Deutscher Realitätsverlust

Alle Jahre wieder beginnt in der Bundesliga das große Heulen und Zähneklappern: Im Europapokal spielen deutsche Teams allenfalls die zweite Geige. „Uns fehlt das Geld“, jammern die Vereinsbosse unisono und fordern radikale Veränderungen. Mehr Pay-TV, weniger Sportschau, das ist die Hauptmaxime der Liga-Bosse, doch das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Denn spätestens mit Uli Hoeneß’ Wuttirade wird deutlich: Die Liga führt einen Kampf gegen ihren eigentlichen Hauptsponsor: Den Fan. Und Borussia Dortmund ist mittendrin.


„Wer glaubt Ihr eigentlich alle, wer Ihr seid?“ blafft der Wurstfabrikant auf der jüngsten Münchner Jahreshauptversammlung seinen Kritikern entgegen. Diese hatten es gewagt, die klinische Atmosphäre im heimischen Stadion anzuprangern. Welch Frevel! Und damit die Frage bloß nicht allzu lange unbeantwortet im Raume stand, gab Hoeneß die Antwort gleich selbst: „Euch finanzieren doch die Leute in der Loge.“ Die Perversion eines solchen Standesdenkens sollte man einen Moment lang auf sich wirken lassen und sich das Bild verdeutlichen, das Hoeneß der Mitgliederversammlung dort skizziert hat: Hier der Logenfan, wohlhabend und spendierfreudig, dort das Fußvolk in den Fanblöcken. Fußballerische Unterschicht sozusagen. Das Fanprekariat. Das ohnehin schon rissige Tischtuch in München dürfte zwischen Fans und Verein nun wohl endgültig zerschnitten sein. Die Entgleisungen der Vereinsführung gegenüber ihren zahlenden Fans und Mitgliedern wiegen schwer. Doch ein Einzelfall sind sie nicht.

„Die DFL ist nicht das ausführende Organ von Stammtischen“, äußerte sich beispielsweise DFL-Chef und BVB-Präsident Rauball zu den Forderungen nach einem Erhalt der Sportschau nach bewährtem Muster. Markige Worte für einen, der sich selbst bei seinem Dortmunder Amtsantritt vor drei Jahren noch als „Anwalt der Fans“ deklarierte. Ein Attribut, das spätestens mit dem neuen Liga-Job zur Karikatur verkommt.

Immer häufiger werden also nun die Tribünen, von denen aus der gewöhnliche Fan das Spielgeschehen verfolgt, als defizitär und von den Businessplätzen subventioniert beschrieben. Und die Fans - eigentlich Kunden, die den Vereinen Geld einbringen – als unwirtschaftlicher Kostenfaktor dargestellt. Gerne vergleicht man beispielsweise die (deutlich steigenden) deutschen Eintrittspreise mit jenen Mondpreisen, wie sie in England veranschlagt werden, und immer wieder in den letzten Jahren verweisen deutsche Fußballfunktionäre auch auf die Fernsehgelder der Ligen in Spanien, Italien und England. Dort stünde den Vereinen deutlich mehr Geld zur Verfügung, die Bundesliga sei bei einer andauernden Diskrepanz schlichtweg nicht mehr wettbewerbsfähig. So simpel sich diese Argumentation jedoch anhört und so gerne sie auch in den Medien wiedergekäut wird, so falsch ist sie.

Fakt ist: Seit Beginn des Profifußballs hängt die deutsche Liga hinter besagtem Spitzentrio leistungsmäßig hinterher. Während die Nationalmannschaft stets zur Weltspitze gehörte, werden deutsche Vereinsmannschaften immer wieder deklassiert. Das Ergebnis: Alle drei vermeintlichen Vorbildnationen haben in all den Jahren deutlich mehr Europapokale gewonnen als die Vereine von DFB und DFL: Spanien 29, England 28, Italien 27. Deutschland lediglich 16 und damit nur knapp vor den kleinen Niederlanden mit 11. Wenn nun also die Ligabosse höhere Gelder beanspruchen, um diese vermeintliche Ungerechtigkeit auszugleichen, zäumen sie das Pferd vom falschen Ende auf. Der werte Leser würde sicherlich auch nicht am morgigen Tag mit dem Argument bei seinem Chef vorstellig werden, er brauche eine Gehaltserhöhung, damit die bislang sehr mäßige Arbeitsleistung endlich ein zufrieden stellendes Niveau erreicht. Das Gegenteil ist wohl der Fall und so täte auch die Liga ganz gut daran, erst einmal die eigenen Hausaufgaben zu machen. In der UEFA-Fünfjahresliste ist Rumänien der Deutschen Liga auf die Pelle gerückt, in UEFA-Cup und Champions League werden Mannschaften aus Russland, Griechenland und anderen (süd)osteuropäischen Staaten immer häufiger zum Stolperstein. Wohl kaum eine Frage des Geldes.

Doch durch die lautstarke Forderung nach mehr Geld und die Erschließung neuer Einnahmequellen verschleiern die Macher der Liga nur die eigenen Versäumnisse und Fehler. Dass auch mit geringeren finanziellen Möglichkeiten gute Arbeit abgeliefert und Erfolge im Europapokal erzielt werden können, stellen kleinere und finanzschwächere Ligen als die deutsche regelmäßig unter Beweis. Die Mär, dass mehr Geld in der Liga zwangsläufig auch größere Erfolge bedeutet, lässt sich so kaum aufrechterhalten. Die DFL, ihre Vereine und deren Funktionäre jedoch bewegen sich in einer Traumwelt. Sie erheben den Anspruch, sich auf Augenhöhe mit den großen Drei in Europa zu befinden. Ein Anspruch voller Hybris.

Und wo die Liga schon einmal dem Wahn verfallen ist, besteigt sie sogleich auch die Messerschneide, um auf dieser zu tanzen. Derweil die dargebotenen Leistungen auf dem grünen Rasen immer dürftiger werden, werden die Eintrittspreise immer weiter erhöht. Eine Stehplatzkarte in Dortmund beispielsweise kostet inzwischen 12 Euro, in Topspielen gar 14,40 Euro. Noch vor zehn Jahren war ein solches Ticket für 15 D-Mark zu haben – eine Preissteigerung, deren Ausmaß sich keineswegs mit Inflationsausgleich und Mehrwertsteuererhöhung erklären lässt. Mit Respekt behandelt werden die Fans in der Liga jedoch auch dann nicht, wenn sie 15 Euro zahlen. Dies hat Uli Hoeneß in seinem bereits jetzt legendären Angriff auf die eigenen Anhänger unter Beweis gestellt. Der Fan, so vermittelt Hoeneß, ist nicht Kunde sondern Bittsteller – ein von den VIP-Logen subventionierter obendrein. Doch auch dieses Bild, das in wenig extremer Ausprägung in nahezu jedem Verein den Anhängern vermittelt wird, hat ordentlich Schräglage. Schließlich ist es nur selten das Fußballspiel als solches, mit dem die Vereine Unternehmen in ihre Logen und Business-Seats locken. Verfolgen kann man dies schließlich genauso gut am Fernseher. Beworben werden die teuren Plätze der Fans Hoeneß’scher Wunschvorstellung in der Regel ausgerechnet mit der Atmosphäre, die in einem Fußballstadion herrscht – und an der ist dummerweise die vermeintliche Tribünenunterschicht nicht ganz unbeteiligt.

Die DFL, ihre Vereine und deren Funktionäre sind im Begriff, eine Seifenblase immer weiter aufzupusten. Statt sich auf die Verbesserung ihres „Produkts“ zu konzentrieren, um damit mehr Geld zu erwirtschaften, sucht man verzweifelt nach neuen Möglichkeiten, Einnahmen zu generieren, um damit möglicherweise auch sportlichen Erfolg zu erzielen. Dass sie sich in blinder Gier sogar wieder Leo Kirch an den Hals werfen – gelockt von Versprechungen, die dieser schon einmal nicht hielt – zeigt, wie absurd und kurzsichtig die Liga inzwischen geworden ist. Dass nicht einmal eine Klärung der Bankbürgschaft wirklich abgewartet wurde, offenbart den Grad der Verblendung der Liga. Zumal inzwischen sogar erste Sponsoren unruhig werden und sich zusammengeschlossen haben, um den Fußball (und ihre Firmenlogos) im Free-TV zu halten.

Die Liga ist also auf dem besten Wege, es sich gleichzeitig mit Sponsoren und Fans zu verderben. Das allerdings wäre eine reife Leistung. Man braucht kein Prophet zu sein: Lange geht das nicht mehr gut.



Geschrieben von Arne