Warum bin ich eigentlich Borusse?
Zugegeben, eine sehr ketzerische Frage. Aber ich mußte mir diese Frage in den letzten Wochen einige Mal "anhören", nachdem mein Bericht über die JHV online gegangen war. Eigentlich hatte ich ihn , zumindest meiner Meinung, nach gar nicht sonderlich kritisch geschrieben, trotzdem erhielt ich e-mails mit teilweise abstrusem Inhalt und Beleidigungen (einige sind schon älter und datieren noch von einem früheren Text): "Und Du willst Borusse sein?", "Geh doch nach Hause, Erfolgsfan!", "Ich kapiere es einfach nicht. Warum immer so negativ. ich habe wirklich den Eindruck Du willst einfach nur das Negative sehen. Warum überhaupt Borusse sein, wenn man immer wieder nur nörgelt und kritisiert?"Also stelle ich mich dem Auftrag der Leser und frage mich: Warum bin ich Borusse? Tja, warum eigentlich? Bin ich Borusse wegen der Erfolge der 90er Jahre? Bin ich Borusse wegen des tollen Stadions? Bin ich Borusse wegen unseres eloquenten Präsidenten? Bin ich Borusse, weil ich in der direkten Nachbarschaft zu Dortmund aufgewachsen bin?
Für mich - und sicher auch für viele andere - ist Borussia mehr, als die Erfolge der 90er Jahre. Vielleicht hilft es ja, einmal Nick Hornby zu zitieren: "Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden . . ."
Ich denke, daß es dieser bereits tausendfach - und jedesmal zu Recht - zitierte Satz wirklich gut trifft. Mein erstes "echtes" Spiel auf der Südtribüne war - anders als bei Hornby - ein wichtiger Sieg. Es war das 2:0 gegen den VfB Stuttgart im DFB-Pokal-Halbfinale, zuvor hatte ich nie auf der Südtribüne gestanden. Als Kind war ich öfter mit meinem Vater im Stadion, dann aber immer nur auf einem Sitzplatz. Und nun kam es, daß ich an meinem 17. Geburtstag dieses Spiel erleben durfte; diese Stimmung, das hat mich fasziniert, wie viele andere vor mir und noch mehr nach mir. Bis dahin hätte ich mich nie als echten, fanatischen Fan bezeichnet, dieses Spiel änderte jedoch alles. Ich erinnere mich noch dunkel an die Relegationsspiele, die ich als damals 14jähriger jedoch nicht live miterleben durfte/konnte. Eine Sache, die mich noch heute fuchst. Ein UEFA-Cupspiel gegen Mostar auf der Tribüne, 2-3 Derbys und ein paar Spiele gegen die Seppels, das war meine Karriere als stiller Beobachter des BVB.
Doch dieses Spiel hat alles, hat mich (und das ist nicht übertrieben) verändert. Seither gibt es nicht viel für mich außerhalb des Fußballs. Manch einer mag das als krank oder übertrieben bezeichnen, für mich ist es in den vielen Jahren als BVB-Fan Normalität geworden. Neulich hat ein Anhänger des FCB in einer Newsgroup etwas bemerkenswertes geschrieben: "Du tust mir fast leid mit Deiner Aktion. Es ist wohl besser, sein Herzblut nicht in einen Fussballprofiklub zu stecken oder in irgendeinen Job, sondern sich eine Familie aufzubauen und dort seine Emotionen zu investieren." Scheinbar kommt es für manch einen, der kein Fan ist, so an, als habe man neben dem Fußball nichts anderes. Ich kann den Leser und den übereifrigen Seppel beruhigen: ich lebe seit mehr als 2,5 Jahren mit meiner Freundin unweit des Westfalenstadions zusammen. Das wir uns im Sonderzug zum Championleague-Endspiel 1997 kennen gelernt haben, ist mehr als nur eine Randnotiz.
Im übrigen bin ich wohl lange nicht so "verrückt" wie viele andere von Euch, die zu wirklich jedem Spiel fahren (die sogenannten "Immerdas"). Es ist nur immer wieder erstaunlich zu bemerken, wie man als Fußballfan auf andere Leute wirkt. Sind wir denn alle verrückt? Haben wir nichts besseres zu tun, als jedes Heimspiel zu sehen und nach Möglichkeit eine Menge Auswärtsspiele? Die Frage kann wohl nur jeder von uns für sich selbst beantworten. Für die einen ist man nicht "verrückt" genug, weil man nicht jedes Spiel mitnimmt, für die anderen ist es schlichtweg bescheuert, mal eben nach Stuttgart zu düsen, um ein Spiel zu gucken, was vielleicht verloren gehen könnte.
Womit wir auch bei der wichtigen Frage sind: ist der Sieg denn so wichtig? Ist es alles, wonach wir streben? 34 Siege? Tief im Innern sehnen wir uns nach einer Klatsche, nach dem Leid, in das wir uns dann auflösen können. Was ist es doch schön, sein Leid über eine Niederlage, einen nicht gegebenen Foulelfmeter oder eine Schwalbe mit anderen Gleichgesinnten zu teilen. Wo haben wir diese Gelegenheit sonst, als beim Fußball? Aber auch hier gilt Hornby Satz: "Das Leben schlägt den Fußball, wenn es um Trauer geht; selbst für uns ist eine Niederlage nicht so schlimm wie ein Todesfall. Aber der Fußball schlägt das Leben, wenn es um Glück geht." Womit wir doch wieder bei den Siegen angekommen sind. Sind sie am Ende nicht doch das Salz in der Suppe? Natürlich sind sie das, das wird niemals jemand ernsthaft abstreiten können. Niemand verliert gerne, aber verlieren gehört dazu. Siege bleiben aber das schönste Erlebnis.
Was habe ich geheult wie ein Schloßhund, als wir 1995 doch noch deutscher Meister wurden. Scheißegal, daß uns die Sch*lk*r und Seppels dazu verholfen hatten, kein Gedanke mehr an die entscheidende Möller-Schwalbe. Wichtig war nur noch der Sieg, der Titel. Im Jahr darauf feierten wir - ausgerechnet in München - die zweite Meisterschaft. Und dann der erste internationale Titel 1997 ebenfalls in München, was für ein Erlebnis. Die Freude über die beiden Treffer, das Zittern nach dem Anschlußtreffer, die Erleichterung nach Rickens 3:1.Jeder der live vor Ort war oder das Spiel woanders erleben mußte/durfte, wird das nie vergessen. Genausowenig, wie ich 1989 - "meinen ersten Titel" - jemals aus der Erinnerung streichen werde: Den Frust über das 1:1 durch Riedle, die unsagbare Freude über die Tore von Dickel, Mill und Lusch zum 4:1 Sieg wich. Die 40.000 Dortmunder, die Berlin schwatzgelb färbten.
Aber eben auch Spiele, wie das 1:0 in Duisburg 1992, das am Ende (dank unfähiger Frankfurter und lustloser Leprakuchener - am Ende hätten sicherlich viele von uns lieber die Eintracht vorne gesehen, als den VfB) nicht zur Meisterschaft reichte.
BVB-News
20.05.12
Interview zur Wechselausstellung im Borusseum
19.05.12
Aufstiegsfinale in Wuppertal - der Live Ticker ist dabei
19.05.12
Videos Pokalfinale BVB - Bayern München


