Roman Weidenfeller: Wir sind wie Gladiatoren
In unserer Printausgabe konntet ihr bereits unser Interview mit Roman Weidenfeller in Auszügen nachlesen. Hier ist nun das Gespräch in voller Länge, das auch die Themen Trainerwechsel, Thomas Doll und natürlich Nationalmannschaft umfasst.
schwatzgelb.de: Roman, wie groß ist die Anspannung vor dem restlichen Saisonverlauf?
Weidenfeller: Die Anspannung ist natürlich schon da, keine Frage. Wir sind uns auch bewusst, dass wir momentan keine einfache Situation haben, hier bei Borussia Dortmund. Aber es ist uns auch klar, dass wir genügend Qualität im Kader haben, so dass wir da auch schleunigst wieder rauskommen.
Kannst Du ungefähr sagen, seit wann die Mannschaft innerlich mit dem UEFA-Cup-Platz abgeschlossen hat? War es ein bestimmter Moment, oder kam die Erkenntnis eher stückchenweise?
Ja, das ist natürlich erst nach und nach gekommen, weil wir ja noch lange Zeit das Ziel hatten, und deswegen ist die Saison letztendlich auch so verrutscht, weil wir irgendwo immer noch versucht haben, den UEFA-Cup-Platz zu erreichen. Ich denke, jeder von uns hat den Anspruch, international zu spielen. Es gibt keinen bei uns in der Mannschaft, der mit der jetzigen Situation zufrieden ist.
Ist es für Dich persönlich eher ein Rückschritt, mittlerweile das sechste Jahr hintereinander nicht international zu spielen – gerade auch im Hinblick auf die Nationalelf?
Für mich persönlich ist es natürlich ein Rückschritt, gar keine Frage. Man kann sich natürlich besser auf internationaler Bühne präsentieren und sich für weitere Aufgaben empfehlen. Dementsprechend ist jetzt auch erstmal eine Auswahl beim DFB getroffen worden, die mich natürlich nicht „Hurra“ schreien lässt. Gut, das müssen wir jetzt erstmal zur Seite schieben! Das sind Dinge der Zukunft. Wichtig ist, dass wir jetzt so schnell wie möglich aus dem Abstiegsstrudel rauskommen. Es zählt im Moment nur eins: 24 Stunden am Tag Borussia Dortmund – nichts anderes! Wie sieht es denn überhaupt mit der Nationalmannschaft aus? Du hast eben gesagt, aktuell sei es kein Thema, aber gibt es Kontakte dorthin oder hast du eine „voraussichtliche“ Info bekommen? Nein, es gibt keinen Kontakt, und ich möchte mich jetzt auch nicht allzu viel dazu äußern. Über das Thema Nationalmannschaft bin ich auch nicht hundertprozentig informiert. Ich denke, das kommt, wenn meine Leistung dementsprechend ist. Die war zwar jahrelang sehr konstant, gar keine Frage. Ich habe auch schon öfter mit einer Berufung gerechnet, aber bisher ist da nichts gekommen. Also: Was bleibt mir anderes übrig, als ganz normal weiter zu machen, als meinen Job weiter sehr, sehr ernst zu nehmen, einfach nicht aufzugeben und zu versuchen, mich jeden Tag zu verbessern? Und wie gesagt, primär jetzt erstmal Borussia Dortmund – sozusagen – aus der Scheiße heraus zu holen.
Woran machst du es fest, dass es insgesamt so weit gekommen ist? Es gibt ja einige signifikante Sachen: Dass die Mannschaft teilweise zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten spielt, dass Rückschläge wie in Hannover zum Beispiel die Mannschaft total auseinander brechen lassen usw. Hast Du eine Erklärung dafür? Gut, die erste Erklärung ist unser Verletzungspech, was auch extrem ist. Und was hier schon Jahre lang eingekehrt ist, weil vor jeder Saison zwei, drei Spieler von vorneherein ausfallen, die auch Leistungsträger sind und die einiges zu sagen haben in der Mannschaft. Spieler, die sehr präsent auf dem Platz sind und die dann natürlich weg brechen – ein halbes Jahr lang, ein Vierteljahr lang, je nachdem wie lang die Verletzung jeweils war. Dann ist auch klar, dass Borussia Dortmund nicht aus dem Vollen schöpfen kann. Du hast jetzt in dieser Saison drei Trainer erlebt, die alle sicher unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Kannst Du kurz sagen, was das Prägnanteste an jedem der drei war? Hervorstechende Eigenschaften oder Unterschiede vielleicht? Ich find’s vorneweg eigentlich sehr schade, dass wir drei Trainer verbraucht haben dieses Jahr. Tja… ich denke, das spricht im ersten Moment nicht gerade für die Mannschaft, aber jetzt ist es natürlich so gekommen. Jeder hat da seinen Anteil beigetragen. Und die drei Trainer miteinander zu vergleichen, wäre falsch. Wichtig ist, dass wir nach vorne schauen und dass wir die Sache jetzt so angehen wie es halt nötig ist: Dass wir keinen schönen Fußball spielen, keinen schlechten Fußball spielen, sondern dass wir erstmal so schnell wie möglich die drei Punkte sichern.
Vor ein paar Wochen hat es eine Fanversammlung gegeben, zu der auch Spieler eingeladen worden sind. Alex Frei, Marc Kruska und Nelson Valdez waren da und haben anschließend gesagt, sie hätten einiges zum Nachdenken mitgenommen und wollten es auch in die Mannschaft hineintragen. Inwieweit habt Ihr davon erfahren, und wie wurde das aufgenommen?
Wir wussten, dass Spieler zu der Fanveranstaltung gehen. Die haben uns auch am nächsten Tag informiert, und wir haben in der Mannschaft auch noch mal darüber diskutiert. Es wurde eigentlich ganz gut aufgenommen. Wichtig ist auch gewesen, dass die Spieler nicht niedergemetzelt wurden – sozusagen – dass sie jetzt noch mal einen auf den Deckel bekommen haben, sondern dass ordentlich darüber diskutiert wurde. Das haben die betreffenden Spieler auch sehr gut aufgenommen, und ich denke, die Gespräche waren auch sehr ehrlich und sehr fair. Das war, glaube ich, auch das Entscheidende. Wichtig ist auch, dass die Mannschaft und die Fans immer noch sehr eng zusammen sind. Dass sie nicht auseinander gedriftet sind. Das muss auch weiterhin so sein! Nur so kommen wir aus dieser prekären Situation auch wieder heraus.
Wie erlebst Du speziell als Torwart die Stimmung in unserem Stadion? Du stehst ja 45 Minuten direkt vor der Südtribüne und kriegst das wahrscheinlich von allen Spielern noch am intensivsten mit. Man hat natürlich auch gemerkt, dass beim Spiel gegen Nürnberg ein Ruck durch die Fans gegangen ist. Es war eine super Stimmung im Stadion, und ich muss wirklich sagen: „Hut ab vor den Leuten, dass sie da richtig Gas gegeben haben!“ Gut, zwischendurch war es ja auch nicht immer so, das muss man ja auch ganz ehrlich sagen. Da habt Ihr ja auch selber schon untereinander viel darüber diskutiert. Gerade auch in dieser schwierigen Zeit. Ich kann da auch den Unmut der Zuschauer und von unseren Fans verstehen. Aber es nutzt in unserer schwierigen Phase, wie wir sie vor vier, fünf Wochen durchgemacht haben, nichts, wenn man nach zwanzig Minuten hört „Wir wolln euch kämpfen sehn“. Es steht niemals einer auf dem Platz, der gerne verliert und der nicht alles für den Verein gibt. Das ist das einfachste: Ihr werdet alle schon mal Fußball gespielt oder eine andere Sportart betrieben haben – und es wird keiner auf den Platz oder auf das Feld gehen und sagen: „Hey, ich verlier gern“. Selbst beim Mensch-ärgere-Dich-nicht-Spielen nicht. „Komm, hier haste meine Punkte, hier haste das und das…“ das wird nie einer machen! So sehe ich das eigentlich ähnlich, und es ist natürlich eher bedrückend, wenn Du dann in dem Moment von oben von der Tribüne einen mit bekommst. Es gibt Spieler, denen es vielleicht nicht so viel ausmacht, aber wir haben sehr viel junge Spieler dabei, und die machen sich dann schon sehr, sehr viele Gedanken. Die überlegen sich dann zweimal, ob sie den nächsten Ball annehmen und dann vielleicht noch mal einen Fehler, einen Patzer, machen, oder ob sie ihn nicht einfach nach vorne kloppen, weil sie ja keine Sicherheit mehr haben. Das ist noch einmal gut von Dir zu hören – auch im Rückblick auf das Leverkusen-Spiel Ende der Hinrunde, wo ja viel Häme von den Tribünen kam. Habt Ihr nach dem Spiel intern darüber gesprochen, wie diese Situation zustande kam? Denn dass sie anders war als sonst, werdet Ihr ja sicher mitbekommen haben. Ja, wir haben das mitbekommen. Wir haben auch schon beim Aufwärmen gemerkt, dass eine explosive Stimmung herrschte. Wie gesagt, wir können das absolut verstehen. Wir haben auch keinen Spaß dabei, irgendwo im eigenen Stadion unterzugehen oder zu verlieren oder nur eine Serie zu haben von mehreren Unentschieden. Uns ist auch total bewusst, dass 80.000 Menschen jedes Mal ins Stadion hineinströmen, was wirklich der Wahnsinn ist, und dass wir auch super Anhänger haben, die uns bei Auswärtsspielen immer begleiten und auch in Cottbus oder wo auch immer dabei sind. Aber es bringt in dem Moment nichts, auf die Mannschaft einzuschlagen. In dem Moment waren sehr viel junge Spieler auf dem Platz, die verkraften es einfach nicht. Weil sie einfach noch nicht diese Kraft haben, um zu sagen: „Okay, gut, wir versuchen jetzt trotzdem unseren Job zu machen!“
Das ist wahrscheinlich auch eine Situation, die Du selbst gut kennst… Ja, ich hab das ja persönlich so erlebt und bin das beste Beispiel dafür. Ich bin in den ersten Spielen, nachdem ich dann den zweiten Anlauf versucht habe, komplett von den Zuschauern ausgepfiffen worden. Und ich sage heute immer noch: „Ich bin kein anderer Mensch als am ersten Tag, als ich hier nach Dortmund kam.“ Nur diesmal werde ich anders dargestellt, anders aufgenommen und bin seither „der Weidenfeller“, von dem man plötzlich sagt: „Der spricht vielleicht sehr offene Worte, aber der ist vielleicht gar nicht so verkehrt!“
Was würdet Ihr Euch von den Tribünen wünschen? Was wir uns wünschen, ist, dass wir nach dem Bielefeld-Spiel alle zusammen - Ihr auf der Tribüne, wir auf dem Feld - sagen: „Hey, wir haben die drei Punkte, und wir sind jetzt die nächste Stufe gegangen.“ Nach dem 0:0 zuhause jetzt ein Auswärtssieg – und dann geht’s wieder aufwärts. Das und nichts anderes wünschen wir uns.
Nein, so meine ich das ja auch nicht…
Das ist eben ein schmaler Grat. Verstehst du, was ich meine? Es geht mal. Da kannst Du mal sagen: „Ok, jetzt kommt noch mal. Jetzt gebt noch mal Gas“, aber wenn du dann die nächste Flanke oder den Eckstoß hinters Tor haust, dann will ich mal sehen, was die Leute nebenan schreien.
Schneck: Die Kraft muss von innen kommen.
Das wollte ich auch gerade sagen, es soll ja auch gar keine Show sein. Was nicht da ist, kann man auch nicht zeigen…
Ja, sicher. Auf dem Platz ist alles Emotion. Da ist keiner, der ne Show abzieht. Wir sind halt wie Gladiatoren in einer Arena. Sozusagen sind wir ja alle ein bisschen wie ferngesteuert. Andere Menschen als vielleicht im privaten Leben.
Du bist jetzt schon eine ganze Weile bei uns. Nimmt man da die Kulisse, speziell jetzt im Westfalenstadion, irgendwann als gegeben hin und stumpft ab, oder beschäftigt sie einen immer noch so wie zu Anfang? Nein, das Feuer ist immer noch da. Du hast nirgendwo die Möglichkeit, gerade jetzt in Deutschland, vor so vielen Zuschauern zu spielen. Und wenn du mal Bundesligamagazine liest, spricht jeder andere Bundesligaspieler davon, wo das schönste Stadion ist: „Ja, in Dortmund, da ist die beste Atmosphäre.“
Schneck: Auch Thomas Doll sagte es jetzt erst wieder…
… und ich sehe es genauso. Klar spielst du auch in anderen schönen Stadien. Deutschland ist eines der Länder, wo die schönsten Stadion stehen. Aber Dortmund ist immer noch etwas Besonderes!
Wenn da wirklich alles zusammenhält und wir führen 1:0 und die Post geht immer noch nach vorne ab, dann ist da Stimmung drin, die hast du nirgendwo anders.
Wir haben eben schon kurz das Thema „Körpersprache“ angerissen. Noch einmal dazu: Wenn man Euch Ende der Hinrunde nach der Halbzeit aufs Feld hat kommen sehen - bei den Blauen zum Bespiel oder auch beim Aachen-Spiel, wo es 0:0 stand - dann war das oft mit hängenden Schultern, und es sah so aus, als hättet Ihr selbst nicht mehr den Glauben daran, noch ein Spiel drehen zu können. War das so? Ich würde das nicht bei so vielen Spielen sagen. Klar, beim S******-Spiel, da waren wir alle schon sehr enttäuscht in der Halbzeit, weil wir uns auch mehr ausgerechnet hatten. Weil wir auch davon geträumt hatten, wieder mal eine Situation zu erleben wie vor zwei Jahren und sagen zu können: „Hey, du gewinnst in S******“. Wir wussten, wir hatten nur eine Möglichkeit, die Hinserie irgendwie wieder gut zu machen, nämlich dann, wenn du in S****** was holst. Aber wenn du dann da in der Kabine sitzt und du weißt, es läuft eigentlich alles gegen dich, dann ist es doch nur menschlich, dass du raus kommst und erstmal guckst, was passiert und rennst nicht wie ein Gestörter wieder nach vorne. Wir wissen doch selbst auch, dass die Spiele gegen S****** die wichtigsten Spiele sind. Auch für Euch, für uns genau das Gleiche. Wir wollen selbst auch die Spiele gewinnen, selbst wenn wir vielleicht ein paar S******* Kollegen kennen. Wenn man die trifft, sagen die nichts anderes als wir auch, wir freuen uns wieder auf den vorletzten Spieltag. Asamoah schreibt sogar, „wir wollen zwar das Derby gewinnen, aber wir wollen Dortmund auch weiter in der Klasse drin haben, denn das sind die geilsten Spiele.“ Das wollt ihr vielleicht so nicht direkt hören, aber das ist doch wirklich so. Das sagen die auch zu uns persönlich, wenn wir die irgendwo sehen.
Das Interview führten Ramona Steding und Sascha Roolf
Geschrieben von Ramona/Sascha
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