Was für ein wichtiger Sieg!

Ohne sieben etatmäßige Stammkräfte gegen einen nominell schwächeren Gegner vor heimischer Kulisse: So etwas nennt der Fußball-Volksmund auch gerne mal "Schweinespiel". Dass es dennoch glücklich ausging, war dem neuen Standard-Experten Sahr Senesie zu verdanken, dessen Freistoßflanke an Freund und Feind vorbei zum umjubelten Siegtreffer in die Maschen flog. Durch diesen Dreier rückte der BVB auf Platz 7 vor und hat zwei Punkte Vorsprung auf Platz 11.


Ricken, Omerbegovic, Hille, Gordon, Eggert, Vrzogic und Tyrala. Nein, das war nicht die heutige Aufstellung heute, sondern dies alles sind die Akteure, die aus verschiedensten Gründen nicht im Kader stehen konnten. Und man musste sogar noch glücklich sein, dass Weidenfellers Sperre abgelaufen ist, sodass Höttecke wieder den Kasten hüten konnte und außerdem Nöthe nicht mit nach Berlin musste. Debütanten in der ersten Elf waren der Klever Neuzugang Buttgereit und Michaels Sohn, Marco Rummenigge. Der Gegner aus Ostwestfalen wartete mit einem Team lauter No-Names auf. Doch auch der im Hauptberuf als Rechtsanwalt tätige Mario Ermisch beklagte einige personellen Vakanzen. Doof nur, dass deren Namen keiner kennt...
 
Zum Glück kam heute nur der Dorfklub aus Verl in die Rote Erde, die sich momentan auf der Sitzplatztribüne einigen Umbaumaßnahmen erwehren muss, sodass die Hälfte dieser Tribüne heute gesperrt blieb. Wegen dem Profi-Spiel in Berlin und den nicht vorhandenen Fans aus Verl musste heute mit einem Minus-Zuschauerrekord gerechnet werden und so sollte es denn auch kommen. Doch, halt, ich möchte nicht die ca. 25 "Verl-Ultras" mit Trommel und Megafon vergessen, deren Support-Versuche aber eher als nervig aufgenommen worden sind. In der Nord-Ost-Ecke machten es sich derweil 20 noch sehr junge BVB-Fans bequem, die aber während des ganzen Spiels nicht locker ließen mit ihren Anfeuerungen und deshalb auch nach dem Spiel von der BVB-Mannschaft in Form einer HUMBA zu Recht belohnt worden sind.
Vor dem Spiel verlas Stadionsprecher Uli Behle noch die Fairplay-Erklärung zum heutigen FIFA-Aktionstag und dann konnte es endlich losgehen mit dem Spiel, was es vor zwei Jahren noch in der Oberliga Westfalen zu bewundern gab. Damals unterlag man den Gästen noch mit 3:4.
 
Hünemeier und Senesie im Mittelpunkt
 
Schon nach vier Minuten standen die beiden entscheidenden BVB-Akteure im Mittelpunkt: Sahr Senesie, dessen Standards heute zu 80% große Gefahr erzeugten, bediente per Ecke Uwe Hünemeier, doch fiel dessen Kopfball nur auf das Tornetz. Zehn Minuten später dann jedoch erstmals Alarm im eigenen Strafraum, als ein scharfer Ball von rechts in den BVB-Strafraum geschlagen wurde und zwei Verler in der Mitte nur knapp verpassten. Beide Angreifer protestierten, dass sie geschubst worden seien, aber Schiri Schumacher ließ weiterspielen. Nach 17 Minuten wäre der Verler Rogowski dann fast wegen grober Unsportlichkeit vom Platz geflogen, als er einen Ball in Richtung Tribüne donnerte und zwei Zuschauer ihr Bier so gerade noch in Sicherheit bringen konnten...
 
60 Sekunden später die beiden stets rotierenden Verler Flügelspieler Amaral und Mainka im Zusammenspiel, als Mainka eine scharfe Hereingabe nicht richtig kontrollieren konnte und es somit weiterhin beim 0:0 blieb. Nach 20 Minuten testete Alex Ende den BVB-Torwart Höttecke erstmals ernsthaft, als er aus zwanzig Metern halblinker Position einen Freistoß aufs Tor schlenzte, den der Ex-Ahlener gerade noch über die Latte lenken konnte. Die größte BVB-Chance vergab wieder einmal - leider - Senesie, der nach herrlicher Kopfballverlängerung Nöthes frei vor Kalintas zum Schuss kam, der Verler Schlussman den Winkel aber überzeugend verkürzen konnte. Weiterhin keine Tore im weiten und leeren Rund. Auch beim Zusammenspiel der beiden BVB-Angreifer sechs Minuten später schloss Senesie mehr schlecht als recht ab und sein Schuss ging weit am Gehäuse der Gäste vorbei.
 
Fazit nach 45 Minuten
 
Es war bis dato ein ausgeglichenes Spiel, doch ist dieser Zwischenstand trotz sieben Ausfälle für den BVB einfach zu wenig. Keiner verbietet es dem guten Sahr Senesie außerdem, mal aus dem Nichts ein Tor zu machen, besonders dann nicht, wenn einer jungen, nervösen Mannschaft eine Führung sicherlich nützen würde. Nicht nur für Theo Schneider war es nach Spielschluss ersichtlich, dass seine Mannschaft in Heimspielen oft zu verkrampft zu Werke geht. Aber es sollte ja doch ein gutes Ende finden...
 
Schon nach 20 Minuten tauschten Njambe und Großkreutz die Positionen, um den quirligen Verler Dayangan besser in den Griff zu bekommen. Zur Halbzeit gab es eine weitere taktische Änderung: So rutschte Senesie neben Nöthe in den Sturm, während Großkreutz teils als echter Zehner auf der Senesie-Position agierte. Erste Gefahr zeitigte diese Umstellung jedoch nicht. Es bedurfte erst eines beherzten Distanzschusses Buttgereits aus gut zwanzig Metern, der nur knapp über das Lattenkreuz strich, um zur BVB-Offensive zu blasen (53.). Doch zunächst musste noch einmal ein Herzstillstand verkraftet werden, als nach Remmerts Pass die BVB-Innenverteidigung ihr Power-Napping hielt und Dayangan völlig frei zum Abschluss kam. Doch der erneut überzeugende Höttecke - für Schneider wächst in ihm ein großes Torwarttalent heran - verwandelte sich in eine Krake und konnte den Ball noch abwehren.
 
Armer Boztepe
 
Nun begannen die fünf tragischen Minuten des Mehmet Boztepe: In der 60.Minute eingewechselt, kam er nach gewonnenem Luftzweikampf von Njambe zu einer guten Schusschance aus der Drehung: Drüber (62.). Doch in der 65. Minute hatte der kleine Türke schon wieder Feierabend, als er sich bei einem Zweikampf das Nasenbein brach und vom Platz geführt wurde. Sehr bitter, zumal Trainer Schneider gerade heute ein Spiel für einen eventuellen Durchbruch des Ex-Gladbachers sah. Doch in der 68. Minute schickte das Team beste Genesungswünsche in die Kabine hinterher: Es war Sahr Senesie aus knapp 25 Metern mit einer zunächst harmlos erscheinenden Freistoßflanke, die jedoch immer länger und länger wurde, so ziemlich jedem Akteur auf dem Feld mal "Guten Tag" sagte und dann im langen Eck plötzlich im Netz lag. Bange Blicke zum Schiri und Assistenten, aber weder wurde auf Foul noch auf Abseits erkannt. Jetzt blieb noch die Frage, ob nicht vielleicht doch noch jemand am Ball war. Nach dem Spiel meinte Njambe, dass er dem Ball die entscheidende Richtungsänderung gegeben habe, doch war dies seine exklusive Meinung. Das Tor wurde Senesie zugeschrieben, der damit auch in der Torjägerwertung weiter vorne dabei ist.
 
Wieder sorgte Wirbelwind Dayangan für akute Herzprobleme, als er nur 30 Sekunden nach der Führung mit seinen geschätzen 1,40 Meter frei zum Kopfball kam, im letzten Moment jedoch noch gestört wurde und der Ball neben das Tor flog. In der 72. Minute dann Neues aus der Rubrik "Wie mache ich aus einem Meter den Ball nicht rein?" Erneut war es Senesie, der einen Freistoß scharf vor das Tor schlug und aus eben einem Meter der Ball an den Pfosten schlug, nachdem sich Njambe, Großkreutz und Öztekin gegenseitig behinderten. Verl kam in der Folgezeit immer mal wieder gefährlich vor das gegnerische Tor, teils sogar in Überzahl, doch waren sie entweder zu überhastet oder Hünemeier kriegte irgendwie noch ein Körperteil dazwischen. So hatte die letzte Chance noch einmal der BVB in persona Njambe, dessen wuchtiger Kopfball aus vier Metern nach Buttgereit-Freistoßflanke hervorragend von Kalintas pariert wurde (83.). Nach zwei Minuten Nachspielzeit der erlösende Schlusspfiff und ein gelöster Trainer Theo Schneider, der wie alle Beteiligten die immense Bedeutung dieses Dreiers einzuschätzen wusste.
 
Fazit nach 90 Minuten
 
1:0. 3 Punkte. Mund abputzen, Mittwoch nach Magdeburg, Samstag zu Hause gegen Lübeck (14 Uhr). Jetzt nachlegen und Punkte hamstern. Auf gehts, Jungs!
 
Stimmen zum Spiel
 
Mario Ermisch: Glückwunsch an den BVB, auch wenn der Sieg sicher etwas glücklich ist im Zustandekommen, denn eigentlich war es ein typisches 0:0-Spiel, obwohl es auf beiden Seiten sehr gute Chancen gab. Wir setzen uns im Moment vorne einfach nicht entschlossen genug durch, treffen immer die falsche Entscheidung im gegnerischen Strafraum. Wir müssen jetzt hart arbeiten! Fußball ist ein Auf und Ab und momentan agieren wir leider etwas unglücklick.
 
Theo Schneider: Ich muss meinem Vorredner zustimmen, das Spiel war sicher nicht sehr attraktiv und der Sieg letztlich glücklich. Uns war vorher klar, dass wir  - egal wie - gewinnen müssen. Für einige war es das erste Spiel und da kam natürlich noch nicht direkt dieser Spielfluss zum Tragen, den wir haben wollen. Aber auch vin Engagement und dr Körpersprache war ich nicht ganz zufrieden in der ersten Hälfte. In der Halbzeitpause musste ich dann einige Spieler wachrütteln und dann sah man auch ein anderes Temperament. Das 1:0 war sicher glücklich, aber heute hatten wir dann eben das Quäntchen Glück. In der jetzigen Situation zählen nur die drei Punkte und dabei ist es mir auch total egal, wer das Tor gemacht hat.
 
Nico Hillenbrand: Das Spiel war sehr schwer. Spielerisch ging nicht viel, sondern alles über den Kampf. In der ersten Hälfte kamen wir schwer ins Spiel, aber ich denke, dass der Sieg letzten Endes verdient war. Heute haben wir gesehen, dass jeder im Kader gebraucht wird, auch wenn viele junge Spieler nicht direkt von Anfang an dabei sind, sehen sie und wir, dass wir sie brauchen und dass es gut ist, dass sie da sind.
 
Sahr Senesie: Der Sieg war hart umkämpft, aber glücklich war der nicht. Das Tor war vielleicht glücklich, aber insgesamt fand ich, dass wir verdient gewonnen haben. Wenn man vor allem die Chancen sieht, die wir auch nach dem Tor noch hatten! Der Trainer meinte, ich soll alle Ecken und Freistöße schießen und deshalb habe ich jetzt eine neue Waffe. Beim DFB habe ich die immer geschossen und dort habe ich auch immer diese Position gespielt, noch etwas hinter dem Mittelstürmer. Und dann hat der Trainer eben gesagt, ich soll die ab jetzt auch hier schießen. Und damit habe ich auch keine Probleme.
 
Daten zum Spiel
 
BVB II (4-2-3-1): Höttecke (2,5) - Hillenbrand (3) (80. Schmelzer, - ), Großkreutz (3,5), Hünemeier (1,5), Akgün (2) - Njambe (3,5), Rummenigge (4) (60. Boztepe, - / 65. Oscislawski, - ) - Öztekin (4), Senesie (3), Buttgereit (3,5) - Nöthe (3)
 
SC Verl (4-2-1-3): Kalintas - Uilacan, Saur, Cinar, Rogowski - Ende, Remmert - Dayangan - Amaral (65. Hagedorn), Scherning, Mainka (77. Hop)
 
Tor: 1:0 Senesie (68., Rechtsschuss, dir. Freistoß)
 
Zuschauer: 457
 
SR: Karl-Markus Schumacher (Oberhausen, Assistenten: Erbs, Guzijan), Note 2. Souverän und sicher in einem leicht zu leitenden Spiel.
 
Gelbe Karten: Großkreutz (74., Foul) - Remmert (50., Foul), Mainka (61., Foul), Ende (73., Foul)
 
Ecken: 9:6
 
Chancen: 6:4


Geschrieben von Malte