Weder Fisch noch Fleisch

"Wenn du in so einem Spiel nur zwei, drei Chancen hast, dann musst du auch mal eine davon einfach nutzen. Dann geht so ein Spiel auch mal 1:0 für uns aus!" Theo Schneiders Fazit hatte wieder die erneut schwache Offensivleistung im Blick. Während die Defensive um die ambitionierten und ihre Chance witternden Brzenska, Amedick und auch Hünemeier nur zwei Chancen zuließ, war die Offensive erneut ein laues Lüftchen, sodass besonders in der ersten Halbzeit ein grausam schlechtes Regionalligaspiel den knapp 5.000 Zuschauern vorgesetzt wurde.


Im Westfalenstadion kam es also zum Krisengipfel bereits am 4.Spieltag. Der BVB nach drei Spielen mit lediglich zwei Pünktchen, während der Aufstiegsfavorit aus Essen sogar noch einen Punkt weniger einheimste. Im Vorfeld der Partie war Trainer Theo Schneider über den schwachen Saisonstart der Essener nicht gerade froh, da die Mannen von Trainer Heiko Bonan heute sicherlich zeigen wollten, welches Potenzial denn nun wirklich in Ihnen steckt. Auf Seiten der Borussen konnte der eigentlich eingeplante Alexander Frei, der bei den Amateuren Spielpraxis sammeln sollte, wegen einer neuerlichen Verletzung (Muskelfaserriss) nicht mitmachen. Dafür hatten Akgün (fiebrige Erkältung) und Vrzogic (Knieverletzung) ihre Malaisen auskuriert. Die Innenverteidigung wurde von den Profis Brzenska und Amedick gebildet, auch weil Njambe mit einem Muskelfaserriss pausieren muss. Uwe Hünemeier spielte dafür im 4-1-3-2-System als einziger Sechser. Auf Essener Seite galt das Interesse natürlich dem ehemaligen BVB-Keeper Sören Pirson, der den Zweikampf durch das Pokalspiel gegen Cottbus (dort gewann sein Konkurrent den Essenern das Elfmeterschießen) aber gegen Daniel Masuch verlor.
 
Stadion in rot-weißer Hand
 
Das Westfalenstadion wurde heute für die 4.968 Zuschauer geöffnet und während die Südtribüne nur spärlich gefüllt war (Mögliche Gründe: die Schande gestern oder auch die neue Eintrittskartenregelung bei den Amateuren) war der Unterrang der Nordtribüne annehmbar gefüllt. Gut 3.000 rot-weiße Fans aus Essen machten sich im Sonderzug vom Hauptbahnhof Essen direkt zum Haltepunkt Westfalenstadion auf den Weg, um endlich den ersten Sieg in dieser Saison einzufahren. Im Laufe des Spiels bestimmten die Essener auch ganz klar die Stimmung im Stadion, auch wenn sie mit der Leistung ihres Teams sehr unzufrieden waren und mehrmals "Janßen raus" riefen. Denn nach dem Abstieg letztes Jahr und dem schlechten Saisonauftakt steht besonders der sportliche Leiter, Olaf Janßen, massiv in der Kritik bei den Fans des Traditionsvereins.
 
Noch nie war der Spielbericht einer Halbzeit wohl so kurz. Man sah keinen Unterschied zum Kreisliganiveau, also sowas Langweiliges hat man selten gesehen. Die Spieler kamen wohl nur zum Spiel, weil sie mal sehen wollten, was die Essener Fans so machten, die sich während der ersten 45 Minuten wenigstens selbst feierten. Auch wenn es von Essen nach Dortmund nicht weit ist, hier war jeder Kilometer genau einer zu viel. Beide Teams waren ob der schwachen Starts in die Saison höllisch nervös, keine Mannschaft wollte den ersten, womöglich spielentscheidenden Fehler begehen. Nach genau 29 Minuten gab es den ersten Essener Torschuss. Symptomatisch, dass dieser 15 Meter über das Tor ging.
 
Ordner trainiert für Olympia
 
Doch halt, eine Chance gab es tatsächlich noch. Und zwar spielte der ansonsten blasse Omerbegovic einen langen Ball nach vorne, wo die Essener Innenverteidigung einen schweren Stellungsfehler beging, doch Senesie zu schlafmützig agierte und gerade noch von der Abwehr gestört werden konnte. Die größte Laufleistung vollbrachte in der ersten Hälfte ein ganz wichtiger Ordner, der von den Trainerbänken zur Nordtribüne rannte und dort zwei spielende Balljungen zurechtwies. Meine Empfehlung: Lebenslanges Stadionverbot für diese Nachwuchs-Hooligans... P.S.: Wegen mangelnden Vorkommnissen entfällt das Fazit nach 45 Minuten!
 
Zur zweiten Hälfte wechselte Essen Wagner für Kazior ein, während Heimtrainer Schneider nur taktische Änderungen vornahm. So ließ er ab sofort in einem 4-3-3-System agieren, wobei Hünemeier und Brzenska die Positionen tauschten und "Brenner" nun als einziger Sechser hinter Akgün und Öztekin agierte. Den Sturm bildeten von rechts nach links Omerbegovic, Senesie und Hille. Besonders die ersten 15 Minuten der zweiten Hälfte bewiesen, dass beide Teams wenigstens ansatzweise zurecht in der Regionalliga sind, auch wenn weiterhin König Zufall einen guten Tag hatte. Nachdem RWE-Stürmer Güvenisik in der 48.Minute aus spitzem Winkel noch verzog, hätte er fast 60 Sekunden später für eine kuriose Führung sorgen können. Nach einem Rückpass schoss BVB-Torwart Höttecke den Türken so genau an, dass er den Ball ohne Probleme erneut fangen konnte. Das hätte gefährlich werden können!
 
Minuten des ansprechenden Niveaus
 
Wiederum zwei Minuten später war es Mannschaftskapitän Hünemeier, der nur dank eines guten Reflexes von Masuch am Torerfolg nach Vrzogic-Ecke gehindert wurde. Der Mann, der bereits zwei Eigentore auf dem Konto hat, konnte seine Bilanz also noch nicht wieder aufpolieren. Bei der anschließenden Öztekin-Ecke kam Brzenska nicht genau hinter den Ball, sodass sein lascher Kopfball ohne Probleme auf der Linie geklärt werden konnte. Das Spiel wurde jetzt etwas besser, beiden Teams fiel wohl auf, dass ein Sieg satte zwei Punkte mehr bringen würde. Die größte Chance der Partie vereitelte daraufhin der Ex-Ahlener Höttecke (55.): Nach einer Freistoßflanke kriegt der BVB den Ball nicht raus und Lorenz mit schönem Drehschuss auf elf Metern, der vom Borussen so gerade noch pariert werden konnte.
 
Nach einer Stunde durfte der nach seinem furiosen Auftritt bei der U19-EM verletzte Sebastian Tyrala sein Heimdebüt in dieser Saison geben. Er nahm die rechte Stürmerposition von Omerbegovic ein. Leider bewegte sich die Abwehrmannschaft von RWE nicht auf dem Niveau einer U19-Mannschaft aus Serbien, sodass seine Dribblings und Quirligkeit heute nicht so zum Tragen kamen. Eine weitere Umstellung ergab sich nach 75 Minuten als ein Doppelwechsel Vrzogic und Hille zum Duschen schickte, während Nöthe und Großkreutz mitmachen durften. Akgün rückte auf die Position des Deutsch-Kroaten hinten links, während Großkreutz dessen Position im Mittelfeld übernahm. Hille wurde positionsgetreu durch Nöthe ersetzt.
 
Trostloses 0:0
 
Dieser war es auch, der die letzte Möglichkeit zum Dreier auf der Stiefelspitze hatte, als der bei Alemannia Scharnhorst groß gewordene Öztekin schön in die Gasse spielte, Nöthe aber etwas vom rechten Weg abkam und sich zudem noch unsicher war, ob er noch einmal hätte querlegen sollen. Sein Schuss aus spitzem Winkel war somit kein Problem für den aufmerksamen Masuch. Somit blieb es also beim torlosen 0:0 und die nach Profifußball lechzenden RWE-Fans quittierten die dargebotene Leistung mit einem gellenden Pfeifkonzert und erneuten "Janßen raus"-Rufen. Bei der Verabschiedung des Teams setzten sich jedoch die Fans durch, die eine wenigstens kämpferisch ansprechende Leistung gesehen hatten, sodass man verhaltenen Beifall wahrnehmen konnte.
 
Das Unentschieden geht nach einem schwachen Drittligaspiel insgesamt in Ordnung. Der BVB war heute besonders in der Offensive zu unerfahren, um die sichtlich angeschlagenen Essener bezwingen zu können. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Ricken und Frei nicht verletzt wären. Das 0:0 hilft in der momentan Situationen keinem der beiden Teams entscheidend weiter, beide Mannschaften verharren im unterern Tabellendrittel.
 
Die nächste Aufgabe für den BVB wird fast unlösbar, denn es geht nächsten Samstag zum Mitfavoriten Wuppertal. Weiteres Problem: Die Profis spielen gleichzeitig gegen Cottbus, sodass es wohl keine Abstellungen geben wird. Das nächste Heimspiel findet dann am 1.September, 14 Uhr, gegen Werder Bremen II statt.
  
Stimmen zum Spiel
 
Martin Amedick: Mein Ziel ist es weiterhin, bei den Profis regelmäßig zu spielen. Durch das Spiel heute habe ich sicherlich meine Position gefestigt und bin nun auch bereit zu spielen. Ich will mich jetzt im Training wieder zeigen, so wie ich es auch schon in der Vorbereitung bewiesen habe.
 
Markus Brzenska: Mit meiner ersten Halbzeit war ich sehr zufrieden, wo ich auf meiner angestammten Position spielen durfte. In der zweiten Hälfte war es schwieriger, weil ich auf einer ungewohnten Position spielen musste, die ich so vorher noch nie bekleidet hatte. Ich kam dann aber besser ins Spiel und hoffe, das Spiel genutzt zu haben, um in der nächsten Woche bei den Profis spielen zu können.
 
Heiko Bonan: Wir hatten einige Unruhe im Umfeld des Vereins und ich sagte meinen Spielern nur, dass sie jetzt nicht komplett an sich zweifen sollten. Den jungen, dynamischen-offensiven Spielern des BVB durften wir keine Räume bieten und das ist uns auch über 90 Minuten ganz gut gelungen. Offensiv waren wir noch sehr verunsichert, aber dafür standen wir defensiv sehr ordentlich. Wir müssen jetzt auch erst einmal Schritt für Schritt denken. Ich werde meinen Spielern jetzt klarmachen, dass sie das Fußballspielen nicht verlernt hat und dass es endlich wieder an sich glaubt.
 
Theo Schneider: Es war ein richtungsweisendes Spiel, ob wir nämlich den Anschluss wieder herstellen können oder der Musik direkt hinterherlaufen. Wenn wir den Dreier bei Union Berlin gelandet hätten, wäre ich mit dem Punkt zufrieden gewesen, aber so ist er eigentlich schon wieder zu wenig. Es war sicherlich das schwächste Spiel von uns in den letzten Monaten, obwohl ich wusste, dass Essen sehr tief und kompakt stehen wird. Manche Spieler blieben denn auch unter ihren individuellen Möglichkeiten, wir hatten viele unnötige Ballverluste und Pässe. Wir agierten mir zu vielen langen Bällen und nicht, wie besprochen, über die Flügel, auch wenn Essen natürlich hinten einige erfahrene Spieler hatte, die wenig zuließen. Wir hatten 2,3 Chancen und man kann davon dann auch eine mal nutzen. Ich hoffe, dass wir in Wuppertal an unsere Leistungen der ersten drei Spiele anknüpfen. Heute war ich nicht zufrieden, das Unentschieden geht in Ordnung und wir müssen jetzt nach vorne schauen.
 
 Daten zum Spiel
 
BVB II (4-1-3-2): Höttecke (2,5) - Hillenbrand (3,5), Brzenska (3,5), Amedick (2,5), Vrzogic (5) (75. Großkreutz, - ) - Hünemeier (3,5) - Akgün (4,5), Öztekin (4), Hille (4,5) (75. Nöthe, - ) - Omerbegovic (5) (60. Tyrala, 4,5), Senesie (4,5)
 
RW Essen (4-1-3-2): Masuch - Kotula, Czyszczon, Schäfer, Andersen (77. Erfen) - Lorenz - Klinger (57. Guie-Mien), Gorschlüter, Kiskanc - Kazior (46. Wagner), Güvenisik
 
Tore: Fehlanzeige
 
Zuschauer: 4.978
 
SR: Metzen (Erfstadt-Liblar - Assistenten: Athanassiadis, Assmuth). Note 2,5: Mit klaren Ansagen gegenüber den Akteuren, hätte bei zwei, drei taktischen Fouls vielleicht auch mal eine Gelbe Karte zeigen müssen. Insgesamt souverän.
 
Gelbe Karten: Vrzogic (64., Foulspiel) - Lorenz (49., Foulspiel), Güvenisik (87., Ball wegschlagen)
 
Chancen: 3:2
 
Ecken: 8:3


Geschrieben von Malte