sportMACHTkommerz… und die Medien spielen mit?
Geld schießt Tore. Diese Feststellung ist unter Fußballfans höchst umstritten, ihre Widerlegung ein Quell stetiger Freude. In den vergangenen Monaten jedoch ist immer häufiger festzustellen, dass sich in den Köpfen der Ligamacher eben jene Gleichung festgesetzt hat: „Geld = Erfolg“. Beim hochkarätig besetzten „Media Talk“ in der Ravensberger Spinnerei, der in der vergangenen Woche in Bielefeld stattfand, war dies deutlich zu spüren. Die Podiumsdiskussion rund um das Spannungsfeld Sport, Kommerz und die Rolle der Medien verdeutlichte dem Zuschauer recht anschaulich, wohin die Reise des deutschen Fußballs hinführen wird: Zu mehr Pay-TV und zum Einstieg einheimischer wie ausländischer Investoren, wie man dies aus England bereits kennt.Zum sechsten Mal fand in Bielefeld der Media Talk statt. Eine Diskussionsrunde, ausgerichtet und organisiert von Studenten der privaten Fachhochschule des Mittelstands - und in diesem Jahr dem Thema Profisport gewidmet. Die Gästeliste las sich denn auch entsprechend sportlich: Unter der Moderation von Ex-Grimme-Institut-Leiter Bernd Gäbler versammelten sich Gerhard „Gerry“ Weber, Reiner Calmund, der stellvertretende Bild-Chefredakteur Alfred Draxler, Olaf Jochmann vom Sportvermarkter IMG sowie Arminia-Profi Oliver Kirch, der den erkrankten Mathias Hain vertrat. Ursprünglich hatten die Organisatoren auch Dr. Reinhard Rauball und „Pro Fans“-Sprecher Philipp Markhardt vorgesehen, beide mussten jedoch absagen. Nicht nur aus Borussensicht schade, denn eine Stellungnahme von DFL/BVB-Präsident Rauball zu den heißen Eisen der Sportpolitik wäre ebenso interessant gewesen wie die Ansichten eines „ganz normalen Fans“ in dieser stark finanzorientierten Runde. Professor Jens Große tadelt in seinem Grußwort den deutschen Sportjournalismus Bevor losdiskutiert wurde, widmete Professor Jens Große sich in seinem Vorwort dem Titel-Nachsatz „…und die Medien spielen mit?“ und stellte dem aktuell vorherrschenden Sportjournalismus ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Die Sportredaktionen verkämen immer mehr zum Beiwerk des Profisports, die diesen zwar begleiten, jedoch kaum noch kritisch hinterfragen würden. Heiße Eisen wie die Themen Doping oder Wettbetrug würden in den Sportredaktionen der Fernsehsender und Zeitungen fast gänzlich ausgeklammert und man überlasse die kritisch-investigative Berichterstattung völlig an sich sportfremden Magazinen wie Panorama oder dem Spiegel. Dass beispielsweise ARD und ZDF aus der Berichterstattung rund um die Tour de France ausgerechnet im Dopingsumpf einfach ausgestiegen seien, sei – so Große – ein Unding. Gerade in der Phase hätte es mehr Berichterstattung gebraucht. Das Vorgehen der Sender käme einer Wirtschaftsredaktion gleich, die ihre Berichterstattung einstellt, sobald die Schmiergeldzahlungen von Siemens ans Tageslicht gelangten. Der deutsche Sportjournalismus habe sich durch sein wohlwollendes und unkritisches Verhalten in eine Ecke manövriert, in der man nur noch Stichwortgeber der Akteure sei. Am besten zu beobachten, wenn direkt nach Spielende einem Fußballer die wärmende Decke übergeworfen werde und dieser Fragen zu beantworten habe, die nie gestellt wurden. Oliver Kirch spricht über seltsame Reporterfragenn (Foto: Henrik Schipper) Es folgte die eigentliche Diskussion, in der die Willfährigkeit der Medien nur noch eine untergeordnete Rolle spielte, 90 Minuten Redezeit entpuppten sich für die geplante Themenfülle schlichtweg als zu ambitioniert und die Gäste insgesamt als zu unjournalistisch. So blieb es einzig dem überraschend eloquenten Jung-Arminen Oliver Kirch, die Sinnlosigkeit von Reporterfragen à la „Sie haben 3:0 verloren, das haben sie sich sicher anders vorgestellt, oder?“ zu skizzieren. Bild-Draxler verteidigte naturgemäß die Rolle der Medien im Allgemeinen und die seiner Zeitung im Besonderen, wurde von Moderator Bernd Gäbler aber extrem hart in Manndeckung genommen und fühlte sich in dieser Anfangsphase sichtlich unwohl. Wie zuvor schon Professor Große, thematisierte auch Gäbler die Bild-Kampagne gegen Jürgen Klinsmann vor der WM 2006, an der Draxler als Sportchef der Zeitung maßgeblich beteiligt gewesen war. Nachdem Draxler nacheinander in mehrere gestellte Fallen des Moderators getappt war und unter den belustigten Reaktionen Publikums sichtlich ins Schwanken geriet, wurden auch die weiteren Diskussionsgäste integriert und die Runde schwankte thematisch um in Richtung der Rolle des Kommerzes im Profisport. Besonders auf der Entwicklung des Fußballs lag hier das Hauptaugenmerk. Reiner Calmund malte das Bild einer Liga, die unter den aktuellen finanziellen Möglichkeiten langfristig völlig den Anschluss an die europäische Spitze verlieren werde, und auch der Rest der Runde widersprach dem Ex-Manager von Bayer Leverkusen nicht. In der Argumentation, dass mehr Geld zwangsläufig auch mehr sportlichen Erfolg bedeutet, hätte man sich etwas mehr kritische Hinterfragung des Moderators gewünscht, denn auf der Unumstößlichkeit jener These baute der weitere Diskussionsverlauf unwidersprochen auf. Gerade die Frage nach der allgemeinen Spielqualität, nach Jugendarbeit und Trainerausbildung hätte der Runde gut getan. Aufstellung: Gerhard Weber, Oliver Kirch, Reiner Calmund, Moderator Bernd Gäbler, Alfred Draxler, Olaf Jochmann (v.l.n.r) So jedoch bekräftigten sich Sportjournalist und Manager gegenseitig in der Ansicht, dass die Liga mehr Geld benötige und man die Schraube der Vermarktung deutlich weiterdrehen müsse. Während man beim Thema Pay-TV noch uneins war, herrschte beim Einstieg von Investoren in den Vereinen weitgehende Einigkeit, dass dieser mittelfristig kommen werde und auch notwendig sei. Reiner Calmund und Alfred Draxler plädierten deutlich für mehr Pay-TV, ohne jedoch den Fußball gänzlich aus dem Free-TV zu verbannen zu wollen. Der „kleine Mann“ müsse weiterhin die Möglichkeit haben, Fußball zu schauen. Fromme Worte, die ein ums andere Mal etwas zu sehr auswendig gelernt wirkten. Ein anwesender Zuschauer verglich die häufige Nennung der wenig verdienenden Anhänger später mit dem schlechten Gewissen des „Geldadels“, der genau darum weiß, dass eben jene Fans langfristig hintenüber fallen werden. Besonders „Calli“ verstand es in der Diskussion einmal mehr, den Eindruck eines besonders sozialen Managers zu erwecken. „Der kleine Mann“ wurde bei ihm zum geflügelten Wort, nur um im nächsten Zug dem Auditorium mitzuteilen, dass eben dieser den Sport nicht finanzieren könne und man ohne das große Geld der Musik hinterherlaufe. Beim Thema Pay-TV immerhin äußerte der Rheinländer Zweifel, ob hier tatsächlich Möglichkeiten wie beispielsweise in England existierten. Dort gebe es lediglich acht frei empfangbare TV-Sender, was schon vom Start weg einfach andere Voraussetzungen schaffe. Olaf Jochmann, Vize-Chef von Sportvermarkter IMG, widersprach der These, vermochte die eigene Position aber nicht wirklich zu untermauern und blieb – ebenso wie Gerry Weber – ein Fremdkörper in der Fußballer-Runde. Bernd Gäbler nimmt Alfred Draxler in "Manndeckung" Einig waren sich Draxler wie Jochhmann – und hier wäre ein Statement – Rauballs höchstinteressant gewesen, dass der neue DFL-Vertrag mit Leo Kirch sehr kurios anmute und sich die Liga mit diesem Kontrakt nicht nur erneut in die Abhängigkeit Kirchs begebe, sondern für die nächsten Jahre auch jeglicher Wachstumsphantasien beraube. Die Entwicklung in Sachen Internet und Mobilfunk schreite galoppierend voran, das Vertragswerk sehe hierfür jedoch kaum Erweiterungs-Spielraum, zumal bei TV-Einnahmen jenseits der von Kirch garantierten Höhe zunächst stolze 90% der Mehreinnahmen beim Münchner Medienmogul verbleiben und die Liga mit den Krümeln vorlieb nehmen müsste. Das ganz große Einvernehmen herrschte zum Abschluss der Veranstaltung jedoch ausgerechnet beim wohl heißesten Eisen. Schon DFB-Chef Zwanziger hatte vor Wochen aufgeworfen, die Übernahme von Vereinen durch Investoren und die mögliche Umbenennung der Teams nach Sponsoren zu erlauben. Hannover-Präsident Kind tut sich in dieser Frage zuletzt als großer Vorreiter hervor, sucht vehement nach einem entsprechenden Partner und strebt eine Etat-Steigerung auf 70 Millionen pro Jahr an. Die Mauer des Widerstands gegen derartige Pläne bröckelt also und das war auch beim Media Talk spürbar. Reiner Calmund erklärte, man könne jederzeit zwei Bücher schreiben: Eines gegen einen solchen Investoreneinstieg und eines dafür. Für beide Schriften gäbe es Argumente zuhauf und er selbst könne beide voller Inbrunst vertreten. Wenn man allerdings anstrebe, auf europäischer Ebene wettbewerbsfähig zu bleiben, dann gäbe es nur eine einzige Antwort: Geld schießt Tore. Im Anschluss an die Veranstaltung sprach schwatzgelb.de mit Reiner Calmund. schwatzgelb.de: Herr Calmund, Sie haben in der Diskussion eben sehr der Kommerzialisierung das Wort geredet. Die Liga braucht also mehr Geld? Reiner Calmund: Ich bin jemand, der von der Front kommt, von der Basis, aus dem Amateur- und Jugendfußball. Ich bin auch der Auffassung, dass man sicherlich klar berücksichtigen muss, dass Fußball auch für den „Kleinen Mann“ empfangbar sein muss. Premiere ist mein Lieblingssender - allein die Art und Weise, wie sie übertragen – aber das darf nie voll auf Kosten des Free-TV gehen. Weber, "Calli" und Moderator Gäbler diskutieren Es gibt zwei Bücher, das habe ich eben schon gesagt, das eine schreibe ich Ihnen sogar selber: Ein Buch gegen die 51 Prozent und eines dafür. Aber man kann nur sagen: Wenn Du konkurrenzfähig werden willst in der Champions League, was ja unser deutsches Verständnis ist, dann braucht man beide Bücher nicht zu lesen. Da kannst Du sagen: Die zweimal 400 Seiten spare ich mir. Man muss es so machen, wie es in den anderen Verbänden ist. Ist es denn eine rein finanzielle Frage? In der Champions League steht man doch sogar schlechter da als Nationen wie Griechenland mit Saloniki oder Norwegen mit Trondheim. Aber das kann man doch nicht heranziehen. Trondheim hat sich in den letzten zehn Jahren jetzt einmal qualifiziert. Trondheim ist eigentlich regelmäßig qualifiziert. Nein, ich meine weitergekommen. Gesetzt sind die natürlich durch die Quote, weil es so ein guter Verein ist. Da habe ich auch Respekt vor.
Wir vergleichen uns in der Diskussion aber immer mit Ligen wie Spanien, England und Italien. Wenn man sich das aber mal anschaut, haben die dortigen Vereine in den zurückliegenden 50 Jahren jeweils 29, 28 und 27 Europapokale in ihre Länder geholt. Deutschland lediglich 16. Da ist doch dann aber auch eine Vorleistung da, weswegen diese Nationen mehr Geld bekommen als die Bundesliga.
Engagierte Diskussion: Calmund, wie man ihn kennt Ganz einfach: Italien ist Weltmeister, bei Inter Mailand spielt kein Italiener, weil die andere kaufen. Bei Chelsea spielt nur der Lampard, alles andere sind keine englischen Nationalspieler, sondern Weltstars. Top-Weltstars. Die wir nicht bezahlen können. Dafür holen die uns noch den Ballack weg und vielleicht noch demnächst den Diego und den Van der Vaart. Und wenn Du das nicht willst, musst Du finanziell mithalten. Noch einmal: Dieses Mithalten ist allein eine Frage des Geldes? Nicht auch einer der Qualität der Arbeit? Ja. Sich in der Champions-League-Spitzengruppe zu positionieren, ist eine Frage des Geldes. Nicht im UEFA-Cup! Da haben wir zuletzt ein bisschen beschissen ausgesehen – jetzt läuft es ja besser. Da gab es Ausrutscher, die nicht zu entschuldigen sind und die auch nichts mit dem Geld zu tun haben. Wenn ich von Konkurrenzfähigkeit spreche, meine ich die Champions-League, den Königswettbewerb. Im UEFA-Cup muss ich sagen: „Meine lieben Freunde, da sind dieses Jahr einige angetreten: ‚Wo kommen die her?’, bisschen La Paloma und nicht die richtige Einstellung. Das ist rein sportlich zu kritisieren.
Abschließend, ihre Meinung zusammengefasst: Wenn wir Viertelfinale, Halbfinale oder gar Finale in der Champions League erreichen wollen, brauchen wir erstens mehr Pay-TV und die damit verbundenen Einnahmen und zweitens Investoren, die bei den Vereinen einsteigen? Ja genau. Bei den Fernsehgeldern muss ich sagen: Wir haben hier nicht die Situation wie in den anderen Ländern, da bin ich für einen vernünftigen Spagat, dass auch der Kleine Mann Free-TV gucken kann. Aber wenn wir uns die Spitze zum Maßstab nehmen, müssen wir uns eben auch daran orientieren. Danke für das Gespräch, Herr Calmund!
Geschrieben von Arne/ Ramona
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