Wer hat noch nicht, wer will noch mal?

Besonders in der ersten Hälfte war die heutige richtungsweisende Partie gegen Werder Bremen II eine regelrechten "Vorführung" (BVB-Trainer Schneider). Die Abwehr glich einem aufgescheuchten Hühnerhaufen, sodass die wirbelnden Offensivspieler der Bremer keine Probleme hatten, sich immer und immer wieder hochkarätige Chancen herauszuspielen. Statt 1:4 hätte es am Ende auch gut und gerne 3:8 stehen können. Das Spiel heute war jedenfalls sehr ernüchternd, vor allem wenn man die ordentliche Leistung beim 1:1 in Wuppertal letzte Woche als Maßstab nimmt.


Mit den vier Punkten aus den bisherigen fünf Saisonspielen konnte BVB-Trainer Theo Schneider bis jetzt nicht zufrieden sein, vor allem weil besonders gegen Erfurt und in Berlin bei der Union wesentlich mehr drin gewesen wäre. Doch nicht nur punktemäßig stand heute gegen Werder Bremen II ein Spiel von großer Bedeutung an, denn da am Ende der Saison nur insgesamt vier Zweitvertretungen in die 3.Liga dürfen, muss der BVB auch auf die besonders starken Reserven von eben Bremen und auch dem HSV Acht geben. Die Gäste aus Bremen, schon seit Januar 2002 von Ex-Profi Thomas Wolter trainiert, kamen etwas stabiler aus der Sommerpause. Ihre Bilanz bisher: 7 Punkte aus 5 Partien.
 
Beim BVB konnte erstmals nach dem Auftaktspiel in Babelsberg wieder Lars Ricken mitmachen, der seinen Muskelfaserriss in der Wade auskuriert hatte. Verzichten musste Trainer Schneider dagegen auf die bei den Profis weilenden Amedick und Tyrala, von Brzenska ganz zu schweigen. Im Sturm fehlte wegen Adduktorenproblem zudem Denis Omerbegovic. Alexander Frei nahm an dem Spiel in der Roten Erde nur als Zuschauer teil. Bei Werder waren sowohl Schindler als auch der emporstrebende Österreicher Martin Harnik bei den Profis im Kader, zudem musste der etatmäßige Spielführer Sandro Stallbaum (Bänderdehnung) passen. Der bekannteste Akteur bei den Grün-Weißen war nach der U19-EM diesen Sommer sicher Mittelfeldspieler Max Kruse.
 
Schneller Rückstand
 
Nachdem Lars Ricken in der siebten Minute einen ersten Warnschuss weit übers Tor setzte, spielten nur noch die Hanseaten und dies mit beeindruckendem Tempo und teils herrlichem Kombinationsspiel. Zunächst wirbelte Artmann und bedient A-Junior Neumann, dessen Schuss so gerade noch von Beer und Herrn Aluminium pariert werden konnte (15.). 120 Sekunden später Begutachtung des Trainings für die nächste alpine Slalomsaison: Erneut Artmann auf den heute überragenden Löning, der drei Schwarzgelbe mühelos austanzte und ins kurze Eck einschoss, Beer konnte nur noch mit den Fingerspitzen den Ball ins Tor lenken. Nach diesem Alleingang war es kurze Zeit später wieder einmal Artmann, der Neumann auflegte und dieser mit einem geschlenzten Schuss Beer prüfte. Doch damit war die Szene noch lange nicht bereinigt, denn Löning stand völlig frei und überlupfte per Kopf den bemitleidenswerten Beer, der wie ein Maikäfer hinter dem Ball hinterherkrabbelte (24.). 0:2!
 
Was Effizienz ist, bewies also Bremen schon sehr überzeugend. Sahr Senesie konnte diesem Beispiel leider nicht folgen, als er nach schönem Zuspiel Akgüns aus spitzem Winkel nur die Latte traf (26.). Auch Öztekin hat bei der Effizienzlektion nicht aufgepasst, als er zwei Minuten später von links in die Mitte zog und mit herrlichem Rechtsschuss nur knapp das Tor verfehlte. Doch dieses war leider nur ein kurzes Borussen-Intermezzo, denn in der 38.Minute zeigte Bremen seine ganze Klasse: Einen schnellen Konter über mehrere Stationen schließt Artmann aus 16 Metern ab, zum Glück verzog er und traf nicht zum 3:0. Auch Junioren-Nationalspieler Kruse wollte sich eine Minute später mal am Scheibenschießen beteiligen, um den rosa Teddybären abzuräumen. Seinen Schuss lenkte Beer gerade noch zur Ecke. Meine Güte, wo war die Abwehr?! Sie war weder in der 42. Minute da, als Artmann auf Kruse passte und dieser knapp neben das Tor schoss, noch in der 44.Minute, wo Holsing auf rechts Löning freispielte und dieser den völlig allein stehenden Heider bediente, der mühelos einköpfen durfte.
 
Fazit nach 45 Minuten
 
Was war das denn? Nicht nur Stürmerstar Alex Frei sah in der Halbzeitpause einen Klassenunterschied. Besonders in der Offensive spielten die Nordlicher die überforderte BVB-Abwehr ein ums andere Mal aus und an die Wand. Im Fußballsprachgebrauch nennt man sowas dann wohl Demontage!
 
Trainer Theo Schneider reagierte und brachte den zweikampfstarken Eggert für den oft überlaufenen Hillenbrand. Akgün übernahm die Position hinten rechts, während der Eingewechselte, der letzten Samstag gegen Cottbus erstmals im Profi-Kader stand, das linke Mittelfeld besetzte. Und es ließ sich auch besser an, bereits in der 48.Minute bediente Großkreutz Senesie, dessen Schuss abgefälscht zur Ecke geklärt werden konnte. Hoffnung keimte sechs Minuten später im weiten, unbesetzten Rund auf. Hille setzte links gut gegen Holsing nach und in der Mitte konnte sich Senesie endlich mal gegen seine Bewacher durchsetzen. Nur noch 1:3.
 
Öztekin scheitert knapp
 
Wiederum nur eine Minute später die beste Aktion Rickens, dem man seinen mangelnden Spielrhythmus (Pässe in die Gasse kamen öfters mal eine Sekunde zu spät, sodass besonders Hille zwei-,dreimal im Abseits stand) noch deutlich ansah. Aus bester Position aus 20 Metern halblinks wurde sein Freistoß mit einiger Mühe von Pellatz entschärft. Neumann ließ dann die Schnellinger-Grätsche raus, doch im Gegensatz zur WM-Legende 1970 ging sein Torversuch aus vier Metern knapp neben das Tor (64.). Öztekin auf der anderen Seite wurde mit letzter Kraft nach tollem Solo am Anschlusstreffer gehindert (67.).
 
Auch Sahr Senesie erzeugte mit einem Distanzschuss und harmlosen Kopfball nur eine Scheingefahr, die für den sicheren Pellatz keine größere Mühe darstellte (74.). Riesenchancen dann für Kruse und Heider, die sogenannten tausendprozentige Chancen fast schon arrogant vergaben. Naja, vielleicht hatten sie auch einfach Mitleid mit dieser desolaten Abwehr, wo kein Akteur auch nur A-Jugend-Niveau erreichte. Kruse und Heider dann im Zusammenspiel, aber, na klar, auch hier ging der Ball per Kopf aus fünf Metern drüber (78.). Schluss mit lustig machte dann Newcomer Neumann, als er von Löning geschickt wurde und den herauseilenden Beer klug überlupfte. Akgün kam zu spät und konnte den Ball nur noch aus dem Netz holen. Dass es am Ende nicht 5:1 endete, war dem eingewechselten Boztepe zu verdanken, der einen Kopfball des starken Peitz nach Ecke von der Linie kratzen konnte.
 
Fazit nach 90 Minuten
 
Ohne Abwehr kann man in dieser Liga keinen Blumentopf gewinnen, der BVB hatte sogar noch Glück mit diesem letztlich "normalen" Endergebnis. Zwar war es offensiv einigermaßen ordentlich, wobei die offensivstarken Bremer auch viele Freiräume nach hinten boten. Damit kann man bei den ebenfalls schwach gestarteten Cottbussern am nächsten Mittwoch nicht rechnen. Theo Schneider hat in der Englischen Woche wohl mehr zu tun, als ihm eigentlich lieb sein kann!
 
Das nächste Heimspiel findet schon nächsten Samstag, 14 Uhr, erneut in der Roten Erde statt. Auch dann ist wieder eine Zweitvertretung zu Gast, nämlich die von Theo Schneider als stärkste Reserve auserkorenen Hamburger. Dann gibt es auch ein Wiedersehen mit den Ex-Dortmundern Kosi Saka und Otto Addo.
 
Die Trainerstimmen zum Spiel
 
Thomas Wolter: Ich mache es kurz und schmerzlos, wir sahen sicher ein gutes Regionalligaspiel heute, wo wir von Beginn an sehr gut und konzentriert gestanden sind. Und deshalb konnten wir auch gut Fußball spielen und uns Chancen herausspielen. In der Phase zwischen der 30. und 60. Spielminute haben wir dann etwas nachgelassen, dort haben wir nicht mehr so konsequent gestört und dann wurden uns auch direkt unsere Grenzen aufgezeigt. Danach waren wir wieder drin im Spiel und das 4:1 war die Entscheidung. Der Sieg war letztlich verdient.
 
Theo Schneider: In der ersten Hälfte wurden wir vorgeführt, im Mittelfeld nahmen wir keine Zweikämpfe an und wenn man die Bremer einmal spielen lässt, dann ist es schwer, sie wieder zu stoppen. Wir können uns bei Beer und Hünemeier, unserem Turm in der Schlacht, bedanken, dass wir in Halbzeit Eins kein Desaster erlebten. Ich dachte wirklich, dass wir weiter wären, aber heute wurden wir, vielleicht zum richtigen Zeitpunkt, kalt erwischt. In der zweiten Halbzeit kam wenigstens eine Reaktion. In der Kabine habe ich die Spieler in die Pflicht genommen und sie aufgefordert, sich zu wehren, Arsch in der Hose zu zeigen. Mit ein bisschen Glück fällt das 2:3 und das Spiel kann kippen, aber es wäre heute auch nicht verdient gewesen. Wir müssen jetzt wieder kleine Brötchen backen und aus den nächsten beiden Spielen gut herauskommen. Aber im Moment ist ein Platz zwischen 1 und 10 einfach vermessen, wenn man sieht, wie reif die Spielanlage der Bremer zum Beispiel ist. Sie sind einfach einen Tick weiter!
 
Die Statistik zum Spiel
 
BVB II (4-1-3-2): Beer (3) - Hillenbrand (5) (46. Eggert, 4), Njambe (5,5), Hünemeier (4), Vrzogic (5) - Großkreutz (5) (74. Nöthe, - ) - Akgün (5), Ricken (4,5) (68. Boztepe, - ), Öztekin (4,5) - Senesie (4,5), Hille (4,5)
 
Werder Bremen II (4-2-1-3): Pellatz - Holsing, Mohr, Hessel, Erdem - Peitz (90.+1 Gänge), Kruse - Artmann (84. Bischoff) - Neumann, Löning (90.+1 Grundt), Heider
 
Tore: 0:1 Löning (17., Linksschuss, Vorarbeit Artmann), 0:2 Löning (24., Kopfball, Neumann), 0:3 Heider (44., Kopfball, Löning), 1:3 Senesie (54., Kopfball, Hille), 1:4 Neumann (87., Rechtsschuss, Löning)
 
Gelbe Karten: Großkreutz (58., Foulspiel), Senesie (59., Meckern) - Holsing (55., Foulspiel), Peitz (70., Festhalten)
 
Zuschauer: 305
 
Schiedsrichter: Trautmann (Bodenwerder - Assistenten: Schönfelder, Müller), Note 4,5. Gegen Erfurt vor einigen Wochen war er besser drauf. Brachte besonders in der zweiten Halbzeit durch umstrittene Entscheidungen Hektik in die Partie.
 
Bes. Vorkommnis: BVB-Trainer Schneider wegen Reklamierens auf die Tribüne verbannt (60.).
 
Chancen: 7:13
 
Ecken: 3:9


Geschrieben von Malte