Die einzige Konstante beim unberechenbaren BVB
Wer kennt es nicht, das Sprichwort, dass besagt, Linksaußen und Torhüter seien extravagant, auffällig und anders? Beispiele gibt es dafür zu Genüge. Auch Roman Weidenfeller, dem Keeper der Borussia werden diese Eigenschaften des Öfteren zugeschrieben. „Ich bin ein Verrückter“, sagt der 26-Jährige auch über sich selbst. Und das stimmt. Niederlagen mag er überhaupt nicht. Wenn er sieht, dass seine Mitspieler nicht alles geben, statt Kampfeswillen und Einsatzbereitschaft Leidenschaftslosigkeit und Unlust verkörpern, wird er zum Tier.Im Sommer 2002 noch mit vielen Vorschusslorbeeren aus der Pfalz gekommen und als Ersatztorhüter verpflichtet, sollte „Weide“ behutsam zum neuen Stammkeeper aufgebaut werden – freilich erst nach Jens Lehmanns Zeit. Mit gerade einmal 6 Bundesligaspielen und ein paar wenigen, dafür aber umso spektakuläreren internationalen Einsätzen im Uefa-Cup für den FCK, meldete er anfangs bewusst noch nicht zu hohe Ansprüche an und hielt sich mit Kampfansagen an seinen Kollegen zurück. Doch schon Ende seiner ersten Saison im Pott stand Weidenfeller – begünstigt durch eine langwierige Verletzung Lehmanns - plötzlich zwischen den Pfosten des BVBs und überzeugte auf Anhieb mit seinen starken Reflexen. Schon damals deutete sich an, dass Weidenfeller mehr als ein Ersatz war. Erste Sticheleien gegen die verletzte Nummer 1 blieben nicht aus, Weidenfeller wollte seinen Platz an der Sonne nicht mehr hergeben. Auch die Dortmunder Vereinsbosse und Trainer Sammer zeigten sich von den starken Vorstellungen des Torhüter-Neulings überzeugt und legten Lehmann folgerichtig auch keine Steine in den Weg, als Arsenal London sich für ihn interessierte. Man sah sich mit dem frisch-frechen Pfälzer gut gerüstet.
So war der „Eisbachtalpanther“ schneller als er bis drei zählen konnte der neue Stammtorhüter eines Klubs, der zu der Zeit nach (zu) hohen Zielen strebte – sowohl national als auch international. Gar nicht schlecht für einen 23- Jährigen. Doch genauso plötzlich wie der Aufstieg vonstatten gegangen war, ging es auch wieder abwärts und der 1, 88 Meter große Weidenfeller fand sich schließlich doch noch mal auf der Bank wieder. Der kriselnden, vom Verletzungspech arg gebeutelten Mannschaft wollte Matthias Sammer durch den weit erfahreneren und zu Saisonbeginn gekommenen Guillaume Warmuz mehr Sicherheit geben. Große Fehlleistungen von Weidenfeller waren dem Wechsel nicht wirklich vorangegangen. Doch davon hatte der Jungprofi nichts, er zählte von jetzt auf gleich nicht mehr zur ersten Elf. Und so hatte sich ein Sprichwort bewahrheitet, was so oft auf Fußballer in diesem Geschäft zutrifft. Denn Weidenfeller war zwar schnell weit nach oben gekommen, hatte sich aber nicht halten können und war in ein tiefes Loch gefallen. Durchschnittliche Leistungen mit nicht allzu vielen Fehlern hatte er zwar geboten, von seiner Form als Lehmann-Ersatz war er aber meilenweit entfernt. Für ihn bei der Borussia wohl die schwerste Krise, denn nach der Degradierung zum Ersatzspieler schaffte es der Youngster nicht, sich zu fangen. Erst nach 25 Spielen ohne Einsatz, also fast einer ganzen Saison, verdrängte er - unter neuem BVB-Coach, einem gewissen Bert van Marwijk - Warmuz und durfte wieder in der Bundesliga mitmischen.
Und das tat er mit viel Klasse. Die Verbannung hatte ihn dazu veranlasst, eine Reihe Extraschichten mit Torwarttrainer Teddy de Beer zu schieben. Als er sich im Oktober 2004 wieder auf dem Platz beweisen durfte, sah der allgemeine Betrachter einen Torhüter mit sensationellen Stärken, die man allerdings schon vorher von ihm kannte. Was aber noch viel wichtiger war: Auch an seinen Schwächen hatte der Pfälzer gearbeitet und so zeigte er nicht nur auf der Linie starke Paraden, sondern agierte auch bombensicher beim Herauslaufen sowie fußballerisch eine ganze Klasse besser. Technische Fehler blieben von da an eine Seltenheit. Auch seine Mitspieler zeigten sich schnell überzeugt, attestierten ihm „sensationelle und souveräne Leistungen“ (Wörns) und auch sein neuer Trainer stand hundertprozentig hinter ihm und stärkte dem Keeper den Rücken, was „Weide“ ganz besonders gut tat. Das in ihn gesetzte Vertrauen zahlte er Woche für Woche mit Glanzleistungen und von ihm gewonnenen Spielen zurück. Ein halbes Jahr später wählten ihn die Leser des „kicker“ im März und im Mai 2005 zum „Spieler des Monats“, etwas besonderes für einen Torhüter, der sich in solch einer Wahl immer auch gegen Mittelfeldzauberer und Knipser durchzusetzen hat.
Über zwei Jahre hütet der ehrgeizige 26-Jährige nun ununterbrochen das Tor der Schwatzgelben. Ihm ist mittlerweile das gelungen, was nur die absoluten Klasseleute – auch ein Oliver Kahn übrigens gehörte vor geraumer Zeit mal dazu und vollbrachte diese Tat - zwischen den Pfosten leisten konnten. Zweimal hintereinander zum notenbesten Torhüter der Bundesligasaison gekürt zu werden („kicker“) ist wahrlich nicht von schlechten Eltern. Doch anstatt abzuheben und lautstark einen Stammplatz im Tor der Nationalelf zu fordern, hat Roman Weidenfeller aus seiner Anfangszeit beim BVB gelernt und lässt lieber Taten folgen. Für ihn sind diese Auszeichnungen allein „eine Bestätigung für gute und konstante Arbeit“. Nicht zu Unrecht forderte eine Mehrzahl der Experten vor der WM letzten Jahres, statt Timo Hildebrand besser Weidenfeller als Nummer 3 mitzunehmen. Auch jetzt noch wird er als Favorit auf die Nachfolge 2008 gehandelt und muss sich in Zukunft gegen Widersacher wie Hildebrand, Enke oder Wiese durchsetzen.
Nicht nur seine Leistungen, sondern eben auch seine Einstellung und seine Beziehung zu den Fans („Ich freue mich, die nächsten Jahre vor diesen fantastischen Fans spielen zu dürfen“) machen ihn im Dortmunder Umfeld zu einem mittlerweile allseits beliebten und bekannten Menschen. Als einer der wenigen verkörpert Weidenfeller im Dortmunder Team ständig gehobene Klasse und Konstanz. Auch in diesem Winter zeichnete sich der Linksfuß trotz sportlicher Krise des Teams mehrmals aus und verdient sich so als einziger der Borussen ein Lob für seine Hinrunden-Leistungen – auch der mehr als schmerzende „Fehler“ in einem Spiel im Dezember gegen ein besser nicht zu erwähnendes Bundesliga-Team ändert nichts daran. Weidenfeller ist und bleibt derjenige, an dem sich jeder andere im BVB-Kader etwas abschauen sollte - gerade was die Einstellung und den Einsatz betrifft.
Geschrieben von Daniel R.
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