Atlanta - Berlin und zurück

Atlanta - Berlin und zurückDas Pokalendspiel 1989, welches ich damals mit meinem Vater vor dem Fernseher verfolgt habe, war das erste Fussballspiel, welches ich über komplette 90 Minuten gesehen habe. Seitdem bin ich BVB Fan und meine Leidenschaft für unseren Verein ist jedes Jahr gewachsen. Nach dem Stadionausbau Ende der 90er hatte ich dann auch endlich eine Dauerkarte und selbst mein Studium in Worms konnte mich nicht davon abhalten, jedes zweite Wochenende 600 km zu den Heimspielen zurückzulegen. Von diversen Auswärtsspielen ganz abgesehen.

Erst als ich vor rund eineinhalb Jahren in die USA ausgewandert bin, musste ich meine regelmäßigen Stadionbesuche leider beenden. Es ist schon unglaublich, wie sehr einem der Fussball und diese schwarzgelben Fans doch fehlen können. Und dann ging im vergangenen Sommer die Pokalreise des BVB los. Wie gewohnt schoss man sich souverän von Runde zu Runde (ACHTUNG: Sarkasmus) und spätestens seit dem Viertelfinale bekam ich diesen Gedanken nicht mehr aus meinem Hinterkopf: Wenn sich der BVB für das Finale qualifiziert, dann bin ich dabei. Wie einige von Euch vielleicht wissen, der BVB hat sich qualifiziert.

Anschliessend hat sich dann mein Vater drei Wochen lang um Tickets bemüht und ich habe meine Reise geplant. Meinen Urlaub musste ich so kurz wie möglich halten, da man hier drüben nur 10 Tage im Jahr hat. So kam es dann, dass ich am Donnerstag um 14 Uhr zu Hause aufbrach, nachdem ich vormittags noch im Dortmund Trikot im Büro gesessen habe. Von fragenden Blicken der Fussball-ignoranten Amis begleitet fuhr ich mit dem Zug zum Flughafen in Atlanta. Frisch gestärkt mit diversen Fastfood Burgern im Bauch ging es dann zunächst nach Memphis, Tennessee. Dort wartete eine KLM-Maschine nach Amsterdam. Hier hafteten dann weniger fragende Blicke auf mir, da man als Holländer doch weiß, was im Fussball passiert. Dafür wurden die Blicke zu diesem Zeitpunkt dann etwas ungläubiger: fliegt der Idiot etwa nur für ein Fussballspiel nach Deutschland? Wie dem auch sei, im Flugzeug angekommen befiel mich plötzlich ein sehr gutes Gefühl für das kommende Finale. Warum? Ganz einfach, der Zufall wollte es, dass ein Hardcore Celtic Glasgow Fan im grünweißen Trikot neben mir saß. Celtic ist seit den 90ern meine zweite grosse Liebe und ich musste das einfach als gutes Omen sehen. Wie sich herausstellte, war Greg (der Schotte) nicht nur Dauerkarteninhaber bei Celtic sonder auch ein wandelndes Fussball-Lexikon. Wir fachsimpelten also neun Stunden lang und schwelgten in Erinnerungen. Ach ja, wen es interessiert: Scott Booth ist inzwischen Fernsehkommentator beim schottischen Fernsehen. Soviel zur Rubrik "Ex-Borussen und was aus ihnen geworden ist."

Am S-BahnhofAngekommen in Amsterdam hatte ich dann 7 Stunden zu überbrücken. Wieder einmal musste eine bekannte Fastfood-Kette als temporäre Unterkunft herhalten und ich verbrachte die Zeit damit, die ARD -Tatorte der letzten zwei Monate auf meinem iPod zu schauen. So verging dann auch diese Zeit und um 18 Uhr ging es in den Flieger nach Berlin. Keine ungläubigen Blicke mehr, denn BVB Fans in Holland, sowas soll es ja geben. Mein Vater wartete schon am Flughafen auf mich und nach einer kurzen Autofahrt war meine Anreise nach insgesamt 25 Stunden beendet. Der große Finaltag konnte kommen...

0:5 gegen Bayern, 1:3 gegen Hannover, sowieso eine grottenschlechte Saison. Man konnte überall lesen, wie langweilig dieses Finale doch werden würde und wenn dann seitens Dortmund vom Boxer, der am Boden liegt und wieder aufsteht gesprochen wird....Hilfe! Von allen Seiten wurde der BVB also schlechtgemacht (diverse Fanforen und Websites eingeschlossen) und man musste fast mit Tränen in den Augen Richtung Berlin fahren. So habe ich mich wenigstens im Vorfeld des Spiels gefühlt. Wisst Ihr, was der ansonsten so einfältige Ami da sagen würde? Boohoo! Was soviel heisst wie: Heult doch! Wie verwöhnt muss man als Fussballfan eigentlich sein, um auf einer Mannschaft rumzuhacken, die sich fürs POKALFINALE qualifiziert hat? Muss der BVB erst drei Spiele in Folge gewinnen, am besten noch jeweils zweistellig, damit man sich auf ein Finale freuen darf? So eine S..... Ich jedenfalls bin am Samstag mit einem Lächeln aufgewacht und konnte es kaum erwarten, zur Gedächtniskirche zu kommen. Nach 19 Jahren wieder in Berlin, was will man denn mehr??!

Mein Vater lebt in Berlin und kennt sich gut aus. So kam er dann auch auf die Idee, in der Nähe des Stadions in einer recht versteckten Straße zu parken, um abends gut wegzukommen.....entweder Richtung Feier oder Richtung Bett. Gesagt, getan. Vom Stadion aus ging es zur Gedächtniskirche und was uns dort erwartet hat, war einfach nur der helle Wahnsinn. Ein schwarzgelbes Meer von Menschen, überall wurde gesungen und gelacht. Bier soll es auch gegeben haben und die nicht so fußballbegeisterten Touristen wollten ihren Augen garnicht trauen. Apropos nicht so fussballbegeisterte Touristen: Bayern-Fans gab es in Berlin auch....ein paar. Sie kamen meist in Grüppchen von vier oder fünf und ihnen wurde ganz blass um die Nase, als sie so viele echte Fussballfans sahen. Tja, einige sind bestimmt ins Grübeln gekommen, ob Fussball vielleicht doch mehr als eine Ansammlung von Titeln ist. Mein Vater und ich jedenfalls haben uns mit vielen alten Bekannten aus der Fanszene getroffen. Es war toll, mit ihnen gemeinsam zu feiern und selbst aus der Familie waren noch zwei weitere Vertreter in Berlin. Das ist er halt, der BVB.

Mit einem kurzen Zwischenstop am Brandenburger Tor und der dortigen Kommerz-Fanmeile, wo man sich wahrscheinlich in den Allerwertesten gebissen hat, weil dort nur die 27 Bayernfans und wenige Dortmunder verweilten, ging es gegen 16:30 Uhr Richtung Stadion. Das Gefühl, mit seiner Karte das Stadiongelände zu betreten und nun wirklich Teil des Finals zu sein, war einfach unbeschreiblich. Es herrschte eine tolle, friedliche Atmosphäre und zu meiner Überraschung hatter der DFB einen guten Job in Sachen Dekoration gemacht. Die riesigen Banner und Fahnen verbreiteten echte Endspielatmosphäre und das gewatlige Stadion tat natürlich sein Übriges. Meine Panik, die erste Hälfte des Frauenendspiels zu verpassen, hielt sich dann auch in Grenzen und wir ließen uns Zeit vor dem Stadion. Zur zweiten Halbzeit waren wir dann auf unseren Plätzen im Block 23.2. Frauenfinale? War bald vorbei und die HUMBA der Frankfurterinnen mit den BVB Fans war super. Ich finde einfach keine Worte für diese schwarzgelben Fans. So viel positive, freundliche Stimmung. Das muss für die Frauen traumhaft gewesen sein. Ansonsten spielen sie ja vor ein paar hundert Zuschauern.

So langsam stieg dann auch das Adrenalin in mir auf. Noch weniger als zwei Stunden bis zum Anpfiff. Über das Spielfeld huschten irgendwelche Männchen, die die Frauen WM (EM?) bewarben. Egal, wann gehts endlich los? Meine Sitznachbarn gesellten sich zu uns. Zwei super Kerle aus Paderborn, mit denen schnell das erste Bier getrunken wurde. Auf diesem Wege herzliche Grüße an Thomas und Stefan. Nach einer (Gott sei Dank) kurzen Eröffnungsfeier ging es dann endlich los. Warum allerdings nur die deutsche Nationalhymne gespielt wurde und die Bayern ihre nicht nicht singen durften, weiss ich nicht. Da muss sich der DFB eine gewisse Ausländerfeindlichkeit vorwerfen lassen. Bayern sind schliesslich auch Menschen und haben Gefühle. So hört man zumindest.

Zum Spiel selber wurde schon soviel geschrieben....das spar ich mir jetzt Mal. Nur soviel: armes Bayern. So schlechte Fans hat keine Mannschaft verdient. Und: glückliches Dortmund. Bessere Fans kann man sich nicht vorstellen. Die gesamte BVB Kurve hat 120 Minuten gestanden und gesungen. Eine Minute Stille nach den Toren, dann ging es wieder unermüdlich weiter. Absoluter Wahnsinn, ich bin stolz, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Nach dem Spiel sind wir noch lange genug geblieben, um den grottenschlechten Schiedsrichter auszupfeifen. Die Pokalübergabe an die Roten habe wir uns gespart......wie übrigens auch viele Bayernfans. Es war schon unglaublich, wie viele von denen bereits vor dem Stadion auf dem Heimweg waren, während drinnen der Pokal übergeben wurde. Wir haben dann auch noch kurz überlegt, in die Stadt zu fahren und mit den Dortmundern ein gutes Spiel zu feiern. Da ich aber schon um vier morgens am Flughafen sein musste, haben wir uns das geschenkt.

Mein Rückflug startete also um vier. Mit Stop in Amsterdam ging es nach Atlanta, wo ich um 16 Uhr Ortszeit ankam. Insgesamt 42 Stunden reisen für 32 Stunden Aufenthalt mit drei Stunden Fussball in Berlin. Was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt! Es war absolut unvergesslich, diesen Tag mit meinem Vater und dem BVB zu haben. Und ich würde schon heute wieder aufbrechen, wenn es ginge. Der BVB ist einfach absoluter Wahnsinn. Fragt mal einen Bayernfan, warum er stolz auf seinen Verein ist. Er wird garantiert anfangen mit: 75 Meisterschaftn, 120 Pokalsiege, 93 Europapokalsiege (für die Korrektheit dieser Zahlen übernehme ich keine Garantie), erfolgreichster Verein Deutschlands, reichster Verein Deutschlands, jedes Jahr international dabei......blah, blah, blah. Frag dann mal einen BVB Fan, warum er stolz auf seinen Verein ist. Er wird sagen: es ist die Tradition, die Leidenschaft. Mein Vater war schon Fan und ich bin es jetzt auch. Ich bin einfach stolz auf diese Fans, diese Gemeinschaft, diese bedingungslose Unterstützung und Liebe zum Verein. Natürlich gepaart mit Unmutsäusserungen, wenn es einfach mal zu viel wird. Man ist ja schliesslich kein willenloser Lemming. Ich jedenfalls war nie stolzer, ein Borusse zu sein, als am 19.04.08 in Berlin. Selbst in der Niederlage waren wir noch lauter als die Bayern und dass es keine Gerechtigkeit im Fussball gibt, dafür kann der BVB ja auch nichts. Ich werde diesen Tag jedenfalls nie vergessen.

Zum Abschluss noch ein ganz, ganz dickes Dankeschön an die BVB Fanbetreuung, namentlich Frau Stüker, ohne deren Hilfe meine Reise sehr viel komplizierter geworden wäre. Außerdem noch schöne Grüße an Cousin Ralf, seine Frau Sandra und an Marcus: Schade, dass wir doch keinen Pokalsieg feiern konnten!

 

Stefan Siemann, 22.04.2008