell beruhigten. Der Reporter hatte seinen Fehler eingesehen und verschwand dann schnell von der Bühne. Erschreckend dabei, daß beim NDR offenbar nur solche Leute herumzulaufen scheinen, denn bereits vor einiger Zeit im Hamburger Volksparkstadion hatte ein Angestellter dieses Senders für aufgeheizte Stimmung gesorgt und die HSV-Fans gegen Jens Lehmann und den BVB aufgewiegelt. So verwundert auch die Frage eines Fans nicht, ob Dummheit möglicherweise Einstellungskriterium beim Norddeutschen Rundfunk sei

Lustiges zum Thema "Neue deutsche Fankultur!" gab es auch in Ihrhove zu bestaunen. Es spielt also der BVB bei Concordia Ihrhove und lustigerweise verkleiden sich dann viele Leute als S04-Fans, Paulianer, Leverkusener und Bremer (deren Amateure zeitgleich nur wenige Kilometer entfernt in Bremen gegen Bayern spielten, echte Fans eben). Gerade die erstgenannten stoßen natürlich nicht auf sonderlich viel Gegenliebe bei vielen BVB-Fans und so kam es leider zu einigen unschönen Szenen. Ich verstehe die Leute nicht, warum sie so dumm sind, bei einem BVB-Spiel so aufzulaufen!? Glauben die Leute den Medienhype vom "Ruhrpott" inzwischen und denken, daß wir uns gegenseitig alle total knuffig finden? Nun, noch immer kein Grund für die teilweise "merkwürdigen" Szenen, die sich dort abspielten.

Andererseits muß man sich auch seitens des Veranstalters und der Polizei nicht wundern. Auf dem großen Hauptplatz war überhaupt keine Polizei anwesend und dort kam es dann leider immer wieder zu Reibereien zwischen BVBlern und verkleideten Schlackern. Darüberhinaus ist es schon ein starkes Stück, wenn in einem Stadion mit 14.000 Besuchern noch Weinbrand und Korn ausgeschenkt wird und gleichzeitig 10jährigen Kindern ihre kreuzgefährliche kleine Fahne abgenommen wird. Die 10jährigen Fußballgewalttäter brachen dann in Tränen aus, aber das schreckt einen richtig krassen Ordner nicht ab. Auf meine Frage nach seinem Namen bekam ich nur zur Antwort: "Mein Name geht Dich nichts an! Du fliegst gleich raus, wenn Du hier weiter rumstehst!" Aktion und Reaktion oder einfach die übliche Dummheit am Eingangstor?

Es ist halt immer dasselbe, der "große" BVB kommt und viele fühlen sich berufen, uns zu zeigen, wie schlecht sie unseren Verein finden. Das fängt bei Pöbeleien an und endete dann auch gestern hier und da in nonverbalen Auseinandersetzungen. Einen Alleinschuldigen fest zu machen, fällt mir schwer, da sich keine Seite sonderlich zurückhielt. Angefangen bei dem Dummkopf vom NDR, den man fast als Auslöser für die spätere Eskalation ansehen muß. Weiter über Schalker, denen nicht besseres einfiel, als mit ihrer Fahne zu wedeln und ebenfalls "Scheiß BVB!" zu skandieren. Das der anwesende Dorfmob im Stadion dann noch mit Flaschen (!!) auf BVB-Fans warf, sollte ebenso nicht unerwähnt bleiben. Und das es dafür immer 2 Seiten gibt, war auch auf Dortmunder Seite gestern ein erhöhtes Agressionspotential festzustellen. Die Krönung war dann noch ein Ordner von Concordia Ihrhove, der einem an der Bande stehenden 15jährigen BVB-Fan mit der Faust ins Gesicht schlug, nachdem dieser zu ihm sagt: "Geh weg!". Wie gesagt, hauptsache, es gab Korn und Weinbrand im Stadion........

Soviel zum wirklich unerfreulichen Teil des Tages.
Das Stadion war durch die Zusatztribünen auf 14.000er Fassungsvermögen aufgestockt worden und machte auch dadurch einen recht netten Eindruck. Die Stimmung im Stadion war durch sinnlose Tröten jedoch vollkommen versaut. Im späteren Bericht des Aktuellen Sportstudios waren diese Dinger auch als einziges zu vernehmen, grausam. Wer denkt sich diesen Mist eigentlich aus und glaubt, daß trüge zur Stimmungsverbesserung bei? Ich fühle mich dann immer an Länderspiele in der Ukraine erinnert, bei denen man am TV nichts anderes hört als ein paar dämliche Tröten.

Der BVB begann mit der bestmöglichen Aufstellung, allerdings vertrat Roman Weidenfeller Stammtorwart Jens Lehmann. Der BVB mühte sich mit der defensiven Spielweise der Gastgeber mehr schlecht als recht ab und so ergaben sich anfangs keine nennenswerten Torchancen. Einzig der Distanzschuß des Oberligisten und die klasse Abwehr von Roman Weidenfeller sorgten für echt Aufregung (11. Minute). Die Stimmung bei den mitgereisten Dortmundern war dagegen prächtig und so wurde wirklich 90 Minuten durchgesungen. Dabei hatte "Rambo" einen neuen Song von seinem Rom-Aufenthalt mitgebracht, der sich später großer Beliebtheit erfreute.

Nachdem die erste Halbzeit arm an Höhepunkten war, spielte der BVB in der zweiten Hälfte endlich Fußball. Doch Torhüter Jens Jaschob vereitelt einige gute Möglichkeiten. So war es dann auch nur noch eine Frage der Zeit, wann endlich das 1:0 fällt. Der eingewechselte Addo setzte sich durch, sein Schuß kann von Jaschob nur kurz abgeblock werden und ausgerechnet Jörg Heinrich, der früher beim Rivalen Kickers Emden seine Fußballschuhe schnürte, netzte zum 0:1 ein (57. Minute). Das 2:0 erzielte Jan Koller, der bis dahin viel zu umständlich agierte, nach guter Vorarbeit von Ewerthon (82. Minute). Ein echtes Schmankerl war dann das 3:0: Otto Addo lupfte den Ball nach feinem Zuspiel von Jan Koller ins Tor (83. Minute).

Im und vor allem vor dem Dortmunder Fanblock ging nun die Party ab und so startete man eine friedliche Polonaise am Spielfeldrand. Die Polizei gesellte sich dann dazu und wollte den befürchteten Platzsturm verhindern. Bei Schlußpfiff rannten nun aus allen Bereichen die Leute auf den Platz, nur vor dem Dortmunder Block stand noch die Polizei. Die Beamten sahen sich dann schnell verwirrt um und ließen die Fans gewähren, das war ihnen dann wohl doch zu albern. Die Mannschaft hatte sich schnell vom Platz gerettet und so konnte man die Sensation feiern: der BVB ist in der 2. Runde! Wie sagte Matthias Sammer nach dem Spiel: "Wir haben verdient, aber ohne zu glänzen, gewonnen. Weil wir unsere Chancen schlecht verwertet haben, haben wir uns das Leben selbst ein bisschen schwer gemacht. Insgesamt hat die Mannschaft aber ihre Linie durchgezogen."

Das echte Highlight war dann jedoch die Rückfahrt. Während wir auf dem Parkplatz am Stadion noch etwas warten wollten, verabschiedete sich Michael Zorc noch freundlichst von uns und irgendwann kam auch der Mannschaftsbus vorbei. Schließlich entschieden wir uns dann auch, endlich nach Hause zu fahren. Wir ertrugen dann auch noch diverse "Scheiß BVB!"-Rufe friedfertig. Simon stellte unterwegs immer wieder begeistert fest, daß es hier oben einfach herrlich sei, überall Bäume und hier und da ein Haus. Für uns Ruhries etwas völlig undenkbares.

Die obligatorische Pause beim goldenen M nach unterhaltsamer Überlandfahrt durfte auch nicht fehlen. Dort wurden wir "scheiß Dortmunder" erneut nett empfangen und ein weiblicher FC Bayern-Fan entledigte sich später noch ihres Hamburgers auf Jockels Auto. Während unsere 3 Autobesatzungen die reichhaltige Nahrung zu sich nahmen, kamen plötzlich einige junge Männer in Trainingsanzügen hinein, um ihren täglichen Vitamingebrauch zu decken. Die BVB-Mannschaft bei McDonalds und gegenüber bei Burger-King! Das Geheimnis ihres Erfolges?

Natürlich konnten wir unsere Neugier nicht besiegen und schlenderten rüber zum Mannschaftsbus, der vor dem örtlichen BurgerKing parkte. Draußen standen Christoph Metzelder und Sebastian Kehl, die sich gewohnt offen und nett zeigten und auch mal ein paar Worte für uns übrig hatten. Beide zeigten sich übrigens erstaunt, daß wir noch nichts über die Sportlernahrung von Burger King und Mc Donalds gewußt hatten. Sammer rief zur Weiterfahrt, doch ein Familienvater wollte die Gunst der Stunde nutzen und stieg einfach mal mitsamt seiner Kinder in den Bus. Etwas dreist, oder?

Alles in allem - trotz der nicht immer netten Atmosphäre - war es eine geile Tour.

Geschrieben von Jens